Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band
Chapter 7
»Nichtsnutziges Gesindel,« brummte Herr Hamann, in gerechter Entrüstung über die Schlechtigkeit der Welt, erwähnte aber weiter nichts von den zehn Dollarn. Der Agent beobachtete ihn indessen schweigend, während er las, und trommelte dabei auf dem Hut den er zwischen den Knieen hielt, einen Marsch.
»Hier ist noch ein Posten, der nicht hierher gehört.«
»Und? -- «
»Die Oldenburger -- ich bitte Sie um Gottes Willen, was schaffen Sie mir für Volk in's Haus. Drei Wochen füttere ich jetzt die ganze Gesellschaft, und habe ihnen heute Morgen, weil _gar_ nichts aus ihnen herauszukriegen ist, gekündigt -- wie kann ich Ihnen demnach zwei Dollar für den Kopf zahlen?«
»Sie haben recht, das wäre unbillig,« sagte Herr Messerschmidt freundlich -- »wir wollen es dann lieber so machen -- ich zahle Ihnen den »Boarding« für die Leute, ziehe aber, was sie indessen an Arbeit im Hause geleistet haben, ab, und bekomme dann ihr Gepäck so lange überliefert.«
Herr Hamann sah mit einem nichts weniger als freundlichen Blick nach ihm hinüber, faltete aber das Papier zusammen, hielt es ein paar Secunden wie nachdenkend in der Hand und sagte dann kopfschüttelnd:
»Das würde eine Masse Umstände und Rechnereien machen -- da, gehen Sie an den Pult und schreiben Sie mir Ihre Quittung, ich hole Ihnen indessen das Geld.«
»Alter Gauner,« murmelte Herr Messerschmidt, dem Wirth aber unhörbar, freundlich zwischen den Zähnen durch, und ging mit einer höflichen Verbeugung zu dem Stehpult, dem Verlangen Folge zu leisten. Wenige Minuten später war dieß Geschäft zwischen den beiden Männern abgemacht. Wie Herr Messerschmidt das Geld gerade nachgezählt, die einzelnen Banknoten sehr genau betrachtet, und dann in sein Taschenbuch gelegt hatte, klopfte es wieder an die Thür, und auf das mürrische »Herein« des Hausherrn, drückte sich, ängstlich und verlegen, seinen Hut dabei unter den Arm quetschend, der eine der Oldenburger in's Zimmer und blieb an der Thüre stehn.
»Nun, was soll's,« sagte Herr Hamann, während Herr Messerschmidt aufstehend an das Fenster ging und hinaus auf die Straße sah.
»Herr Wirth,« sagte der Oldenburger mit bittendem Ausdruck in der Stimme, »Ihr Ausschenker hat uns vorhin gesagt, daß Sie uns nicht länger in Kost behalten wollen.«
»Füttern wollen, meint Ihr wohl?« sagte Herr Hamann, »wie komme ich dazu, ganze Schiffsladungen voll Menschen zu ernähren, ohne daß ich einen Pfennig Bezahlung bekäme?«
»Wir wollen ja gern gehn,« sagte der Mann, »und Ihnen später Alles auf Heller und Pfennig bezahlen, aber er will uns unsere Koffer nicht mitgeben.«
»Auch noch, nicht wahr? -- erst hier Gott weiß wie lange mit den ganzen Familien zehren, und dann auch noch mit Sack und Pack abziehen -- dumm seid Ihr nicht, das muß wahr sein, und blöde auch nicht.«
»Wir wollen Ihnen ja gern den Werth der gehabten Kost in Sachen zurücklassen, wenn wir nur das Übrige mit fortnehmen dürfen. Wir können doch nicht _so_ in die Welt hineinziehn?«
»Das geht mich Nichts an,« entgegnete aber mürrisch der Wirth, -- »ich habe hier keinen Handel mit alten Kleidern, sondern ein Gasthaus, in dem ich für jedes Pfund Fleisch, was ich haben will, baar mit meinem Gelde zahlen muß -- «
»Aber was sind wir Ihnen denn eigentlich schuldig?« frug der Mann, »der Ausschenker hat uns eine Rechnung gegeben, auf der eine Menge Gläser Getränke stehn, von denen wir Nichts wissen, aber nicht einen Pfennig für die Arbeit abgerechnet, die wir in der Zeit für Sie gethan, und die Frauen haben doch Woche ein Woche aus gewaschen und wir selber all ihr Holz gespalten und gesägt, Ihren Mist gefahren, Ihre Kartoffeln ausgemacht im Feld, und hereingeschafft.«
»Die Arbeitstage sind Euch nicht mit aufgeschrieben,« sagte Herr Hamann.
»Nein, das ist wahr, aber auch Nichts dafür zu Gute, lieber Gott, wir haben uns unsere Kleider dabei herunter gerissen und tüchtig zugegriffen, das wissen Sie selber am Besten.«
»Mein Essen war auch nicht schlecht, und bei den theueren Zeiten könnt' ich's vor meinen Kindern nicht verantworten, wenn ich andere Leute umsonst fütterte; warum sucht Ihr Euch keine feste Arbeit.«
»Lieber, guter Gott,« sagte der Mann, »da der Herr, der da am Fenster steht, kann Ihnen darauf die beste Antwort geben; hat er uns nicht von Woche zu Woche hingehalten und immer und immer versprochen, und immer Nichts gebracht?«
»Na ja, nun macht _mir_ auch noch Vorwürfe, daß ich mir Euretwegen die Schuhsohlen abgelaufen, ohne einen rothen Dreier dafür zu haben,« rief Herr Messerschmidt, sich rasch und ärgerlich nach dem Manne umdrehend, »kann _ich_ die Leute _zwingen_, Euch Arbeit zu geben, oder habe ich mich überhaupt dazu verpflichtet?«
»Nichts für ungut,« bat der arme Teufel kleinlaut, »es war ja gar nicht so bös gemeint, und ich habe es nur erwähnt, um dem Herrn da zu beweisen, daß wir ja Alles thun wollten, was eben nur in unseren Kräften stand.«
»Gut, ich will Euch was sagen,« rief Herr Hamann nach einer kleinen Pause, in der er wie überlegend vor sich niedergesehen, »da es Euch doch zu viel Schererei machen würde die Frauen mitzunehmen, wenn Ihr Arbeit suchen geht, so mögen die beiden Frauen mit den beiden Kindern hier bei mir im Hause bleiben, und für ihre Kost die Wäsche besorgen, bis Ihr wieder kommt. Seid Ihr das zufrieden?«
»Aber würden Sie ihnen denn da nicht wenigstens einen kleinen, nur ganz geringen Lohn aussetzen?« bat der Mann, »damit wir -- «
»Nun ja, reicht dem Volk einen Finger und sie greifen nach der ganzen Hand,« rief Herr Hamann sich entrüstet gegen den Agenten wendend -- »geht zum Teufel mit Eurer ganzen Sippschaft, ich will meinem Gott danken, wenn ich Euch Alle los bin.«
»Aber, so war es ja gar nicht gemeint,« sagte der Mann schüchtern, »wir sehen ja ein daß sie Noth und Mühe genug mit uns gehabt haben, und die Frauen nur aus Gefälligkeit hier so lange im Hause lassen wollen -- nichts für ungut, und wir Anderen wollen dann unser Mögliches thun, und finden wir nur Arbeit, gewiß unsere Schuld bald abtragen. Etwas Wäsche dürfen wir uns doch aus unseren Koffern nehmen, nicht wahr Herr Hamann.«
»Ja, meinetwegen, der Barkeeper soll Euch das nachher herausgeben; jetzt macht aber, daß Ihr fortkommt, ich habe mehr zu thun, und wenn der Barkeeper Zeit hat, soll er einmal einen Augenblick heraufkommen.«
Der arme Teufel von Bauer dankte dem Mann auf das Herzlichste, und würde ihm gern die Hand zum Abschied in aller Freundschaft gereicht haben, wenn er sich's eben getraut hätte. So verbeugte er sich nur gegen die beiden Männer, die seiner gar nicht achteten, und zog die Thür hinter sich in's Schloß, die aber gleich darauf wieder, und zwar rascher als vorher, aufflog.
Unwillig sah Herr Hamann dorthin, eine nochmalige Störung des Bauern mit Entrüstung zurückzuweisen, als er in das rothe, halb spöttische, halb kecke Gesicht Eines seiner Irischen Boarders schaute, der ihm ganz respektswidrig vertraulich zunickte, die Thür hinter sich zumachte und dann auf Herrn Hamann zuging.
»Nun, was soll's, Patrick? -- was habt Ihr hier oben zu suchen?« rief ihm der Wirth, mit der Nähe des stets halbtrunkenen Burschen eben nicht recht zufrieden, mürrisch entgegen, -- »weshalb hat Euch der Barkeeper hier heraufgelassen?«
»Konnt's eben nicht verhindern, mein Herzchen,« sagte Patrick lachend, »denn wie er mir in den Weg treten wollte, legte ich ihn ganz sanft -- ich habe dem süßen Burschen nicht ein Bischen weh gethan, -- unter den Schenktisch.«
»Was wollt Ihr denn da von _mir_?« rief Herr Hamann bestürzt aus -- »was habt Ihr vor, daß Ihr mit Gewalt hier zu mir heraufbrecht, und meine Leute mishandelt.«
»Frieden, bei Jäsus mein Herzchen,« beschwichtigte ihn aber der rauflustige Ire, »Nichts _honey_, wie eine kleine Abrechnung zwischen uns Beiden, von denen Jeder glaubt, daß der Andere in seiner Schuld ist.«
»Ich in Deiner Schuld Patrick?« rief aber Herr Hamann rasch erstaunt aus -- »wohl deshalb, weil Du beinah drei Wochen bei mir gegessen und getrunken hast?«
»An der _bar_ ist jeder Schluck bei Cent und halbem Cent bezahlt,« betheuerte der Ire.
»Aber das Essen, wer hat das berichtet?«
»Hab ich Euch nicht den Graben um den Hof gezogen?«
»Den Graben,« rief Herr Hamann verächtlich, »Du hast Dich drei volle Tage, das heißt die Stunden abgerechnet, die Du dabei im Schenkzimmer gesessen mit dem kleinen Graben -- «
»Über Mittag, Herzchen.«
»Nun ja, das wollen wir nicht untersuchen -- drei volle Tage mit dem kleinen Graben herumgeschlagen, den ein tüchtiger Arbeiter in _einem_ Tage beendigen würde. Doch bin ich auch Willens Dir selbst _das_ zu vergüten.«
»Nun ja, _honey_, da sind wir ja schon in Ordnung,« lachte der Ire, »Dein Holzkopf von Barkeeper hätte mir mein Bündel gleich herausgeben und sich selber eine Unannehmlichkeit ersparen können.«
»Wenn Du den Rest herauszahlst.«
»Welchen Rest -- «
»Der mir noch zu Gute kommt -- «
»Verdammt der Cent, den Ihr da noch kriegt,« lachte der Ire -- »drei Tage Arbeit pr. Tag zwei Dollar, sind sechs Dollar.«
»Drei Tage und zwei Dollar den Tag? -- Ihr seid verrückt.«
»_Never mind_,[10] immer noch genug bei Verstand meinen eigenen Vortheil wahrzunehmen,« spottete der Ire -- »macht also sechs Dollar, zwei eine halbe Woche für drei Dollar geboardet, bleiben anderthalb Dollar Rest, die ich dem Fischkopf von Barkeeper unten auf den Schenktisch gezählt habe, und die der Töffel nicht nehmen wollte. Natürlich steckt' ich sie wieder ein, und nun kann er sehn, wie er sie zum zweiten Mal aus Patricks Tasche kriegt.«
»Ihr könnt Euere Sachen nicht eher bekommen bis Ihr Euere Rechnung bezahlt habt,« mischte sich in diesem Augenblick Herr Messerschmidt in's Gespräch, wünschte aber auch gleich darauf gar Nichts gesagt zu haben, denn der Ire, durch den Streit unten und ein paar Gläser Whiskey erhitzt, fuhr jetzt dermaßen gegen ihn an, und drohte ihm bei der geringsten Sylbe, die _er_, den die Sache auf der Welt Nichts anginge, wieder hineinwürfe, mit einer so ungemessenen Anzahl Hiebe, daß sich der feige Bursche schon langsam nach der Thüre zurückziehn wollte. Doch auch hieran wurde er von dem aufmerksamen Iren verhindert, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Agent würde dann unten vielleicht Lärm machen und einen Constabler herbeiholen; den beiden Männern aber dabei erklärte, daß er ihnen alles was im Zimmer stände kurz und klein schlagen und ihre eigenen beiden erbärmlichen Cadaver noch dazu vor sich her die Treppe hinuntertreten wolle, wenn ihm nicht augenblicklich sein Bündel Wäsche ausgeliefert würde.
Hamann und Messerschmidt, obgleich der letztere von derber, untersetzter Statur war, getrauten sich nicht den Burschen zum Ärgsten zu treiben und Hamann besonders sagte schnell und höflich:
»Aber so machen Sie doch nur nicht solch einen Lärm, bester Herr Patrick -- wenn Sie Ihre Arbeit für so viel werth halten, habe ich auch nicht das Mindeste dagegen -- lassen Sie sich nur unten Ihr Bündel geben.«
»Natürlich,« sagte Patrick, der seinen Vortheil rasch übersah, lachend, »Alles in Ordnung Mr. Hamann -- geht wie geschmiert, bitte dann nur um die Quittung für bezahlte Kost.«
Hamann wollte sich noch weigern etwas Schriftliches zu geben, er sah aber auch bald daß er den Burschen nicht anders los würde, und schrieb ihm rasch ein paar Zeilen für den _barkeeper_ auf.
»Danke Sir,« sagte der Ire, das Geschriebene durchbuchstabirend und dann in die Westentasche drückend -- »jetzt ist's aber an mir zu traktiren -- wollen Sie nicht mit hinunter gehn und eins mit mir trinken?«
»Sie haben doch jetzt Alles was Sie wollen?« sagte Herr Hamann, nun auch endlich ungeduldig werdend.
»Haha, nichts für ungut,« rief aber der Ire, »wenn ein Gentleman den andern traktiren will, ist das eine Höflichkeit und muß auch als solche betrachtet werden; aber _never mind_ -- wenn Sie nicht wollen, so viel besser, und nun _good bye_ Gentlemen.« Und die Hände in die Tasche schiebend, während er sich eine seiner Irischen Jigs pfiff, verließ Patrick, mit vollem Grund höchst zufrieden über seinen Erfolg, das Zimmer, und eine Viertelstunde später, mit seinem Bündel unter dem Arm auch das Haus, in dem er sich fast drei Wochen Kost und Logis durch ein paar Tage leichte Arbeit ertrotzt hatte.
»Sie sollten einen Constabler rufen und den Burschen arretiren lassen,« sagte Herr Messerschmidt ärgerlich, wie der Ire das Zimmer verlassen hatte.
»Daß mir die Schufte nachher das Haus oder den Schenkstand demoliren,« knurrte Herr Hamann, »nein der Lump mag laufen, fällt mir vielleicht einmal wieder auf andere Art unter die Hände, aber eine Warnung soll mir's für die Zukunft sein, keine Iren wieder in mein Haus zu nehmen -- es ist trunknes, rauflustiges, betrügerisches Volk; da lob' ich mir die Deutschen, die nehmen Vernunft an, und haben vor der Polizei Respekt. Aber lieber Gott, mir ist der Ärger ordentlich in die Glieder geschlagen, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, Herr Messerschmidt, wenn Sie mir durch einen der Leute unten ein Glas Wein heraufschickten.«
»Mit Vergnügen,« sagte Herr Messerschmidt, seinen Hut aufgreifend und im Begriff das Zimmer zu verlassen -- »apropos Herr Hamann -- die Aktien, die Sie im vorigen Jahr gekauft haben, sind ja in den letzten Wochen fabelhaft gestiegen -- Sie müssen ein rasendes Geld daran verdient haben.«
»Wenn ich sie hätte behalten können,« entgegnete mürrisch der Wirth, »glauben Sie ich verdiene hier Capitalien zum Hinlegen? -- Gott sei's geklagt, meine deutschen Landsleute, mit den Verlusten die ich allein an Auslagen für Proviant und Getränke habe, machen mich, wenn ich noch länger das Geschäft fortsetze, zum Bettler, und bin mehr als je gesonnen, mich ganz zurückzuziehn und es meinem Sohn zu übergeben, dem ewigen Ärger und Skandal zu entgehn. Wäre mit dem thörichten Gesellen nur ein vernünftiges Wort zu reden -- bitte den Wein, lieber Herr Messerschmidt.«
»Guten Morgen Herr Hamann.«
»Guten Morgen Herr Messerschmidt« -- und der Alte ging mit auf den Rücken gekreuzten Händen und fest und ärgerlich zusammengezogenen Brauen wieder in seinem Zimmer auf und ab, bis der Barkeeper, einen kleinen Präsentirteller in der Hand, auf dem eine Karaffe Rothwein und ein Wasserglas stand, herein kam und dieses auf den Tisch setzte. Hamann sah ihn an, nickte ihm zu daß es gut sei, und setzte seinen Marsch im Zimmer fort, während Jimmy jedoch auf seiner Stelle stehen blieb, und -- einer leidigen Gewohnheit nach, einen seiner Finger nach dem anderen abknackte, daß es klang als ob er sich die Glieder vom Leibe bräche.
»Nun was giebt's noch?« sagte Herr Hamann, mürrisch vor ihm stehen bleibend -- »was wollen Sie?«
»Verdammt feines Mädchen unten, _Sür_,« sagte Jimmy, zog die Augenbrauen in die Höhe, und streckte, die Schultern zurückpressend, den Kopf so weit nach vorn, als er nur möglicher Weise konnte.
»Verdammt feines Mädchen?« sagte Herr Hamann erstaunt, »was zum Teufel schiert denn das _mich_? -- sind Sie betrunken?«
Jimmy behielt seine Stellung bei, zog aber den Mund, wie in freundlicher Anerkennung des huldreichen Scherzes, von einem Ohr bis zum andern, ohne übrigens auch nur eine Sylbe weiter zu erwiedern.
»Nun zum Wetter noch einmal, was wollen Sie denn von mir? stehn da und ziehen das Maul breit, als ob Sie eine Schlehe verschluckt hätten; glauben Sie daß ich Zeit habe Ihren Albernheiten zu folgen?«
Wie man, mit einem einzigen Ruck einen Tabacksbeutel zusammen und in zahllose Falten legen kann, so zuckte das Gesicht des eben noch so freundlichen Mannes nach dem Mittelpunkt der zu einer Spitze vorgeschobenen Lippen, von denen sich die Augenbrauen wo möglich noch weiter entfernten, und eine halbe Minute vielleicht in dieser Stellung bleibend sagte er ruhig:
»Setzt Jemand irgend etwas in irgend eine Zeitung, wenn Jemand von irgend etwas nachher nichts wissen will?«
Herr Hamann wollte noch heftiger darauf erwiedern, als ihm plötzlich einfiel daß er allerdings eine Annonce hatte in das deutsche Blatt einrücken lassen, wonach er ein junges deutsches Mädchen suchte, die Aufwartung bei Tisch, das Einschenken des Kaffee und Thee, und die Überwachung seines Geschirrs und seiner Wäsche zu übernehmen. Jimmy aber, als er merkte daß sein Principal jetzt wußte was er wollte, begann wieder seine Fingergelenke zu revidiren und überzuknacken, als ob er sich von der Brauchbarkeit derselben zu überzeugen wünsche.
»Sie bringen Einen noch zur Verzweiflung, mit Ihrem verfluchten Gesichter schneiden und Finger brechen« sagte Herr Hamann aber ungeduldig -- »können Sie das nicht gleich, und gerad' heraussagen?«
»Verdammt feines Mädchen unten, _Sür_!« begann Jimmy wieder, genau wie im Anfang! seine Rede, den Principal vielleicht zu überzeugen daß er eben gar nichts anderes gleich gesagt habe.
»Wird wieder so ein Rüpel mit Holzschuhen sein, wie sich schon ein Dutzend gemeldet hat,« brummte der Alte.
»Venus!« sagte Jimmy, und drohte sich wirklich seine Finger zu verrenken.
»Esel -- hätte ich bald gesagt« zischte Herr Hamann zwischen den Zähnen durch und setzte dann lauter hinzu -- »und warum schicken Sie mir sie nicht herauf?«
Jimmy hielt darauf eine Antwort für unnöthig, und verschwand blitzschnell durch die noch offene Thür, wenige Minuten später mit der Angemeldeten zurückzukommen, die er aber, da in diesem Augenblick unten nach ihm gerufen wurde, allein oben mit seinem Herrn zurücklassen mußte. Aber, schon in der Thür, drehte er sich noch einmal nach dem jungen, in seiner dunklen einfachen Tracht wirklich bildhübschen Mädchen um, starrte ihr vielleicht eine halbe Minute lang stier in die Augen, und war dann in wenigen Sätzen die Treppe hinunter.
Vor Herrn Hamann indessen, mit, von der Erregung des Augenblicks, der vielleicht über ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, etwas gebleichten Wangen, stand Hedwig Loßenwerder, und sagte mit noch ein wenig zitternder aber bald wieder fest werdender Stimme:
»Sie haben, mein Herr, eine Wirthschafterin für Ihr Hauswesen gesucht, und ich bin gekommen mich Ihnen dafür anzubieten.«
»Hm« sagte Herr Hamann dicht vor dem jungen Mädchen stehen bleibend, und sie so, fest und aufmerksam von Kopf bis zu Füßen betrachtend, daß dem armen Kinde das Blut in Stirn und Schläfe stieg, und es verlegen den Blick zu Boden senkte -- »hm -- nicht übel, aber -- Sie sind zu jung mein Kind -- «
»Ich habe in ähnlicher Weise schon drei Jahre in Dienst gestanden« sagte sie leise.
»_Drei_ Jahre? und wie alt sind Sie jetzt?«
»Ich werde im nächsten Monat sechzehn Jahr.«
Hamann schüttelte mit dem Kopf und setzte, die Fremde dabei dann und wann von der Seite ansehend, seine Wanderung im Zimmer wieder fort, während Hedwig indessen still und regungslos stehen blieb, eine entscheidende Antwort des Mannes zu erwarten.
Die letzten Wochen hatten eine große Veränderung in Hedwigs ganzem Äußeren hervorgerufen, und das ängstlich schüchterne, fast kindliche Mädchen, das sie noch an Bord gewesen, war zur ernsten, selbstständigen, selbsthandelnden Jungfrau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere Stunden waren es aber gewesen, die das bewirkt, schwere, herbe Stunden, in denen die selber so unglückliche Clara ihr Alles vertraut, was das eigene Herz bedrückte, von dem ersten Verdacht des Diebstahls an, bis zu dem Augenblick wo sie die Gewißheit in Mark und Seele traf, daß der eigene Gatte der Verbrecher sei, und weit schlimmer und entsetzlicher als ein bloßer feiger Dieb, nicht allein den treuen schuldlosen Diener ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glück und Leben kalt und meuchlerisch gemordet habe.
Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Brust gewichen, doch von anderen, mächtigeren Gefühlen die sie früher nie gekannt, abgestumpft, ja fast verdrängt -- von einem Gefühle der Bitterkeit gegen die Menschen, die einen armen Unglücklichen kalt und theilnahmlos verderben ließen, ohne sich viel um seine Schuld oder Unschuld zu kümmern, und dem Gemordeten kaum ein einsam verachtetes Plätzchen an der Kirchhofsmauer gönnten; von einem Gefühle des Hasses gegen den Mörder selbst, der frei und ledig, in Glück und Reichthum -- der Beute seines Verbrechens -- unter Gottes Sonne wandelte. Nur an Clara hing sie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes, weiches Herz fähig war, nur in Clara sah sie die Leidensschwester -- nicht mehr die Gebieterin -- die mit ihr, noch stärker fast getroffen und geschlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle Ahnung, der sie nicht Ausdruck, Form zu geben wußte, auf ihrer Seele, daß der Verstorbene in größerem Schmerz und Weh dahin geschieden, auch von _ihr_ verkannt zu sein.
»Und Sie glauben daß Sie der Sache vorstehen könnten?« -- sagte Hamann endlich, wieder vor ihr stehen bleibend und ihr scharf und forschend in's Auge schauend. --
»Ich glaube es« sagte Hedwig, dem Blick fest begegnend.
»Haben Sie Zeugnisse?«
»Ja -- hier.«
Der Wirth überlas die Papiere und gab sie ihr zurück.
»Ja, das klingt Alles recht schön« sagte er, »aber ist weit von hier, und irgend ein Thorschreiber oder Bäcker kann das eben so gut geschrieben haben, aber« -- setzte er rasch hinzu, als er sah daß sich die Wangen des jungen Mädchens unter dem halben Verdacht tiefer färbten, und sich ihre Gestalt höher emporrichtete -- »aber das kann und wird auch wohl Alles in Ordnung sein, nur darauf gehn können wir hier nicht, und müssen selber sehn und prüfen. Sind Sie das zufrieden?«
»Ich will eine Woche auf Probe meinen Dienst antreten« sagte Hedwig, »wenn Ihnen das genügt.«
»Das wäre gut« sagte Herr Hamann, leise mit dem Kopfe nickend -- »und wie viel Lohn verlangen Sie?«
»Keinen.«
»Ich meine nicht für die Probewoche, sondern überhaupt.«
»Keinen« sagte die Jungfrau fest und entschieden.
»Keinen Lohn?« rief Herr Hamann, überrascht zu ihr aufschauend -- »und was sonst dafür? denn um gar Nichts kann ich mir doch nicht gut denken daß Sie arbeiten wollen?«
»Nein« sagte Hedwig mit leiserer Stimme als vorher -- »ich verlange vielleicht mehr dafür, als Sie gesonnen sind mir zu bewilligen, könnte aber auch nur unter der Bedingung die Stelle, die ich gewiß zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen würde, annehmen.«
»Und das wäre?«
»Ich habe eine kranke Schwester in der Stadt« sagte Hedwig -- »das wenige was wir mitgebracht ist bald verzehrt, und ich suche deshalb einen Dienst, uns Beide zu erhalten, bis meine Schwester wieder zu Kräften gekommen ist. Alles was ich bis dahin für meine Arbeit verlange ist, daß sie mein Zimmer mit mir bewohnen, mein Lager mit mir theilen darf, und die wenige Nahrung erhält die ihr Körper verträgt.«
»Eine Kranke in's Haus nehmen?« sagte Herr Hamann, kopfschüttelnd, »nein Mamsell, das ist eine misliche Sache, davon hat man nur Schererei und Kosten, und darauf kann ich mich nicht einlassen.«
»Sie ist nicht mehr _krank_« sagte Hedwig rasch, »nur noch schwach und erschöpft von schwerem doch _überstandenen_ Leiden. Nur Ruhe bedarf sie, keiner Pflege mehr; auch verlange ich nicht daß sie mit an der Wirthstafel ißt; das Wenige was sie braucht würd' ich ihr selber bringen.«
»Wie heißen Sie?« frug Herr Hamann.
»Hedwig. -- «
»Und Ihre Schwester?«
»Clara.«
»Mit Zunamen?«
»Loßenwerder« sagte Hedwig, und wie sie den Namen aussprach färbten sich ihr Stirn und Schläfe dunkelroth.
»Clara Loßenwerder?« wiederholte Hamann.
»Ich heiße _Hedwig_!« sagte das junge Mädchen, und eine eigene, ihr selbst unerklärliche Angst schoß ihr bei der Verbindung jener beiden Namen durch das Herz.