Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band

Chapter 6

Chapter 63,755 wordsPublic domain

Sidonie hatte indessen der Schwester Hülfe für heute, da sie ja noch nicht bescheid wisse in Haus und Wirthschaft, lächelnd abgelehnt, und Kaffee gemahlen und von dem frischen Fleisch in die Pfanne geschnitten, so daß bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret, Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tische dampfte. Nur mit Sitzen, wie mit Geschirr und Messer und Gabeln sah es ärmlich aus. Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehörigen Messer, Olnitzki nahm seinen Genickfänger, mit einer einzinkigen Gabel, das Fleisch, das er schneiden wollte, damit zu halten, und Sidonie benutzte ein ausgeschnittenes Stück Rohr, das allem Anschein nach schon lange diesen Dienst verrichtet, abwechselnd des Gatten Messer dabei gebrauchend. Auch für den Kaffee bekam die Schwester eine der freilich henkellosen Tassen aus der alten Zeit, und wenn die Untertasse auch nicht dazu paßte, trank es sich doch besser daraus wie aus den Blechbechern, die von Olnitzki und seiner Frau benutzt wurden. Aber ein eigenes unheimliches Gefühl bemächtigte sich der Schwester, als sie den breiten Goldrand des zerbrochenen Geschirrs neben der blechernen Schüssel stehen sah, und dann der Zeit gedachte wo sie selber diese Tasse einst der jungen hoffnungsseligen _Braut_ geschenkt.

Das Gespräch bei Tisch war ziemlich einsylbig, und Sidonie selber konnte kaum fünf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, so nahm das kranke Kind sie noch in Anspruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, daß sie so viel Gepäck mit in den Wald gebracht, wo sie so wenig brauchten, und war dann selber neugierig zu sehen was die Kisten enthielten, als ihm die Schwägerin sagte daß das Meiste darin nur für ihn und seine Frau, wie für sein todtes kleines Kind bestimmt gewesen, dessen Hinscheiden sie nicht einmal erfahren.

Einige Schwierigkeit hatte es für ihn, als das Essen beendet und das Kind in Schlaf gebracht worden, die Kisten mit seinen verwundeten Armen zu öffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie suchte jetzt im Auspacken die Schwester -- ja sich selber zu zerstreuen, denn Manches hatte sie mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber, lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande sich in solchen Verhältnissen zu denken, als sie dieselben jetzt gefunden, und wunderlich nahmen sich die prachtvollen Stickereien von Cigarrentasche und Lesepult, Briefmappe und Taschenbuch, die Spitzenhauben und Glacéhandschuh, das kleine reizende Dejeuner vom feinsten gemalten Porcellan, das auf seinen Kannen und Tassen Landschaftsscenen aus Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen gestickten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geschmackvoll und elegant gewählten Sachen in der ärmlich wilden Hütte aus, die ihr graues Bretdach über sie spannte.

Sidonie saß mit gefalteten Händen still daneben, und wagte kaum die Gegenstände zu berühren, während sie Olnitzki langsam eins nach dem anderen in die Hand nahm, lächelnd herüber und hinüber drehte, und dann auf den, zu dem Zweck abgeräumten Tisch hinstellte.

»Hahahaha,« brach er endlich in einem wilden, unnatürlichen Humor heraus, »wie die Burschen, unsere ungeschlachten Nachbarn schauen sollen, wenn sie die wunderlichen »_fixins_« zum ersten Male sehn, wie sie staunen und sich den Kopf zerbrechen werden, zu was dieß und das, und jenes da bestimmt ist -- hab' ich's doch selber fast vergessen« -- setzte er leise, und unheimlich dabei lachend hinzu. -- »Und wie prächtig das Dejeuner zu dem alten Blechtopf paßt, und die Glacéhandschuh hier zu _den_ Fäusten; Schwägerin, Schwägerin, ich fürchte Sie haben da viel Geld nutzlos verschwendet, und uns nur Illustrationen zu dem Bilde mitgebracht, wie Sie sich, trotz allen unseren Schilderungen vom Gegentheil, unser Wald- und Jägerleben hier eigentlich ausgemalt. Es fehlte jetzt nur noch ein Kronleuchter -- erinnerst Du Dich noch, Sidonie, wie so ein Ding aussieht? -- unseren _Salon_ würdig zu schmücken.«

»Aber Sie wollen doch nicht immer ein solches Leben fortführen, Olnitzki?« sagte Amalie mit vor Angst und innerer Aufregung fast erstickter Stimme -- »wenn auch _Ihr_ kräftiger Körper solche Entbehrungen leicht erträgt, sehen Sie dagegen wie die Schwester hingewelkt -- denken Sie sich das junge lebenslustige glückliche Weib, das sie aus ihrer Eltern Haus mit sich hineinnahmen in die Welt, und sehen Sie _jetzt_ die arme Gattin an.«

»_Arme_ Gattin?« wiederholte Olnitzki, finster die Stirn runzelnd, »das Weib soll dem Mann folgen in Glück und Leid, und wo sie _zusammen_ tragen, hat sich, meiner Meinung nach, kein Theil zu beklagen.«

»Aber Sidonie -- « wollte Amalie erwiedern, doch ein ängstlich flehender Blick der Frau hielt das Wort auf ihre Lippen gebannt und Olnitzki, eine mit den Farben seines Vaterlands gestickte Cigarrentasche in der Hand, saß lange in dumpfem Brüten darauf niederstarrend. -- Aber der böse Geist wich von ihm; tief aufseufzend strich er sich mit der Hand die Falten von der Stirn und die Tasche auf den Tisch, zu den übrigen Sachen legend, sagte er mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen:

»Nichts für ungut, Schwägerin, die verdammten Risse, die mir der Bär heute versetzt, brennen mich, morgen ist das vorüber -- herzlichen Dank für alles das was Sie uns so weit herüber gebracht; es war ja so gut gemeint, und wird Sidonie viele Freude machen; sie hängt doch wohl noch ein wenig an den alten Geschichten. Bereite der Schwester dann ihr Lager auf meinem Bett, Dony, ich lege mich hier zum Kamin -- keine Umstände Schwägerin,« setzte er lachend hinzu, als er sah daß sie dagegen protestiren wollte, »Sie kommen um Nichts besser weg, denn es ist hart genug, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich auf meinem alten Bärenfell hier dicht am Feuer nicht am Ende noch weicher und wärmer liegen werde, wie Sie da drüben. Jetzt aber gute Nacht, mir fängt der Kopf so wieder an zu schwindeln, und ich muß morgen früh hinaus, den Bär zum Haus zu holen, der noch draußen, eben nur aufgebrochen, im Walde liegt. So mein Kind --das thuts -- das ist gut genug,« sagte er zur Frau, die ihm das Fell indeß vor das Camin gezogen und ein Kopfkissen mit einer wollenen Decke darauf gelegt hatte -- »das ist gut genug, nun laßt mich schlafen, und morgen früh, soll uns die Schwägerin recht viel von zu Haus -- von Deutschland erzählen.«

Capitel 3.

Der alte Herr Hamann.

Das Kost- und Logirhaus oder »Bordinghaus« nach dem Amerikanisch-deutschen Ausdruck in New-Orleans, dessen Schenk- und Gastzimmer wir schon einmal besucht haben, war eins jener alten französischen Gebäude, welche von den ersten Ansiedlern der Stadt noch in einer Zeit errichtet worden, wo der Platz selber, auf dem es stand, wenig Werth hatte, und nahm deshalb, für seine niedrige Dachung, einen unverhältnißmäßig großen Flächenraum ein. Auch das darauf errichtete Haus sah verwittert und baufällig genug aus, mit den alten Hohlziegeln auf dem Dach und den, ihres Kalkes an vielen Stellen beraubten Wänden, der halben hölzernen Verandah oder Gallerie vor der ersten Etage, und dem entschieden in sich zusammengeknickten Giebel. Der Eigenthümer aber, ein schon einige zwanzig Jahr im Lande ansässiger Deutscher Namens Hamann, wollte das alte Nest, trotz recht guten Geboten, die ihm darauf gemacht worden, nicht verkaufen, und behauptete jedesmal, wenn wieder dazu gedrängt, so lange _er_ lebe, halte es auch, ernähre ihn dabei gerade, und sei seit so langen Jahren nun eine Heimath ankommender Deutscher gewesen, daß es diese vermissen würden, wenn sie nach Amerika kämen, und das könne er nicht über's Herz bringen.

Es war etwa drei Wochen nach der Landung der Haidschnucke in New-Orleans, als der biedere Christoph Hamann in seiner eigenen Wohnstube oben saß, und emsig beschäftigt war einen ziemlich ansehnlichen Koffer mit Chirurgischen Instrumenten, der vor ihm im Zimmer stand, einzupacken und die auf dem Tisch umherliegenden Instrumente selber, wo sie hie und da etwas von Rost gelitten hatten, zu putzen und wieder herzustellen.

An einem erhöhten Pult, neben dem nächsten Fenster, stand ein junger, vielleicht vierundzwanzigjähriger Mann, der Sohn des alten Hamann, in weißer Jacke und Hose, den breiträndigen Strohhut neben sich auf dem Stuhle, und notirte die einzelnen Gegenstände, die ihm der Vater, wie er sie in den Koffer legte, diktirte.

»So« -- sagte der Alte, der mit dem Einpacken ziemlich fertig war, und eben noch ein Etui mit verschiedenen Messern und Lanzetten vom Tisch nahm und öffnete -- »hier noch das Besteck mit -- Donnerwetter da sind eine ganze Menge Geschichten darin -- mit einer Quantität Messer und Eisen und Feilen -- was weiß ich wie die Dinger alle heißen -- warte einmal wir können sie wenigstens zählen -- fünf, acht, elf, fünfzehn, und hier noch vier sind neunzehn, und hier die drei kleinen Dinger sind zweiundzwanzig Stück. Das Leder außen sieht ebenfalls noch ganz wie neu aus -- na Du wirst schon sehen was Du dafür bekommst.«

»Vater, die eine Tasche ist fast so viel werth, wie Euch der Mann im Ganzen schuldig war,« sagte der Sohn.

»Was verstehst denn _Du_ davon?« brummte aber der Alte mit einem mürrischen Seitenblick auf den jungen schlanken Burschen, dessen gutmüthig offene Züge tiefes Roth in diesem Augenblick färbte -- »bekümmere Du Dich da um Deine Schreiberei, und misch Dich nicht in Sachen die Dich nichts angehn, und von denen Du keine Idee hast.«

»Der Mann war bei mir und hat mir seine Noth geklagt!« sagte Franz, der Sohn.

»Noth geklagt?« fuhr aber der Alte unwillig auf, »der hat auch noch über Noth zu klagen; erst liegt er bei mir hier fünf Wochen im Haus und ißt und trinkt, ohne einen Pfennig zu zahlen, nachher geb' ich ihm noch Reisegeld und ein Gewehr, das mich selber fünfundsiebzig Dollar gekostet hat, und schicke ihn in's Innere, und nun soll ich auch noch seine Sachen wieder herausgeben und gar Nichts haben, heh? -- Und ist die Zeit, in der er es abholen mußte nicht etwa schon seit acht Tagen verfallen? Hätt' er mir _vor_ der Zeit gezahlt was er mir schuldig war, so konnte er seinen Bettel, der mir überdieß hier lange genug im Wege gestanden, ruhig wieder mit fortnehmen, ich wäre der letzte gewesen, der ihn daran verhindert hätte -- hab' ich so vielen Deutschen fortgeholfen, würd' ich den auch nicht haben sitzen lassen, aber jetzt ist die Zeit vorbei -- die ganze Sache ist ohnedieß schriftlich abgemacht, und wenn er sich im Recht glaubt, soll er mich verklagen; Christoph Hamann ist nicht der Mann, der einer gerechten Sache aus dem Wege geht.«

Der Sohn seufzte tief auf und begann wieder, ohne etwas weiter gegen den Vater zu äußern, an seiner Arbeit, bis ihn der alte Herr Hamann mit einer neuen Frage unterbrach.

»Ist der Elsasser wieder da gewesen, wegen dem Land?«

»Ja, gestern Abend.«

»Nun? -- und hat das Geld nicht mitgebracht?«

»Er hatte es, verlangte aber von mir vorher eine genaue Beschreibung des Landes, wie es gelegen sei, ob sumpfig oder gesund und da -- «

»Hast Du ihm doch wohl nicht etwa in Deiner Dummheit von dem Bischen Wasser darauf erzählt?« fuhr der Alte heftig in die Höhe.

»Ich mochte nicht lügen, Vater« sagte der junge Bursche entschlossen.

»Na nun wird's Tag!« schrie aber der Alte, mit der geballten Faust zornig auf den Tisch schlagend -- »füttern soll ich Euch Alle hier, und die theuere Wirthschaft in Stand halten, Taxen soll ich bezahlen und Provisionen für alles mögliche Lumpengesindel, das hier herüberkömmt von Europa, und wenn sich die Gelegenheit bietet einen ehrlichen Pfennig zu verdienen, schlägt mir den der eigene Sohn vor der Nase weg.«

»Ich hielt das für keinen _ehrlichen_ Pfennig, Vater« sagte Franz entschlossen.

»_Du_ hieltest es nicht dafür, Holzkopf -- _nun_ freut mich mein Leben, _Du_ also hieltest es nicht dafür. Ich will Dir einmal sagen was ich von _Dir_ halte: daß Du ebenso nach Amerika paßt, wie ein wilder Ochse in eine Porcellanhandlung. Wenn _das_ also Alles ist, was Du während den zwei Jahren die ich Dich zu Deiner Ausbildung in Deutschland in einem Geschäft gehabt, gelernt hast, dann kann ich mir gratuliren das Reisegeld aus dem Fenster geworfen zu haben, und je eher Du machst daß Du wieder hinüber kommst, desto besser.«

»Aber Vater diese unglücklichen Menschen die hier nach Amerika herüberkommen, sind ja so schon arm und elend genug -- wir wollen uns doch nicht an ihnen bereichern.«

»Wollen wir nicht, so? -- aber von was wollen wir denn _leben_ heh?« rief der Alte -- »der Mosje schwatzt da in's Blaue hinein und bringt mir moralische Grundsätze auf einen Amerikanischen Markt, die gerade so gute Geschäfte machen würden, wie ein Zahnarzt bei den Indianern. Junge, Junge ich glaubte Du hättest ausgelernt, und sehe jetzt daß Du wieder ganz von vorne anfangen mußt. Die Reise nach Arkansas wird Dir übrigens gut thun, mein Geschäftsfreund dort, der einen besonders lebhaften Whiskeyhandel nach dem Indianischen Territorium treibt, ist ein höchst praktischer gewiegter Bursche, und wird Dir die deutsche Schlafmütze schon aus den Gliedern treiben, und Du mußt dann endlich einmal lernen, daß das deutsche Gesindel, das hier zu uns herüberkommt und mit seiner Überklugheit immer unser ganzes Amerika verbessern will, nicht eher Verstand bekommt, bis es seinen letzten Groschen an den Mann gebracht hat; wer also dazu beiträgt daß das recht bald geschieht, thut den Leuten nur einen Gefallen, und ist ihr wahrer Freund, und nach _den_ Grundsätzen handle ich, wie sich der junge Herr merken kann, und wonach er zu achten hat -- verstanden?«

»Lieber Vater« sagte Franz, der sein Pult verlassen und die Feder niedergelegt hatte, ruhig und bestimmt »Sie haben sich da einen Weg vorgezeichnet, dem ich im Leben nicht folgen kann und will. Es mag, wie Sie vielleicht recht haben, viel Gesindel aus Europa zu uns herüberkommen, aber es kommen auch viele wackere, wenngleich arme Familien herüber, und die gerade sind es dann, die von Agenten und Seelenverkäufern ausgezogen und beraubt, anstatt von dem Staat, dem sie ihre Kräfte weihen wollen, dem sie ihr Alles herüberbringen was sie auf der Welt noch das ihre nennen, unterstützt und geschützt zu werden.«

»Auch noch?« rief der alte Hamann verwundert aus -- »wir sollen wohl noch überselig sein wenn sie ankommen, und sie füttern und pflegen und sie noch bitten nur um Gottes Willen Nichts zu arbeiten, daß sie sich ja nicht die faulen Knochen strapeziren. Gott verdamm mich, Junge, Du schwatzest da Zeug daß man verrückt werden möchte.«

»Ich spreche nur von etwas« rief sein Sohn, in edlem Eifer erglühend, »das mir schon lange auf der Seele brennt und das, neben der Sclavenfrage, ein Schandfleck für die Union ist -- ich spreche von dem unbeschätzten Zustand, in dem sie gerade _die_ Menschen an ihrer Küste berauben und plündern läßt, die das Mark ihrer Bevölkerung bilden, und ohne welche die einzelnen Staaten schon in ihren Schulden erstickt und zu Grunde gegangen wären -- die fleißigen Ackerbauer die den Boden urbar machen, die den Verkehr brechen für Dampfschiff und Eisenbahn, die den Werth des Landes in den meisten Staaten um das zehnfache, in vielen um das hundertfache vermehrt haben, und anspruchslos und thätig dabei ihre stille ruhige Bahn fortgehn.«

»Und was soll der Staat mit denen anfangen? was sollte er für die thun?« sagte der Alte mit einem spöttischen, ja fast verächtlichen Lächeln, »die der Mosje da für die _Geplünderten_ und _Beraubten_ hält, und seinem eigenen Vater dabei gewissermaßen _Plünderung_ und _Raub_ unter die Nase reibt, heh?«

»Er sollte in den Haupthafenplätzen seines großen Reiches, in New-Orleans und New-York, in Philadelphia, Baltimore und wie sie heißen, Häuser errichten, in denen die Armen, wenigstens die ersten Wochen hindurch, ein Unterkommen, im Nothfall _unentgeltlich_ fänden, und wo ihr Eigenthum, wenn sie in das Land hinein müssen Arbeit zu suchen, von geschworenen Beamten, sicher und vor Verfall geschützt, aufbewahrt würde, bis sie im Stande wären es zu reclamiren.«

»Könnte gleich eine Kleinkinderbewahr-Anstalt damit verbunden werden« lachte der Alte.

»Wollte Gott es geschähe« rief Franz, »tausende von Kindern, die später einmal unsere besten und kräftigsten Bürger bilden, würden dann vor Elend und Untergang bewahrt.«

»Aber was sagst Du _mir_ das hier?« rief der Alte endlich ungeduldig werdend -- »was hab' _ich_ damit zu schaffen? warum gehst Du damit nicht zum Gouverneur oder zum Präsidenten, und stellst ihm einmal die Geschichte vor? Der wird mit dem größten Vergnügen darauf eingehn.«

»Der Präsident kann dabei noch Nichts thun,« sagte aber der Sohn, den im Spott gemachten Vorschlag ganz ernsthaft nehmend -- »nein, die einzelnen Staaten müssen das aus sich selber kräftig schaffen und herstellen; die einzelnen wohlhabenden Bürger zusammentreten, und zum Besten ihrer eigenen Stadt ein solch Asyl gründen. Wie viel tausend Menschen sehen in Amerika die Hand, die sich ihnen und ihrer Noth Hülfe bietend entgegenstreckt -- wie viel tausend finden aber nur daß eben die Hand, anstatt sie zu stützen und zu halten, in ihre Taschen greift, und sie des letzten beraubt was sie noch mitgebracht, sich selbst zu helfen. Oh Vater, Sie sind reich -- wenn Sie den Anfang machten zu solchem großen Werk.«

»Du bist ein Esel hätt' ich bald gesagt« unterbrach ihn der Alte aber hier mürrisch, »Donnerwetter, jetzt hab' ich den Unsinn satt, nun mach daß Du fortkommst, und sieh daß Du mir vor allen Dingen den Elsasser wieder findest -- schick' ihn mir nur herauf; ich will schon mit ihm fertig werden.«

»Vater!« rief Franz in edler Entrüstung sich gegen einen Auftrag sträubend, den er selber für unredlich und schlecht hielt, »Vater ich passe nicht zu dem, zu dem Sie mich machen wollen; lassen Sie mich fort, allein in die Welt hinaus und ich will mir mein eignes Fortkommen schon gründen, mir schon Bahn brechen zu einem neuen frischen Leben, und wenn ich mir mein Brod im Anfang mit der Schürstange, oder mit Axt und Schaufel verdienen sollte.«

»Und das Geld das ich für Deine Erziehung verwandt?« rief der Alte ärgerlich -- »wer zahlte mir denn die Zinsen? Schöne Wirthschaft das, nicht wahr, wenn die Zeit jetzt gekommen ist, wo Du Deinen alten Vater, der Niemanden auf der Welt weiter hat auf den er sich verlassen kann, unterstützen solltest, und dann von ihm fortlaufen willst ein eignes Geschäft anzufangen? Was würde dann aus den paar Dollarn, die ich mir erspart, wenn ich die Augen einmal zudrücke, und fremde Menschen dann hier um mich her säßen, die sich die eigenen Taschen in aller Geschwindigkeit füllen würden? was würde aus dem Geschäft selbst, das ich seit ein paar Jahren endlich zu einer Art Aufschwung gebracht, und das nie, so lange ich und Du es verhindern können, in fremde Hände fallen darf? -- Unsinn Franz, Du weißt gar nicht _was_ Du von Dir stoßen willst, irgend einer fixen wahnsinnigen Idee, die eben unausführbar ist, nachzulaufen. Mach jetzt daß Du fortkommst und thue was ich Dir befohlen habe; ich will Nichts mehr wissen sag ich Dir,« schrie er den Sohn unwillig an, als dieser wieder etwas entgegnen wollte, und Franz verließ, tief aufseufzend, aber mehr als je entschlossen seine Hand zu Nichts zu bieten, was er nicht vor dem eigenen Gewissen verantworten könne, das Zimmer.

In diesem aber ging, die Arme auf den Rücken gekreutzt mit raschen, unruhigen Schritten der alte Hamann auf und ab, leise Flüche in den Bart murmelnd, und mit dem Kopfe dazu finster und unwillig schüttelnd.

Draußen klopfte Jemand leise an die Thür.

»Herein!« rief der Alte barsch.

»Herr Hamann zu sprechen?« frug eine freundliche Stimme.

»Ah, Sie kommen mir gerade wie gerufen, Messerschmidt« rief ihm der Alte rasch entgegen -- »sind Sie meinem Jungen begegnet?«

»Herr Hamann _junior_ waren eben so freundlich mich auf der, etwas dunklen Treppe, beinah über den Haufen zu rennen.«

»Er ist verrückt der Bengel!« rief der Vater.

»Verliebt vielleicht« lächelte Herr Messerschmidt.

»Gott bewahre; er will eine deutsche Kleinkinderbewahr-Anstalt, und ein _gratis_ Einwanderungshaus gründen.«

»Bah,« sagte Herr Messerschmidt, »das ist eine Idee die am Besten durch dasselbe Mittel curirt wird, das sie allein in's Leben rufen könnte.«

»Und das wäre? -- «

»Geld,« sagte der Agent, achselzuckend -- »das ist die alte Geschichte die nur von solchen immer vorgebracht wird, die gerade kein eignes Geld zur Verfügung haben, es darauf zu verwenden. Überweisen Sie Ihrem Herrn Sohn ein Vermögen, und er wird etwas Gescheidteres damit anfangen.«

»Vermögen überweisen,« brummte der Alte -- »Sie reden da hinaus, als ob ich zwei oder mehr zu vergeben hätte. _Das_ ärgert mich ja gerade, daß der junge Laffe eben das ruiniren will, womit sich sein armer alter Vater das Brod verdienen muß; unter dem Leib will er mir den Stuhl fortziehn, und sein schmutziges Zwischendecksgesindel darauf setzen; es ist zum Verzweifeln.«

»Unsinn,« lächelte Herr Messerschmidt -- »lassen Sie uns von etwas Vernünftigerem reden; das ist eine Idee die in schönen, wohlklingenden Redensarten verraucht, und wenn Sie mir folgen, geben Sie ihm vollkommen recht, muntern ihn noch dazu auf etwas derartiges zu beginnen und versprechen ihm ihre thätige Hülfe und Unterstützung.«

»Daß ich ein Narr wäre,« rief der Alte, »der Junge hielte mich beim Wort, und was das Schlimmste ist, er jagt mir schon jetzt die Kunden aus dem Haus hinaus, und wäre im Stande den eigenen Vater an den Pranger zu stellen.«

»Das wäre allerdings fatal,« sagte Herr Messerschmidt, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und plötzlich ganz ernsthaft werdend, »wenn die Sache _so_ steht, bester Herr Nachbar, da möchte ich Ihnen denn doch rathen, den Burschen lieber aus dem Haus zu thun, und Jemanden hinein zu nehmen, auf den Sie sich sicher verlassen können. Ich selber würde -- «

»Ihnen meinen eigenen Sohn vorschlagen, heh?« fiel ihm der Alte kurz und mit einem mistrauischen Blick in die Rede -- »hab' ich recht oder nicht?«

»Nun der Junge hat Talent und guten Willen.«

»Glaub' ich,« brummte der Alte, »aber mein eigen Fleisch und Blut steht mir näher, und ich werde den Jungen schon zur Raison bringen; er muß mir gehorchen, oder -- aber hol's der Teufel, wir wollen von 'was Anderem reden,« unterbrach er sich plötzlich selbst, -- »kommen Sie wegen der Pfandgeschichte?«

»Oh Gott bewahre,« lachte Herr Messerschmidt, »die Sache ist ganz einfach; der junge Bursche behauptet, die beiden goldenen Uhren bei Ihrem früheren Barkeeper, von dem er auch die Quittung hat, versetzt zu haben; der ist jetzt fort, Niemand weiß wohin, und ich habe ihm nun den guten Rath gegeben, einen Aufruf an ihn in dem New-Orleans Advertiser abdrucken zu lassen, daß ihm nachher Niemand darauf antwortet, versteht sich von selbst. Nein, lieber Hamann, ich wollte unsere kleine Speditionsrechnung in Ordnung bringen -- brauche gerade Geld, und muß vor dem neuen Jahr meine Casse jedenfalls reguliren.«

»Und wie viel macht's im Ganzen?«

»Hundert und sieben und neunzig Dollars fünfzig Cent.«

»Seit zwei Monaten?«

»Ja, und einige Tage -- Ihre Geschäfte sind brillant gegegangen, hier ist übrigens auch die specifirte Note.«

»Hm, hm,« sagte Herr Hamann, das ihm überreichte Papier öffnend und langsam durchlesend -- »da steht ja der Goldschmied mit 10 Dollarn darauf, der nur acht Tage im Hause blieb und nicht einmal sein Boarding zahlte, -- was fällt Ihnen denn ein? -- den müssen Sie streichen.«

»Er war gestern bei mir;« sagte Herr Messerschmidt lächelnd, »und frug mich um Rath wie er wohl wieder zu der Tuchnadel kommen könne, die wohl einige achtzig Dollar werth sein soll.«

»Bah, Unsinn, der Quark war nachgemacht -- fünf und siebzig Cent hat mir der Jude dafür gegeben.«

»Das hab ich ihm auch gesagt,« schmunzelte der Agent, »und ihm sogar versichert, ich würde es im Nothfall bezeugen können.«