Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band
Chapter 9
»Die _Kinder_,« flüsterte die Frau, und ergriff heftig seinen Arm, der Mann aber schleuderte sie wild von sich; wie er jedoch sah daß mehr und mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden, und stehen blieben und ihnen nachschauten, trat er rasch an die Frau wieder hinan, zog ihren linken freien Arm in den seinen, und sie wie mit eisernem Griffe haltend und mit sich fortziehend, zischte er ihr in's Ohr:
»Bist Du denn ganz des Teufels, sinnloses Weib, hier auf offenem Platze den Unsinn auszuschreien? -- oder möchtest Du etwa mit den Amerikanischen Zellengefängnissen Bekanntschaft machen? Komm -- halte Dich fest an mich an und verlier Dein Bündel nicht; ein Glück daß die Leute kein Deutsch verstehn.«
»Gehn wir denn hin wo sie sind?« frug die Frau rasch, immer noch an dem einen Bild sich anklammernd.
»Mir wär's recht wenn Du's thätest,« rief der Mann in finsterem, kaum zurückgehaltenem Groll, »ich habe das Gewinsele und Geklage satt -- begreife überhaupt nicht, wie ich es so lang ausgehalten, und geb' Dir meinen Segen auf die Reise.«
»Und ich _dürfte_ zurück?« rief die Frau rasch und heftig bewegt zu ihm aufschauend.
»Treib' keinen Unsinn,« knurrte der Mann, »Du wärst's am Ende im Stande, ihnen gerade wieder in den Rachen zu laufen, und die Freude zu machen, daß sie Dich eine halbe Lebenszeit in's Spinnhaus stecken könnten. -- Dort liegt unser Boot -- alle Wetter, da geht auch ein alter Bekannter; noch von Bord her; kennst Du den, Jule?«
»Laß den widerlichen Menschen,« sagte die Frau, in sich zusammenschaudernd.
»Guten Tag Herr _Meier_!« rief in diesem Augenblick Maulbeere, der mit seinem Karren gerade an ihnen vorüber fuhr und den Hut in spöttischer Ehrerbietung tief gegen ihn schwenkte -- »bitte mich Ihrer Frau Gemahlin auf das Gehorsamste zu empfehlen.«
Steffen, der seine rechte Hand in der Hosentasche stecken hatte, zog sie heraus, griff an die Mütze und ging steif und finster an dem, ihm aus mehr als einer Hinsicht verhaßten Scheerenschleifer vorüber.
»Ein nobeles Pärchen,« murmelte dieser aber vor sich hin, als er, ohne sich nach den Beiden weiter umzusehn, an ihnen vorbei gefahren war, »ein _sehr_ nobeles Pärchen, das muß wahr sein. Gäbe auch was drum wenn ich wüßte was die einmal für ein Ende nehmen hier in Amerika -- jedenfalls auf Staatsunkosten, oder müßte mich sehr irren.«
»Hallo Scheerenschleifer!« rief da eine laute fröhliche Stimme hinter ihm her -- »halt da, hier ist Arbeit für Euch.«
Maulbeere hielt rasch still und sah sich nach dem Rufer um, der vorn auf dem Bug desselben Bootes stand, das der Mann von der Haidschnucke mit seiner Frau eben betreten hatte, und das an seinem Boilerdeck ein großes Schild mit seinem Namen »_The backwoods queen_« und dem Bestimmungsort _St. Louis_ trug.
»Ist denn heute die ganze Haidschnucke über die Landung hier weggeschüttelt?« murmelte der Scheerenschleifer erstaunt zwischen den Zähnen durch, als er wieder einen seiner Reisegefährten, ebenfalls als Bootsmann gekleidet, gar nicht weit von sich entfernt stehen und winken sah, »und blaue verdammt kurze Hemden scheinen ein ordentlicher Modeartikel zu sein -- hm, hm, hm, Herr Donner als Matrose auch nicht übel; Zachäus Maulbeere darf da, seinen größeren Fähigkeiten entsprechend, wohl bald erwarten Capitain zu werden.«
»Nun Maulbeere wie gehn die Geschäfte?« rief ihm Georg Donner noch einmal zu, und kam dann über die Laufplanke, seine beiden Daumen vorn in dem breiten Ledergürtel, der seine Hüften umschloß, herüber an Land -- »Wetter noch einmal Mann, Ihr seht noch genau so aus wie an Bord, und habt Euch nicht im mindesten amerikanisirt.«
»Hätte bald 'was gesagt« brummte Maulbeere, die Gestalt vor sich mit einer eigenen Mischung von Spott und Humor betrachtend; »aber was thun Sie hier eigentlich, und wie sehn Sie aus?«
Maulbeere hatte allerdings Ursache so zu fragen, denn mit Georg Donner schien jedenfalls eine ganz eigenthümliche und große Veränderung vorgegangen zu sein. Schon in seinem Äußeren war er ein anderer Mensch geworden, der den dunklen Rock ab- und ein kurzes blaues Matrosenhemd übergeworfen hatte, das in der Mitte von dem schon erwähnten Ledergürtel zusammengehalten wurde. Die Beine staken in Hosen von demselben einfachen Stoff, sein blaugestreiftes Hemd hielt ein schwarzseidenes in einen Matrosenknoten geschlagenes Halstuch zusammen, und das dunkle lockige Haar deckte eine blauwollene schottische Mütze, während an dem Gürtel ein kurzes Matrosenmesser mit hölzernem Griff und in lederner Scheide hing. Aber das nicht allein -- sein ganzes Wesen hatte das ernste, träumerische verloren das ihm an Bord so eigen gewesen, und war frei und entschlossen, ja fast keck geworden, ohne jedoch dadurch irgend etwas von seiner offenen Ehrlichkeit verloren zu haben.
Er lachte, als er den schmutzigen verdrossenen Burschen, der ihm immer in seinem ganzen Wesen viel Spaß gemacht, noch eben so sauertöpfisch, bis in dasselbe Knopfloch hinauf eingeschnürt, und ohne die Spur von irgend einer reinen Wäsche vor sich stehen sah, besserte aber dadurch Maulbeeres Laune keinenfalls.
»Wie ich aussehe, mein würdiger Maulbeere?« lachte Donner, »wie ein Mann der entschlossen ist seinen Weg in Amerika zu machen, und das Land zu sehn und kennen zu lernen.«
»Um das Land kennen zu lernen gehn Sie auf's Wasser?« sagte der Scheerenschleifer, seine Stirnhaut zu unzähligen Falten zusammenziehend -- »auch nicht übel, und als was? -- Capitain, Steuermann, Koch, Ingenieur?«
»Nichts von alle dem Kamerad« lachte der junge Mann, »zu so hohen Posten kann man erst avanciren, wenn man von der Pike auf gedient hat; vorerst mache ich eine Reise als Feuermann mit.«
»Als Heizer an Bord?« frug Maulbeere wirklich erstaunt.
»Als Heizer« bestätigte Donner lachend, »mit dreißig Dollar monatlichem Gehalt, und frei Kost und Logis, Whiskey, Zucker, Kaffee und wie die Vortheile alle heißen, die uns das wackere Boot bietet.«
»Sind Sie bei dieser Anstellung als _Lehrling_ oder gleich als _Geselle_ eingetreten?« frug Maulbeere, der sich noch immer nicht an dem Costüm seines früheren Reisegefährten satt sehn konnte.
»Als Geselle, Herr Maulbeere, als Geselle, und Sie sollten einmal sehn wie ich die Schürstange schwingen werde.«
»Kann ich mir lebhaft denken« betheuerte der Scheerenschleifer, sein Gesicht in einen förmlichen Knoten zusammendrückend -- »kann ich mir lebhaft denken -- ist auch eine recht passende Beschäftigung für einen Pastors-Sohn.«
»Schadet Nichts Maulbeere« lachte aber der junge Mann, »nur ehrlich und rechtschaffen gehandelt und sich sein Brod selber erarbeitet, auf das Übrige kommts dann nicht an; ob ich einen Frack oder ein Schurzfell trage, und _durch_ komm' ich, darauf können Sie sich verlassen, so lange mir Gott meine Gesundheit und meine gesunden Glieder läßt. Übrigens sind noch ein paar Bekannte von Ihnen hier an Bord« setzte er rasch hinzu -- »Carl Berger, der Deserteur, und Herr Schultze aus Hannover.«
»_Auch_ Feuermann?« rief Maulbeere rasch und erstaunt.
»Der erste ja, der letzte nicht« lachte Georg Donner -- »sollte sich nicht übel mit der Schürstange ausnehmen, und würde das Feuern wohl kaum vierundzwanzig Stunden aushalten; er geht als Passagier, glaub' ich, nach St. Louis.«
»Hm« brummte Maulbeere vor sich hin -- »alle Welt geht fort von hier; wenn ich wüßte daß es im Lande besser wäre, schöb ich meinen Karren auch an Bord.«
»Scheeren und Messer wird's überall zu schleifen geben« sagte Donner.
»Die Möglichkeit ist vorhanden daß ich mir in Zukunft meine eignen Messer schleifen _lasse_« sagte Maulbeere.
»Oho?« rief Donner verwundert aus, »ja wenn Sie solche Pläne haben, Freund Scheerenschleifer, dann ist doch wohl New-Orleans der beste Platz, galopirende Speculationen rasch zur Ausführung zu bringen; ich wüßte übrigens eine für Sie.«
»Eine Speculation? -- und die wäre?«
»Haben Sie die riesenhaften Ankündigungen von Stiefelwichse gesehn, die überall in der Stadt an den Straßenecken kleben?«
»Allerdings -- wo sich der Neger vor dem Stulpenstiefel rasirt« feixte Maulbeere, dem die Idee ungemein gefallen.
»Dieselbe!« lachte Donner, »wenn Sie Ihren Stiefeln im Stande sind halb den Glanz zu geben den das Schultertheil Ihres Rockes hat, so ist Ihr Glück gemacht.«
»Hören Sie einmal mein lieber Herr Donner« sagte aber jetzt Maulbeere gereizt, und mit einem fast boshaften Lächeln in den entsetzlich häßlichen Zügen -- »wenn Ihre Feuer nicht besser scheinen werden als Ihr Witz, so glaub' ich, käm' ich eher mit meinem Schiebkarren nach St. Louis hinauf, wie Sie mit Ihrem Dampfboot -- wer weiß ob mein blanker Rock nicht noch länger hält als Ihr blaues Hemd, und Sie im nächsten Winter nicht vielleicht Gott danken würden, einen so warmen Überzieher zu haben.«
»Frieden, würdiger Greis, Frieden« lachte der junge Mann, »die Bemerkung war keineswegs böse gemeint und sollte Sie nicht beleidigen -- im Gegentheil hab' ich sogar eine Bitte an Sie, mir nämlich über ein paar junge Leute von unserem Schiff Auskunft zu geben, die Sie gewiß nicht, wenigstens trau' ich das Ihrem Scharfblick kaum zu -- aus den Augen verloren haben.«
»Und die wären?« -- sagte Maulbeere immer noch mistrauisch den jungen Burschen dabei betrachtend.
»Was ist aus dem Doktor Hückler geworden?« sagte dieser -- »ich habe ihn nicht wieder gesehn, seit er an jenem ersten Landungsabend unser Schiff verließ.«
»Wohnt jetzt in ---- _street_« sagte Maulbeere, »führt ein großes Schild über der Thür _J. A. Hückler_, deutscher Doktor und Geburtshelfer« schmunzelte Maulbeere -- »und rechts und links an dem Schild hat er sich ein paar große schwarz-roth-goldene Kokarden malen lassen.«
Georg Donner lachte.
»Der wird sein Brod schon hier finden« sagte er achselzuckend, »wer kann's ändern; vielleicht haben die Leute recht, die da behaupten, in Amerika _wollten_ die Menschen betrogen sein.«
»_Vielleicht_ haben sie recht,« brummte Maulbeere vor sich hin -- »da ist gar kein vielleicht dabei, und wer hier seine _Knochen_ einsetzt, muß gewöhnlich die Haut mit in Kauf geben -- ich gedenke hier _Gerber_ zu werden -- aber nach wem wollten Sie noch fragen?«
»Haben Sie von Henkel und seiner Frau Nichts gehört?«
»Hm -- « sagte Maulbeere, sich mit der linken Hand die grauen Kinnstoppeln streichend -- »gehört gerade nicht, aber gesehn.«
»Gesehn? -- was?«
»Nun wie sie von Bord ging« sagte Maulbeere.
»Die arme Frau -- ob sie sich wohl erholt hat -- «
»Wunderliche Geschichte das,« meinte Maulbeere.
»Ich glaube nicht daß die Krankheit von Bedeutung war« sagte Donner, die Bemerkung darauf beziehend -- »Ruhe und nahrhafte Kost werden sie wohl bald wieder hergestellt haben. Ich hätte sie gern einmal wieder besucht und mich nach ihrem Befinden erkundigt, mochte sie aber doch auch nicht stören -- wissen Sie nicht wo sie wohnen?«
»Wer? -- die Frau mit dem Mädchen?«
»Henkels -- «
»Möglich daß sie sich wieder zusammengefunden haben,« meinte Maulbeere trocken -- »im Anfang waren sie auseinander.«
»Wie so?« frug Donner erstaunt.
»Nun die Madame ist in _ein_ Hotel gezogen, und der Herr in ein anderes« meinte Maulbeere -- »waren lange genug zusammen an Bord, und Amerika ist ein freies Land.«
»Unsinn« sagte der junge Mann lachend, »da haben Sie sich etwas aufbinden lassen, Herr Maulbeere -- Henkel wird sich hüten und seine junge, wunderhübsche Frau in ein anderes Hotel ziehen lassen -- ich möchte nur wissen ob sie sich wieder vollkommen wohl fühlt.«
»Könnten Sie am Besten wissen, wenn Sie wären zu finden gewesen« sagte Maulbeere trocken.
»Zu finden gewesen? -- was wollen Sie damit sagen?«
»Daß Sie das kleine Ding -- wie hieß das Mädchen doch, das in der Cajüte die Kammerjungfer spielte? -- «
»Hedwig!« rief Donner schnell.
»Ja wohl, Hedwig, daß Sie die wie eine Stecknadel in der ganzem Stadt gesucht und mich, den sie zufällig auf der Straße traf, auch nach Ihnen gefragt hat.«
»Guter Gott, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt« rief Georg, »aber was wollte sie von mir -- ärztliche Hülfe?«
»Nun was sonst? -- die Frau lag lebensgefährlich krank und sie hatten, wie sie sagte, kein Vertrauen zu einem Amerikanischen Arzt; müßte mich übrigens sehr irren, wenn nicht vielleicht ebenso wenig Geld wie Vertrauen -- .«
»Eben so wenig Geld? -- Unsinn, ihr Vater ist Einer der reichsten Leute in Heilingen und ihr Gatte Herr oder Erbe einer halben Million -- .«
»Ja -- ist recht schön, aber wie mir jetzt scheint, ist die halbe Million noch nicht reif, und muß erst noch eine Weile hängen. Die junge Mamsell habe ich indessen zu Herrn Doktor Hückler geschickt, der sein Schild gerade an dem Tage aufgemacht; von dem wollte sie aber Nichts wissen und ging traurig fort.«
»Und welches Hotel war das?« rief Georg rasch.
»Ja, das weiß ich nicht mehr« sagte Maulbeere.
Das scharfe Läuten der Bootsglocke von der _Backwoods queen_ unterbrach ihre Unterhaltung.
»An Bord da Ihr Leute, an Bord! Höll' und Verdammniß, was steht Ihr da draußen herum und habt Maulaffen feil. -- An Bord jeder Mutter Sohn von Euch, wenn ich Euch nicht Beine machen soll -- .«
»Wenn ich nicht irre« sagte Maulbeere freundlich, »so ersucht sie der Mann da drinnen doch gefälligst zum Kaffee hinein zu kommen, nicht wahr?«
»Lieber Gott!« rief Georg, die spöttische Bemerkung ganz überhörend, »daß ich jetzt hierher gebannt sein muß, und keine Zeit mehr übrig habe sie aufzusuchen.«
»Würden in dem Costüm auch außerordentlich achtbar und vertrauenweckend aussehn« bemerkte der Scheerenschleifer.
»Holla an Bord da -- Ihr, Dutchman dort drüben mit der schottischen Mütze -- wie heißt der Bursche gleich -- heh, George, an Bord hier, hört Ihr nicht, oder soll' ich Euch Beine machen?«
»Gleich, gleich!« rief der junge Mann ängstlich und ungeduldig mit dem Fuße stampfend, »ich wollte meine acht Tage Lohn, die ich hier schon an Bord gearbeitet habe, einbüßen, wenn ich nur zwei Stunden Raum jetzt hätte die arme Dame zu suchen, und zu erfahren wie es ihr geht.«
»Haben drei Wochen Zeit gehabt und nicht daran gedacht« meinte Maulbeere ruhig, »woher kommt jetzt auf einmal die Eile?«
»Wollen Sie mir einen Gefallen thun, lieber Maulbeere?«
»_Lieber_ Maulbeere« sagte der Scheerenschleifer still vor sich hin lachend -- »_lieber_ Maulbeere, wie zärtlich das klingt -- und was wär's?«
»Wollen Sie die Frauen auskundschaften?«
»Die Mamsell meinte, Madame Henkel hätte sich schon unendlich nach mir gesehnt -- wenn die Sache nur nicht zu gefährlich ist.«
»Wollen Sie ihnen sagen, daß ich keine Ahnung gehabt hätte, sie bedürften meiner Hülfe, in vierzehn Tagen aber spätestens kehre mein Boot nach New-Orleans zurück und ich stünde dann ganz zu ihren Diensten, ihre Adresse sollen sie mir unter meinem Namen auf die Post legen.«
»Ich soll doch sagen, daß Sie _Schiffsdoktor_ an Bord geworden wären?« frug Maulbeere.
»Sagen Sie die _Wahrheit_,« rief Georg, »das ist immer das Beste; aber adieu Maulbeere -- ich muß wahrhaftig fort.«
»Der Kaffee wird kalt« meinte dieser. --
»Sie ziehen die Planken schon ein!« rief der junge Mann, »leben Sie wohl, und wenn ich Ihnen je wieder einen Dienst erweisen kann, zählen Sie auf mich!«
»Werft das Tau da los!« rief ihm in diesem Augenblick die Stimme des Steuermanns zu, der vorn auf dem Bug stand und das in den Strom Gehen des Bootes leitete -- »das Tau da vorn in dem Ring an Land, wo der Baboon von einem Menschen steht -- siehst Du nicht?«
Maulbeere, der mit dem Baboon gemeint war, verstand glücklicher Weise nicht was der Mann auf Englisch rief, Georg aber warf das Springtau, an dem der Vordertheil des Bootes noch an Land befestigt war, los, wieder tönte die Glocke, die letzte Planke, auf der der junge Mann kaum Zeit behielt an Bord zu laufen, wurde eingezogen, und Georg Donner winkte noch einmal von Bord aus, dem am Ufer zurückbleibenden Maulbeere mit der Hand, was dieser, sehr zum Ergötzen der übrigen Feuerleute und Deckhands, mit einer sehr tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei der er den alten Hut in der Luft schwenkte, erwiederte, dann aber seinen Karren aufnehmend vor sich hinmurmelte:
»Lieber Maulbeere, ja wohl -- _lieber_ Maulbeere -- Angenehmen spielen und Maulbeere soll Bote spielen -- bah -- werde ihm selber eine Adresse auf die Post legen, die ihn freuen soll -- .« Und der Scheerenschleifer fuhr, von dem Gedanken ergötzt, still vor sich hinschmunzelnd die Levée entlang.
Capitel 5.
Literarische Bekanntschaften.
In New-Orleans, in der ---- Straße, an der untern Ecke des Marktes stand ein schmales hohes, aus rothen, unbeworfenen Backsteinen errichtetes Haus, das über seine ganze Breite hin ein mächtiges, weißlackirtes Schild und auf diesem die Worte:
_»Expedition der New-Orleans Biene«_
trug. An der Thüre unten war noch ein kleines deutsches Schild angebracht, das die »Office« des »Editors« oder Redakteurs als eine Treppe hoch liegend, und die Stunden von zehn bis zwölf Vormittags, wie von drei bis fünf Uhr Nachmittags als die passendsten bezeichnete, ihn zu sprechen.
Es war etwa halb vier Uhr Nachmittags Anfangs November jenes Jahres, als ein junger Mann, sehr anständig gekleidet, in schwarzem Frack, dunklen Beinkleidern und Handschuhen, seinen Hut vielleicht der Wärme wegen in der Hand, das Haus erreichte, das kleine Schild unten durchlas, sein Haar dabei etwas ordnete, und dann die ziemlich steile, noch ganz neue Treppe langsam hinanstieg. Er trug ein fest eingeschlagenes Packet, das möglicher Weise Manuscript enthielt, unter dem linken Arm, und klopfte leise an die mit einem entsprechenden Schild bezeichnete Thür.
»_Walk in!_«[12]
»Habe ich das Vergnügen mit Herrn Doktor Rosengarten zu sprechen?«
»Bitte -- ich bin kein Doktor -- aber mein Name ist Rosengarten; mit wem habe ich die Ehre?«
»Theobald -- Fridolin Theobald -- Lyrischer Dichter und Schriftsteller im Allgemeinen, aus Deutschland« stellte sich unser Freund dem kleinen, etwas schwärzlich aussehenden Manne selber vor, indem er ihm eine, gewissenhaft an der Ecke eingedrückte Visitenkarte überreichte.
»Und womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Herr Rosengarten, einen etwas mistrauischen Blick nach dem Packet werfend, das jener unter dem Arme trug -- »wohl erst ganz kürzlich von Deutschland gekommen, wenn man fragen darf?«
»Seit etwa drei Wochen« sagte Herr Theobald, indem er anfing sein Packet aus einem großen Bogen Makulatur herauszuwickeln, »und wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ihnen hier Einiges für Ihr sehr geschätztes Blatt anzubieten.«
»Ah, Sie sind sehr freundlich« sagte Herr Rosengarten etwas verlegen, indem er nach seiner Brille auf dem neben ihm stehenden Schreibtisch herumfühlte, die gefundene aufsetzte und beide Hände dann, als ob er nicht voreilig damit zu sein wünschte, in seine Rocktaschen schob.
»Ich habe hier zweierlei,« sagte Herr Theobald mit einer leichten Verbeugung, »was Beides, wie ich kaum zweifle und wovon Sie sich auch wohl bald überzeugen werden, nicht geringes Furore beim Publicum machen wird. Ich will und möchte nicht gern unbescheiden sein, aber ich weiß, daß der Erfolg nicht fehlen kann. Sie haben doch vollständige Preßfreiheit hier in Amerika?«
»Vollständige« versicherte Herr Rosengarten, mit einem sehr entschiedenen Kopfnicken.
»Ihre Constitution garantirt es Ihnen wenigstens -- .«
»Ah, und wir wissen es aufrecht zu erhalten« betheuerte Herr Rosengarten »der Präsident in seinem Weißen Hause ist nicht sicher angegriffen und seiner verborgensten Fehler wegen öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.«
»Schön -- sehr schön« rief Herr Theobald -- »Gott sei ewig gedankt, daß ich endlich einmal diesen Engelsgruß, wenn ich mich so ausdrücken darf, von geweihten Lippen aussprechen hören kann. -- Sie sind auch Schriftsteller, nicht wahr? -- «
»Hm -- ja« sagte Herr Rosengarten mit einem bescheidenen Blick nach dem breiten, halbgeöffneten Glasfenster, das ihn von der Druckerei trennte -- »eigentlich Buchdrucker -- die Ausstattung unserer Sachen läßt Nichts zu wünschen übrig, aber die leichten Sachen, die Leitartikel vorn im Blatt, und die Angriffe auf die Gegenparthei, schreib ich gewöhnlich selber.«
»Ihr Blatt ist rein demokratisch?«
»Diamant« sagte Herr Rosengarten, »das heißt« setzte er rasch hinzu -- »Sie werden mich wohl verstehn, was man damit sagen will -- Demokrat den Grundsätzen, aber nicht immer den Principien nach.«
»Das verstehe ich allerdings _nicht_« sagte Theobald erstaunt.
»Nun ich meine« versicherte der Editor der New-Orleans Biene, »daß wir grundsätzlich reine Demokraten sind, und die demokratischen Principien auch in unserem Blatt, gerade im demokratischen Sinne aber auch die allgemeinen Menschenrechte vertreten, zu denen die Whigs als unsere Brüder eben so gut gehören, und solcher Art denn eine Verschmelzung der beiden Partheien zu vermitteln suchen. Wissen Sie« fuhr er fort, als ihn der Fremde immer noch nicht zu begreifen schien, »die Demokraten sind gewöhnlich ungemein enthusiasmirt für ihre Sache, aber -- nur ein sehr geringer Theil von ihnen befindet sich in hinlänglich günstigen pecuniären Verhältnissen, nicht allein eine Zeitung zu lesen, sondern auch zu halten und -- was die Hauptsache ist, auch zu bezahlen, während die Whigs besonders zeitweise, auf höchst liberale Weise auch die kleinste Vergünstigung anerkennen -- ich weiß nicht ob ich mich deutlich genug ausgedrückt habe.«
»Ich muß allerdings gestehn, daß ich das noch nicht ganz vollkommen begreife« sagte Herr Theobald.
»Es ist unser Princip, im ächt demokratischen Sinne« sagte Herr Rosengarten, »_beiden_ Theilen _gerecht_ zu werden; wir stehen, um ihnen gewissermaßen durch ein Beispiel unser Ziel anschaulich zu machen, in Fechterstellung, bei zurückgeworfenem Körper mit dem linken Fuß auf der Demokratie, mit dem rechten den Whiggismus nur allerdings leicht berührend, nur danach fühlend, aber jeden Augenblick bereit uns im Angriff momentan ganz darauf zu werfen, und dann nur wieder zum Schutz auf den linken Fuß zurückzufallen.«
»Aber gegen _wen_ kämpfen Sie dann?« sagte Herr Theobald, wirklich selber confus gemacht durch diese Erklärung, in sehr natürlicher Frage.
»Gegen Jeden der uns angreift,« sagte Herr Rosengarten schnell -- »die Biene kann auch stechen, mein verehrter Herr« -- er warf einen raschen Blick auf die vor ihm liegende Karte -- »mein verehrter Herr Theobald; die Biene kann auch stechen, trotz ihrem Fleiß mit dem sie Wachs für ihre Zellen, Honig für ihre Leser einträgt. Wir haben uns dabei mit den besten Kräften Amerikas verbunden,« setzte er mit innigem Selbstgefühl hinzu, »und wissen, daß wir dem Publikum etwas Gediegenes, Solides bieten können.«
»Sie bringen aber, wie ich gesehen habe, außer der Politik auch Erzählungen, Novellen und Lyrik« sagte Herr Theobald.
»Gewiß, oh sicher« betheuerte Herr Rosengarten, »nur durch Mannichfaltigkeit kann sich ein Blatt in Amerika halten.«
»Und verschmähen dabei gewiß nicht Artikel, welche auf die Verbesserung der Cultur, der Zustände hinarbeiten, und diese, wo sie unzweckmäßig oder faul sind, rügen?«
»Gewiß nicht« sagte Herr Rosengarten rasch und erfreut, »wir suchen sogar etwas darin, mit sämmtlichen Zuständen unzufrieden zu sein, und indem wir Viel, _sehr_ viel verlangen, wenigstens _etwas_ dadurch zu erreichen. Wenn sie Amerika näher kennen lernen, werden Sie uns ganz recht geben.«