Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 9

Chapter 93,798 wordsPublic domain

"Hierlassen? das fehlte auch noch," rief der Agent -- "die nehmt Ihr mit, Mann -- koennt Ihr der denn eine groessere Freude machen, als wenn sie noch vor ihrem Ende saehe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Muss sie hier nicht in Sorge und Kummer leben dass Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen koennt, und wie sieht's dann aus?"

"Wenn ich aber nun dort drueben krank werde?" sagte der Meister leise.

"Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fuer ein Unglueck kann Niemand" -- warf dagegen Herr Weigel ein, "so koennt Ihr Euch auch schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender Mann."

"Es ist eine verwuenschte Geschichte mit dem Amerika," seufzte der Mann wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- "man hoert so viel davon, und sieht eine solche Masse Menschen hinueberziehen, die alle voller Hoffnung sind dass es ihnen gut geht -- und moechte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man nur erst so einmal hinuebergucken koennte wie es eigentlich aussieht."

"Dazu ist es ein Bischen zu weit," meinte Herr Weigel.

"Ja nun eben," sagte der Tischler -- "und so auf's gerathewohl -- "

"Das koennt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage Briefe von drueben herueber bekommen, von denen einer immer besser lautet als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinueberbefoerdert, und dem es jetzt ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief."

Leupold legte seine Muetze wieder hin, nahm den Brief und las ihn aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden Laecheln betrachtet hatte.

"Nun?" frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder zusammenfaltete -- "wie klingt das?"

"_Sehr_ gut" sagte Leupold leise, "aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn ich jetzt mein kleines Haeuschen, das ich mir mit Muehe und Noth zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; faende ich erstlich keinen Kaeufer, und dann bekaem ich auch das nicht dafuer wieder, was es mich selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser wie die Taube auf dem Dache."

"Bah, Taube," sagte Herr Weigel muerrisch -- "wenn die Taube auf dem Dach eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika ruhig liegt, und auf die wartet die hinueber kommen, so ist sie mir lieber wie ein erbaermlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu wenig; aber -- ueberlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftraeger -- 'was fuer mich?"

"Nun guten Morgen Herr Weigel," sagte der Tischler und wollte sich eben entfernen, waehrend der Brieftraeger dem Agenten mehrere fuer ihn gekommene Briefe ueberreichte.

"Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige" sagte er dabei.

"_Siebzehn_ Silbergroschen?" rief Herr Weigel verwundert -- "aha da ist ein Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold" -- da ist vielleicht gleich noch was fuer uns, und was ganz Neues -- wollen gleich einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den ich hinueber befoerdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber viel Geld -- "

"Apropos Neues," sagte Leupold, waehrend der Agent den Brieftraeger bezahlt hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief aufzuschneiden -- "haben Sie schon gehoert dass gestern Nachmittag bei Herrn Dollinger eingebrochen und fuer sieben tausend Thaler Gold und Juwelen gestohlen sind?"

"Alle Wetter," rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere in der Hand -- "gestern Nachmittag?"

"Am hellen Tage," bestaetigte Leupold.

"Und weiss man nicht wer der Thaeter ist?"

"Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon eingezogen," sagte der Tischler.

"Gewiss den Lossenwerder," rief Weigel.

"Ich glaube so heisst er -- er ist ein wenig verwachsen -- "

"Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden koennen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus reinem Brodneid; ich wuesste wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn dabei stark in Verdacht, dass er selber damit umgeht eine Agentur fuer Auswanderer zu errichten. Da koennte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe, ohne Connexionen und ohne Kenntniss vom Land -- schickte nachher die Leute in's Blaue hinein, dass sie dort saessen und nicht wuessten wo aus noch ein. Na nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich goenne nicht gern einem Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's dass sie's wenigstens herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?"

"So viel ich weiss nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber der Mann betheuert dass er sie sich gespart haette; es ist uebrigens Manches dabei zusammengekommen was ihn verdaechtig macht; das Naehere weiss ich freilich nicht."

"Hm, hm, hm," sagte Herr Weigel, kopfschuettelnd den Brief, den er noch immer in der Hand hielt, anschneidend -- "boese Geschichten -- boese Geschichten, was man nicht Alles hoert auf der Welt. -- Nun wollen wir also einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland -- ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm -- hm -- hm -- hm" -- Herrn Weigels Gesicht verlaengerte sich immer mehr, je weiter er in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectuere vorrueckte, aber er brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise hoechst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und murmelte, das Ganze nur fluechtig ueberfliegend, blos einzelne unzusammenhaengende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte, vor sich hin.

"Nun, was schreiben sie?" sagte dieser endlich laechelnd; er waere schon lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurueckgehalten haette -- "gute Neuigkeiten?"

"Bah!" sagte Herr Weigel, den Brief zurueck auf seinen Schreibtisch werfend -- "Jemand der seine Geschwister will hinuebergeschickt haben und mich ersucht das Geld fuer ihn auszulegen. Da muesst' ich schoene Capitale herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann suchen."

"Ne, das ist ein Bischen viel verlangt," sagte der Meister, wieder nach der Klinke greifend -- und diessmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurueck -- "aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlassen Sie sich darauf ich besorge Ihnen das heute noch."

"Sein Sie so gut," sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig geworden, und Meister Leupold verliess mit nochmaligem Gruss das Zimmer, in dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Haenden, aber keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf und ab ging.

"Und vierzehn Groschen bezahlt fuer den Wisch -- es ist eine Frechheit wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren." Und wieder riss er den Brief vom Pult, rueckte sich die Brille zurecht, und las mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar aufmerksamer durch als vorher.

"Sie nichtswuerdiger Hallunke" -- wenn ich Dich nur hier haette mein Bursche, dafuer solltest Du mir brummen -- "schaendlich betrogen und angefuehrt" -- wozu hat Dir denn der liebe Gott die grossen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie nicht aufsperren willst -- "Land eine Wueste" -- na versteht sich, ein Gewaechshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- "Haelfte gar nicht zu bekommen" -- Holzkopf -- "kein Mensch wollte die Billete nehmen" -- bah, geschieht Dir recht -- "Wohngebaeude zu schlecht fuer einen Hund" -- fuer Dich noch immer viel zu gut, mein Schatz -- "wenn Sie nur einmal herueber kaemen, Sie miserabeler" -- bah" -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger als schmeichelhaften Lectuere, indem er den Brief in zwei Haelften riss, und sich dann ein Streichhoelzchen mit einem Gewaltstrich an der Thuer entzuendete "so viel fuer den Wisch!" und das Papier anbrennend, warf er das auflodernde in den Ofen, und schloss die Klappe so heftig er konnte.

Allerdings wollte er sich nun ueber den Brief hinwegsetzen, aber geaergert hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drueckte er sich seinen Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verliess sein Bureau, das er sorgfaeltig hinter sich abschloss, und eine kleine Pappe mitten an die Thuer hing, auf der die Worte standen.

"Kommt um elf Uhr wieder."

Capitel 6.

DIE WEBERFAMILIE.

Nicht weit von Heilingen, und in Hoerweite der Domglocke selbst, in ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehoerten, sich kuemmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, ernaehrten. Das Dorf hiess eigentlich "Zur Stelle", welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Huelfe ihres Dialekts, zu dem von _Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreissig Haeuser und Huetten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von Kindern zaehlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, dass man in den aermlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.

Mitten im Dorf lag eins der besseren Haeuser; es war weiss getuencht, und hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weisse, reinliche Gardinen. Vor dem Hause, ueber dessen Thuere ein frommer Spruch mit rothen und gruenen Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Roehrtrog, und ein kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach aussen befestigten Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Ruessel eines seine Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhaeuser ab.

Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger sehr aermlich aus. In der einen Ecke stand ein grosser, viereckiger, sauber gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Waende waren Baenke aus dem naemlichen Material befestigt, und um den grossen viereckigen Kachelofen, der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene Kochgeraethschaften, waehrend auf darueber angebrachten Regalen die braunen Kaffeekannen und gebluemten Tassen gewissermassen mit als Zierrath zur Schau ausstanden. Die dritte Ecke fuellte der Webstuhl des Mannes aus, und dem gegenueber stand eine riesengrosse, braunangestrichene Kommode, mit Messinghenkeln und Griffen und fuenf Schiebladen, die, mit wirklich ruehrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelglaeser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift "der guten Mutter" -- ein Geschenk aus frueherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber allerdings sehr wenig benutztes Dintenfass trug, waehrend dahinter, in zwei ordinairen Stangenglaesern, in dem einen Schilfbluethenbueschel, und in dem anderen grosse stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer standen, zur Erinnerung an eine fruehere segensreiche Erndte.

Die Bewohner der kleinen Stube passten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch ruestige Frau, in die nicht unschoene Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sass und eifrig das Raedchen schnurren liess, waehrend die rechte Hand manchmal eine neben ihr stehende Wiege beruehrte, den darin ruhenden kleinen Saeugling, der immer wieder die grossen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die groebsten Stoffe gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fuessen mit einer kleinen Mulde auf dem ueber die Diele gestreuten Sand "Schiff" spielte.

Ausserdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil ihr das heutige nasskalte, unfreundliche Wetter froestelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmuethige, aber muerrische alte Frau, selten zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermuedlich darin, sich und ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben Gott taeglich zu bitten dass er sie doch bald zu sich naehme. Nur eine kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne laufen sehn; dann haette sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die Schule ging; dann war es Fruehjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem Pflaumenbaum die Fruechte kosten, den ihr "Seliger" noch gepflanzt. Wie der Herbst kam wuenschte sie im Fruehjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von denen sie sich eigenhaendig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit immer neuer, nie sterbender Kraft, und je aelter wir werden, desto mehr lernen wir die schoene Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.

Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause brauchten -- zum Ersatz dafuer hatte er das zweite Schwein, das sie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erloes sollte seine Ausgaben bestreiten.

Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die grossen schweren Tropfen schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstaendig munter und fing an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurueck, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit traellernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann indess ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst sprach keine ein Wort.

Endlich wurde die Hausthuer geoeffnet, Jemand kam von draussen herein, und strich sich die Fuesse auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hoerten gleich darauf wie der zurueckkehrende Vater und Gatte seinen grossen rothblauwollenen Schirm auf die Steine stiess, das Wasser so viel wie moeglich davon abzuschuetteln, und den Mantel auszog und ueber den grossen Schleifstein hing der draussen im Flur stand, wie er das gewoehnlich that. Die Frau oeffnete rasch die Thuer den Mann zu begruessen, der den Hut abnahm, sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kuesste, das sie ihm entgegenhielt.

"Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb," sagte sie dabei, als sie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, "komm nur herein, dass Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? -- ist er nicht bei Dir?" setzte sie, fast aengstlich, hinzu.

"Er ist draussen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht," sagte der Mann -- "wird wohl gleich kommen -- wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guss auf Guss -- Guss auf Guss, als ob sie uns unsere paar Stuecken Feld noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die Saat schon halb fortgespuelt -- wenn dasmal das Korn misraeth, weiss ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen soll."

"Klag nicht, Gottlieb," sagte aber die Frau freundlich -- "es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach ueber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versuendigen."

Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Roehre, in der, trotz der vorgerueckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, froestelnden Mutter wegen, und goss den darin heiss gehaltenen Kaffee -- sie nannten das braune Getraenk von gebrannten gelben Rueben und Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draussen im Regen herumgezogen war, daran erquicken koenne. Zugleich auch deckte sie ein weisses Tuch ueber den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versaeumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goss, und schnitt sich ein grosses Stueck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurueck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster hinueber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draussen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.

Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine "verdriesslichen Stunden" und war dann, wenn gestoert, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst ueberkam sie ploetzlich. Ihr aeltester Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.

"Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist ihm doch nicht etwa ein Unglueck geschehn?"

"Der Hans?" sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, "was faellt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestossen sein? ich habe Dir ja gesagt dass er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird."

"Ich weiss nicht," sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewaelzt wurde -- "aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ueber den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? -- "

Gottlieb schuettelte den Kopf langsam und sagte. -- "Nicht dass ich wuesste -- nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfaellt -- Geld zahlen."

"War es denn so viel?" sagte die Frau leise und schuechtern.

Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:

"Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Processgeschichte mit der Brueckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muss sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfaendung."

"Nun lieber Gott," sagte die Frau troestend -- "wenn das das Schlimmste ist, laesst sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben ueberhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben koennen als die."

"Ja," sagte der Mann leise und still vor sich hin bruetend -- "verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stueck nach dem anderen, und waehrend wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergroessern, und fuer ihre Kinder etwas zuruecklegen koennen, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Mueh und Plack das ganze Jahr lang."

"Aber kannst Du's aendern?" sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn stuetzend vor sich nieder starrte, schuechtern fort -- "arbeitest Du nicht von frueh bis spaet fleissig und unverdrossen? goennst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine noethige Beschaeftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?"

"Nein," sagte der Mann, waehrend er die Hand auf den Tisch sinken liess und die Frau voll und fest ansah -- "nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frisst. Wir koennen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kraeftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurueck, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber aelter werden und nicht mehr so zugreifen koennen wie jetzt? -- Schon jetzt koennen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort muessen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Beduerfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?"

"Aber Gottlieb," sagte die Frau freundlich -- "wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?"

Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespraech aufmerksam zugehoert; dabei schuettelte sie fortwaehrend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:

"Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Maeuler kommen -- mehr Maeuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt dass ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache -- schlagt mich todt."

"Mutter," bat die Frau, in Todesangst dass sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun wuerde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kraeften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- "wie duerft Ihr nur so etwas reden; versuendigt Ihr Euch denn nicht?"

"Wir haben noch genug fuer uns Alle Mutter," sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte -- "nur fuer spaetere Zeit ist mir bange; Sie aber waeren die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Juengeren fuer ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden."

Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.

"Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trueben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nuetzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir duerfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kuemmern um den "naechsten Tag."