Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 8
"Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinueber," sagte der zweite von den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei verlegen hinter den Ohren kratzend -- "wir wollten uns nur erst einmal hier erkundigen ob denn das auch wirklich da drueben so ist, wie es jetzt immer in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinueberzugehn und zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar hundert Morgen Land haben will."
"Ja wenn man Geld hat," lachte Herr Weigel.
"I nu -- Geld haetten wir," sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.
"Ich bin Ihnen sehr dankbar," unterbrach den Sprecher hier der junge Mann, der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt hatte. "Bitte," sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich weiter um ihn zu bekuemmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:
"Guten Morgen meine Herren" empfahl.
"Adje Herr -- Herr Schnellig," rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her, ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, waehrend die Bauern freundlich den Gruss in ihrer Art erwiederten.
"Wer war der junge Herr?" frug der erste Sprecher aber, als er die Thuer rasch hinter sich in's Schloss gedrueckt.
"Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinueber moechte," sagte Herr Weigel -- "er thut zwar als waer' es nur fuer einen armen Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle Wochen vor."
"Umsonst mit nach Amerika?" sagte der erste Sprecher verwundert, "_der_ sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja _so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem -- "
"Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber angestrichen," lachte Herr Weigel, "aber inwendig, in den Taschen, da hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon oben auf erkennen, ob der Lack aecht, oder blos nachgemacht ist, hehehe."
"Bei dem war er wohl nachgemacht?" sagte der zweite Bauer, dem Anschein nach gerade nicht unzufrieden damit, dass der "glatte Stadtmensch" nicht so viel galt wie sie, und dass der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch laenger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, dass er von ihm keinen Nutzen haben wuerde, und er suchte das Gespraech wieder dem mehr praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.
"Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche Farm, gleich mit Land, Vieh, Haeusern und was dazu gehoert, ankaufen heh? -- 'waer keine so schlechte Idee."
"Ja erst moechten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;" sagte der Erste wieder, der Menzel hiess, "wenn man ueber einen Zaun springen will, ist es viel vernuenftiger dass man erst einmal hinueber guckt was drueben ist, und wenn man das nicht kann, dass man Jemanden fragt der es genau weiss. Sind denn die Farmen da drueben wirklich so billig? -- ist das wahr, dass man dort noch gutes frisches Land fuer ein und einen Viertel Thaler kaufen kann?"
"Thaler? -- nein," sagte Herr Weigel, "_Dollar_." "Ja nun, das ist aber auch nicht viel mehr," meinte der Zweite, Mueller.
"Nun ein Dollar ist ungefaehr ein Speciesthaler," sagte Herr Weigel -- "lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 121/2 Silber- oder Neugroschen."
"Nu ja," sagte Menzel wieder, "das ist aber immer kein Geld -- und fuer tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehoert?"
"Ich habe hier gerade," sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, "ein paar Anerbietungen von hoechst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern -- die mir Farmen zu hoechst maessigen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen da drueben dass hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plaetzen erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo hab' ich denn die verwuenschten Plaene jetzt hingelegt -- ah, hier ist der eine -- sehn Sie, Gebaeude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder gezeigt, der gar nicht uebel Lust hatte eine davon fuer sich zu kaufen -- da ist er."
Die drei Bauern draengten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr Weigel die Plaene jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was darauf staende.
"Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus?" sagte Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- "aus der Geschichte hier wird man nicht klug."
"Ja sehn Sie," sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklaerend, und den angegebenen Zahlen folgend, "das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein Doppelgebaeude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen, des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen "Baumwollenbaeume" angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebaeude, bis jetzt zu Negerwohnungen benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben; Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenuebersteht, und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu liegt, abschliesst.
"Und welcher Fluss ist das?"
"Der Missouri, einer der groessten Stroeme Amerika's, ueber eine englische Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine Herren, von den dortigen Stroemen koennen wir uns hier gar keinen Begriff machen."
"Hm -- und wieviel Land gehoert dazu?"
"Dazu gehoert ein "Died" von 40 Acker, was frueher als Congressland gekauft und schon bezahlt ist, und natuerlich mit uebernommen wird, und um den Platz herum kann noch so viel Congressland dazu genommen werden, wie man haben will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht ist, muessen natuerlich hoeher bezahlt werden."
"Und was soll die ganze Geschichte kosten?" frug Mueller. -- Der dritte, dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen Verhandlung gesagt.
"Die ganze Geschichte," erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, "wie ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle ueberlassen kann, mit Haeusern und Grundstueck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht einigen achtzig Stueck Rindvieh, und fuenfundfunfzig oder sechzig Schweinen, wuerde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen -- "
"Und das waere nach unserem Geld?" sagte Menzel, Mueller dabei heimlich unter dem Tisch anstossend -- "
"Nach unserem Geld?" wiederholte Herr Weigel, mit einem Stueck dort liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend -- "wuerde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ueber 1400 Thlr. Preuss. Courant betragen."
"Wieviel Stueck Rindvieh?" sagte Mueller.
"Einige achtzig Stueck sind angegeben," sagte Weigel, "und muessen auch ueberliefert werden; aber gewoehnlich sind es noch mehr, denn das Vieh laeuft draussen im Freien herum und bekommt Kaelber und man weiss es oft nicht einmal -- die Kaelber werden ueberhaupt nie mitgezaehlt."
"Und die Passage hinueber kostet?" frug Menzel --
"Zwischendeck oder Cajuete?"
"Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist," lachte Menzel, und strich sich wohlgefaellig ueber die silbernen Knoepfe.
"Ja, kann mir's denken," rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und ihn leise gegen den Arm von sich stossend -- "Sie sehn mir auch gerade aus, als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankaeme."
"Ja, wo man's kann muss man's zusammennehmen," betheuerte aber auch Mueller -- "also wieviel kostet's im Zwischendeck a Person?"
"Vierundvierzig Thaler fuer die Person -- Kinder zahlen die Haelfte."
"Aber ganz kleine Kinder?" sagte Mueller.
"Nun Saeuglinge gehen ein," lachte Herr Weigel, "das ist die Beilage, die doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen."
"Leichten Zwieback?" frug Menzel.
"Ja wohl," sagte Herr Weigel, etwas verlegen laechelnd, da er nicht wusste ob der Bauer das im Spass oder Ernst gemeint -- "wie viel Personen sind Sie denn aber wohl etwa?"
"Nu, so eine sechzig moechten wir immer zusammen herausbekommen," meinte Mueller --
"Aber Alle auf ein Schiff muesstet Ihr uns bringen," sagte Menzel.
"Nun das versteht sich von selbst," rief Herr Weigel, und ein famoses Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von Bremen und Hamburg ueberhaupt laeuft -- die Diana."
"Ne das waer' uns noch zu frueh -- "
"Am ersten naechsten Monats geht ein noch besseres," sagte Herr Weigel -- "wenigstens geraeumiger und ein besserer Segler."
"Ne das waer' uns auch noch zu frueh," sagte Menzel.
"Gut, dann traefen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor," versicherte Herr Weigel, keineswegs ausser Fassung gebracht; "ich wollte Ihnen den im Anfang nicht anbieten, weil ich fuerchtete dass Sie frueher zu reisen wuenschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen allerdings die vorzueglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur ueberhaupt denken laesst."
"So -- na das passte schon besser -- " sagte Mueller -- "wie hiess das Schiff gleich?"
"Meteor."
"Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir die Passage doch auch was billiger."
"Ne, das geht nicht," lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; "es ist ja nicht so, dass ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie darauf Platz haben, sondern es muss auch genug Raum, und ueber und ueber genug Essen und Trinken fuer sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in einem ungluecklichen Fall laenger dauerte als gewoehnlich. So ein Schiff hat deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder werden eingegeben, aber die grossen muessen bezahlen. Und wie war's mit der Farm?"
"Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehoert?" sagte Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran bekommen zu koennen.
"Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so grosser Strom dabei," sagte Herr Weigel -- "ist aber auch billiger. Dort kann ich Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kuehen, fuer etwa siebenhundertundfunfzehn Dollar ueberlassen, und dann habe ich noch fuenf andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwoelfhundert Dollar -- die letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem Schweizervieh, und Backsteingebaeuden, und einer prachtvollen Lage Milch und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber auch freilich wohl zu theuer sein?"
"Zu theuer? -- warum?" sagte Menzel -- "wenn man sich einmal etwas kauft, soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir uebrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen, und gedacht, dass man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld verreisen muesste. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann, ist das ja weit bequemer."
"Auf eins moechte ich Sie uebrigens noch aufmerksam machen, meine Herren, was Sie ja nicht versaeumen duerfen," sagte Herr Weigel -- "naemlich sich hier gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer wollen, zu loesen.
"Von Neu-York aus?" sagte Menzel verwundert.
"Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt."
"Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?" frug Mueller.
"Gewiss kann man das," laechelte Herr Weigel, "und das ist gerade der ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von der Thuer seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne dass er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht, als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das Reisen jetzt so billig, dass man mit _einem_ Blick im Stande ist saemmtliche Kosten zu uebersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg."
"Das waere freilich ein Glueck," sagte Mueller, von dem erst vor einigen Monaten ein Bruder "hinueber" gegangen war -- "die Extra-Ausgaben fressen sonst das meiste Geld."
"Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen," sagte Herr Weigel, sich wieder vergnuegt die Haende reibend.
"Und wo kann man die Billete also bekommen?" frug Menzel.
"Bei mir hier, versteht sich," sagte Herr Weigel -- "alle bei mir."
"Und die gelten dann drueben?"
"Nun versteht sich doch von selbst," lachte der freundliche Agent, "ich wuerde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die Deutschen hinueber kommen, dann sprechen sie gewoehnlich noch kein Englisch -- oder haben Sie das etwa schon gelernt?"
"Ne -- "
"Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu machen wissen, tuechtig ueber's Ohr gehauen, und muessen gewoehnlich gerade noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.
"Aber es soll doch eine "Deutsche Gesellschaft" drueben in Neu-York sein," sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den Mund aufthat -- "die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafuer verlangt."
"Leben wollen wir _Alle_," sagte Herr Weigel achselzuckend -- "umsonst ist der Tod, und dass die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fuer die Deutschen zu sorgen, auch etwas dafuer nehmen werden, laesst sich wohl an den fuenf Fingern abzaehlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute _brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen; lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich demselben schwierigen und undankbaren Geschaeft unterzogen haben wie ich, und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden Sie wohl schwerlich finden, und ich ueberrede gewiss Niemanden nach Amerika auszuwandern. Jeder Mensch muss seinen freien Willen haben, und auch am Besten selber wissen was ihm gut ist."
"Ne gewiss," sagte Menzel -- "da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst thut da gewiss Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie nicht 'raus."
"Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?" sagte Mueller.
"Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafuer dass sie nicht allein aecht sind, sondern dass die hier in Deutschland geloesten Plaetze auch noch den Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der laengsten Station haben einschreiben lassen, den Vorrang behalten muessen vor denen die nachher kommen.
"Ahem, das ist klar," sagte Menzel; "na also da daecht' ich liessen wir uns gleich einmal Plaetze belegen und gaeben das D'raufgeld, damit wir die Sache richtig haetten, und nachher koennen wir ja einmal ueber die Farmen sprechen; ich habe verwuenschte Lust."
"Du, das hat noch Zeit," sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke zupfend; "erst muessen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause ueberlegen."
"Wenn aber nachher die Plaetze auf dem ganz guten Schiffe fort sind," sagte Mueller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.
"Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafuer," versicherte Herr Weigel die Achseln zuckend, dass sie beinah seine Ohrlaeppchen beruehrten.
"Na mein'twegen," sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrueckte -- "aber von wegen der Farm muessen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm kriegen wir auch noch immer."
"Ja aber was fuer eine," sagte Herr Weigel.
Brauhede blieb uebrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur wenigstens darauf die beiden Plaene einmal mitzunehmen, damit sie sich zu Hause ordentlich hinein denken koennten. Wenn auch Herr Weigel sie im Anfang nicht ausser Haenden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht uebel Lust die eine Farm fuer sich selber auf Spekulation zu kaufen, liess er sich doch zuletzt ueberreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die Plaene zu ueberlassen, und dann das Weitere ueber den Ankauf mit einer zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.
Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fuer siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die saemmtlich aus _einer_ Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen Berathung mit den beiden anderen, die noethigen Billete auf der Eisenbahn von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, dass sie ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder andere bekommen wuerde, waehrend die Anfrage darnach sehr stark waere.
Ausserdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochueren, die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas _ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei Maenner verliessen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf den Markt fuehrende Thuer begleitet, das Haus.
"Hoere Du," sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der Strasse waren, und langsam ueber den Markt weggingen, "mit dem Landkaufen wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf."
"Nicht in den Kopf?" rief aber Menzel -- "und warum nicht? -- der Mann bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort zu verkaufen ist?"
"Wenn's aber so gut und billig waere, brauchten sie's doch nicht hier herueberzuschicken," meinte Brauhede kopfschuettelnd.
"Das ist Alles was Du davon verstehst," sagte Mueller, "Amerikaner koennten sie gewiss genug zu Kaeufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die ihnen zeigen wie man das Land behandeln muss, und darum schicken sie herueber -- die sind froh drueben, wenn unsereins hinueber kommt.
"Nun, mag sein," brummte Brauhede -- "aber sicher ist doch sicher, und wenn ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher waere die Geschichte aber faul."
"Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel," sagte der Andere, "der sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansaessig und hat ein Geschaeft; was der verkauft das muss gut sein, sonst waer' er ja gar nicht sicher dass man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte."
"Ja krieg' ihn einmal wenn Du drueben in Amerika bist," sagte Brauhede ruhig -- "das ist ein verwuenscht weiter und umstaendlicher Weg und -- wenn man sich einmal hat anfuehren lassen, will man auch nicht gern noch dazu ausgelacht werden."
"Papperlapapp!" sagte Menzel -- "dafuer hat Jeder seine Augen dass er sie offen haelt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon sicher stellen dass er mir Nichts aufbindet."
Und die Maenner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken ueber die nahe Auswanderung beschaeftigt, langsam die Strasse hinunter, waehrend in seinem kleinen Bureau, vergnuegt die Haende zusammenreibend, Herr Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die naechst zu ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschaefte gingen vortrefflich; Lust zur Auswanderung hatte in der That ein Drittel der saemmtlichen Bevoelkerung, und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen gewesen waren.
Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Haende auf den Ruecken und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend. Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht hoerte was er sang, genuegte es ihm vollkommen.
Die Thuer ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne dass der vergnuegte Agent darauf geantwortet haette.
"Guten Morgen Herr Weigel."
"Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein paar Mal nach Ihnen hinuebergeschickt -- "
"Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drueben beim Herrn Geheimen Rath Baerlich beschaeftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit fort geht -- "
"Sehn Sie, hier das Bein moecht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal wieder. Koennen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?"
"Ja gewiss," sagte der Mann, "das ist ja nur eine Kleinigkeit."
"Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden die bis heute Abend fertig?
"Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus "Stadt Breslau," wie Sie mir sagten, abgeliefert."
"Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen, und will morgen frueh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer heute Morgen hier eingetroffen? -- "
"Nicht dass ich gesehen haette -- aber gestern Abend zogen Viele durch."
"Ja ich weiss -- von Hessen herueber -- die armen Teufel; denen wird's einmal wohl drueben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschaefte jetzt?"
"Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird freilich immer theuerer, aber man schlaegt sich so durch -- Kinder haben wir nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus."
"Ich begreife nicht," sagte Herr Weigel da kopfschuettelnd vor dem Mann, der seine Muetze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen anschickte, stehen bleibend -- "wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in ein paar Wochen drueben sein koenntet und so viel Dollare fuer Euere Arbeit bekaemt, wie hier Groschen.
"Drueben, wo?"
"Nun in Amerika -- "
"Hm, ja," sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen leichten Seufzer unterdrueckend -- "gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache mit da drueben. Hier weiss ich einmal was ich habe und dass ich auskomme, und wie mir's da drueben geht weiss ich _nicht_."
"Aber Freund," rief Herr Weigel verwundert -- "ein Mann der fleissig arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika ist gerade der Platz fuer Euch, wo Ihr Euch ruehren und ausbreiten koenntet -- wenn Ihr dort waeret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fuenf Jahren haettet Ihr zwanzig Gesellen."
"Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden still vor sich nieder, als ob das Bild mit der grossen Werkstaette und dem regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne, dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend -- "
"Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause, die ich unmoeglich hier allein zurueck lassen koennte -- "