Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 7

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Der Fluss war indess hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich belebten Strasse fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Bruecke in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den niedertreibenden Koerper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und gefasst, und von kraeftigen Armen wurde derselbe an die Oberflaeche gehoben und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts geschadet hatte, war der Unglueckliche doch durch den Sturz, in dem er wahrscheinlich durch das Zurueckhalten seines Rockes gegen einen der Brueckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde blutete stark, und die Maenner trugen den Bewusstlosen zuerst auf die Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen Arztes, in die Charite.

Capitel 5.

DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.

Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen auslaufenden Gaesschens, stand ein ziemlich grosses, gruen gemaltes und gewiss sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stuetzbalken geschnitzt, und mit wunderlichen Koepfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren, und sich so weit dabei nach vorn ueberneigten, dass es ordentlich aussah, als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach naechstens einmal ohne weitere Meldung nach vorn ueber, und gerade mitten zwischen die Toepfer und Fleischer hineinspringen wuerde, die an Markttagen dort unten ihre Waare feil hielten.

Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen Waarenstaenden und Laeden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen Jahren ein Kaufmann oder Kraemer in Besitz, der sich zu seinen Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Gruetze &c. auch noch in der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu verschaffen gewusst, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust so ueberhand nahm, solch brillante Geschaefte machte, dass er die Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem aeltesten Sohn uebertrug, und fuer sich selber nur ein kleines Stuebchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus, behielt, ueber dessen Thuere ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt prangte. Dies Schild verdient uebrigens mit einigen Worten beschrieben zu werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es anstaunten.

Es war ein breites, laenglich viereckiges Gemaelde, ein grosses, dreimastiges Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten Kueste naeherte. Die See selber war hellgruen gemalt, mit einer Unmasse von sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen wackerer Kiel schaeumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas laenglich auslaufende Rumpf, presste eine grosse gruen und weiss gestreifte Welle vorne auf, die sich wie eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und weisser Bremer Flagge hinten an der Gaffel, stroemten und flatterten lustig nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen ueberfluegelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestaetigend, und mit sehr hellgelben und sehr breitraendigen, rothbebaenderten Strohhueten auf, waehrend hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand. Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiss nur er und Gott; er muesste denn gemeint haben dass der Capitain, wie frueher Neptun, das Meer beherrsche. Uebrigens war es auch moeglich dass er fischen wolle, und sich mit dem Fernrohr nur eben den staerksten und fettesten der ihn reichlich umschwimmenden Fische ausgesucht habe.

Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestuecks bildete ein schmaler Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kueste, an der eine Anzahl pechschwarzer, nackter Maenner standen, die nur einen gelb und blauen Schurz um die Huefte und einen gruenen Busch in der Hand trugen. -- Diese sahen uebrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon sehnsuechtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft haetten, und nun die Zeit nicht erwarten koennten dass die Fremden an Land stiegen, damit sie geschwind fuer sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen duerften.

Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thuer, wie sogar noch an dem innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen anzupreisenden Plaetze fuer Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener Kolonien und Ansiedlungen, wohin ueberall die besten kupferfesten Schiffe Aš, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem gluecklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der That zu einer Vergnuegungsfahrt machen muesse und wuerde.

Weigel, wie der Eigentuemer dieser "auslaendischen Versorgungsanstalt" (ein Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hiess, war ein dicker, vollgenaehrt und bluehend aussehender Mann, ungefaehr sechs bis achtunddreissig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnuerter Cravatte, was seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gross, blau und ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Laecheln aber, das oft, und besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zuege jene scheinbare Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ueber Andere, wenn mann es ihnen gestattet, anzumassen wissen. Ganz vorzueglich wusste er diese Miene anzunehmen, wenn er ueber Amerika, oder irgend einen ueberseeischen Fleck Landes sprach, ueber dem fuer ihn ein gewisser heiliger und unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen das Gesagte zu hegen wagte. Er schwaermte besonders fuer Amerika, und es gab deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen groesseren Luegner in der Stadt, als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken laesst, grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine Gelegenheit dazu fand.

Weigel bekam, wie das gewoehnlich bei den Agenturen der Schiffsbefoerderung ueblich und der Fall ist, fuer jede Person die er einem Bremer oder Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt "fuer den Kopf" und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbuerger sowohl wie saemmtliche uebrige Bewohner Deutschland's, in solche ein "die Energie hatten," d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen "Platz nach Amerika" besorgen liessen, wo sie nachher drueben selber sehn konnten wie sie fertig wurden, und in solche, die "im alten Schlendrian hinkrochen, und hier lieber verfaulten, ehe sie einen maennlichen entscheidenden Schritt thaten, ihrer Existenz auf die Beine zu helfen." Jeder der hier blieb betrog ihn aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, dass er vor einem solchen Menschen keine Achtung haben konnte.

Er selber kannte die Verhaeltnisse Amerika's nur aus Buechern die das Land lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufaellig in die Hand, so warf er sie auch gewiss mit einem Kernfluch ueber den "nichtswuerdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Luegen zusammengeschmiert" in die Ecke. Sein groesster Aerger war aber jedenfalls -- und so regelmaessig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er der haeufigen Annoncen wegen halten _musste_, und das ebenso regelmaessig kleine gehaessige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie ueberhaupt gegen Alles brachte, was sich frei und selbststaendig bewegte.

Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den "kleinen erbaermlichen Doctor" zu pruegeln, und sehr vielen Leuten wuerde er dadurch ein grosses Vergnuegen bereitet haben; aber er unterliess es doch jedesmal auch wieder, wenn sich ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mussten jedenfalls schon einmal frueher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von einander wissen als Beiden zutraeglich war, und ein solcher Bruch waere da nicht raethlich gewesen.

Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und achtbarer Buerger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wuehlte er seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochueren aus anderen Buechern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein langsames Gift, das er in manche friedliche und glueckliche Familie warf, ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und waehrend es die Leser anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Buendel zu schnueren und jenen herrlichen Laenderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem murmelnden Bache gleichen wuerde, der zwischen Blumen dahin fliesst, fuellte er ihre Koepfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen ungluecklich. In der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit maessigen Anspruechen, wirklich Manches geboten haben wuerde was ihre Lage, im Vergleich mit dem alten Vaterland gebessert haben koennte, fanden sie sich jetzt ploetzlich in all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectuere eingesogen, enttaeuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man ihnen gemacht, hielten sich fuer schlecht behandelt und ungluecklich, und verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegruendeter Verzweiflung, wobei sie den Mann verwuenschten, der sie hierverlockt, und sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fuer den richtig abgelieferten "Kopf" bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frueher Befoerderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen schwammen und "unter Palmen wandelten."

Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas dumpfen und nicht ueberhellen Stuebchen, dessen eines breites Fenster mit durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, waehrend die Waende durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und Gasthaeusern, Plaenen von neuangelegten Staedten oder zu verkaufenden Farmen fast voellig bedeckt hingen. Er sass an einem hohen, ziemlich breiten Pult, das einen maechtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen taeglichen Aerger, das Tageblatt, als es an die Thuer klopfte, und auf sein lautes "Herein" ein junger, sehr anstaendig, aber trotzdem etwas aermlich gekleideter Mann das Zimmer betrat.

"Herr Weigel?" sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.

"Bitte -- ja wohl," sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hoehe schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's Auge zu fassen -- "womit kann ich Ihnen dienen?"

"Sie befoerdern Passagiere nach Amerika?"

"Nach Amerika? -- denke so, hehehe," lachte Herr Weigel, sich vergnuegt die Haend reibend, "habe schon ganze Colonien hinueber geschafft, Maenner und Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drueben in der Wolle und schreiben einen Brief ueber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos mit zwei tausend Dollarn hinuebergegangen und hat schon eine eigene Farm, achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stueck Rindvieh, einige sechzig Schweine, fuenf Pferde und will jetzt eine Schaeferei anlegen -- schreibt an mich ich soll ihm einen Schaefer hinueber schicken, aber einen der die Sache aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an -- bitte lesen Sie einmal den Brief."

"Sie sind sehr freundlich Herr Weigel," sagte der junge Fremde mit einem verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- "aber der Brief wuerde gerade nicht massgebend fuer mich sein, da ich mich gegenwaertig nicht in den Verhaeltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die Passagierpreise jetzt theuer?"

"Theuer? spottbillig," lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurueck auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch bereit zu haben; "spottbillig sag' ich Ihnen, man koennte wahrhaftig auf dem festen Land nicht einmal dafuer leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich weiss wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muss eben die rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt woechentlich, ja fast taeglich hinueber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fuer Menschen auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das Amerika."

Und wie viel betraegt die Passage nach dem _naechsten_ Hafen der Vereinigten Staaten, wenn ich fragen darf, fuer -- fuer eine erwachsene Person und ein Kind?"

"_Naechsten_ Hafen? -- hehehe, fuerchten sich wohl vor der Seekrankheit? lieber Gott, daran gewoehnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt, hat neulich einen Artikel ueber die Seekrankheit gebracht den er wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und weh zu Muthe werden muesste; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das Auswandern zu verleiden. Sie moechten sie gern hier behalten, damit sie sie nur recht ordentlich plagen und schinden koennen, weiter Nichts; davor braucht sich kein Mensch zu fuerchten."

"Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen."

"Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal" -- sein Blick fiel auf die Glacehandschuhe und die schneeweisse Waesche des Fremden, dessen etwas abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen konnte, oder auch uebersah -- "der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?"

"Segelschiff."

"Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajuete vier und achtzig Thaler Gold."

"Und die -- die billigeren Plaetze?"

"Billigeren Plaetze -- zweite Cajuete oder Steerage fuenfundsechzig Thaler Gold -- "

"Und Zwischendeck?" sagte der Fremde leise und verlegen.

"Zwischendeck wuerde ich Ihnen nicht rathen," meinte Herr Weigel, seine Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; "besonders wenn man eine Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten."

"Aber Sie koennen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?"

"Ja wohl, mit dem groessten Vergnuegen -- Zwischendeck nach New-York kostet -- warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Haeusern. Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold."

"Vierundvierzig Thaler?"

"Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen, weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen koennen fuer die Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fuer Leute uebersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt gerade gluecklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab, die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur moeglichen Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet."

"Ich danke Ihnen fuer jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel," sagte der junge Mann -- "ich muss doch nun erst mit meiner Frau Ruecksprache ueber diess nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee ueberhaupt gekommen auszuwandern; aber -- noch eine Bitte haette ich an Sie," und er drehte dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den Fingern -- "

"Ja? womit koennte ich Ihnen dienen?" frug Herr Weigel.

"Koennten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe einmal irgendwo gelesen dass das manchmal geschaehe -- auch Leute -- Passagiere mitnaehmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten duerften und also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?"

"Keine Passage zahlen?" sagte Herr Weigel, die Lippen vordrueckend und die Augenbrauen in die Hoehe ziehend, waehrend er langsam und halb laechelnd mit dem Kopfe schuettelte -- "keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so wie heissen Sie denn gleich -- "

"Eltrich," sagte der junge Mann etwas zoegernd --

"So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen; das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte eigentlich zusammenhaelt, Amerika und Europa und die umliegenden Dorfschaften, heh, heh, heh."

"Aber wenn nun irgend ein armer Teufel," fuhr der Fremde etwas lauter, fast wie aengstlich fort -- "irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben auf eine Reise nach Amerika gesetzt haette, und bestimmt wuesste dass er dort, wenn auch nicht gerade sein Glueck machen, doch sein Auskommen finden wuerde? -- "

"Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er muss bezahlen," unterbrach er sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden gesprochen, "er muss bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit ueber See."

"Und Sie glauben nicht dass da jemals eine Ausnahme stattfinden duerfte?" sagte Herr Eltrich -- "es werden doch Leute auf See gebraucht zu den nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine muessen gewiss dafuer _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erboete alle diese Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste Matrosenkost zu machen, sollte das nicht moeglich sein zu erlangen?"

"Lieber Herr," sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als ob er mit dem Fremden da kein besonders grosses Geschaeft machen wuerde, und der anfing ungeduldig zu werden, "zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff bald so herueberschlenkert und bald so" -- und er begleitete dabei seine Erklaerung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade aufgehaltenen Hand -- "da muessen die Leute fest stehen koennen wie die Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen."

"Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er sich doch nicht am Ende bewegen liess; oder" -- setzte er rasch hinzu, wie von einem ploetzlichen Gedanken ergriffen, "wenn man sich nun verbindlich machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen -- sie dort abzuverdienen?"

"Ja da koennte Jeder kommen," sagte Herr Weigel kopfschuettelnd, "wenn die Leute erst einmal drueben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies Land da drueben, Herr Wellrich, und da koennte man nachher jedem Einzelnen nachlaufen, und sehen dass man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, moechte mich nicht auf solch eine Quaengelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch kein rundes Geschaeft."

"Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern forthelfen wuerde," sagte Herr Eltrich erroethend -- "er ist sehr fleissig und wuerde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ueber."

"Ja das glaub' ich," meinte Herr Weigel gleichgueltig -- "versprechen thun die Art Herren gewoehnlich Alles was man von ihnen haben will."

"Koennten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder Rheders geben, der bald ein Schiff hinueberschickt," sagte der junge Fremde, sich schon wieder zum Gehen ruestend -- "wenn ich vielleicht selber einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belaestigen."

"Ja, schreiben koennen Sie," sagte Herr Weigel, "hehehe; aber Sie werden keine Antwort bekommen; darauf koennen Sie sich verlassen. Die Leute da haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fuer den sie noch umsonst die Kost hergeben muessten, in eine Correspondenz einzulassen; kann ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken."

"Und die Adresse?"

"Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie wollen, koennen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da hinten, auf der letzten Seite stehen sie."

Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite und rueckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen nothwendigen Brief zu schreiben haette.

Wieder klopfte es da an die Thuer, und diessmal, ohne ein ermunterndes "Herein" zu erwarten, oeffnete sie sich, und drei Bauern, denen die grossen silbernen Knoepfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die jedoch ganz nach ihrem alten baeurischen Schnitt gemacht waren, etwas ungemein solides gaben, traten, die Huete erst unter der Thuer und schon im Zimmer abziehend, herein, und gruessten die beiden Leute die sie hier beisammen fanden, mit einem herzlichen "Guten Morgen miteinander."

Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wussten wesshalb sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines groessern Trupps, oft einer ganzen "Schiffsladung voll" die aus ein und derselben Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indess vorausgeschickt hatte, Platz fuer sie zu bestellen. Wie der Blitz war er denn auch von seinem Stuhle herunter, schuettelte ihnen nacheinander die Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefuehrt.

"Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?" sagte da der Eine von ihnen, eine breitkraeftige, sonngebraeunte Gestalt mit vollkommen lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmuethigen vollen und frischen Zuegen, dem das Ganze uebrigens etwas fremd und unheimlich vorkommen mochte, denn er warf den Blick waehrend er sprach wie scheu von einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu zwingen zu muessen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.

"Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht," laechelte Herr Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ueber die vielleicht ein wenig plumpe Anrede.

"Nicht?" sagte der Bauer rasch und erstaunt -- "aber hier haengen doch all die vielen Schiffe."

"Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinueber _wollen_," sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte dass sich der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natuerlich einzugehen wuenschte."