Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 6
"Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht noe -- noe -- noe -- noe -- noe -- noethig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he."
"Ih nun wer weiss was Einem noch Alles bevorsteht," unterbrach ihn Kellmann -- "hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Ruedesheimer; der Duft hat mir Appetit gemacht."
"Hallo Lossenwerder bei einer Flasche Ruedesheimer," rief aber jetzt noch eine andere Stimme aus dem naechsten Stuebchen, wo ein paar junge Kaufleute bei ihrem Glase zusammensassen -- "da muessen wir auch dabei sein; Lossenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt -- haben Sie was in der Lotterie gewonnen?"
Die jungen Leute, die Kellmann und Lossenwerder begruessten, kamen mit ihrer Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer verlegener werdenden kleinen Mann anstossend und trinkend. Denen gesellten sich aber noch bald darauf Andre zu; Lossenwerder war in der ganzen Stadt bekannt und oft auch, seiner koerperlichen Maengel wegen, zum Besten gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben haette; so wurde denn diese freilich gezwungene Zurueckhaltung endlich fuer Gutmuetigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig gefallen liess, und was die schaerfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich muede wurde, den sich nicht Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden liess. Aber in des Verwachsenen Betragen aenderte das Nichts; abgestossen und verhoehnt -- in nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Beruehrung kam, zog er sich mehr und mehr in sich selbst zurueck, ging, ausser den noethigen Geschaeftswegen und ausser der Geschaeftszeit, fast nirgends hin, und lebte so einfach, ja fast duerftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_ Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch Niemand gesehn, und die Gaeste dort, die ueberdies keinen weiteren Zweck da hatten als sich zu amuesiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem kleinen "Stotterberg", wie er spottweis, seines Stotterns und Hoeckers wegen genannt wurde, am Besten thun zu koennen.
Im Anfang wollte sich Lossenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen, denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und musste mit ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte kraeftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern jagen. Nun sollte er erzaehlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde, mit der schwereren Zunge, kaum verstaendlich, bis Einer, im Spott eben, auf den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Lossenwerder weigerte sich erst ganz verschaemt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit Lachen und Toben, waehrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss wuerdig zu feiern, raeusperte sich Lossenwerder ploetzlich und stieg, von dem Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdraengenden Gaeste, auf einen Stuhl.
[Capitel 4]
Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrueppelte Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Toenen, die zum innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit fortgerissen, dieses also begann:
"Ich habe schon zu oft geschaut In Deiner Augen Glanz, Du Holde, Auf meine Kraft zu fest vertraut, Viel mehr, als ich vertrauen sollte.
Doch nein, fuer Dich Geliebte sind Des Lebens schoenste, reinste Bluethen, Von keinem Schmerz getruebt, bestimmt, Und was koennt' ich dafuer Dir bieten?
Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz; Doch nimmer sollst Du es erfahren -- Ich kann, wie frueher, meinen Schmerz In tiefer, innerer Brust bewahren.
Sei gluecklich! -- wenn auch ohne mich, Ich will Dich lieben, aber schweigen Und mein Gebet nur soll fuer Dich Empor, zum Thron des Hoechsten steigen.
Wenn dann mein Herz im Grabe liegt, Und austraeumt seine stillen Leiden, Dann soll der Geist zum Himmel nicht Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden. --
Ein schoen'res Loos werd' ihm zu Theil, Umschwebend Dich in trueben Tagen, Soll er, zu Deinem Schutz und Heil, Selbst seiner Seligkeit entsagen."
Lossenwerder war ganz geruehrt geworden beim Schluss des Liedes, und die Thraenen standen ihm in den Augen; waehrend sein wirklich haessliches Gesicht durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam, jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen war.
"Bravo -- bravo Lossenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie am Schnuerchen geht das!"
"Es ist erstaunlich!" rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ueber das eben Gehoerte wirklich fast sprachlos.
"Nun aber auch trinken -- hier Lossenwerder -- hier," riefen sie, ihm das Glas bis zum Rand mit dem schaeumenden Trank fuellend, "und dann noch ein Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, und klingt wie Glockenton so rein und voll; Lossenwerder wo habt Ihr das Singen gelernt?"
"Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb -- bber," stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, waehrend ihm im Gesang die Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.
"Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren," rief Kellmann wieder -- "behaelt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fuer sich allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit Niemand, und hat eine Stimme in der Luftroehre sitzen, die Einer, wer es darauf anzulegen verstaende, in reines Gold verwandeln koennte."
Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und ueberschuetteten ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis jetzt um ihn bekuemmert, Jeder ihn verspottet und verhoehnt, und zum ersten Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fuehlte er sich unter Menschen einem Menschen gleich, wusste sich nicht mehr verachtet und unter die Fuesse getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres Gleichen anschauten.
Dem loeste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille zu reden, so weit, dass er beginnen wollte Geschichten zu erzaehlen. Das ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen brachte er kein Wort mehr ueber die Lippen, und selbst das Singen versagte ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu lallen, und war eben zurueck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme gesunken, als die Thuer aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten. Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gaeste, mit Ausnahme des einen Tisches, hatten das Haus schon verlassen.
"Hallo was ist das?" sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst bemerkte, "das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine Polizeistunde eingefuehrt in Heilingen?"
Aber auch der Wirth war die "Diener der Gerechtigkeit", wie sie meist etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich zu erkundigen was sie hierher gefuehrt.
"Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein," sagte der Erste -- "er ist aus dem Dollingerschen Geschaeft."
"Dort sitzt er in der Ecke," sagte der Wirth vom Pechkranz nach Lossenwerder hinueberzeigend, "hat er etwas verbrochen?"
"Ich weiss nicht," erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- "wir sollen ihn abholen." --
"Wird schwer sein," meinte der Wirth -- "sie haben ihm heute Abend hier ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er aufsteht kippt er wieder um."
"Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?"
"Ich denke das Beste wird sein wir fuehren ihn zu Haus, und Einer bleibt bei ihm bis er morgen frueh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch Nichts mit ihm anzufangen."
"Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?" frug Kellmann bestuerzt; "der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?"
"Noch ist nichts Gewisses bekannt," erwiederte der erste Polizeidiener, "nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die Untersuchung muss jetzt erst ergeben, wer schuldig sei."
"Bei Dollinger's eingebrochen?" riefen Mehrere, "heute Abend?"
"Nein heute am hellen Tag," sagte der Mann.
"Alle Wetter das muss dann gewesen sein waehrend sie nach dem rothen Drachen gefahren waren," sagte Kellmann rasch -- "sie kamen an uns vorbei mit dem jungen Henkel."
"In der Zeit war's," bestaetigte der Polizeidiener, "denn wie sie zu Hause kamen, wurde es entdeckt -- hier da Lossenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf."
"Ja wenn Sie den stossen wollen bis er munter wird," lachte Einer der jungen Leute, "da haben Sie Arbeit."
"Sie -- Lossenwerder -- hoeren Sie?"
"Ja -- ja" -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich gar nicht so sehr viel getrunken, Betaeubte -- "me -- me -- me -- mehr We -- we -- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!"
"So?" sagte der Polizeidiener ruhig -- "nun fuer heute moecht' es doch wohl genug sein; komm, fass ihn da drueben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?"
"Hier -- armer Teufel, das wird ein boeses Erwachen werden."
"Wie man sich bettet so schlaeft man," sagte der zweite Polizeidiener, und den Betrunkenen in die Hoehe richtend, der dabei unverstaendliche Sachen stammelte und sogar einen total misglueckenden Versuch machte wieder zu singen, fuehrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indess die Gaeste noch das "fuer und wider" der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles gehoert bei einer anderen Flasche besprachen.
Und es _war_ ein boeses Erwachen fuer den Mann; von dem Weindunst betaeubt schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden Polizeidiener, den er einen Moment bestuerzt anstarrte, und dann die Augen wieder schloss, wie vor einem unangenehmen Traumbild.
"Nun Lossenwerder, ausgeschlafen?" sagte der Mann aber, froh endlich einmal zu einem Resultat zu kommen -- "das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn Sie auf und ziehn Sie sich an."
Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag, empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drueckte sich mit beiden Haenden die Stirn und der klare Angstschweiss brach ihm aus ueber den ganzen Koerper; er _wusste_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die unheimliche finstere Gestalt vor ihm fuellte sein Herz mit einer wilden Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jaehem Strom zuruecktrieb.
Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem Diebstahl, das Gefuehl, dass der Verdacht auf ihm laste, und die naechste Stunde -- waehrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter dreifachem Schloss, ein Paeckchen mit 200 Thalern in fuenf und zwanzig Thaler Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstuecke fand, wie seine Abfuehrung dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.
In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn Dollinger's Zimmer hinaufgefuehrt, und der alte Herr ging, als Lossenwerder die Stube betrat, mit auf dem Ruecken gekreuzten Haenden in seinem Zimmer auf und ab. Der junge Henkel sass in der einen Ecke des Sophas, das rechte Knie ueber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ueber das hin er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.
Lossenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein Laut ueber seine Lippen.
"Lossenwerder," sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- "ein boeser Mensch ist gestern, waehrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen und hat, ausser einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weisst, in den Secretair dort schloss. Warst Du waehrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem Zimmer meiner Toechter?"
"He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do."
"Schon gut Lossenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir schwer; beschraenke Dich auf ein einfaches ja und nein."
"Ja -- a -- !"
"In dem Zimmer meiner Toechter?"
"J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte" --
"Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?" sagte Herr Henkel jetzt ruhig.
Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlaefe hinauf, aber der naechste Moment liess sein Antlitz wieder so weiss als vorher; er nickte nur, zur Betaetigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.
"Lossenwerder," sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen Schulter legte, "Lossenwerder, noch gestern wuerde ich eben so leicht geglaubt haben, dass eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten, unrechtlichen Streiches faehig waere, bis mich leider die immer deutlicher sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben."
"He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do -- -- Dollinger" --
"Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen," sagte da der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnuetze Wort zu ersparen -- "gestern, waehrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Toechter erbrochen und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drueben ueber der Strasse hat Dich ein Maedchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist. Ebenso bestaetigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du haettest das Haus durch die nach dem Hofe zu fuehrende Thuer verlassen wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist, zurueckgefahren, und dann auch nicht ueber den Hof gekommen waerst. Das Stubenmaedchen, die keine Ahnung davon haben konnte dass Geld in dem Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, dass sie, wenige Minuten spaeter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die Vorsaalthuer nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiss waere, dass Niemand die Schwelle mehr ueberschritten habe, bis sie den zurueckkehrenden Wagen in den Hof einfahren gehoert. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung, die man an Dir nicht gewoehnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen allerdings das Schlimmste fuerchten. Lossenwerder -- ich brauche Dir nicht zu sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_ geschehen waere. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das noch in Deinen Kraeften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem uebrigen Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch Alles thun was in meinen Kraeften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein anderer Welttheil mag Dir nachher in spaeterer Zeit Gelegenheit geben Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fuer was ich Dich, selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe."
Lossenwerder hatte waehrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth dass er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal vielleicht mit dem vollen Bewusstsein der gegen ihn erhobenen Anklage -- oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrueckt, denn wer konnte in den stieren, ueberdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit grossen Schweissperlen bedeckten Zuegen das richtige lesen -- umfasste er die Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser nur mit aeusserster Anstrengung einen Sinn herausfinden musste -- ihn nicht ungluecklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.
"Ein aufrichtiges Gestaendniss, Lossenwerder," entgegnete darauf Herr Dollinger, "ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die Reue auf dem Fusse folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnaeckigen Uebelthaeter.
"A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu -- schu -- schu -- schuldig," -- stotterte der Unglueckliche -- "ich we -- we -- we -- we -- weiss vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts -- "
"Du weisst von Nichts, Lossenwerder?" sagte Herr Dollinger leise mit dem Kopf schuettelnd -- "und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher die Fuenfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?"
"Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge -- ge -- gespartes G -- g -- g -- geld!" stammelte der arme Teufel.
Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er ein paar Worte in's Ohr fluesterte und dann, waehrend dieser leise und traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verliess. Lossenwerder aber, der ihm aengstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung fuehlte dass man ihn fortfuehren -- in ein Gefaengniss bringen werde, ergriff wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, dass er ihm nur das nicht anthun -- dass er ihn in kein Gefaengniss moege fuehren lassen. Herr Dollinger erklaerte aber natuerlich darin Nichts thun zu koennen, denn wenn er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so muesse allerdings das Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen, wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wuerde.
"Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen," stotterte der Unglueckliche, "so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang" --
Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thuer oeffnete sich in diesem Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Lossenwerder leise auf die Achsel klopfte und freundlich sagte:
"Wenn's gefaellig waere."
Lossenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte sich noch einmal, wie Huelfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick auf diesen ueberzeugte ihn, dass er schon nicht mehr helfen koenne, wo das Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Haenden bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.
Gerade als er durch die Thuer schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle, Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine Beruehrung angesteckt zu werden fuerchte, warf sie ihm einen zornigen, veraechtlichen Blick zu und ging an ihm vorueber.
Lossenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in eifrigem Gespraech, und auch dort musste er vorbei. Das war zu viel und wie unschluessig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht suche.
"Na kommen Sie, Lossenwerder, machen Sie keine Dummheiten," sagte aber, ihm ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- "es ist Alles ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ueber die Ohren zogen."
Lossenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen Maedchen vorueber, das ihn mitleidig betrachtete.
"Etwas ueber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden," fluesterte der junge Henkel ihr leise zu -- "ich hoffe dass Vater Dollinger das andere auch noch wieder bekommen soll."
"Ach Lossenwerder, warum habt Ihr das gethan?" sagte Clara, leise und mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorueberging.
"U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d -- das a -- a -- a -- a -- auch?" rief Lossenwerder und die grossen hellen Thraenen standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon laenger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu duerfen, nahm ihn leise an der Hand und fuehrte ihn die Treppe hinunter. Lossenwerder folgte ihm wie in einem Traum.
Das Polizeigebaeude war nur hoechstens fuenfhundert Schritt von dort entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Bruecke die ueber den, mitten durch die Stadt und haeufig ueberbrueckten kleinen Fluss fuehrte. Als sie hinunter auf die Strasse kamen, liess der Polizeidiener seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und fluesterte ihm zu nur ruhig neben ihm hinzugehn. Lossenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn er sah verstoert zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der Voruebergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn auch nur dunkel, des Zwanges bewusst der auf ihm lag, nahm er sein Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging mit krampfhaft zusammenengebissenen Zaehnen neben seinem Waechter her. So erreichten sie die Bruecke, wo vier oder fuenf Jungen standen, die neugierig die Ankommenden betrachteten; Lossenwerder's Blick schweifte ueber sie hin, aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben spottend rief:
"Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!"
Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener drehte sich aergerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu auseinander stoben; Lossenwerder aber fuhr sich mit beiden Haenden krampfhaft gegen die Stirn -- "hat gestohlen!" schrie er dabei, ohne zu stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Waechter es verhindern konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem verzweifelten Sprung, ueber die niedere Ballustrade hin in den unten vorbeilaufenden Strom. Noch ueber dem Gelaender erfasste ihn der Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Koerpers war aber zu gross, als dass er es mit einer Hand haette aufhalten koennen, ja er musste sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und der Unglueckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen Oberflaeche er im naechsten Augenblick verschwand.