Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 5

Chapter 53,655 wordsPublic domain

Clara selber oeffnete die Thuer und fuehrte dem Actuar mit ihrem Vater in das kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blaetter schiessenden Weinranken ueberzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine Fenster war allerdings geoeffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht zusammengezogen, dass sich ein Koerper kaum haette hindurchzwingen koennen. Die Hoehe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betraechtlich, vielleicht zehn oder zwoelf Fuss, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den Rasen. Im Zimmer selber liess sich aber nicht das mindeste erkennen, das einen solchen Verdacht unterstuetzt haette; das Einzige was dafuer sprach, war die aufgeschlossene Thuer.

Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kueche ging, in Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen an, dass sie die Vorsaalthuer auch ordentlich, "zweimal herum" abgeschlossen und den Schluessel zu sich gesteckt haette, und Niemanden in der weiten Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben koenne. Trotzdem aber sei die Vorsaalthuer, als sie wieder nach oben gekommen offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie haette selber im Anfang nicht begreifen koennen wie das moeglich waere, aber auch nicht weiter darueber nachgedacht, und es ihrer eigenen Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar draengte gar so sehr -- um den jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch zehn Minuten der Koechin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genaeht hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fraeuleins Zimmer betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl muesse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen haetten, veruebt sein -- anders war es nicht moeglich.

"Wer aber hatte den Blumenstock in des Fraeuleins Zimmer gestellt?"

"Einen Blumenstock? -- waehrend die Herrschaft fort war?"

"Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster naechst der Thuer."

"Der das gethan hat, muesse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit einem Nachschluessel zur Thuer hereingekommen sein, als der Diebstahl veruebt worden, denn sie haette keine Seele im Haus gesehn.

Die Dienstboten hatten indessen mit einander gefluestert, als der Actuar das Wort nahm und mit langsam bedaechtiger, aber ziemlich ernster Stimme sagte:

"Hoert einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen waert, damit dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht waere es gewesen --

"Aber Herr Actuarius" --

"Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht waere es gewesen, sag' ich, aufzupassen, dass niemand Fremdes den Platz betrat, der Euch anvertraut war, und fuer den Ihr also auch in der Zeit zu stehn hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten muessen, bis der Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?"

"Dullmanns Rieke von ueber dem Weg drueben," sagte die Koechin jetzt, gegen den Actuar vortretend, "will den Lossenwerder haben heimlich aus dem Haus schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweisse ihres Angesichts -- "

"Ach halt' sie das Maul," fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die Rede -- "_wer_ ist im Haus gewesen, Lossenwerder? -- und heimlich hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?"

"Hier die Rieke von Dullmann's -- "

"Wann war das?" fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Maedchen, das feuerroth wurde und ihren einen Schuerzenzipfel anfing wie einen Plumpsack zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewiss nicht in der Absicht die Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei gezogen zu werden.

"Nun Mamsell -- wie hiess sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Lossenwerder aus dem Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?"

"Wenn Lossenwerder im Haus war," sagte Herr Dollinger ruhig, "so wird er auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der waere der Letzte dem ich so etwas zutrauen moechte."

"Die Rieke behauptet," fiel aber hier die Koechin in dem Bewusstsein unrechtlich gekraenkten Ehrgefuehls rasch ein, "dass sie gar nicht auf ihn geachtet haben wuerde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrueckt haette. Wer kein boeses Gewissen hat, kann gerade und offen gehen."

"Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal," rief der Actuar jetzt ungeduldig werdend -- "wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie so lange hinausfuehren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke; wenn Sie sich die Schuerze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Lossenwerder gesehen haben."

"Ich -- ich weiss nicht gewiss" -- stammelte das Maedchen verlegen -- "aber -- aber Lossenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war -- "

"Wie lange nachher?" frug der Actuar.

"Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewoehnlich immer sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thuer heraus, die er geschwind hinter sich zuzog -- und dann -- "

"Und dann?" --

Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte dass ihn Jemand, der vielleicht von oben heruntersaehe, erkennen moechte -- hielt er den Kopf nieder und drueckte sich -- drueckte sich dicht am Haus hin, so schnell er konnte die Strasse hinunter, und um die Ecke."

"Und nachher?" frug der Actuar.

"Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn," sagte die Koechin.

"Ob Sie still sein wird," sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich boese gemacht -- "Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben."

"Sehr wohl, Herr Actuar," sagte der Gerichtsdiener --

"Und sind Sie dann nachher nicht heruebergekommen und haben das den Leuten im Hause gesagt, was Sie gesehn?" frug der Actuar.

"Ich habe ja aber Nichts gesehen," sagte die Rieke.

"Sie haben doch den Lossenwerder gesehn" --

"Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher immer wieder heraus."

Der Actuar warf sich ungeduldig herueber und hinueber und sagte endlich muerrisch:

"Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? -- _trug_ er etwas?"

"_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen -- das weiss ich nicht -- "

"Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der Hand hatte oder nicht."

"Ja sehn Sie, das weiss ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast," sagte das Maedchen, "denn ich habe den Herrn Lossenwerder eigentlich noch gar nicht anders gesehn, als dass er irgend 'was getragen haette; und wenn's nur ein paar Briefe gewesen waeren, oder ein Regenschirm."

"Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Faehrte," sagte Herr Dollinger jetzt -- "man kann einem Menschen allerdings nicht in's Herz sehen, aber fuer den Lossenwerder moechte ich fast selber einstehen."

"Mein bester Herr Dollinger," sagte aber der Actuar kopfschuettelnd, "es ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und -- sind schuldig. Ich selber kenne Lossenwerder als einen ordentlichen braven Menschen, und will zu Gott hoffen, dass unser ganzer Verdacht unbegruendet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und dass ihn Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdaechtig. Meine Pflicht ist es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls noch heute Abend nach ihm schicken muessen -- unsere Eisenbahnverbindungen sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwoelf Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben will."

"Passen Sie auf," sagte Herr Dollinger, "der Lossenwerder wird den Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank dafuer kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen Diebstahls."

"Wie aber ist er ohne Nachschluessel in die verschlossene Thuer gekommen," warf der Actuar ein --

"Hm -- " sagte Herr Dollinger, "das weiss ich freilich nicht -- nun fragen Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kuerzeste Weg sein."

"Um das Verzeichniss der gestohlenen Gegenstaende duerfte ich Sie dann vielleicht nachher noch bitten."

"Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben," sagte Herr Dollinger, "wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen."

"Dann duerfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu schicken," meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, "ich muss vor allen Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's Bureau gehen. Wo ist denn der Lossenwerder wohl am leichtesten zu finden?"

"Ich habe eben nach seinem Hause geschickt," sagte Herr Dollinger, "aber dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber selten, in eine Bierstube an der Ecke der Roessnitzer und Hertzergasse, aber dort war er auch nicht; es ist uebrigens an beiden Orten bestellt, ihn gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken."

"Sehr wohl," sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem Gerichtsdiener uebergebend; nach kurzer Begruessung wollte er sich dann eben entfernen, als er noch einmal in der Thuer stehen blieb und, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend, fragte:

"A prospos -- _raucht_ Lossenwerder?"

"Soviel ich weiss _nicht_," sagte Herr Dollinger.

"Doch ja, manchmal," sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B. regelmaessig eine Cigarre."

"Hm, so?" sagte der Actuar und verliess dann rasch das Zimmer und Haus.

Er hatte uebrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschaeftsmaessig unter den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls musste ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich schon den ganzen Nachmittag ueber, mit immer wachsender Ungeduld, vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt gelegenen Gaerten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war ihr jetzt -- was halfen alle Gruende dagegen -- zu Wasser geworden; es verstand sich von selbst dass Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch die Folgen trug.

Frau Actuar Ledermann hatte sich uebrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen war, furchtbar erkaeltet, und brachte keinen lauten Ton ueber die Lippen. Das aber, und dass sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen Kraft ihrer Stimme hinaus_giessen_ konnte ueber den Gatten, wie sie es -- und er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_fluestern_ musste, reizte ihren Zorn nur noch immer mehr.

"Aber liebes Kind, ich versichere Dich," sagte der Actuar in einem vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, "dass ich mich ueber anderthalb Stunden bei dem verwuenschten Diebstahl im Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und -- "

"Und ich versichere Dich," zischte sie, mit einem Gesicht, dem die Anstrengung die es sie kostete die Worte hoerbar zu machen, einen noch viel unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- "dass ich Dich vor anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe."

"Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese."

"Weil ich mich wieder ausgezogen habe," rief die Frau -- "glaubst Du ich soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht und Nebel noch draussen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- dass ich mir den Tag ueber im warmen Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das faellt Dir nicht ein; aber Nachts, wenn der schaedliche Thau niederfaellt, der fuer mich gerade Gift waere, da moechtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr? damit ich nur recht schnell unter die Erde kaeme -- o ich armes unglueckseliges Weib -- "

"Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn -- "

"Weil Du wusstest dass das nichtsnutzige Geschoepf von einer Waescherin mir mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wuerde," zischte die Frau.

"Aber Du hast ja noch andere -- "

"Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu einem anstaendigen Vergnuegungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ laege natuerlich Nichts daran was die Leute ueber Deine Frau sagten; aber Du bist auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen auszugehen, musst Du natuerlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen."

"Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt" -- sagte der Actuar ruhig, "dann aber Therese," fuhr er nach kleinem Zoegern, mit einer fast gewaltsamen Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort -- "bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _dass_ ich mir eben ausser dem Hause mein Vergnuegen suchen _muss_."

"Ich?" wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden Gesticulation, das zum Hoechsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber vielleicht, und durch die ungewoehnliche, freilich erzwungene Stille, etwas muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:

"Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen Berufsgeschaeften ermuedet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, laesst Dich Dein unglueckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du musst irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hoechst seltenen Faellen zu sein scheint, so bist Du muerrisch und verschlossen, machst ihm ein finsteres, verdriessliches Gesicht, und sprichst kein Wort."

Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ueber die unerhoerte, bodenlose Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt, die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen Faeltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurueckstehend, was ihr ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug liess sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der selbst der aermlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause die das oben am Hals dicht anschliessende Kleid einfasste, war schon mehrere Tage getragen und verdrueckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren laengeren Dienstes, und die Haube sass ihr verschoben und zu viel zurueckgedraengt auf dem, nicht ueberreich mit Haaren bedeckten Scheitel. Frau Actuar Ledermann war nicht huebsch, und der Affect der ihre Zuege in diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Maessigung niedergekaempfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und waehrend die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehoert zu machen, ihr Antlitz fast dunkel faerbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den Oberkoerper gegen den ueberrascht einen Schritt zurueckweichenden Gatten vorgebeugt:

"Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, "wenn er von Berufsgeschaeften nach Hause kommt" -- spreche kein Wort? -- sitzt in der Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt er Berufsgeschaefte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der Himmel geschickt hat, oder mein boeses Glueck, dem ich auch einen solchen Mann verdanke -- dass ich kein Wort spreche und verdriesslich bin. Ich soll wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und bruete und denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher, wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnuegt und lustig sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fuehlt in _seinen_ vier Waenden."

Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die uebermaessig angestrengte Luftroehre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen Seitenschrank, zuendete es an der Lampe an, und verliess kopfschuettelnd und seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stuebchen zurueckzuziehn.

Capitel 4.

FRANZ LOSSENWERDER.

In Heilingen, in der Glockenstrasse, stand ein vortreffliches Weinhaus, in dem die wohlhabenderen Buerger Abends gewoehnlich zusammenkamen und ihr Flaeschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal war ziemlich gemuetlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thueren und Verschlaege, theils durch Vorhaenge von einander getrennt lagen, einzelnen Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas, ungestoert von dem Nachbar, zu trinken.

Das Haus hiess "der Pechkranz" nach einer alten Sage, die der Wirth sehr gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem dreissigjaehrigen Kriege spielte; ein, ueber der Eingangsthuer in neuerer Zeit erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hoechst wunderlicher Weise Sage und Geschaeft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber gar nicht so uebel angebracht, und haette sich auch schon ohne Tilly recht leidlich und genuegend erklaeren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben groesseren Schaden anzurichten, als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.

Der Wirth war uebrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein Rheinlaender, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und durch gute Getraenke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, "aber," sagten die Heilinger, "wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen Groschen dabei ankommen, wenn er nur aecht und rein ist," und Wirth und Gaeste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des naemlichen Tages, an welchem ich meine Erzaehlung begann, als die Gaeste, die den Tag ueber meist auf Spaziergaengen im Freien gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschaeftig herueber und hinueber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu bringen. Die kleinen Raeumlichkeiten fuellten sich nach und nach, und selbst in dem grossen Mittelsaal, der ungefaehr das Centrum des Ganzen bildete, hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne Gaeste sassen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf eigene Hand, in ungeselliger Gemuethlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schoenen Landschaft und einer guten Flasche Wein gehoeren mindestens zwei Personen, um Beides recht und ordentlich zu geniessen, die eine sich _darueber_, die andere sich _dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener fuehlen wenn sie Alles allein geniessen koennen, aber denen geh' aus dem Weg; es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen schuldig bist ist dafuer, dass sie sich eben auch von Dir zurueckziehn. Nur wer Niemanden hat an den er sich anschliessen darf, wer allein und freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drueckt, allein tragen, die wenigen frohen Momente seines Lebens allein geniessen muss, den bedauere und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Ungluecklichste von Allen.

Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der Kuerschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich ueberall umschauend, ob er nicht irgend einen Freund traefe zu dem er sich setzen koennte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen bleibend:

"Hallo, _Lossenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da moechte man doch, wie die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer Flasche Ruedesheimer; nun das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig, dass Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muss doch die Festlichkeit haben."

"Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke -- kellmann," sagte der kleine Mann verlegen laechelnd und sich etwas schuechtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die Aufmerksamkeit der uebrigen Gaeste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.

"Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen," sagte Kellmann, seinen Hut und Stock an einen der naechsten Haken haengend und sich neben ihn setzend, "wenn sie behaupten Ihr traenkt nur Wasser, und Sonntags hoechstens einmal ein Glas Duennbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem halben Thaler auskommen muesstet. Alle Wetter Mann, das ist recht, dass Ihr Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein goennt; das haelt Leib und Seele zusammen, und staerkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wuerde mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlaendischen Wein entbehren muesste," setzte er mit einem halbunterdrueckten Seufzer hinzu.