Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 4
"Die weint und will nicht mit," sagte Mathes leise -- "aber sie wird schon gehen."
"Sie will nicht mit?"
"Sie meint, es braeche meinem Vater das Herz."
"Das Herz brechen? -- dem alten Vogel?" lachte aber dieser veraechtlich -- "na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas das Herz brechen koennte."
"Nun, es fraegt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht," meinte der Actuar, "dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal so still geworden?"
"Ach lasst mich zufrieden," brummte dieser aergerlich -- "weiss es Gott, man moechte am Ende selber mit hinueberlaufen, nur Nichts mehr von dem verwuenschten Auswandern reden zu hoeren."
"Hahahaha!" rief da Kellmann, "Schollfeld bekoemmt auch ueberseeische Ideen."
"Ueberseeische -- haette bald was gesagt," knurrte dieser aber, auf der Strasse hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.
Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruss mit ihren Bekannten dort, zuendeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den freundlichen Abend so viel als moeglich zu geniessen, die Strasse hinab, der eigenen Heimath zu.
Capitel 3.
DER DIEBSTAHL.
Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen sein, als hinter ihnen auf der Strasse eine Equipage und klappernde Hufschlaege gehoert wurden, die sie rasch einholten und an ihnen vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ueber den Weg waelzend. Es war die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden, dem Braeutigam der Tochter.
"Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin," sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- "Wetter noch einmal, es ist doch ein anderes Ding so ein paar fluechtige Rappen vor sich zu haben, und wie im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem Ruecken und wunden Fuessen vielleicht, muehselig die staubige Strasse entlang zu keuchen."
"Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt," seufzte der Actuar, "was der Eine haben moechte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl das ganze Geheimniss der socialen Frage, laesst sich aber nun einmal nicht aendern, und wir duerfen vielleicht den Kopf darueber schuetteln, und wuenschen dass es anders waere, aber weiter eben Nichts."
"Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika," sagte der Apotheker jetzt, "der das schmaehlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen dass Eisen der staerkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.
"Und wie steht's mit Actien?" lachte Kellmann.
"Bah -- bleibt immer dasselbe," brummte der Apotheker, "das Gold steckt darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Process leicht herausgezogen werden -- wenn man sie hat."
"Es wundert mich uebrigens dass der alte Dollinger sein Kind ueber das grosse Wasser hinueberziehen laesst," meinte der Actuar -- "dem haette es doch auch hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt."
"Liebe," meinte Kellmann achselzuckend -- "Liebe ist blind sagt ein altes Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gruende anbringen. Waer's uebrigens auch nicht wegen dem grossen Wasser, der Bursche gefaellt mir ausserdem nicht, und ich moechte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er bis ueber die Ohren in Golde staecke. Er hat ein verschlossenes, hochfaehrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren Gesetzen, unseren Vergnuegungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der groessten Verachtung. Amerika, und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will gar nicht leugnen dass es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser Deutschland ist es doch auch nicht drueben, und wenn's so einem Burschen da einmal zufaellig geglueckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernuenftigen Leuten unglueckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.
"Wenn sich andere vernuenftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_, geschieht's ihnen ganz recht," sagte der Apotheker -- "man braucht nicht zu glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt."
"Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein," meinte Kellmann kopfschuettelnd, "und ich -- ich halt' es immer fuer gefaehrlich. S'ist merkwuerdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat."
"Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat leicht freien," sagte der Actuar -- "Glueck muss der Mensch haben, dann geht Alles wie am Schnuerchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag fischen und faengt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch.
"Wo stammt er denn eigentlich her?" frug der Apotheker jetzt, wie sie wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, "man hoert doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der."
"Gott weiss es," sagte der Actuar; "er ist, glaub' ich, mit einem hollaendischen Schiff heruebergekommen, und hatte einen Pass von Amsterdam."
"Und der Pass lautete nach Heilingen?"
"Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun lieber Gott, da drueckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten drueckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren. Ueberdiess verzehrte er ja hier viel Geld; waer' es ein armer Teufel gewesen, haetten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ueber die Grenze gehabt.
"Hm, ja, glaub's," sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, "s'ist in Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?"
Das Gespraech drehte sich von da ab, auf die staedtischen Einrichtungen, deren waermster Vertheidiger der Apotheker war, und ueber die sich der Actuar natuerlich nur sehr vorsichtig ausliess, waehrend sie Kellmann um so unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten, wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.
Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit seine Wohnung zu erreichen; das Geruecht ging naemlich in der Stadt, dass ihn seine Ehehaelfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nuetzliche, bei _der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende haeusliche Geraethe entgegen und vor die Fuesse geworfen habe. Thatsache war, dass "Madame" oder Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thaetigkeit und Ansehn ausserhalb seiner eigenen vier Pfaehlen sein mochte, _innerhalb_ derselben jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Maessigung fuehrte, und der Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als moeglich zu erhalten und jeden Anlass, zu irgend einer Stoerung desselben, zu vermeiden.
Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom Marktplatz aus in die Strasse einbiegen, an deren aeussersten Ende seine eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und sich selber gerufen hoerte.
"Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann."
Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich zukommen, der, die Muetze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete, dass er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein Einbruch geschehen sei, ueber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen werden solle.
"Protokoll aufnehmen?" sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm ueberrascht; "ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein _College_?"
"Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag," berichtete der Polizeidiener, "und mussten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen koennte."
"Hm -- ist sehr amuesant," brummte Ledermann vor sich hin -- "kommt mir gerade apropos. Bei wem ist es denn?"
"Bei Herrn Dollinger."
"Was? -- bei Kaufmann Dollinger?" rief der Actuar rasch und erstaunt -- "am hellen Tag, waehrend er ausgefahren war?"
"Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen," berichtete der Mann, und hat glaub' ich sein Pult geoeffnet, und eine bedeutende Summe Geldes entwendet gefunden."
"Hm, hm, hm," sagte der Actuar kopfschuettelnd und seinen Rock dabei, den er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknoepfend, "es wird immer besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt auch voll fremden Volkes, das sich natuerlich keine Gelegenheit entschluepfen laesst Reisegeld zu bekommen."
"Es muss doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt war," sagte der Polizeidiener -- "nach dem wenigstens, was ich bis jetzt von den Dienstleuten darueber gehoert habe, kann's nicht gut anders sein."
"Nun wir werden ja sehn; da muss ich aber erst -- "
"Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemuehen wollen," sagte jedoch der Diener des Gerichts, "alles Noethige ist schon dorthin geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen."
Der Actuar, dem Dienste natuerlich Folge leistend, seufzte tief auf und schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten musste, rasch die "Poststrasse" hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen, etwaige Spuren des Uebelthaeters zu entdecken und zu verfolgen, und die Leute im Hause nach moeglichem Verdachte zu inquiriren.
* * * * *
Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und ruhig und wie am Schnuerchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest bestimmte Beschaeftigung hatte, genau wusste was ihm oblag, und das that, ohne eben viel Laerm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute alles durcheinander, und saemmtliche Bande der Ordnung schienen geloest.
Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Kraempfen in ihrem Boudoir, und beanspruchte die Huelfe ihrer beiden Toechter und der weiblichen Dienstboten im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den Ruecken gekreuzten Armen auf und ab, waehrend dem jungen Henkel indessen die Bewachung des Platzes selber uebertragen war, und die andern Dienstboten, mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden und kopfschuettelnd, die Haende ein ueber das andere Mal in Verwunderung zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschaeftigungen jedes Einzelnen auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte That geschehen und vollbracht sein musste.
Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde uebrigens willig und dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- "Ne Du meine Guete" und "Ne so was" ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thuere vor der Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur zu raeumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und koenne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.
Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo der Diebstahl veruebt worden, hinzufuehren; einer der Leute war indessen abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den Actuar freundlich gruessend.
Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezuendet worden.
"Ich bedaure sehr, Herr Dollinger," sagte der Actuar, "dass, wie ich gehoert habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefuehrt haben muss."
"Ja allerdings," erwiederte der alte Herr, "ist es sehr unangenehm; weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen liess, als wegen dem Bewusstsein getaeuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben, wenn es haette koennen auf andere Weise geschehn."
"Das Ganze ist uebrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit ausgefuehrt," fiel Henkel hier ein, "und der Thaeter, wer auch immer, jedenfalls ein hoechst gefaehrliches Subject, von dem ich nur hoffen will dass wir ihm auf die Spur kommen."
"Duerfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?"
"Treten Sie hier in das Zimmer meiner Toechter; dort der Secretair ist erbrochen."
"Hm -- mit einem breiten meisselartigen Instrument," sagte der Actuar nach kurzer Besichtigung der offenen, arg beschaedigten Mahagoniplatte -- "und die Thuer ebenfalls eingebrochen?"
"Nein -- die Thuer ist unbeschaedigt und muss jedenfalls mit einem Nachschluessel geoeffnet sein."
"Und was vermissen Sie in dem Secretair?"
"Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein meiner Familie und eines zuverlaessigen Comptoirdieners, im Paket wie ich sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb auf eine mir unbegreifliche Weise muss Kenntniss bekommen haben."
"Wer ist dieser Comptoirdiener?"
"Oh, Lossenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?"
"Lossenwerder," sagte der Actuar nachdenkend -- "ist wohl schon eine ganze Weile in Ihrem Geschaeft?"
"Schon zwoelf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muss aber gegen irgend Jemand davon gesprochen haben."
"Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein hatten Sie das Geld gelegt?"
"Es ist ein Secretair, den meine Toechter gemeinschaftlich benutzen, und zu dem jede von ihnen ihren Schluessel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herueber rufen."
"Ich habe schon das Maedchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu lassen," entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen war, und sich ueberall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich spaeter einmal halten koenne. --
"Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?" frug der Actuar.
"Auch ein Schmuck meiner aeltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein," sagte Herr Dollinger -- "aber da kommt Clara, die Ihnen das Naehere davon selber angeben wird."
Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstuetzen.
"Clara, mein liebes armes Kind," sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend und die Hand nach ihr ausstreckend, "fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz; vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglueck_ ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, koennen wir die paar tausend Thaler schon verschmerzen."
"Es ist nicht der Verlust, lieber Vater," sagte aber das junge Maedchen, sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- "nur die Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des veruebten Verbrechens entdeckte. Ich fuerchtete die entsetzlichen Menschen noch irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wuerden, und all solch kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verloeschte, angerauchte Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfuellten mir das Herz mit einem unbeschreiblichen Grausen."
"Eine Cigarre?" sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten Gegenstand umschauend -- "wo lag sie?"
"Dort im Fenster, als ich zurueckkam."
"Die alte angerauchte Cigarre?" sagte Henkel rasch -- "die hab' ich zum Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft haette sie in der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie muss unten auf der Strasse liegen."
"Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, dass er sie heraufholt," sagte der Actuar; "man darf auch das Unbedeutendste nicht unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermissten Gegenstaende aufnehmen. Das Geld? -- "
"Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniss," sagte Herr Dollinger, "aber ich fuerchte fast dass wir durch das Geld selber nicht auf die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind. Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige sehr auffaellige Stuecke, wie ich hoere, dabei gewesen sind."
"Duerfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn irgend moeglich _schriftlich_ bitten?" erwiderte, nach einigem Besinnen, der Actuar, "diese Einzelheiten wuerden mich jetzt zu lange aufhalten."
"Kannst Du das geben, Clara?
"Bis auf die kleinste Nadel hinunter," sagte das junge Maedchen rasch, "besonders auffaellig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte Broche, ein Erbstueck unserer Grossmutter, und ausgezeichnet vor jedem andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen, in der Mitte gefassten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muss der Dieb in der Eile uebersehen haben; er ist unangeruehrt geblieben."
"Das ist allerdings gluecklich," sagte der Actuar, "waere wohl auch des Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?"
"Hier in dem rothen Kaestchen."
"Aber das ist auch geoeffnet worden."
"Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geoeffnet, nachzusehen, ob auch Alles darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare Kaestchen enthalte, oder es staende jetzt nicht mehr da."
"Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fraeulein, alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiss ob sie nicht noch einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die Cigarre gefunden?"
"Gott weiss wo sie ist;" lachte dieser, "irgend Jemand muss es doch noch der Muehe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde morgen ganz frueh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht viel helfen."
"Man weiss nicht," sagte der Actuar kopfschuettelnd, "je nach der Guete des Tabaks liess sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft schliessen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch diese Thuer?"
"Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers," sagte Herr Dollinger, "denn durch das Haus wuerde er es sich am hellen Tage im Leben nicht getraut haben."
"Aber ich moechte meine Seligkeit zum Pfande setzen dass ich den Schluessel, der nach unserer Schlafkammer fuehrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und stecken gelassen haette, so dass von innen ein Oeffnen unmoeglich war."
"Und war die Thuer noch verschlossen wie wir zurueckkamen?"
"Nein, nur in's Schloss gedrueckt, aber der Schluessel stak darin."
"Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus" -- sagte der Actuar -- "zur Thuer hier hereingekommen und dort zur Nothroehre hinaus -- hm, muss aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen muessen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepasst haben."
"Wo kommt der Blumenstock her?" sagte da ploetzlich Clara rasch und erstaunt, auf einen sehr schoenen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster, zunaechst der Thuere stand -- "wer hat den jetzt hier heraufgestellt?"
"So lange wir hier sind Niemand" -- rief Henkel -- "war er vorher nicht da?"
"Nicht heute Mittag, das weiss ich gewiss; aber vielleicht hat ihn eins der Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt."
"Heimlich? -- so?" sagte der Actuar, "den freundlichen Geber wollen wir also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen."
"Es ist heute mein Geburtstag," sagte Clara leise und erroethend."
"Oh?" meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Laecheln, "da thut es mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner angenehmeren Zeit vorbringen zu koennen -- will eben nicht passen bei einer solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung."
"Es muss gewiss ein gesegnetes Land sein," sagte Henkel mit einem leisen, halb boshaften Laecheln, "wo die Polizei sogar witzig sein kann."
"Hm," meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, "die Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden; ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, waehrend Ihrer Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?"
"Jedenfalls muessen die Dienstboten darum wissen," sagte der junge Henkel, "und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen."
"Allerdings; -- Einzelverhoer hat ueberhaupt viele Vortheile, bitte schicken Sie einmal die Leute herauf, dass man vor allen Dingen ihre Gesichter zu sehen bekommt."
"Aber nicht hier, Vaeterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?" bat Clara -- "ich wuerde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los."
"Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer," sagte Herr Dollinger, freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, "es laesst sich das dort eben so gut abmachen als hier."
"Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste," warf der Actuar ein, "aber wie Sie wuenschen -- nur um eines moechte ich Sie noch vorher bitten, dass ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf, durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben koennten."
"In unserem Schlafzimmer?"
"Doch durch diese Thuer?"
"Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel belaestigt."
"Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger," sagte der junge Mann, rasch seinen Hut aufgreifend, "wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem wirklichen Nutzen sein koennte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit Ihnen einer moeglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin vielleicht schaerfer als manche andere."
"Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spueren geben," meinte indess der Actuar; "das werden wir uns muessen auf morgen frueh aufsparen -- also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich moechte mir nur die Gelegenheit einmal von oben besehn."