Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 3
"Woher des Wegs Ihr Leute?" wandte sich jetzt Kellmann, der trotz Schollfeld's aergerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.
"Aus Hessen," sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus dem, mit dem trefflichen Bier gefuellten, schaeumenden Glas.
"Und wohin?"
"Nach Amerika."
"Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?" sagte Kellmann, die kraeftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten Landmanns teilnehmend betrachtend.
Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indess gehangen, wo seine fruehere Heimath lag, liess das Auge einen Moment wie misstrauisch ueber den Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschuettelnd:
"Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen."
"Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in Amerika herumfliegen?" mischte sich hier der Apotheker in's Gespraech, der nicht umhin konnte dem "Auswanderer", wie er sich ausdrueckte, "einen Hieb zu versetzen" -- "habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?"
Der Bauer sah den kleinen, spoettisch laechelnden Mann einen Augenblick ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem er das Glas zurueckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu erwiedern, oder aergerlich darueber zu scheinen, ja als ob er sie nicht gehoert haette, wandte er sich und folgte mit einem "gruess Euch Gott Ihr Herren", seinen vorangegangenen Toechtern.
"Holzkopf," brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ueber diese anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- "dem Volk ist zu wohl hier," setzte er dann, mit einem kraeftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- "der Art Leute fuehlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem Daumen gehalten werden."
"Guten Abend miteinander," sagte in diesem Augenblick ein Anderer der Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch trat, auf dem in einem schuetzenden Kelchglas ein Licht mit darum gesteckten Fidibus zum Anzuenden der Cigarren stand -- "wenn's erlaubt ist, moechte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen."
"Mit Vergnuegen," sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzuendend und hinreichend.
"Danke schoen," nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm in schnellen kurzen Zuegen ausblasend. --
"Und wo geht die Reise hin?" frug Ledermann dem Rauchenden.
"Da hinueber," sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indess er mit dem linken, zurueckgebogenen Daumen ueber die linke Achsel wiess -- "uebers grosse Wasser." --
"Habt Ihr dort schon einen Platz?" frug der Aktuar.
"Ja," sagte der Mann freundlich -- "mein Bruder hat mir geschrieben aus dem Wiskonsin heraus; da soll's gut sein."
"Und geht Ihr Alle dorthin?" frug ihn Kellmann.
"Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinueber in's Missuri; da ist's waermer."
"Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?"
"Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und der Herr Pastor ist schon voraus."
"Der Pastor geht auch mit?" frug Kellmann schnell.
"Ahem," nickte der Mann, "der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat gesagt er wollte sehn dass wir Alle auf ein Schiff kaemen. Danke schoen Ihr Herren, adje."
"Glueckliche Reise," rief ihm Kellmann nach.
"Danke," nickte der Mann noch einmal zurueck, "koennens brauchen," und schloss sich den uebrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thuer des Wirthshauses passirten.
Es waren aermliche, viele von ihnen kraenklich oder wenigstens bleich aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust, und ein Buendel dazu auf dem Ruecken, die im Schweiss ihres Angesichts, wie sie bis jetzt gelebt, muehsam der fernen ersehnten Heimath entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kraeftige junge Burschen von zwoelf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwaegelchen gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstuecke und Lebensmittel die weite Strasse entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld uebrig, denn das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mussten sie fuer das Schiff aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das irgend anging, uebrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika, ehe sie Arbeit bekaemen, vor Sorge geschuetzt waeren. Den glaenzenden Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kraefte wurden ihre juengeren Geschwister in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten muessen, und viel anders wuerde es auch wohl nicht da drueben sein. Der Sorgen waren hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch plagten und quaelten, und schlechter _konnte_ es dort drueben nicht sein. Das war fuer jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange, heisse Strasse entlang mit einer kleinen Hoffnung moeglicher Besserung vielleicht, und sie drueckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und kuessten sie, und fluesterten ihnen leise und heimlich zu dass sie nicht mehr schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wuerde schon Alles gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.
Die Maenner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr Vertrauen entgegen; das Bewusstsein der eigenen Faehigkeit und Kraft hob sie dabei auch ueber Manches hinweg das die abhaengigen Frauen schwerer zu Boden drueckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fuer den Weg zu _denken_ hat, wird nie so muede als der, der ihm folgt, nur fuer sich denken laesst, und hinter drein zieht. Viele von den Maennern trugen auch Jagdtaschen und Gewehre auf dem Ruecken, Buechsen und Schrotflinten -- was sollte es "da drueben" nicht Alles zu schiessen geben; -- Manche auch nachgemachte bunte Blumenstraeusse auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und Thueringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine gefaerbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiss, und gruen und weiss in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.
Die Leute gingen vorueber, und die Gaeste hatten ihnen schweigend nachgeschaut, so lange fast, bis sie die naechste Biegung der Strasse ihren Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thuer seines Gartens getreten, und sich jetzt kopfschuettelnd zurueck zu seinem Tische wendend, brummte er vor sich hin.
"S'ist mir doch was Unbedeutendes" -- es war dieses eine seiner stehenden Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdruecken sollte -- "was die Leute diess Fruehjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fuer Tag geht das so fort; Trupp nach Trupp kommt ueber die Berge herueber, mit Sack und Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht einmal von _wo_ sie fort sind."
"Doch, doch," sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend und mit dem Kopf nickend, "doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal da ueber die Berge hinueber und seht Euch in den Doerfern um; da steht manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da drueben noch mit Schmerzen zurueckdenkt, und in das Niemand anderes mehr Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer, in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein leeres Haus, und ich seh's nicht gern."
"Und was fuer _Geld_ tragen sie ausser Land," fiel der Apotheker hier ein, der indess, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- "was sie nicht mit hinuebernehmen koennen, lassen sie wenigstens in den Seestaedten, und zu uns kommt Nichts mehr davon zurueck. Wenn ich nur das erst einmal erlebe, dass die Leute zu ihrem Glueck foermlich _gezwungen_, und nicht mehr aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts uebrig bleibt als mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem veroedeten Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofuer hat sie denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Duengen muessen sie drueben doch auch, und weshalb koennen sie das nicht eben so gut _hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart haben, muessen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da; dort drueben _koennen_ sie Nichts mehr sparen, und _muessen_ schon drueben bleiben, wenn sie auch wieder herueber moechten. Die Paar die sich doch noch ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder zurueck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die Bruecke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muss ein ordentlicher Jammer drueben sein."
"Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld," sagte Kellmann kopfschuettelnd, "man hoert doch nun auch so Manches von da drueben was nicht gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liesse, wenn man -- wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun muesste oder wollte."
"Nicht so arg?" rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und sich selten eine Gelegenheit entgehen liess auf Amerika zu schimpfen -- "nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere Dr. Hayde darueber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zaehnen und muss die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drueben gewesen und gluecklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhaeltnisse Ihres "gluecklichen Amerika" hat -- das muss ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie nur einmal."
"Hoeren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen," erwiederte ihm Kellmann ruhig, "dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schoenen Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkroete, ein weggelaufener Advokat, den die Verhaeltnisse aus Deutschland vertrieben, und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestossen, und wie ein aus einer Thuer geworfener Mops, stellt er sich jetzt draussen hin, wo sich Niemand die Muehe giebt ihn zu stoeren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darueber sagt wuerde mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkaefer schleppt er sich nur mit groesster Muehe kleine Stueckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ueber den Burschen."
"Na jetzt freut mich aber mein Leben," rief Herr Schollfeld erstaunt aus -- "erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme Doktor die ganze Schuld tragen."
"Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika," sagte Kellmann ruhig, "ich kann nur nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es waere allerdings noch viel gefaehrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt auszumalen; die armen Leute die nachher hinuebergehn und es anders finden, sind dann zu sehr enttaeuscht, und fallen gewoehnlich, wie mir gesagt ist, aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts."
"Guten Abend selbander," sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem naechsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand entgegen.
"Hallo Mathes, wie geht's?" rief Kellmann die gebotene herzlich schuettelnd -- "Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit gesteckt, dass Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gueter verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen."
"Ja Herr Kellmann, in Bremen."
"Wo seid Ihr gewesen?" frug Schollfeld erstaunt.
"In Bremen, Herr Schollfeld!" rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt, "oben in der Hafenstadt."
"Guten Abend Mathes," kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden ebenfalls begruesste -- "lange nicht gesehn, recht gross geworden mein Junge; hast Du Durst?"
"Merkwuerdigen," sagte der Bauer laechelnd.
"Na warte, den wollen wir begiessen," schmunzelte aber Lobsich, rasch in den Garten zurueckgehend, "der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen gefallen sein."
"Aber was hat Euch nach Bremen gefuehrt?" wiederholte Kellmann, fast etwas misstrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des jungen Burschen.
"Ja Herr Kellmann," sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- "das hat -- das hat so seine eigene Bewandtniss -- Ich bin -- ich bin zu einem Entschluss gekommen -- ich will -- ich will auswandern."
"Was will er?" schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den ungefaehren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schoepfte er Verdacht und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er nochmals laut: "wo will er hin?"
"Nach Amerika," sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermassen auf den Tisch, und fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wusste eigentlich auf was und gegen wen, dass Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte, und vielleicht auch eben nicht boese darueber war.
"Hallo, wer ist todt?" rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem bestellten Bier fuer einen seiner besten Kunden selber ankam -- "dass Dich die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone gefahren?"
"Dem Apotheker Nichts," nahm aber Kellmann kopfschuettelnd das Wort, "doch hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?"
"_Heirathen_?" sagte dieser, und ein breites vergnuegtes Schmunzeln ueber den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ueber sein dickes gutmuethiges Gesicht.
"Heirathen!" schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen Hut in die Stirn drueckte und seinen Rock anfing zuzuknoepfen -- "heirathen? -- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen."
"_Auswandern_?" schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem Erstaunen -- "na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes."
"Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!" rief aber der nun einmal aergerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein stetes Zeichen dass er fertig zum Gehen sei -- "was Unbedeutendes; ja wohl, wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Koepfe und Geldbeutel faehrt, nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren."
"Halt Schollfeld!" rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und zurueckhaltend -- "brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und wollte nur erst hoeren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat. Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spass mit uns, oder es ist nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden koennen."
"Wenn ich das wuesste blieb ich die ganze Nacht hier," sagte Schollfeld, seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl zurueckgehend. "Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen, oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu viel gethan, dass Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt."
Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbruechen des Erstaunens, die erste Erklaerung nur einmal ueberstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.
"Nun was soll's mit dem Wisch?" rief aber der Apotheker aergerlich, "Ihr habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?"
"So schlimm noch nicht," lachte der junge Bursch, "das hier ist nur ein Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben Jahren nach Wisconsin auswanderte."
"Der was that?" rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das linke Ohr zu ihm hindrehend -- "nuschelt nicht so in den Bart, dass Euch ein Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht."
"Der nach Wisconsin auswanderte," sagte der junge Bauer laechelnd -- "er hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er ueberhaupt Nichts von sich hoeren liess, glaubte ich schon er sei da drueben gestorben oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu dem heutigen Tag."
"Nun ja natuerlich," brummte der Apotheker.
"Aber so lasst ihn doch nur reden," rief jetzt auch aergerlich der Actuar dazwischen, "Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr recht geschrieen habt, Ihr haettet recht."
"So lest den Brief einmal!" sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch stuetzend, "nachher wissen wir ja gleich woran wir sind."
"Aber erst muss ich noch Bier haben," rief Schollfeld dazwischen, "ich mag die Luegen wenigstens nicht trocken mit anhoeren."
Lobsich winkte einem der naechsten Kellner, die indess leer gewordenen Glaeser wieder zu fuellen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr, den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:
"Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen verlangte, und er lautet:
"Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist."
"Na ja," fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- "und nun muesst Ihr Hals ueber Kopf machen dass Ihr auch hinueber kommt."
Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, laechelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:
"Ich wollte aber nicht gern, dass mich Jemand Anders unterstuetzen sollte, weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und habe mir kuemmerlich, aber ehrlich und fleissig durchgeholfen. Jetzt habe ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stueck Rindvieh, und dreissig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich habe hart arbeiten muessen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier herueber kommst und willst mich aufsuchen, dass ich Dir mit Rath und That an die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, dass Du nicht durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen hier, kein Fluch wie fuer manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es gruesst Dich zehntausend Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin."
"Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?" rief aber auch Kellmann jetzt erstaunt -- "Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so ploetzlich in die Glieder geschlagen, dass Ihr die Seekrankheit fuer das einzige Mittel haltet die es curiren koennte?"
Mathes schuettelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief zusammen, den er zurueck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und entschlossener Stimme:
"Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum Ausbruch gebracht."
"Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im Land," rief jetzt auch Lobsich, waehrend der Apotheker das ihm eben gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoss, wie um seinen Ingrimm damit nieder zu spuelen -- "wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn noch da bleiben?"
"Ich _bliebe_ auch," sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme, "ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liesse, aber -- der will nicht in die Heirath willigen mit Rossner's Kaethchen, des Haeuslers Tochter aus Rodnach; hier haelt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem Gut und Geld, und das Maedchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort drueben aber ist ein Platz, wo fleissige Menschen auch durchkommen koennen mit Gottes Huelfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts wie er hinueberging; nicht das Hemd auf seinem Ruecken war sein, und ich weiss dass er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das kann ich auch. Ich gehe hinueber, nehme das Kaethchen mit -- Geld zur Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter. Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die Nase reiben zu lassen, "das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und Dich gluecklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben nur der volle Geldsack fehlt."
"Unsinn!" sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend -- "wenn Jemand einmal rein verrueckt geworden ist, laesst sich auch nicht mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?"
"Ja, gleich," erwiederte der Gefragte -- "weiss denn aber schon Euer Vater um den Plan, Mathes?"
"Heute hab' ich's ihm gesagt," erwiederte der Gefragte leise -- "aber er glaubt es noch nicht."
"Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?" sagte Kellmann theilnehmend.
"Meine Passage in Bremen fuer mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt," rief der junge Bursch da entschlossen -- "den funfzehnten geht das Schiff ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu bringen."
"Ja da koemmt freilich jeder gute Rath zu spaet," sagte Kellmann, jetzt ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, "wenn der Sprung erst einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ueber das Springen zu streiten und ich wuensche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath."
"Ich weiss es, ich weiss es," sagte Mathes geruehrt -- "aber vielleicht seh ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drueben, mit Axt oder Pflug in der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer."
"Wen -- mich?" rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- "ich nach dem vermaledeiten Lande, dass alle unsere besten Buerger frisst? Nein Mathes, fuer dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht laesst Euer Vater doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht dass es Euch wirklich Ernst ist."
Mathes schuettelte mit dem Kopf und der Actuar rief:
"Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muss er durch, und wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schaedel, aber er laesst nicht nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten koennte -- er spraech es nicht."
"Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschliessen und mitgehn," sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- "Schwerebrett das ist mir -- hm -- hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika."
"Und was sagt denn das Kaethchen dazu?" frug Kellmann jetzt den Mathes, waehrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn geruestet hatten.