Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 2

Chapter 23,744 wordsPublic domain

"Alle Wetter" lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte, "Lossenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?"

"Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do."

"Genug, genug" winkte ihm der Principal wieder ab -- "also bestell mir das ordentlich."

Lossenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu kommen, in der er sich nicht heimisch fuehlen konnte, setzte das Glas auf einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl wissend dass er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr uebrig hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu muendlichem Abschied zu machen.

"Eine unangenehme Persoenlichkeit" sagte Frau Dollinger zu ihrem Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thuer nicht einmal ordentlich hinter sich geschlossen hatte; "ich kann mir nicht helfen, auf mich macht der Mensch immer einen fatalen Eindruck."

"Wie -- wie befehlen Sie meine Gnaedige?" sagte der junge Henkel etwas zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und fluesterte ihm ein paar Worte zu --

"Er kann ja doch Nichts fuer seine Gebrechen" nahm Clara aber die Antwort auf, "und thut gewiss Alles in seinen Kraeften sie eben durch gutes Betragen vergessen zu machen."

"Papa, ich wuerde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen lassen" sagte Sophie.

"Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen -- "

"Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man Geld liegen hat" stimmte die Mutter bei.

"Dienstleute?" meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im Zimmer -- "

"Doch Lossenwerder?"

"Bah" lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schuettelnd.

"Ist es denn viel?" frug seine Frau.

"Nun, der Muehe werth waer's immer" sagte Herr Dollinger, "fuenf Tausend Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ueber Nacht da liegen bleiben, und Lossenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darueber verfuegt habe."

"Der Lossenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer war" sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.

"Lieber Gott, Muetterchen, Du weisst ja aber doch dass er schielt" vertheidigte ihn lachend Clara -- "eben so fest und unverwandt hat er mich indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht dass er zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muss."

"Lasst mir den armen Teufel zufrieden" sagte aber auch Herr Dollinger -- "der ist mir nuetzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt uebrigens Kinder wird es Zeit dass wir uns ruesten, und Henkel, Sie muessen noch Ihr Pferd holen lassen."

"Ich habe es schon, in der Voraussetzung dass wir bei dem schoenen Wetter doch wohl eine kleine Parthie machen wuerden, hierher bestellt," erwiederte rasch der junge Mann -- wuenschen Sie den Wagen jetzt?"

"Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, duerfen wir nicht mehr viel laenger warten."

"Aber Ihr Maedchen moechtet Euch ein wenig warm einpacken" sagte jetzt die Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- "zum still im Wagen Sitzen passt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird es kuehl werden."

"Und nicht so lange machen," mahnte der Vater, der sich sein Glas noch einmal voll schenkte und leerte; "der Wagen wird im Augenblick da sein."

Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spaeter vor, Herr Dollinger, der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend, im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.

"Nun, wo ist Henkel?" sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukuenftigen Schwiegersohne umschauend, "ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen; jetzt wird uns der warten lassen."

Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor, aber ohne Pferd, hereinkam.

"Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?" rief er ihm schon von weitem entgegen -- "das ist eine schoene Geschichte; jetzt duerfen wir den Frauen nie im Leben wieder vorwerfen, dass sie uns warten lassen."

"Ich muss tausend Mal um Entschuldigung bitten," sagte der junge Mann, zum Wagen hinantretend, "aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein."

"Wir koennen ja hier warten," sagte die Mutter.

"Ja, wenn die Pferde stehen wollten," brummte Herr Dollinger -- "zieh nicht so fest in die Zuegel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen Sie aber dass Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag hinueberlaufen und Ihnen das Pferd holen."

Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel musste aus dem Weg springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara freundlich laechelnd zunickte.

Eine starke Viertelstunde spaeter sprengte der junge "Amerikaner," seinem Thiere die Sporen gebend, dass es Funken und Kies hintenaus stob, ueber das Pflaster, zum Entsetzen der Fussgaenger dahin, dem Wagen nach, den er nur erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im Stall wollte Niemand etwas davon gewusst haben, dass er sein Pferd bestellt gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natuerlich auf den Andern, und Dollinger's Stallknecht musste die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben zurueckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend, und dessen Entschuldigung nur halb hoerend, rasch in den Sattel und flog, wie vorher erwaehnt, in vollem Carriere die Strasse nieder.

Er hatte den Hof kaum verlassen, als Lossenwerder, einen grossen, wunderschoen bluehenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie scheu, dass ihn Niemand gewahre, ueber den Hof und in die Hinterthuer des Hauses schlich, und sich leise und geraeuschlos die Treppe damit hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus derselben Thuer wieder ueber den Hof zurueck, als der Stallknecht aus der Futterkammer kam. Unschluessig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter der Thuer stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht verlassen wollte, vorn zur Hausthuer hinaus auf die Strasse, den Weg nach seiner Wohnung einschlagend.

Capitel 2.

DER ROTHE DRACHEN.

Der "rothe Drachen", ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen Bieres, wie sonst mancher schaetzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der grossen Landstrasse, die gen Norden fuehrte. Ein freundlicher Thalgrund umschloss Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des naechsten Hanges kroenenden Nadelhoelzer hoben nur noch mehr das freundliche Gruen der jungen Birken und Weisseichen hervor, die sich ueber die niedere Abdachung erstreckten, und bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfaeltig in Ordnung gehaltenen Frucht-, Gemuese- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.

Es war ein warmer, sonniger Fruehlingsnachmittag; der Bach, der am Hause dicht vorbeirieselte, plaetscherte und schaeumte in frischem jugendlichen Uebermuth, des Eises Huelle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch fest und aengstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und die Voegel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten knorrigen Linde, die unfern der Thuere stand, und flatterten und suchten herueber und hinueber, aus den bluehenden Obstbaeumen fort ueber den Hof und von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, dass Einem das Herz ordentlich aufging ueber das rege glueckliche Leben. Und wie blau spannte sich der Himmel ueber die bluehende, knospende Welt, wie leicht und licht zogen weisse duftige Wolken, Schwaenen gleich, durch den Aether hin, farbige, fluechtige Schatten werfend ueber Wiesen und Feld und die weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne oeffnete und dem leuchtenden Blick neue Schaetze bot, wohin er fiel.

Ein Fruehling in Deutschland -- ein Fruehling im _Vaterland_; oh wie sich das Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd, jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thraene da nicht zurueck, die sich Dir, dem Gluecklichen, in's Auge draengt -- in ihrem Blitzen preisest Du den Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem Fluegelschlag ueber den gruenen Matten schwebt; -- wie das raschelnde fluesternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmueckte Halm und die knospende, duftende Bluethe im Thal. Ein Fruehling im Vaterland -- oh wie schoen, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem braeutlichen Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz der schoenen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ueber die Haide fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Baeumen riss und zu Boden warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ueber die erstarrende Flur, so oeffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen Fruehlingsgruss, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterliess und die schoensten Blumen jetzt gerade an den Stellen bluehen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.

Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Staedtchens in ihre Haeuser und Strassen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsuechtig die nahen gruenenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutraeufeln. Heute aber hatte sich das geaendert; voll und warm gluehte die Sonne am Himmelszelt und hinaus stroemten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der "rothe Drachen" vor allen anderen Plaetzen, der so reizend an der Oeffnung des Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte dabei sein reichlich Theil erhalten der froehlichen Schaar, dass die Wirthin mit ihren Kellnern und Maegden nicht Haende genug hatte zu schaffen und herzurichten, und die Tische und Baenke im Garten draussen fast alle besetzt waren rund herum von Schmausenden.

Der "rothe Drachen" sollte uebrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die Drachenschlucht hiess, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen hatte. Der Wirth des "rothen Drachen" nun, Thuegut Lobsich, dessen Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner "Ahnen" habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gaeste meinten, mit schlechtem Bier vergiftet) und dafuer von dem damals regierenden Fuersten Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen, erhalten.

Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber dabei der Nerv des Ganzen, in Kueche und Stall, in Keller und Haus, und waehrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen liess, obgleich er noch jung und ruestig war, am Liebsten zu seinen Gaesten irgendwo an einen Tisch drueckte und "das Bier controllirte", wie er sagte, dass ihm die Burschen kein Saures brachten und die Gaeste verjagten, arbeitete die Frau im Schweisse ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch und Kuchen zu ueberwachen. Dabei fuehrte sie die Kasse und rechnete mit Kellnern und Maedchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt hatten.

Boese Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der "einzige Mann im Hause" und Thuegut duerfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim waere; boese Zungen erwaehnten dann aber nicht dabei, dass sie wirklich allein das Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draussen in Kueche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu sehen bekamen, sein konnte, und so grosse Ursache sie dabei oft hatte aergerlich zu sein, und die Ursache dann auch fuer vollkommen genuegend hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem anderen Blatt.

Heute hatte sich uebrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht vor der Thuer desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre Arme so weit nach rechts und links hinueberstreckte, dass man sie schon hatte stuetzen muessen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu behalten, sass Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten, d. h. alter Kunden und quasi Stammgaeste von ihm, denn er selber kam selten irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, musste ihn eben besuchen.

Zu diesen gehoerte besonders Jacob Kellmann, ein Kuerschner und Pelzhaendler aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere, etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmuethigen Gesichtszuegen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die es gewoehnlich so einzurichten wussten, dass sie an einen Tisch mit einander zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die Stimme seiner Frau irgendwo hoerte, stand er auf und ging einmal durch den Garten und die Reihen seiner Gaeste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient wuerden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er musste an irgend Jemand seinen Aerger auslassen, dass er nicht bei seinem Biere konnte sitzen bleiben.

"Ist doch ein prachtvolles Wetter heute," sagte Kellmann, der eben einen tuechtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen Blick ueber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und Farbenschimmer vor ihnen aufrollte "und es waechst und gedeiht Alles draussen so schoen und steht so praechtig -- merkwuerdig dabei, dass Alles so theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen und steigen."

"Ja das weiss Gott," seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum Mund gehobene Glas unberuehrt vor sich nieder -- "und wenn das noch eine Weile so fort geht, koennen wir alle mit einander verhungern oder davonlaufen."

"Nun Ihr habt gut reden," sagte Kellmann, "Ihr bekommt vom Staat Euer Gewisses und koennt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld muss Euch werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins haengt aber allein von den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie waermen."

"Ihr redet wie Ihr's versteht," brummte der Aktuar, -- "unser Gewisses bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor den Augen haben. Ich habe fuenfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und Dienstmaedchen zu ernaehren, und soll anstaendig dabei gekleidet gehn, denn vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht mehr, und machte das Alles moeglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fuenfhundert Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fuer dasselbe Geld, fuer das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_ fuenfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hoeheren Zins -- schon voriges Jahr bin ich hoeher gegangen, um nicht gesteigert zu werden, d. h. fuer denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, aber dies Jahr muss ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen Lohn, das ist das geplagte, gefaehrdete Geschoepf, und jede neue Taxe macht ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein Loch enger, dass er weniger isst, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird, zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch abgelaufenen Ferien, wirklich ungestoert auszuruhen."

"Ach geht mit Eueren erbaermlichen Lamentationen an solch freundlichem Tag," fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile ungeduldig mit dem Kopf geschuettelt hatte. "Das Reden macht's nicht besser und Stoehnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo" -- unterbrach er sich ploetzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strasse hinunterzeigend, die in das weite Thal fuehrte -- "was kommt dort fuer ein Trupp den Weg entlang?" -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug Maenner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspaennigen Waegelchen sichtbar.

"Das sind Auswanderer!" rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend und dem Zug entgegenschauend -- "seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muss doch endlich einmal Platz werden."

"Na nu ist wieder der Frieden beim Henker," rief aber der Apotheker muerrisch -- "hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier aus, und Ihr Kellmann, lasst das Volk da draussen laufen, wohin sie wollen -- unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann, wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern praesentirt wird. Na kommt nur hinueber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie schon noch das Fell ueber die Ohren ziehn, dass Ihr am hellen lichten Tag die Sterne zu sehn bekommt."

"Nein was fuer ein Zug!" rief aber Kellmann, die langsam naeher kommende Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; "die armen Teufel."

"Hoert Kellmann," rief aber Schollfeld aergerlich, "tretet mir da ein wenig aus dem Weg, dass ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich daechte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strasse waeren nichts so besonders Neues, dass Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen waere."

Schollfeld war uebrigens nicht umsonst so muerrisch; er hatte einen Zorn auf Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte Beleidigung gegen den Staat, gewissermassen als eine Grobheit, die man ihm geradezu unter die Nase sage -- : "ich mag nicht mehr in Dir leben und weiss einen Platz, wo's besser ist." Das _dachten_ sich naemlich die "Toelpel", wie er sie nannte, aber Sie _wussten_ es nicht -- gar Nichts wussten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat haette auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei vorbei, Anderen noch obendrein ein boeses Beispiel gebend, und er begriff die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pass gestatten konnte.

Der Zug war indessen naeher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewoehnlich eine Menge junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals trocken machte.

[Capitel 2]

Die ersten Waegen passirten still vorbei; die Fuehrer warfen einen langen, vielleicht sehnsuechtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen sitzenden Gaesten und dem kuehlen funkelnden Bier hinueber, aber hielten nicht an, sich laengere Rast dafuer auf den Abend versprechend. Nur von den Fussgaengern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine Gesellschaft sass, und nicht weit von der Gartenthuere stehn, und waehrend ein paar der Maenner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der schweissbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen heruebersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls dort. Angezogen von der ploetzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen hier nach unten zu das Thal oeffnete, durch das sie gekommen, blieben sie erfreut und ueberrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin, das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.

"Heiland der Welt, Lisbeth," rief ein junges, sechzehnjaehriges Maedchen der, vielleicht zwei Jahr aelteren Schwester zu -- "dort drueben liegt Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann ich den weissen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinueberfuehrt nach Krisheim."

"Ja Marie," antwortete das Maedchen, und waehrend sie sprach, liefen ihr die grossen hellen Zaehren an den bleichen Wangen nieder, "gleich hinter dem Berg dort muss die Windmuehle liegen, und dann kommt Bachstetten und nachher" -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah, noch schwerer machen. Aber zurueckdaemmen liess sich das auch nicht, die Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Maedchen standen wenige Minuten still und weinend da, die schoenen thraenenueberstroemten Zuege den ihr naechsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.

"Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich haelt und pflegt, wie sie es versprochen," brach die Juengste endlich wieder mit leiser kaum hoerbarer Stimme das Schweigen.

"Sie hat's ja versprochen," fluesterte fast eben so leise die Schwester zurueck, "aber -- -- -- -- so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir."

"Komm Lisbeth," sagte die Juengere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei anzusehn, der Schwester Hand -- "wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein Stueck voraus."

Beide Maedchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und durch Heilingen fuehrte, ihre weite, unbekannte Bahn.

"He Marie, Lisbeth!" rief sie der Vater an, der eben an der Thuer des Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- "wollt Ihr einmal trinken Kinder?"

"Ich danke Vater," sagte Marie zurueck, ohne sich umzusehn oder stehn zu bleiben, "wir sind nicht durstig."