Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 1
Nach Amerika! Ein Volksbuch
Erster Band von Friedrich Gerstaecker. Illustrirt von Theodor Hosemann. Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung
1855
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NACH AMERIKA!
Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den Beschauer dadurch gewissermassen in den Charakter des Ganzen einzuweihen, so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des Bandes heraus, zum Vorwort waehlen, den Leser gleich von vorn herein mit dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.
"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.
_Die_ Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden das, kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde -- "nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen _kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub, frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber dem Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_
So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt, mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke fort -- ein stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.
So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinueberziehn.
Und dort? --
-- Die vorliegenden Blaetter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den verschiedenartigsten Verhaeltnissen und Sphaeren, aus allen Schichten der menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Boese, den Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Buerger und den heimlichen Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem schwanken Kiel hinuebertraegt, dem fernen Welttheil zu; oh was fuer Hoffnungen, was fuer Plaene und Traeume birgt er in seinem Schooss. Aber die Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich, im engen Haus, still und gedraengt beisammen; Jeder mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem wunderlichen unnatuerlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie oeffnet.
Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom Winde fort gefuehrt; die Einen selbstbewusst und keck dem fremden, unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei jedem Schritte fast moralische Selbstschuesse und Fussangeln fuerchtend; Alle aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die, im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine Weise.
Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Boesen, die Einen mit ihren kuehnsten Hoffnungen erfuellt, Andere, zerknirscht und zertreten, die Stunde verwuenschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie sich die Wildniss lichtet, wie Farmen und Staedte entstehn, und sich das deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst lieb gewonnen, oder fuer die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen, oft wunderlichen Bahnen.
Manchen alten Reisegefaehrten fuehr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal draussen im Freien, oder in niederer Blockhuette auf duennem "Quilt", muessen wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen Vortheilen und Maengeln, seinen Buergern und Einwanderern, seinen inneren Verhaeltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiss ersehnte Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck mit diesem Buch erreicht.
_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.
Friedrich Gerstaecker.
INHALT DES ERSTEN BANDES.
Das Dollinger'sche Haus Der rothe Drachen Der Diebstahl Franz Lossenwerder Die Auswanderungs-Agentur Die Weberfamilie Nach Amerika Der Tanz im rothen Drachen Ruestungen Die beiden Familien
Capitel 1.
DAS DOLLINGER'SCHE HAUS.
Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und diesen heute in aussergewoehnlicher Weise mit Blumen geschmueckt, und delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten Tochter des Hauses, der liebenswuerdigen Clara und nur ihr erklaerter Braeutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansaessiger Kaufmann, als Gast der Familie zugezogen worden.
Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in Lebensgroesse vorzufuehren, sass Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber behaebiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmuethigen Augen und schneeweissen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwuerdig standen. Ihm zur Rechten sass seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre juenger wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch noch sogar juenger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmueckten, passten nicht ganz zu dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeussern.
Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt, an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geoeffnetes, prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, fluechtig durchblaetterten Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulaechelnde Gestalten zeigte. Kein Schmerz hatte diese engelsanften Zuege noch je durchzuckt, keine Thraene wirklichen Schmerzes den reinen Blick getruebt, und die ganze zarte, sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Fruehlingsbluethe im sonnigen Wald, die dem jungen Fruehlingstag in Glueck und Unschuld die schwellenden Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den reinen Aether ueber sich, nur schoener, nur gluehender zurueckspiegelt.
Ihre um nur wenige Jahre aeltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite sass, aehnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das einfach kindliche, was Claerchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte ihr. Ihre Gestalt war voller, majestaetischer, aber auch ihr Blick mehr kalt und stolz; "ich bin des reichen Dollingers Kind" lag klar und deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war, wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung fordernd.
Zwischen Beiden sass Clara's Braeutigam, ein junger, bildhuebscher Mann in moderner, fast fuer einen Mann etwas zu gewaehlter und sorgfaeltig geordneter Kleidung; er trug das Haar in natuerlichen dunkelbraunen Locken und das Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekraeussten, und nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen besetzte Uhrkette.
Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger waren naemlich mit ihren beiden Toechtern im vorigen Herbst auf einer Rheinreise bei Ruedesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ueber Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein uebersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist, ennuyirte sich am Land und wuenschte an Bord des Dampfers zurueckzukehren, und als sie gerade mit dem Kahn ueber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfuehrern unterstuetzt, hatten auch schon gluecklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte Clara, als diese sich ploetzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber wieder zuruecksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der schmale Kahn an zu schwanken, waehrend sie, die vergessene kleine Tasche aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein stuerzte. Ungluecklicher Weise waren gerade in dem naemlichen Augenblick die Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zuruecksprangen, trieb doch Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika zurueckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch wenigstens so lange an der Oberflaeche unterstuetzte, bis das Boot herbeikam sie beide aufzunehmen.
Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der junge Mann hiess, gewann sich in den naechsten Wochen, die er in der Gesellschaft der ihm zu grossen Dank verpachteten Familie zubrachte, die Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein. Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten machen, doch etwas Genaueres ueber die Existenzmittel eines Mannes erfahren, dem er das Glueck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an verschiedene Haeuser in New-Orleans, die ihm ueber seine dortige Stellung genaue Auskunft geben konnten.
Nach seinem Vermoegen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_ Schwiegersohn entbehren zu koennen, und etwas Vermoegen musste der junge Mann haben, dafuer buergte sein ganzes Auftreten, buergte besonders in den Augen seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph Henkel war aber auch ausserdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann, der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wusste. Er hatte die ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sued und von Ost nach West durchstreift, und dort theils seinen Geschaeften gelebt, theils gejagt, sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch einmal von jenen wilden trotzigen Staemmen, die uns Cooper so herrlich und unuebertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt, und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara hatte eine ganze Nacht nicht schlafen koennen, nur in der Angst und Unruhe um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkuehne Mensch damals schon ausgesetzt.
Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Staemmen den Umgang mit civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besass ganz besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als ein tuechtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzueglich eine vortreffliche statistische Kenntniss der Union besass, gewann er sich dabei, und gleich von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte er leicht ihre kleinen, oft liebenswuerdigen Schwachheiten abgelauscht, und wusste ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, dass Frau Dollinger, mit der Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit ganz entzueckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhoerlich redete. Auch mit der aelteren Schwester, Sophie, wusste sich Henkel bald auf guten Fuss zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwaechen lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher Liebenswuerdigkeit, dass ihm Clara, die es fuehlte wie er dabei aus sich herausging und etwas annahm was ihm nicht natuerlich war, oder doch jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natuerlich sein _sollte_, dennoch nicht boese darueber werden konnte.
Desto freier, offener und natuerlicher war er dafuer gegen sie selber; er las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich dabei lachen, dass es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhoeren. Selbst Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen, fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Froehlichkeit zu nehmen.
Nur in den letzten Tagen war der junge "Amerikaner" wie er im Hause gewoehnlich scherzhaft hiess, oder der "Delaware" wie ihn Sophie, wenn sie manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffaellig niedergeschlagen gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm gehoerte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, dass sein Compagnon fast den Untergang desselben befuerchte. Der alte Herr Dollinger troestete ihn deshalb, und er schien sich auch darueber hinwegzusetzen, die sonst so bluehende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich wieder dorthin zurueckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres, Unstaetes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.
Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu nennen hoffte, hatte er all die trueben Gedanken, welcher Art sie auch gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschuettelt, und war ganz wieder der frohe glueckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt. Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz einverstanden gewesen, war auch heute keine groessere Gesellschaft geladen worden, sondern die kleine Familie speiste ganz "unter sich" in dem festlich mit Blumen und Guirlanden geschmueckten Zimmer des jungen liebenswuerdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich schon laenger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, groessere Gesellschaft gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Feten; dafuer jedoch bedung sie sich aus, dass sie wenigstens den Nachmittag spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewoehnlich zu Pferde begleitete.
Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner trinken, und der zweite Stoepsel war eben lustig hinausgeknallt, der Gesundheit des "jungen Brautpaares" zu Ehren, als die Thuer aufging und Lossenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's Zimmer trat.
Lossenwerder war schon seit elf oder zwoelf Jahren im Haus, und seinem Aeussern nach eben keine angenehme Persoenlichkeit; er hinkte auf dem linken Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war ueberhaupt haesslicher und magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das Stoerendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man sich auf ein laengeres Gespraech gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich, wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hoeren, als er es jedesmal affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid mit dem armen Menschen, den sie seines Ungluecks wegen innig bedauerte, schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ueber ihn, waehrend Herr Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch ausserdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit ihm war, ihm auch jedes nur moegliche Vertrauen bewiess.
"Hallo, Lossenwerder, was bringst Du mir da in's Haus?" rief ihm sein Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann das Zimmer betrat und schuechtern an der Thuere stehen blieb -- "ist das fuer mich oder meine Tochter?"
"Gewiss fuer mich, Vaeterchen," rief Clara, rasch von ihrem Sitze aufspringend -- "siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen mit meinem Fest, und mir Gruss und Geschenk geschickt."
"Hehehe -- moe -- moe -- moechten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl wue -- n -- nschen Fraeulein" lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger zuwinkte, dass das Paket fuer ihn sei -- "ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de -- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no -- noten." Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn uebergab.
"Hm, hm, hm" sagte aber dieser kopfschuettelnd, "und das bringst Du mir jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn nicht dem Cassirer gegeben?"
"Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden" stotterte Lossenwerder.
Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief fluechtig durchfliegend, herueber und hinueber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich hinlegend:
"Ja, da laesst sich denn weiter Nichts aendern; gieb mir das Paket Lossenwerder, und sieh dann zu, dass Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu mir zu kommen -- verstanden?"
"Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- "
"Schon gut" lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, "und hier, Lossenwerder, magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken. Fraeulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen Herrn." Er fuellte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem funkelnden, schaeumenden Nass, und waehrend Clara mit freundlichem Laecheln dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schluessel stak, oeffnete ihn, legte das Geld hinein, zog dann den Schluessel ab und sagte, diesen der Tochter ueberreichend:
"So Kinder, heute muesst Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein, bis der andere aufgefunden werden kann."
Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Lossenwerder, der das volle Glas in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war, hob es empor und rief stotternd:
"Fr -- re, re, re, re, re, raeu -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra -- aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen."
Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.