Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 10

Chapter 103,670 wordsPublic domain

"Doch, doch Frau," sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Haende in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- "doch Frau, der Mann _muss_, denn wenn er's _nicht_ thaete, waer er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entstaenden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darueber sprach, erklaerte, aber der meinte es waere etwa so wie wenn Einer im Wasser waere. Da sei es auch nicht genug dass man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwaemme eben nur nicht zu ertrinken, das thaete nicht einmal ein unvernuenftiges Stueck Vieh; nein des Menschen, des verstaendigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen koenne, denn zuletzt wuerde man da im Wasser, man moechte noch so tapfer schwimmen, doch muede, und liessen erst einmal die Kraefte nach, dann huelfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man saenke eben langsam zu Boden."

"Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst," sagte die Frau, "aber Du siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?"

"Nein und Ja," sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Ruecken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, "eigentlich nicht, denn Gott da oben weiss dass es wahr ist, und weiss wie, und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine -- ich meine -- " er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschaeftigt war das Geschirr hinaus zu raeumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:

"Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drueckt und willst nicht mit der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?"

"_Sitzen_? -- weshalb?" laechelte der Mann kopfschuettelnd -- "ich habe nie etwas Boeses gethan."

"Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du aengstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzaehlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?"

"Was soll dem Hans fehlen, naerrische Frau -- wenn's aufhoert zu giessen wird er schon kommen."

"Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?"

"Ich muss Dir's wohl sagen;" seufzte der Mann, "nun sieh Hanne, ich meine -- ich habe so darueber nachgedacht, dass es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns -- und dass wir's zu Nichts mehr bringen koennen, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiss, und dass jetzt -- dass jetzt doch so viele Menschen hinueber ziehen -- "

"Hinueber ziehen?" frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ueber etwas Grosses, Schreckliches da hinunter und zurueckdruecken wolle, eh sie zu Tage kaeme -- "wo hinueber Gottlieb?"

"Nach Amerika;" sagte der Mann leise -- so leise dass sie das Wort wohl nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit der Schuerze zu und sass eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefuerchtet ihm Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er hervorgebracht.

Auch die alte Mutter sass, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinueber, was sie mitsammen hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und muerrisch:

"Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt Ihr denn dass Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch Angst unnuetzer Weise -- was ist nun wieder los?"

"Ja Mutter," sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fasste ueber das, was nun doch nicht laenger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen werden _musste_, auch laut zu reden, dass er's vom Herzen herunter bekam -- "es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt dass uns zuletzt nichts anderes uebrig bleiben wuerde als -- als es eben auch wie andere zu machen, und -- "

"Und? -- und was zu machen?" frug die alte Frau gespannt --

"Als _auszuwandern_," sagte der Mann mit einem ploetzlichen Ruck und seufzte dann tief auf, als ob er selber froh waere es los zu sein.

"Herr Du meine Guete!" rief die alte Frau, liess die Haende erschreckt in den Schooss sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurueck, waehrend ihr alle Glieder am Leibe flogen -- "Herr Du meine Guete!" wiederholte sie noch einmal, und die Finger falteten sich unwillkuerlich zusammen, so hatte sie der Schreck getroffen.

"Auswandern," sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, und liess die Schuerze vom Gesicht herunterfallen -- "auswandern, das ist ein schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht reiflich ueberlegt?"

"Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch," rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Waerme gewann. "Wie ein Muehlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer dagegen angekaempft, aber es waere das Beste fuer uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun koennten; und wenn auch nicht einmal fuer uns, wenn wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen haetten, doch fuer die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiss, unseren Thraenen gesaeet."

"Auswandern? ja," sagte aber jetzt die Grossmutter, mit dem Kopfe nickend und schuettelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte -- "ja wohin es euch luestet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage muesst Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf dass ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt koennt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt."

"Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so haesslich reden wollten," sagte die Frau traurig, waehrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stuetzte -- "Sie sind noch wohl und ruestig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen muessen, da gehoeren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Muehe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehuelflich waren, wie unsere Kinder jetzt."

"Wozu mich mitnehmen," sagte aber die Frau, stoerrisch dabei mit dem Oberkoerper herueber und hinueber schwankend, "unterwegs muesstet Ihr mich doch aus dem grossen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fuettern. Bleibe im Lande und naehre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt huebsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frueher gegangen? -- nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und koennt hingehn wohin Ihr wollt."

Und die alte Mutter stand auf, rueckte ihr Spinnrad bei Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.

"Sie meint es nicht so boes, Gottlieb," sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, "es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen haengt und sich vor der Reise fuerchtet."

"Und Du nicht, Hanne?" rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend -- "Du nicht? Du wuerdest Dich dazu entschliessen koennen unsere Heimath hier, unser Haeuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern ueber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?"

Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte sie leise -- "So weit fort? -- und muss es denn sein, ist es denn gar nicht moeglich mehr, dass wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thuer zuzuschliessen und zu denken dass man nun nie und nimmer wieder dahin zurueckkommt -- "

Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:

"Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher ueberlegen ehe man ihn thut, denn zurueck kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin noch zu eigen gehoert hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kuemmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, dass es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben dass wir verhungerten; aber die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstueck ist die Jahre ueber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschaeft geht's auch kuemmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Doerfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoss. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermuedet Tag und Nacht durch, und die Raeder und Walzen und Haemmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiss des armen Arbeiters der darueber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darueber, es muss wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muss vorwaerts gehn -- wir aelteren Leute koennen uns aber eben nicht mehr darein schicken, koennen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Haende nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drueben ueber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen grossen gewaltigen Fleck Erde liegen, fuer uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Raederwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht fuer sich und die Kinder was vorwaerts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fuerchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders uebrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang."

"Und die Mutter?" sagte die Frau, sich aengstlich nach der Thuere umsehend -- "was wuerde aus der alten Frau auf dem Meere?"

"Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz," sagte aber der Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefuerchtet -- "sie gewoehnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um sich sehen, und die Seeluft soll kraeftigen und staerken."

"Aber sie wird nicht mit uns wollen."

"Sie wird ihre Kinder nicht verlassen," troestete sie der Mann, "und ohne sie duerften wir ja auch gar nicht fort."

Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drueckte, und wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draussen Jemand die Thuer aufriss und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen hoechsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Guessen gegen die Fenster an, waehrend der Wind die Wipfel der Baeume herueber und hinueber schuettelte und die Bluethen von den Zweigen riss mit rauher Hand.

[Capitel 6]

"Schoenen Gruss mit einander," sagte dabei eine rauhe Stimme, waehrend die Stubenthuer halb geoeffnet wurde -- "darf man hinein kommen?"

"Gott gruess Euch," sagte die Frau -- "kommt nur herein, bei dem Wetter ist's boes draussen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen sollte."

Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draussen ab und trat mit nochmaligem Gruss in die Stube.

"Gott gruess Euch," sagte auch Gottlieb -- "da, nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draussen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen."

"Sauwetter verdammtes," fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- "ich wollte erst sehen dass ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber so gepfiffen dass er mich bald von den Fuessen hob, und es war gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem andern entgegen gossen. Schoenes Wetter fuer Enten, aber fuer keine Menschen."

Es war eine rauhe, kraeftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstaeten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch alle Pfuetzen und Schlammwege hindurch zu koennen; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknoepft, und eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr befindlich war, hing ihm darueber hin.

"Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?" frug Gottlieb nach einer laengeren Pause, in der er den Mann und dessen Aeusseres fluechtig nur betrachtet hatte -- "hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen."

"Zehn Stunden etwa," sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei sich fuehrte, entzuendend -- "wie weit ist's noch bis Heilingen."

"Eine tuechtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich waere, koennte man's recht bequem in kuerzerer Zeit gehn."

"Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das draussen stuermt; und die Pflaumenbluethen pflueckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmuss wird theuer werden naechsten Herbst."

"Das weiss Gott," sagte Gottlieb -- "es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langsam aber Sicher."

"Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier bleiben muessen; 's giebt Plaetze die besser sind."

"Wollt Ihr auch auswandern?" sagte Gottlieb rasch.

"Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich weiss noch nicht," brummte der Fremde, sich den Bart streichend -- "es waere aber moeglich dass sie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?"

"Ja. -- "

"Habt Ihr noch mehr?"

"Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr."

"Und Ihr seid ein Weber?" sagte der Fremde mit einem Blick auf den Webstuhl -- "auch schwere Zeiten fuer derlei Arbeit, mit einer Familie durchzukommen."

"Ja wohl, schwere Zeiten," seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die Thuer draussen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: --

"Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter."

Es war Hans, der aelteste Sohn des Webers, durch und durch nass, aber mit frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in grossen Perlen stand.

"Guten Tag mit einander," sagte er, als er in's Zimmer trat und die triefende Muetze vom Kopf riss -- "guten Tag Mutter."

"Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?"

"Es wurde mir zu spaet Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen."

"Ein derber Junge," sagte der Fremde, der sich den Knaben indess mit finsterem Blick betrachtet hatte -- "kann wohl schon ordentlich mit arbeiten."

"Ach ja, er packt tuechtig mit zu," sagte der Vater -- "lieber Gott in jetziger Zeit muss Alles mit Brod verdienen helfen."

"Die Kinder fressen Einen arm," sagte der Fremde.

"Habt Ihr Kinder?" frug Gottlieb.

"Ich? -- hm, ja," sagte der Fremde nach einer Pause -- "koennte noch Jemandem abgeben davon."

"Ich moechte keins hergeben," sagte die Frau rasch, und kuesste das Juengste, das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fuettern, "Kinder sind ein Segen Gottes."

"Ja -- so sprechen die Leute wenigstens," sagte der Fremde trocken, "aber ich glaube es laesst nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen koennen."

"Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heisse Tasse Kaffee trinken?" frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.

"Danke, danke," sagte aber der Fremde abwehrend -- "kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber."

"Das thut mir leid," sagte der Mann, "den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hause."

"Thut auch Nichts," lachte der Fremde; "so lange halt ich's schon noch aus. Sind doch huelflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh ausgetreten haben," setzte er dann hinzu, als das Juengste das Maeulchen nach dem schon einmal gereichten Loeffel vorstreckte -- "was machte nun so ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber ueberliesse."

"Ach Du lieber Gott," sagte die Frau bedauernd -- "so ein armer Wurm muesste ja elendiglich umkommen."

"Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wuerde und sie kaemen und es fuetterten," lachte der Andere.

"Dafuer haben die Kinder Eltern," sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Maedchen liebkosend und kuessend, "die sorgen schon dafuer dass kein Nachbar danach zu sehen braucht."

"Wenn die aber einmal ploetzlich stuerben, wie dann?" frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknoepfte und sich zum Gehen ruestete.

"Dann ist Gott im Himmel," sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.

"Ja, das ist wahr;" sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Laecheln, "der hat allerdings die grosse Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehoert mit Giessen," unterbrach er sich rasch, "den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schoen Dank fuer gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glueck."

"Bitte, Ihr habt fuer Nichts zu danken, behuet' Euch Gott," sagte Gottlieb freundlich.

"Behuet' Euch Gott;" sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draussen wieder den nassen Mantel um, drueckte sich den breitraendigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verliess rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.

"Mich freut's dass er fort ist," sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- "bewahr uns Gott, was hatte der Mann fuer ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen koennt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wuesste. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und ueber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat."

"Er sagt's ja," bestaetigte Gottlieb -- "aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so boes."

"So bess're ihn Gott," sagte die Frau mit einem Seufzer, "und je seltener er unseren Weg kreuzt, desto besser."

Capitel 7.

NACH AMERIKA.

"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.

Die Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden, das kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde -- "nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen _kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub, frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber den Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_