Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 11

Chapter 113,665 wordsPublic domain

So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.

So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinueberziehn. Und _dort_? -- noch liegt ein dichter Schleier ueber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne scheint ja ueberall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg.

* * * * *

Oben in der Brandstrasse -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gasthaus zum Loewen schraeg gegenueber, wohnte Professor Lobenstein mit seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehoerte.

Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der "besseren Jahre", etwa einundfuenfzig alt, aber ruestig und gesund, nur erst mit einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ueber die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tuechtiger Kopf dabei, hatte er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen grossen Schatz von Kenntnissen aufgehaeuft; auch in manchem, mit schweren muehsamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spaeter wieder von den bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der Gewerbskunde seine Thaetigkeit widmete, auch mit einem Buchhaendler in Heilingen eine Gewerbszeitung gruendete und herausgab.

Hierin hatte er Unglueck; der Buchhaendler machte bankerott und er uebernahm die Zeitung, mit ziemlich grossen Verlusten schon, allein.

So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiss suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch dass er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer hoechst unguenstigen politischen Periode, in der ihm eine grosse Anzahl Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniaere Verluste, dass er sich endlich genoethigt sah sein Blatt vollstaendig aufzugeben. Es war das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.

Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei erwachsene Toechter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Maedchen von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort "_Nahrungssorgen_" fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen schon an und fuer sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht Beduerfniss schien. Das Alles sollte, ja _musste_ sich jetzt aendern, denn wenn er auch aus den Truemmern seines Vermoegens, nach allen erlittenen Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genuegte der nicht, das bisherige Leben fortzufuehren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an fruehere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.

Aber die Frauen? -- wuerden sie den Muehseligkeiten einer so langen Reise, einer Ansiedlung drueben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Dass er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wuerde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ueber Amerika gelesen, sich mit den dortigen Verhaeltnissen aus allen erschienenen Schriften so vertraut gemacht, dass er Alles kannte was ihn dort erwartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Toechter aus ihrem geselligen gluecklichen Leben reissen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Vergnuegungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, die ihnen fast Beduerfniss geworden?

Einen langen und schweren Kampf kaempfte er mit sich selber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hoehlen und seine Zuege bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich leicht mit einem vorgeschuetzten Unwohlsein beruhigen liessen, dem scharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, aengstlichen Bitten konnte er zuletzt nicht laenger widerstehen. Was sie doch zuletzt haette erfahren _muessen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefuerchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_ Herzen -- auf das ihre. Aber leichter traegt sich die getheilte, und bereden konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Moeglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Moeglichkeit errwaegen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft oeffnete. Und die Kinder? wohin Muetter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechselte fuer sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.

An demselben Abend waren die beiden aeltesten Toechter zu einem kleinen Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat genaeht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfschmerz vorschuetzend, und die Sorge um das juengste Kind, das mit einem leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, sass die Mutter und weinte -- weinte als ob sie mit dieser Thraenenfluth all den Gram und Kummer fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres Gluecks erschien, und wild und drohend hoeher und hoeher stieg.

Lachend und plaudernd kehrten die Toechter, mit dem Vater spaet in der Nacht zurueck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, mischte noch sein fastgruenes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit Blum' und Bluethenpracht.

Aber der Moment naeherte sich auch, wo mit der vorgerueckten Jahreszeit all' die noethigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, zu einer gaenzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhaeltnisse, getroffen werden _mussten_; auch schien die Zeit eine passende fuer den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen gluecklich bestanden hatte. Der Vater wuenschte allerdings dass er hier erst studiren, und ihnen dann spaeter, wenn er etwas Tuechtiges gelernt, vielleicht folgen sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen keinen Zwang aufzuerlegen.

Am naechsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spaet mit Aufstehn geworden nach der durchschwaermten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum Kaffee heruebergekommen, waehrend der Sohn das Haus schon, irgend eines notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sass der Vater, ungewohnter Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weissen Kraeusselwolken von sich blasend, und die Mutter am Naehtisch, Kleider ausbessernd fuer das Juengste, das in seinem heruebergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe schaukelte.

"Schon ausgeschlafen, Vaeterchen?" sagte Marie als sie, etwas beschaemt, die Letzte am Kaffeetische Platz genommen, "ich habe wohl recht lange heut geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch?" -- rief sie vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der Eltern gewahrte -- "bist Du boese auf mich, Muetterchen?"

"Nein mein Kind," sagte diese und zwang ein Laecheln auf die Lippen, "aber der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir noch nicht wissen, ob es Euch betrueben wird oder nicht."

"Der Vater?" rief Marie erschreckt, und auch Anna, die aelteste Tochter, sah aengstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und zum Aeussersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:

"Ja Kinder, Ihr wisst -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ueber Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen -- "

"Ja, die herrlichen Romane von Cooper," rief Marie rasch.

"Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt," laechelte Anna.

"Der Doctor Haide ist ein Esel," sagte der Professor, den Rauch wieder ein paar Mal rasch ausstossend -- "wenn der haette in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernaehren; ueber dessen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber -- " er schwieg wieder einen Augenblick und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinueber. Die jedoch arbeitete um so emsiger weiter, und selber mit dem Beduerfniss dem, was ihn schon so lange gedrueckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- "ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Haettet Ihr -- haettet Ihr wohl selber Lust hinueber nach -- nach Amerika zu gehn?"

"Nach Amerika?" rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber sprang auf, schlug in die Haende und rief jubelnd:

"Nach Amerika? oh das waere ja praechtig -- das waere herrlich -- nicht wahr da sind auch Baelle, Vaeterchen?"

Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernsteinspitze.

"Hm -- ich weiss nicht," sagte er langsam mit dem Kopf schuettelnd -- "wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Haengst Du so an Baellen, Marie?"

"Ich tanze gern," laechelte das junge froehliche Maedchen etwas verlegen und schuechtern.

"Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch koennen, mein Kind," sagte der Vater freundlich -- "wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Baellen wie wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher."

"Oh, und bis zum naechsten Fasching sind wir gewiss auch wieder zurueck," rief Marie.

Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber entschlossen.

"Wir wollen _ganz_ hinueberziehn, mein Kind."

"Auswandern?" rief die aeltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem unbekannten ahnenden Gefuehl von Schmerz und Leid -- "und die Mutter?"

"Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zuruecklassen?" laechelte die Frau, sich gewaltsam zwingend ueber den Schmerz dieser Stunde.

"Mutter!" sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kuesste sie.

"Und Eduard?" frug Marie.

"Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas ordentliches gelernt hat," sagte der Vater -- "wo nicht, hat er seinen freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit ihm sprechen."

"Aber -- " rief Marie -- "wer verwaltet unterdessen unser Haus?"

"Wenn wir einmal fort sind von hier," sagte der Professor ausweichend, "kann uns auch das Haus nichts mehr nuetzen, und ich werde es verkaufen."

"_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten?" riefen Maria und Anna fast wie aus einem Munde erschreckt und rasch --

"Unser freundliches Stuebchen, wo wir als Kinder gespielt," setzte Marie traurig hinzu.

"Und die Baeume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst gebaut, und die so schoen geworden ist in diesem Jahr," sagte Anna leise -- "verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber dass fremde Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie wir das Alles gehegt und gepflegt und -- " ihr Blick fiel in diesem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zuege, und fasste das Blitzen einer heimlich fallenden Thraene. Anna erschrak und wurde todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem vielleicht gezwungen froehlicherem Ton:

"Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gaertchen, schoener als das unsere hier."

"Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle waere," schmollte Marie, "und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfaehrt? der ist so immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darueber gezankt."

"Ach der macht mir die geringste Sorge," sagte Anna in ihrem Schmerz laechelnd -- "wenn man _fuer_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskraeften, und citirt Gott weiss was fuer Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Guenstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, dass er den Handschuh wacker dafuer aufnimmt, und man wirklich glauben sollte er bekaeme so und so viel fuer den Kopf, Leute zu bereden hinueberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber nicht weiss was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, koennte man ihn selber, nur durch Widersprechen, dahin bringen, dass er in eigener Person hinueberginge."

"Herr Kellmann?" lachte Marie -- "nun _den_ moecht' ich in Amerika sehn."

"Und wer weiss, ob Dir das nicht noch passirt," bestaetigte der Vater, mit dem Kopfe nickend.

"Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?" frug das junge lebenslustige Maedchen jetzt die Mutter -- "hier lassen moecht' ich es doch nicht gern, und drueben im Wald -- "

"Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn," sagte die Mutter, die indessen heimlich die verraetherische Thraene aus dem Auge geschuettelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn streichend und kuessend, "denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber nicht aus."

"Aber warum gehst Du nur, Vaeterchen?" bat Marie -- "es ist doch hier so wunderhuebsch in Heilingen, und was wir da drueben haben, wissen wir noch nicht."

Der Professor, zu dem Anna aengstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er fuehlte dass er, auch den Toechtern gegenueber, diesen eine Erklaerung seines Handelns schuldig sei, denn er riss sie aus einem liebgewonnenen Leben heraus, und fuehrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spaeteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glueck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluss einen schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fuerchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafuer hatten sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gaeste gern noch fern gehalten haette so lang als moeglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt ihres Lebens, und mussten _sehen_, wohin der Weg sie fuehrte.

In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die veraenderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht laenger dass er einen Theil -- einen grossen Theil seines Vermoegens eingebuesst, und das ihm selber liebe Haus nicht verkaufen wuerde, wenn ihn eben nicht -- die Verhaeltnisse dazu _zwaengen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil ueberzusiedeln und dort, mit bescheideneren Beduerfnissen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Moeglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmaessig angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fuer spaetere Zeit. Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie hinueber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hinderte sie dann zurueckzukehren zu den theueren Plaetzen, die ihnen ewig lieb bleiben wuerden in der Erinnerung?

Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur erst gebrochen. Selbst ueberzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich zuletzt sogar, Luftschloesser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht geroetheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sass dabei, still und schweigend, und aengstlich bemueht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Haende erfasst und in den ihren hielten, schmiegten ihre Haeupter an seine Schultern und fluesterten; die grossen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll von Thraenen.

"Genug, genug, Vaeterchen; mal' uns das Alles nicht so praechtig aus -- wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und waer' es mitten hinein in den wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hoeren, keine Klage, kein boeses Gesicht weiter -- keine Thraene -- nur die hier sind uns so ganz von selber ueber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen -- "

"Und Kuehe und Huehner schaffen wir uns an!" rief Marie, "und die Kuehe melken wir selber und machen Butter und Kaese."

"Wie gut," sagte Anna, dass wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spass gelernt haben; jetzt wird es uns nuetzen."

"Aber nicht wahr, Muetterchen, nun weinst Du auch nicht mehr," rief Marie, zur Mutter hinuebergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie kuessend -- "drueben wird schon Alles huebsch werden. Und ein paar von den grossen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fuer draussen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plaetten thun wir auch selbst, dafuer nimmst Du kein Maedchen mehr."

Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft ueberhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspaehte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goss er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der duestere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter staerker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu koennen, und der Himmel spannte sich blau und rein ueber ihren gluecklichen Haeuptern.

Capitel 8.

DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.

Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen, der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespraech gebildet, wurde kaum noch erwaehnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings nachtraeglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage nach dem Sturz von der Bruecke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die beiden Tage vollkommen bewusstlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen. Das uebrige Geld aber -- ausser den zweihundert und einigen Thalern -- wie die vermissten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so liess sich jetzt gar nichts Anderes vermuthen, als dass er es irgendwo an einer heimlichen Stelle vergraben, und ausser Sicht gebracht habe.

Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstoesse ueber den Fall geschrieben -- man wusste wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit dem ueblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gruendliche Vorlage mangelte, nach Moeglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich Nichts weiter darueber ergab, mit starkem Bindfaden umschnuert und etiquettirt, um spaeter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert fortzutraeumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still und heimlich hinausgeschafft worden.