Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 12

Chapter 123,638 wordsPublic domain

Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Ungluecklichen allerdings sogar dies "ehrliche Begraebniss" versagen und den Koerper der Anatomie ueberantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls und gewissermassen als Selbstmoerder seinen Tod gefunden -- was kuemmerte die stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_ Autoritaet Gefahr leiden konnte gekraenkt zu werden, und sie hatten einmal verordnet, dass solchen Suendern ein "christliches Begraebniss" versagt werden solle; aber die Polizei war milder und verstaendiger als die "Diener des Hoechsten" und erklaerte den Tod des Armen fuer keinen Selbstmord, indem er nur "auf der Flucht" umgekommen, waehrend wahrscheinlich der ihm beigegebene Waechter die allerdings unschuldige, und nicht zur Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.

Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der dunklen Seiten so viele, und sie draengen sich uns doch auf, wohin wir gehen -- nur der Augenblick gehoeret uns, und nicht muthwillig wollen wir den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz wieder zu sehn bekommen -- und dort toent heut froehliche Musik aus dem hellerleuchteten Saal des grossen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und jungen Birkenreisern festlich geschmueckt ist, indess ihn eine muntere, laut und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.

Kaum eine Viertelstunde -- oder eine "halbe Pfeife Tabak", wie die Bauern sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schloss Hohleck an der anderen Seite des naemlichen Huegelrueckens, das gegenueber liegende Thal ueberschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute die Vermaehlung seines aeltesten Sohnes, der dabei das Gut selber uebernahm, und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest "in der Schenke" gab. Bier und Branntwein waren dabei zu freier Verfuegung gestellt, und ein starkes Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon.

Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gaeste eingefunden, dem muntern Leben und Treiben der froehlichen Menschen zuzuschauen, und waehrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des Rittergutes eingeraeumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufuellen.

Zu den Gaesten aus der Stadt gehoerten auch mehre unserer alten Bekannten, unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgaeste des rothen Drachen. Ledermann war ebenfalls, wenn auch spaeter, herausgekommen und ihnen hatte sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's, der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit bei ihnen stehn, gewissermassen seinen Platz zu belegen.

Ledermann war uebrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das sehr zu Herzen zu nehmen, erklaerte auch nur herausgekommen zu sein, sich ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der Stadt drin peinigten.

Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hoechst unerwarteter Weise eine kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute Abend aussergewoehnlich gut aufgeraeumt schien, versuchte jetzt sein Bestes des Freundes Grillen oder truebe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.

"Hoeren Sie einmal Ledermann," begann er, mit dem Deckel seines Kruges klappend und mehr Bier verlangend -- "wie ist denn die Geschichte nun mit den 600 Thalern? -- beilaeufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als ob Sie Schwefelsaeure verschluckt haetten."

"Er hoert nicht einmal," sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben schien -- "Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?"

"Wo?" sagte der Actuar, rasch und fast verstoert aufschauend, als aber die Anderen laut lachten, schuettelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend und trinkend sagte er ruhig und ernst:

"Ach lasst mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin wahrhaftig heute Abend nicht zum Spassen aufgelegt."

"Nicht zum Spassen aufgelegt?" rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem Tisch anstossend -- "ist auch gar nicht noethig mein lieber Actuar -- wir spassen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und irgendwo Stammgast ist, ueberkommt dabei die moralische Verpflichtung irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, dass man einen solchen Glueckspilz auch nur noch daran erinnern muss. Hat der Henker da wieder den Schleicher, den Weigel," unterbrach er sich aber ploetzlich mit etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und sich ihrem Tische zuwandte -- "ich hatte schon gehofft wir wuerden ihn heute Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnuegen beim Teufel."

"Nun meine Herren, noch so froehlich beisammen?" sagte Weigel jetzt, indem er zum Tisch trat -- "ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich ruecke ein klein wenig hier herueber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen Tagen ein grosses Glueck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren."

"Danke herzlich," sagte Ledermann ruhig; "es wird uebrigens so viel von den paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende waeren."

"Ih nun, das lassen Sie gut sein," sagte aber Weigel, mit dem Kopf schuettelnd -- "sechshundert Thaler richtig angewandt koennten in der That in kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden."

"Wenn man sich Saechsische Loebau-Zittauer Eisenbahnactien dafuer kaufte, nicht wahr?" sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug versteckt, und einen grimmigen Blick ueber den Rand desselben hin, nach dem Auswanderungsagenten schiessend.

"Nun das gerade nicht," schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Haende reibend, "da wuesste ich doch noch eine bessere Speculation."

"Und die waere," sagte der Actuar, seitwaerts zu ihm aufschauend.

"Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften."

"Puh!" rief Schollfeld, veraechtlich den Kopf abwendend, "jetzt sein Sie so gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu verdienen, denn von uns geht doch keiner hinueber."

"Lieber Herr Schollfeld," sagte aber Weigel mit grosser Ruhe, "von _uns_ weiss noch Niemand was er naechstes Jahr thun wird, und verschwoeren laesst sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein Zufluchtsort."

"Ja fuer die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!" rief der Apotheker.

"Ne lieber Herr Weigel!" rief aber auch Kellmann jetzt -- "mit sechshundert Thalern kann ich da drueben auch Nichts anfangen, und bin dann noch obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, dass ich betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem eigenen Bruder trauen."

"Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglueckseligen Ideen, die von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fuer Vortheile, fuer fabelhafte Vortheile dort gerade fuer sie zu Tage liegen, und die Geruechte von dort veruebten Betruegereien haengen eben als Vogelscheuche ueber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte Charaktere wie in Amerika."

"Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen," sagte Schollfeld mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten -- "aber eben so schlechte gewiss."

"Nun also," erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja im Gegentheil die Waffe laechelnd umdrehend -- "sehn Sie, selber Herr Schollfeld stimmt mir darin bei."

"Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!" rief da Schollfeld entruestet, keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.

"Von den Betruegereien will ich noch gar Nichts sagen," unterbrach ihn aber Kellmann, ziemlich in Eifer -- "was ich dagegen sehr guten Grund habe zu bezweifeln, sind die billigen Landkaeufe, sind dabei die Erleichterungen, welche diese republikanische Regierung allen moeglichen Gewerken und Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und kommt man am Ende hinueber, so hat man die ganze naemliche Geschichte wie bei uns. Dass all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pass_ herumlaufen darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fuer keinen Fortschritt."

"Verehrtester Herr Kellmann!" rief aber Weigel in Eifer -- "gegen _Thatsachen_ koennen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind und taub mit dem Kopf gegen die naechste, und womoeglich haerteste Wand rennen? wir sind doch vernuenftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die neueren Schriften jetzt gelesen, die -- "

"Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien," rief aber Schollfeld, dem das Gespraech jetzt zur Last wurde, "fuer einen Thaler den Bogen malen ihnen die lumpigen Literaten selbst die Hoelle himmelblau an, und kleben von oben bis unten Sterne drueber. Lasst mir jetzt Euer Geschwaetz von Amerika hier, oder ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin."

"Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut," sagte Weigel, wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil vertragen konnte.

"Ja leider," sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier auszutrinken.

"Herr Schollfeld," sagte er dabei, "Sie sind in der Stadt als ein Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wuerden den Leuten eher zu einer Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen."

"Wuerde ich auch," sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester in die Stirn drueckend.

"Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder weiss am Besten wohin er gehoert, und dahin treibt ihn der Instinkt," sagte Herr Weigel achselzuckend, indem er den Tisch verliess, und Kellmann erwischte eben noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.

"Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem Menschen an!" rief Kellmann leise und bittend.

"Instinkt treibt?" rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten, vielleicht gern, gehalten fuehlte -- laut hinter dem Davoneilenden her -- "Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkaeufer_ Sie!"

"Pst!" rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend -- "Sind Sie denn ganz vom Boesen besessen Apotheker? auf das Wort koennte er Ihnen, wenn er's noch gehoert haette, die schoenste Injurienklage an den Hals haengen."

"S'ist aber wahr -- der Lump!" rief Schollfeld aergerlich, den leeren Krug zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch aufstossend -- "es ist ein Seelenverkaeufer, der Kerl, und um einen Thaler beschwatzt er das Kind, dass es die Eltern, den Mann, dass er die Frau verlaesst -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmoerdern und Strassenraeubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu in's Gesicht wirft, "ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber solche heimliche Hallunken sind die Upasbaeume der menschlichen Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen koennen, und von aussen geben sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben gruene Blaetter und glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit Geldstrafen oder Gefaengniss, nein mit Knute und Strang -- Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen haette."

"Sie wuerden schoene Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken," sagte der Actuar trocken, "s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiss wohl wozu's gut ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschoepfe in der Naturgeschichte, und doch verwendet sie die Natur wieder zu hoechst nuetzlichen und nothwendigen Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum waere ein menschlicher Blutigel."

"Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm," rief der Apotheker.

"Bah, das ist wieder zu weit gegangen," sagte Kellmann, "viel zu weit gegangen. 'Was Schlechtes koennen Sie dem Mann ueberhaupt nicht nachsagen, denn dass er fuer Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschaeft, anderntheils seine Ansicht, und er koennte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann ebensogut wieder vorwerfen, dass Sie eine Menge Menschen absichtlich ungluecklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande abhielten."

"Unsinn -- baarer Unsinn!" rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herueber und hinueber werfend -- "Jemand ungluecklich machen, dass man ihm von einer Auswanderung nach Amerika abraeth, waere gerade so, als ob ich als eines Menschen Moerder betrachtet wuerde, den ich abhalte aus dem dritten Stock auf die Strasse zu springen. Aber hol den Lump der Henker," brach er kurz und aergerlich ab, "ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen Abend verdorben. -- Nach Sibirien auswandern -- " brummte er dabei, waehrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem Tisch stehenden Licht entzuendete -- "Holzkopf der -- nach Sibirien auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da treiben, dass man auf andere Gedanken koemmt -- ich bin bald wieder da." Und von seinem Stuhl aufstehend verliess er langsam, und immer noch vor sich hin murmelnd, das Zimmer.

Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.

"Na nu?" sagte aber Kellmann erstaunt -- "was ist das fuer eine Wirthschaft heut Abend? Schollfeld laeuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da heute Abend unser Solo? -- wir koennen doch nicht wie die Pferde zu Bette gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?"

"Mir ist heute nicht wie spielen," sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe schuettelnd, "ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird mir wohl besser werden."

"Fort duerfen Sie aber noch nicht," sagte Kellmann, indem er sein Bier austrank, und ebenfalls aufstand, "da wollen wir lieber einmal unten im Garten auf und ab gehn."

Der Actuar zoegerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe hinunter.

Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem Garten hinaus, und in die mehr geschuetzten Raeume der Gebaeude gezogen. Nur hie und da sass noch irgend ein kosendes Paerchen in einer Laube, oder schwaermte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ueber dem nebelgefuellten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinueber, dessen grosse rothe Scheibe sich gluehend aus den Bergen hob, und das weite, thaublitzende Thal ueberschaute.

Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her, bis sie den breiten Fussweg der schoenen ebenen Chaussee erreichten, und eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er, diesen zurueck haltend, ploetzlich stehen, und sagte mit freundlichem, herzlichen Ton:

"Aber lieber Ledermann, Sie duerfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so ganz und ruecksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife dass es ein schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott hat's genommen, und wer weiss ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht vielleicht ein recht truebes und schmerzliches Dasein erspart wurde."

"Es ist nicht das Kind, Kellmann," sagte aber der Actuar, leise mit dem Kopf schuettelnd, "nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am Herzen, obgleich der da oben weiss wie weh er mir gethan -- nein, ich halte ihn sogar unter den jetzigen Verhaeltnissen, in denen ich lebe, fuer ein _Glueck_, und es ist _furchtbar_, dass ich gezwungen bin so etwas von dem Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen."

"Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?" rief Kellmann, verwundert vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. "Irgend etwas _ist_ vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?"

Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.

"Aber was _will_ sie denn eigentlich," rief Kellmann finster die Brauen zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser gesticuliren zu koennen -- "Wetter noch einmal, Ledermann, Sie haetten da schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort geht, wahrhaftig noch unter die Erde."

"Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott," stoehnte der Actuar kopfschuettelnd -- "soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf einen, nur moeglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_ haben gut reden; _Ihr_ Geschaeft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre Erholung gestattet Ihnen, _die_ ausserhalb desselben zu suchen, ich aber sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem verwuenschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich nach einer halbstuendigen gemuethlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hoelle zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim haette; es giebt vielleicht wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, haeuslichen Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es _so_ verbittert, so gaenzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend wieder von Frischem, wie gerade mir."

"Aber was ist denn nur vorgefallen?"

"Das Ganze ist mit wenig Worten erzaehlt," sagte der Actuar nach kurzer Ueberlegung entschlossen, "und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertraeglich wird. Sie haben gehoert dass ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt, die ich in den naechsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernuenftigste nun waere das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, ueberdies aermlichen Gehalt zu erhoehen -- ich habe fuenfhundert Thaler jaehrlich und weiss bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll."

"Nun gut, das ist ja Alles so schoen und glatt wie es nur sein kann."

"Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu wollen, der ein Geschaeft hat und mir _fuenf_ Procent verspricht."

"Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fuenf Procent waere aller Ehren werth."

"Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten steht."

"Ahem," sagte Kellmann nachdenkend.

"Geb ich _ihm_ das Geld," fuhr der Actuar fort, "so ist es ueber Jahr und Tag, so sicher wie dort drueben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es ihm _nicht_, so weiss ich dass mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur Hoelle macht."

"Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht uebel," sagte Kellmann stehen bleibend, "da wuerde ich denn doch einmal einen Trumpf darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein verdorben."

"Aber was _soll_ ich thun?" rief der Actuar verzweifelnd -- "mit Worten _kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Maenner koennten das; in Ruhe und Guete ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will ich sie ebenfalls nicht."

"So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;" rief Kellmann, "lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das ganze Leben, eine ganze Existenz, muehselig und qualvoll hinzuschleppen."

"Heute Abend zum ersten Mal," sagte der Actuar seufzend, "habe ich ihr selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, dass sie sich mit mir nicht gluecklich fuehlen _koenne_, weil sie fortwaehrend, und ohne auch nur einen einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wuerde, wir liessen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Laenge der Zeit doch nicht durchgefuehrt werden koenne, gerichtlich scheiden."

"Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?"

"Ich bin fortgelaufen," sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund abwendend, "denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug sich so unvernuenftig, dass ich mich vor den Nachbarn schaemte, und lieber Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswaerts zu suchen."

"Also sie weigert eine Scheidung?"

"Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein derartiges Wort erwaehne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiss was Alles, und -- ich glaube sie bekam nachher Kraempfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte ich gehofft der Tod des Kindes wuerde sie milder stimmen, aber nein, und wenn mich etwas ueber den Verlust des kleinen lieben Wesens troesten koennte, so ist es gerade der Gedanke, es dem boesen Beispiel, das ihm die eigene Mutter taeglich gab, entrissen zu sehn -- was haette zuletzt aus ihr werden sollen, als eben eine solche Frau."

"Und so ist gar keine Hoffnung, mit Guete durchzukommen? -- "

Der Actuar schuettelte schweigend mit dem Kopf.

"Hm, das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Kellmann, "da -- da weiss ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber -- wenn die Sache _so_ steht -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig."

Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Maenner gingen wieder eine Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt, nebeneinander hin. Sie waren indess die Strasse ein Stueck hinauf- und wieder zurueckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang des Gartens stehn, den Ruecken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ueber die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Maedchen, noch ein Kind fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen Buendel in der linken Hand, und einem grossen dunklen Tuch ueber dem rechten Arm, die Strasse herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorueberging. So viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur aermlich gekleidet, und auch wohl ermuedet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiss von der Stirn.

Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden, hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Maennern, die sie im Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Toenen zu lauschen die aus dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus wild und lustig heraustoenten.