Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 13
"Froehliche Menschen," fluesterte sie dabei -- "_Glueckliche_;" wie sie aber den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen Schatten unter der Mauer, und wie unwillkuerlich fuhr sie zurueck; dabei glitt ihr das Buendel aus der Hand und fiel zu Boden.
"Wir thun Dir Nichts, Kind," sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen hatte, gutmuethig; "wo willst Du denn noch so spaet hin?"
"Nach Heilingen," antwortete das fremde Maedchen, ihr Buendel wieder aufnehmend -- "ist es noch weit bis dorthin?"
"Eine halbe Stunde etwa, wenn Du ruestig zugingst; aber Du scheinst muede zu sein und wirst wohl laenger brauchen."
"Ich komme weit her," sagte die Fremde, aber sie zoegerte dabei und es war als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und sich auch wieder scheue es zu thun.
"Du bist wohl hungrig, Kind?" frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn zu helfen draengte, wo das in seinen Kraeften stand -- "sag's gerad' heraus; und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was."
Das Maedchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiss holen -- sie koenne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten ging er darauf rasch in's Haus, und das Maedchen zoegerte noch einen Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermuedet, der freundlichen Einladung.
"Du kommst weit her?" sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt war, viel auf die Fremde zu achten.
"Von Erfurt."
"Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fuss den ganzen Weg?"
"Ja."
"Und willst in Heilingen bleiben?"
"Ich weiss es noch nicht."
"Hast Du Verwandte dort?"
"Einen Bruder."
"Hast Du denn einen Pass bei Dir?"
"Ja," sagte das Maedchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager, ihr kleines Buendel vor, das sie Miene machte aufzuknuepfen, der Actuar aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:
"Nein nein -- lass nur sein -- ich will ihn nicht sehen -- ich frug nur Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kaemest. Da ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun lass Dir's schmecken."
"Da," sagte der kleine Kuerschner, der schnellen Schrittes mit einem grossen gestrichenen Weissbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der Fremden reichte -- "das wird Dir gut thun."
Das junge Maedchen nahm das Glas mit schuechternem Danke an und trank -- erst ein wenig, dann aber herzhafter -- sie mochte wohl recht durstig gewesen sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurueck und nahm ihr Buendel wieder auf.
"Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal," sagte sie dabei mit weicher, ergriffener Stimme -- "ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war recht matt geworden."
"Armes Kind," sagte Kellmann mitleidig -- "aber hast Du denn schon einen Platz in der Stadt wo Du uebernachtest?"
"Ja," sagte die Kleine -- "ich denke so -- koennen Sie mir aber wohl noch sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit in der Stadt drin?"
"Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin -- aber was willst Du dort?"
"Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschaeft -- wohnen auch die Leute bei ihm im Hause?"
"Nicht dass ich wuesste," sagte Kellmann.
"Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?"
"Gewiss -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der Poststrasse, wenn Du in's Thor kommst."
"Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schoensten Dank -- Gott mag es Ihnen vergelten."
"Gute Nacht Kind, guten Weg," sagte Kellmann, "aber -- wie heisst denn Dein Bruder?"
"Franz Lossenwerder," sagte das Maedchen und ging langsam die Strasse hinab.
"Oh Du mein Gott," rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie er den Namen hoerte -- "das ist ja schrecklich."
"Du lieber Gott, das arme Ding muss von dem Schicksal des Bruders gar Nichts wissen," seufzte auch Kellmann -- "und wenn sie das jetzt heute Abend erfaehrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?"
"Armes, armes Kind," sagte der Actuar, "und selbst ohne Geld in der fremden Stadt."
"Ich geb' ihr etwas," rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte "heh! -- pst!" rufend die Strasse hinab dem Maedchen nach, das stehen blieb und nach Buendel und Tuch fuehlte als sie den Ruf hoerte, weil sie glaubte dass sie vielleicht etwas vergessen haette.
"Liebes Kind," stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt, denn er konnte es nicht ueber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen -- "ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen -- Du -- Du wirst es morgen schon hoeren, und im Dollingerschen Hause koennen sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst, das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken, ist ein Gasthaus -- ein gutes anstaendiges Haus, wo sie Dir Quartier geben werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur ich haette Dich hingeschickt."
"Aber bester Herr," sagte das Maedchen bestuerzt, als ihr der gutmuethige Kuerschnermeister mit der Karte zwei grosse Stuecken Geld -- es waren zwei Thaler -- in die Hand drueckte -- "ich weiss gar nicht -- "
Kellmann liess sie aber gar nicht zu Worte kommen.
"Schon gut -- schon gut," rief er, drehte sich um, und kehrte, das Maedchen allein auf der Strasse zuruecklassend, eben so rasch nach dem Platz zurueck, wo der Actuar noch seiner harrend stand.
"Haben Sie es ihr gesagt?" frug dieser ihn.
"Nein -- um Gottes Willen nein; das moegen Andere thun, _ich_ koennte es nicht."
"Aber was soll jetzt aus ihr werden?"
"Ich werde mich im Loewen schon nach ihr erkundigen," sagte Kellmann nach kurzer Ueberlegung -- "und wenn es ein ordentliches Maedchen ist, hab ich Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber wie ist es denn mit der Lossenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? -- man hoert ja keine Sterbenssylbe mehr darueber."
"Nichts -- gar nichts weiter," sagte der Actuar; "im Gegentheil hat der arme Teufel von Lossenwerder ein kleines Tagebuch gefuehrt gehabt, was sich unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfaeltig und ordentlich, mit seinen hoechst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gueltig angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da es fast zwoelf Jahre zurueckfuehrt -- waere im Gegentheil der Beweis geliefert dass die aufgefundenen zweihundert Thaler muehsam und redlich gespartes Geld gewesen waeren."
"Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?"
"Keiner, als dass er im Hause war und sich auffaellig heimlich daraus entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklaerung. Nach einer Zahl vieler hoechst mittelmaessiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in denen sich besonders viel Gemueth ausspricht, scheint der arme verwachsene und huelflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders nennen, gegen Dollinger's juengste Tochter und Henkel's Braut in seinem unschoenen Koerper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blaettern anvertraut zu haben -- doch das unter uns. Diese unglueckselige und hoffnungslose Neigung _kann_ ihn moeglicher Weise dazu getrieben haben, dem jungen Maedchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt beruehrt, und worin er sich gluecklich fuehlt dass sie eine Blume pflegen koennte die er gezogen, wenn sie auch nicht wuesste von wem sie kaeme. Dass er unter solchen Umstaenden nicht wollte im Hause gesehen sein laesst sich denken, und ein Diebstahl in ihrem eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenueber, an Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmoeglichkeit gehoerte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer Verfuehrung erlegen."
"Hm, hm, hm," sagte Kellmann vor sich hin -- "das ist ja eine rechte, rechte boese Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar unschuldig in sein Verderben gesprungen."
"Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht hat," sagte der Actuar, "denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden, welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Ungluecklichen dahin zu treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er unschuldig, haette sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt."
"Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fuer Nichts," sagte Kellmann finster -- "aber wenn das sein erspartes, und Gott weiss dann _wie_ muehsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht koennen vorenthalten werden."
"Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen," sagte der Actuar, "aber ich glaube auch nicht dass irgend Jemand anders einen Anspruch darauf wird geltend machen koennen. Diese Schwester erwaehnte er ueberhaupt mehrmals in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstuetzt, das Geld wird ihr spaeter allerdings zugesprochen werden."
"Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem moeglichen, von dem wirklichen Dieb?"
"Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht groessere Ausgaben als gewoehnlich mache, oder sich durch irgend etwas anderes verrathen wuerde; ja die Leute haben untereinander fast eben so scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwaelzen und den Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine boese Sache, und wenn der Dieb die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich haelt, und dann vielleicht noch gar ausser Landes schafft, wer soll ihn da aufspueren? allwissend sind wir auch nicht."
"Das weiss Gott," sagte Kellmann -- "wie damals mit der Pelzdecke, die mir Jemand von der Ladenthuer weggestohlen, und die ich zwei Jahr spaeter ganz gemuethlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube wiederfand; da hoert denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt nicht wie spassen zu Muth; der Anblick des armen Maedchens hat einen wehmuethigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fuer Elend auf der Welt giebt, und still und bewusstlos gehen wir meist daran vorueber."
"Und die Musik da drinnen, waehrend das arme Kind dort allein und freundlos seine Strasse geht, und trotzdem jetzt noch gluecklich ist gegen den Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muss_. Mich leidet's heute nicht laenger hier draussen, Kellmann," brach er kurz ab -- "ich mag die Tanzmusik nicht hoeren -- wollen wir zurueck in die Stadt gehn? es ist ueberdies schon spaet."
"Ich habe Nichts dagegen," sagte Kellmann, tief aufseufzend -- "mir ist der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen."
"Da drin ist wohl Pruegelei?" sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder Laerm zu ihnen heraus toente.
"Das waere frueh," meinte Kellmann -- "die kommt gewoehnlich sonst erst spaeter, oder ganz zum Schluss. Es ist doch sonderbar, dass ein deutscher "Tanz" nie ohne eine Schlaegerei enden kann; es scheint auch ungefaehr dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur dass sich die jungen Maedchen nicht dabei betheiligen -- hoechstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren zu schuetzen, und die Verwirrung womoeglich noch groesser zu machen -- hallo aber das kommt hier heraus."
"Sie werden Jemanden hinauswerfen," sagte der Actuar ruhig -- "lassen Sie uns an die Seite treten dass wir nicht in das Gewirr gerathen."
Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flueche einer, ihnen keineswegs unbekannten Stimme toenten, waelzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Haenden und Fuessen, wenn auch umsonst, gegen solche unwuerdige Behandlung straeubte, und in dem die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel erkannten.
"Lasst mich los!" schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten Fluechen und Schimpfreden -- "lasst mich los oder ich rufe die Polizei -- Huelfe! -- Moerder! Feuer!"
"Bruell nur mein Herzchen!" sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankaempfenden wie in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- "Dich koennten wir hier brauchen, die Leute heimlich beschwatzen dass sie Hof und Dienst verlassen und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor die Faeuste."
"Halt da -- Hohmeier! lasst ihn los!" rief aber in diesem Augenblick eine andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefaehrdeten zu Huelfe zu eilen schien -- "der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein ganz intimer Freund und den lass ich mir -- Homeier, den lass ich mir nicht aus dem Hause werfen."
Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die Seeleute nennen, "halb im Wind", mit schwerer Zunge und schon etwas taumelndem Gang, dass sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut verkennen liess. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den Haenden derer die ihn gefasst hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen waere, und sagte ruhig:
"Geht zu Bett Lobsich, das waer' Euch viel besser heut Abend, aber mischt Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kuemmern."
"Nichts kuemmern?" rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit grossen stieren Augen ansah -- "nichts kuemmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier wem gehoert denn dies Haus, heh? -- nichts _kuemmern_? wem gehoert denn der rothe Drache, heh, _Hoh_meier."
Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen wachsenden Akazienbaeumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, dass sie ihn nicht hindurchbringen konnten, waehrend er von Neuem sein "Huelfe! Moerder! Feuer!" aus voller Kehle schrie.
"Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!" sagte Herr Schollfeld, der ein hoechst vergnuegter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines schwaechlichen Koerpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem Richteramt unterstuetzten, liessen sich das auch nicht zweimal sagen, und der wuethend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.
"Heh _Hoh_meier!" schrie aber Lobsich, der sich indess durch die im Garten stehenden Stuehle und Tische wieder nach vorn gedraengt hatte den Mann frei zu machen, von dem er sich ploetzlich einbildete dass er sein Freund sei, "lasst mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat. Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!" Er schien sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen, und das viele Getraenk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuss in einer dort stehenden Fussbank haengen, und schlug der Laenge lang in den Garten, waehrend die Knechte den jetzt wuethend um sich schlagenden Agenten rasch aufgriffen und, lachend ueber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthuer auf die Strasse warfen.
Ein furchtbarer Laerm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und erzaehlten sich untereinander wie der "Auswanderungsmann" einen Schaafknecht vom Gut haette bereden wollen als "Schaafmeister" nach Amerika auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt waere, und der "Auswanderungsmann" stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wuethete, bis einer der Knechte das Schloss wieder aufdrueckte und hinaus und ihm nach wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.
Drinnen im Saal toente die Musik aber wieder rauschender als vorher, und die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht laenger im Garten versaeumen. Waehrend die aber wieder in den Saal draengten, Taenzerinnen zu bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurueck nach der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thuere er trat, und nach der Strasse hinaus mit lauter und immer aergerlicher werdender Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurueck holen, um ihm jetzt ernstlich beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.
Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht zurechnungsfaehigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelaestigt den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes wohl im Haus gehoert, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne dass er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.
"Lobsich -- Vater -- komm sei vernuenftig, lass das Schreien und Toben hier auf der Landstrasse und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn ich Dich darum bitte."
"Lassmchfrieden," stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und suchte sie von sich abzuschuetteln -- "lass mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr -- ich weiss -- ich weiss was ich ss -- se thun habe -- "
"Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen," fluesterte die Frau in Todesangst -- "Du machst Dich und mich ungluecklich wenn Du Dich nicht aenderst -- was soll daraus werden?" --
"Lassmch -- frieden," stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich abschuettelnd, aber er verliess den Thorweg wenigstens und taumelte durch den Garten fort, seitwaerts vom Hause ab -- "Weibervolk," murmelte und fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes -- " und er verschwand damit hinter den Bueschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf das Thuerschloss gestuetzt und das Gesicht in den Haenden bergend, allein zurueck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich zukommen hoerte, und wollte nach dem Haus zurueck.
"Frau Lobsich," sagte Kellmann, der es war, gutmuethig, ja fast herzlich -- "macht denn das Lobsich jetzt oefter dass er so ueber die Schnur haut?"
"Ach Sie sind es Herr Kellmann," sagte die arme Frau beruhigt. "Lieber Gott, ich weiss meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt; wie soll das enden?"
"Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn," sagte Kellmann verwundert.
"Ach ja," seufzte die Frau -- "es ist nicht das erste Mal, aber ich habe immer gesucht es so viel als moeglich zu verheimlichen, es giebt gar solch ein boeses Beispiel fuer die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige Wochen erst dass er so scharf zu trinken anfaengt. Lieber Gott, im Kopf hat er frueher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie haelt er etwas. Mir verspricht er's wohl auch," setzte sie leiser hinzu, "aber -- er vergisst es immer nur zu rasch wieder."
"Ich will mein Moeglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich," sagte Kellmann freundlich -- "aber," setzte er rascher und leiser hinzu -- "dort glaub' ich kommt er schon wieder zurueck, es wird besser sein wenn Sie versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen Menschen laesst sich Nichts anfangen."
"Na? -- Donnrrwttrrr," stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thuer zurueckkam, und die Arme einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- "Dnnrrrwttrrr," wiederholte er, herueber und hinueber schwankend -- "was's das vor Wirthschaft heh? wo gehoert die -- gehoert die Frau hin, heh? -- in die Hofthuer mit fremden Kerlen schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes."
"Aber lieber Lobsich," nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld das Wort, "sein Sie doch vernuenftig und gehn Sie -- "
"Hallo?" rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in dessen hell vom Mond beschienenen Zuegen er den Apotheker erkannte -- "sin' wir auch hier? heh? -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein' besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie -- "
"Herr Lobsich!" rief Schollfeld aergerlich, "Sie sind heute nicht zurechnungsfaehig, sonst -- "
"Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss -- raiss'niren -- heh?" rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.
"Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst," bat ihn die Frau, seinen Arm ergreifend -- "komm mit mir in's Haus -- wir haben noch so viel zu thun."
"Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup" -- stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankaempfend -- "muss noch -- muss noch -- hickup -- muss noch Wein abziehn und -- und Bier trinken -- hickup -- und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl -- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist immer da -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes;" -- und in einer unbestimmten Idee dass ihn vom Haus aus Jemand gerufen haette, wobei er seine Umgebung ganz vergass, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau aengstlich folgte. Sie musste ihn ja zurueckhalten, dass er so seinen Gaesten und Leuten nicht wieder unter die Augen kam.
Capitel 9.
RUeSTUNGEN.
"Nach New-Orleans!"
"Das ausgezeichnet schoene, 360 Last grosse, schnellsegelnde, kupferfeste und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:
_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzueglicher Gelegenheit fuer Cajuets- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt.
Agent dafuer, I. G. Weigel,
Hauptagent des Central-Bureau's fuer Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17."
Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfaellen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen voruebergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der naemlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.