Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 14

Chapter 143,610 wordsPublic domain

Weigel war wuethend darueber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklaerte, "sich dadurch selber blamiren wuerde." Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fuer_, sein Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung waere, und er es sich zum Grundsatz gemacht haette, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einruecken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er moege ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.

Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fuer Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt ueberhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hoechst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Eroerterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der naeheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich ueber die Sache "aussprechen" zu koennen.

Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veraenderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich fuer ihn ein, wie ziemlich starke Auftraege zu Ankaeufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschaeft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufuehren gedachte.

Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gestraeubt, musste da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ueber dessen Familie und Geschaeft in New-Orleans er von einem dortigen Geschaeftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, dass der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, waehrend man ihn auf einer groessern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen dass der junge Mann auf dem Rhein andere Plaene fuer seine Zukunft geschaffen, als er sie frueher vielleicht ausgesonnen.

Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Maedchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners -- wie man ihn ueberall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die noethigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fuer die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklaert, seinen kuenftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo ueberdies, der bedeutenden Geschaeftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associe des Hauses sich aufhalten musste. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spaetestens im Maerz oder April schon wieder nach Europa zurueckkehren zu koennen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas laengeren Vergnuegungsfahrt geworden.

Auch fuer Clara's Mutter war das Bewusstsein, ihr Kind nicht fuer immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schliessen zu koennen, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen grossen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fuehlte sich vollkommen gluecklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wuensche geschienen.

Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Muehseligkeit derselben? sie waere ihm in eine Wildniss gefolgt, und haette sich doch gluecklich an seiner Seite gefuehlt.

Der junge Henkel wuenschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fuerchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehoert, und da es sich jetzt gerade so traf dass eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu duerfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fuegte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.

Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Waesche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon grossenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestoert zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach aussen gekehrt zu sein.

Der Professor naemlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden koennen mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen wuerden, fuer das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen koennte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitsloehne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewiess ihnen auf das Klarste und Unumstoesslichste was jedes einzelne Stueck Meublen und Hausgeraeth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten muesse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fuer seine Sachen anzufertigen.

Eine grosse Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den naechsten Tagen befoerdert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftraege uebernommen, und kam heute Morgen, Bericht ueber die Ausfuehrung derselben abzustatten.

Er selber war natuerlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gruende des Professors dafuer gehoert, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefuerchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, liess sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man muesse ihn eben sich selber ueberlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Muehe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unueberlegten oder unpraktischen Schritt zurueckhielt. So kaempfte er, und zwar gluecklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglueckselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darueber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drueben nicht "in Gefahr kommen" von Amerikanischen und betruegerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung saemmtlicher Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen koennen, was ihm nicht moeglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.

Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst ueberhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person ueber die dortigen Verhaeltnis zu hoeren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath ueber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persoenlichkeit. Er solle warten bis sie drueben waeren, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet haette.

"Und der Preis?"

"Er wuerde zufrieden sein." Damit war die Sache fuer jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruss, der die Farm, wie er sich ausdrueckte, nun noch "zur Verfuegung" behielt.

Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag oeffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhaendler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemueht das unangenehme Gefuehl nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, "zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;" zum ersten Mal fremd in den Raeumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Traeume.

Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Bruecke abgebrochen, die noch zurueck haette fuehren koennen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, das sie noch an dieses knuepfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, wie sie sich gestern noch fast Alle gefuerchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Raeume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefuehl zwischen sie und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fuer so thoericht und kindisch, mit den quaelenden Gedanken; keines wusste dass das Gefuehl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens feinsten Fasern Wurzel schlug.

Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hueteten dem was sie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, gedrueckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.

"Na, ist das ein Vergnuegen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu kommen," rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schoessen zwischen einer Reihe Kistendeckel hindurchdrueckte, die, mit den Naegeln nach aussen, an der Wand lehnten, und dabei noch ueber eine Unzahl Koerbe und Schachteln wegsteigen musste, nur in die Stube zu kommen.

"Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann," rief ihm der Professor, der seine Stimme gehoert hatte, aus der halbgeoeffneten Thuere entgegen (er konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). "Sie moechten sich da draussen die Kleider zerreissen."

"Ist schon bereits geschehen," brummte Kellmann, indem er versuchte einen Blick nach seinem, allerdings beschaedigten Ruecktheil zu gewinnen, "meine Guete, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und schon so fleissig? -- was um Gottes Willen naehen Sie denn da? -- Getraidesaecke fuer die naechste Erndte?"

"Fehlgeschossen Herr Kellmann," rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen -- "Jacken sind das fuer uns, in den Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da koennen Sie uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort drueben muessen wir ueberdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich Ihnen darin?"

"Gar nicht," sagte Kellmann muerrisch, "ich saehe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewoehnlichen heiteren Gesicht, als in der Sackleinwand und -- hm -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer fort wenn ich komme."

"Der geht mit, lieber Kellmann," rief der Professor, "er konnte sich nicht dazu entschliessen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, nuetzlich sein wuerde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiss was wir da Alles zu thun bekommen."

"Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren," brummte Kellmann -- "bei wem ist er denn, bei Leupold?"

"Leupold?" rief der Professor, "der geht ja mit unserem Schiff nach New-Orleans."

"Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?" rief Kellmann laut und verwundert.

"Hat sein Haeuschen und seine Werkstaette verkauft, und ist jetzt wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen," betaetigte ihm der Professor.

"Na nu ist mir's aber doch ueber den Spass," rief Kellmann -- "da laeuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; naechstens werden wir uns unsere Schraenke und Schuhe und Roecke selber machen koennen wenn wir 'was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken dass er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum Verzweifeln."

"Lieber Gott," sagte der Professor -- "die Leute verlangen nur Ellbogenraum sich zu ruehren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Beduerfnissen Befriedigung verspricht."

"Da haben Sie gleich den faulen Fleck," rief Kellmann, "_Beduerfnisse befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Beduerfnisse kennen lernten und befriedigt haben wollten, so haetten wir alle Platz, und das verwuenschte Amerika koennte sehen wo es Haende und Faeuste bekaem zuzupacken und ihm den Boden zu bestellen. Aber ich will mich nicht laenger aergern -- lasst sie laufen, nachher wird's hier erst recht gemuethlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte Dienstleute, ich glaube einen Schaefer, verlocken nach seinem geruehmten Amerika auszuwandern."

"Meinen _Freund_?" sagte der Professor achselzuckend, "ich habe mit Herrn Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tuechtigen Portion gesundem Menschenverstand verbindet, und besonders schaetzenswerthe statistische Kenntnisse Amerika's besitzt."

"Bah!" sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern schnalzend, "so viel fuer seine statistischen Kenntnisse; _unverschaemt_ ist er, das halt' ich fuer seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der groessten Kaltbluetigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fuehren laesst. Wenn das Alles wahr ist was er ueber Amerika sagt, waere _er_ der groesste Esel wenn er nicht selber hinueberginge."

"Seine Verhaeltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert hat," vertheidigte ihn aber der Professor.

"Ja, das kennen wir schon," sagte Kellmann, "und wenn mich irgend etwas glauben machen koennte dass _er_ wirklich Amerika kennt, so waere es der Umstand dass er selber nicht hinuebergeht."

"Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?" frug die Frau Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespraech abzubrechen wuenschte.

"Ja, fuer die Dienstleute von Hohleck," sagte Kellmann, "und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spass mit anzusehn."

"Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?" lachte Marie.

"Er kam spaeter nach," sagte Kellmann -- "der arme Teufel ist jetzt auch immer verdriesslich und niederschlagen."

"Er hat sein Kind verloren," sagte Anna mitleidig.

"Ja, und zu Hause fuehlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und behaglich."

"Wir haben davon gehoert," sagte die Professorin -- "seine Frau soll eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten."

"Seine Frau ist -- " fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden Tisch.

"Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?" sagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und seinen Arm beruehrend -- "Sie schneiden ja heut Morgen ein so bitterboeses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind doch nicht boese mit uns?"

"Boese mit Ihnen? lieber Gott Mariechen," sagte Kellmann herzlich ihre Hand ergreifend -- "ich muesste boese mit Ihnen sein dass Sie fortgehn und mich hier allein zuruecklassen; sonst wuesst' ich wahrhaftig nicht weshalb."

"So kommen Sie mit," lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.

Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschuettelnd, und mit der Hand ueber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trueben Gedanken verscheuchen wollte --

"Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn."

"Ist etwas vorgefallen, und koennen wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?" sagte Anna freundlich.

"Ach Gott nein," sagte der kleine Mann seufzend -- "es ist ein Stueck von dem allgemeinen Elend, das ueber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns gewoehnlich mit einem unheimlichen Gefuehl, auch nicht ausser dem Bereich desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drueben aus dem Loewen kam?"

"Ja, Sie gruessten ja herauf," sagte die Professorin --

"Nun gut; ich war dort, einem armen Maedchen nachzufragen, das wir gestern Abend spaet auf der Strasse trafen, und das ich dorthin schickte Nachtquartier zu suchen" -- Und nun erzaehlte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das gestrige Zusammentreffen mit des ungluecklichen Lossenwerder Schwester, und ebenfalls dass sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie der arme Teufel von Lossenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen -- nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fuer einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genuegend dargethan hat dass -- "gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden."

"Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Maedchen?" frugen fast gleichzeitig Marie und Anna -- "lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich muesste es da sein, wenn sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernaehme."

"Gestern Abend," sagte Herr Kellmann etwas verlegen, "kam uns das Ganze wirklich so schnell und ueberraschend, dass wir nicht die geringste Zeit zum Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und schickten sie in den Loewen, hier gegenueber, um da zu uebernachten, damit sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder fruege, und die entsetzliche Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfuehre; heute Morgen wollte ich dann selber herkommen und sehn was sich thun liess -- "

"Und jetzt? -- weiss sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig die Haende faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:

"Sie ist fort -- "

"Fort? -- wohin?" riefen die Frauen.

"Kein Mensch konnte mir darueber Auskunft geben, gestern Abend war sie richtig dort angekommen, und ihres duerftigen Aussehns wegen in die Gesindestube gewiesen, und dort muss sie unglueckseliger Weise ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Buendel im Stich lassend, hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurueckgekehrt."

"Du lieber Gott," sagte Anna, "wenn sie sich nur kein Leides gethan."

"Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese aufmerksam zu machen," sagte Kellmann etwas kleinlaut, "werde auch selber noch mein moeglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich weiss wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja keinen einzigen Menschen in der Stadt."

"Und in ihres Bruders frueherem Logis? -- "

"Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort."

"Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof?" frug ihn Marie jetzt leise und schuechtern."

"Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht," sagte Kellmann rasch seinen Stuhl zurueckschiebend, "die Moeglichkeit ist da, und ich will keinen Augenblick mehr versaeumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spaet."

"Und Sie sagen uns Antwort?"

"Sowie ich etwas Bestimmtes ueber sie weiss -- aber -- aber was dann mit ihr anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben," sagte Kellmann, die Thuerklinke schon in der Hand, "und ueberhaupt scheint mir ihr schwaechlicher Koerper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet."

"Vielleicht bietet sich da fuer die Schwester in demselben Haus ein Ausweg," rief Anna ploetzlich, "das fuer den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, dass ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, ploetzlich anderes Sinnes geworden waere, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wuerde gewiss Alles thun was nur in ihren Kraeften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.

"Aber wird sich das Maedchen selber dazu eignen?" sagte Kellmann.

"Weshalb nicht," rief aber auch jetzt Marie -- "bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiss einen Ausweg."

"Ja, Papa einen Ausweg," sagte aber der Professor -- "ich kann _Niemanden_ mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug."

"Ach wenn sie ueberhaupt gehen will," rief Kellmann, "die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fraeulein Anna bei Frau Henkel fuer sie verwenden will, waer' es ein Glueck fuer das arme Maedchen, den hiesigen fuer sie so trueben Verhaeltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald guenstige Nachrichten bringen zu koennen."

* * * * *

Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fuehlte er sich etwas besser, und beschloss ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draussen die trueben quaelenden Gedanken zu verscheuchen.

Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.

Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Huegeln hin, fuehrte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut ueberwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Huegel war dort aufgeworfen, ueber dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kuendete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thraene nachgeweint. Und dort? -- in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Maedchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgeloesten Locken ruhten.