Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band
Chapter 15
"Lieber Gott," sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin -- "es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen ungluecklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen dass man es nicht allein ist." Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Huegel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.
Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Haenden bedeckt, und regungslos in seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken ueberlassen, bis die Sonne hoeher und hoeher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte den, den heissen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn er sich nicht noch kraenker machen wollte als er schon war. Er stand auf, und sah sich nach dem Todtengraeber um, diesen zu bitten den Blumenstock fuer ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beschaeftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeraeth neben sich in den Boden stossend und sich den Schweiss von der gluehenden Stirne trocknend, sagte er freundlich:
"Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fuer ein schoenes Stoeckchen; das muessen wir aber ordentlich angiessen, sonst vertrocknet es gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen."
"Bitte sein Sie so gut," sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen locker und los zu bekommen.
"Kennen Sie das junge Maedchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?" frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufaellig dort hinueber streifte -- "dort drueben meine ich."
"Ja ich weiss schon," sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit seiner Arbeit beschaeftigt -- "nein -- sie sass vor dem Kirchhofsgitter schon heut' Morgen wie ich oeffnete, um drei Uhr frueh, und muss die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor."
"Und wer liegt da begraben?" frug Ledermann schnell, dem ein ploetzlicher Gedanke an das Maedchen von gestern Abend aufstieg.
[Capitel 9]
"Dort an der Mauer?" sagte der Todtengraeber, "ih Sie wissen ja, der kleine bucklige Bursche, der von der Bruecke gesprungen war, und sich den Kopf aufgeschlagen hatte."
Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fuer seine Dienstleistung, und ging dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine fruehere Arbeit aufgenommen hatte, zu Lossenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Koerpers verrieth das darin wohnende Leben.
"Liebes Kind," sagte Ledermann leise -- das Maedchen bewegte sich nicht -- "mein liebes Kind," sagte er lauter, und beruehrte ihre Schulter mit seinem Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thraenen ueberstroemte Gesicht zu ihm empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich verwirrt, beschaemt aus ihrer Stellung auf.
"Aber wie koennen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen," sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- "Sie _muessen_ ja krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?"
Das Maedchen sah ihn gross und verwundert an, und schuettelte dann langsam mit dem Kopf.
"Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draussen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war," sagte Ledermann -- "hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?"
"Keine," sagte die Arme leise, das Koepfchen wieder senkend.
"Und wo erfuhren Sie seinen Tod?"
Das Maedchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepresster Stimme:
"Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkaeme und um meinen Namen, und dann --
"Und dann?" frug der Actuar mitleidig, als das Maedchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Haenden barg --
"Dann sagten sie" -- setzte das Maedchen, am ganzen Koerper bebend hinzu -- "dass Einer der so hiess -- und sie spotteten dabei ueber sein Gebrechen -- dass Einer -- hier -- " sie vermochte nicht auszureden und warf sich, ruecksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kuehles Bett.
Nur mit Muehe, und herzlichen troestenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ueber ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hiess Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen musste. Ihre Elteren schienen in besseren Verhaeltnissen gelebt zu haben, waren aber frueh gestorben, und die Waisen sich selber ueberlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr aelterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstuetzt, auch ihr vor einigen Monaten -- und das musste etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, dass er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschaeft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach musste er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besass, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend moeglich sei, da der vielleicht vollstaendig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfaeltig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewissheit zu ertragen, verliess sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuss zurueckzulegen. Und ihr Empfang? grosser Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehoerende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschuetterte das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quaelend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen straeubte; und doch _wusste_ sie dass er keiner schlechten Handlung faehig gewesen sei.
Waehrend dieser Erzaehlung flossen ihre Thraenen staerker; wenn aber der Schmerz auch nur mehr aufgeruettelt wurde durch das Wiederdurchleben vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ueber ihren Verlust. Der Actuar ueberlas indess fluechtig den Brief, und den Datum mit dem veruebten Raub vergleichend sah er, ob Lossenwerder nun schuldig oder unschuldig sei, dass jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum gewesen sein muesse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn gelten konnte.
So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker gegangen war, das arme Maedchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmuethige kleine Kuerschner setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme gequaelte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte Freunde fuer sie finden, die sich ihrer annaehmen, und sie Beide, Ledermann und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja nichts mehr fuer den Armen thun.
Hedwig weinte, waehrend er sprach; aber die Thraenen loesten ihren Schmerz -- die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit die sie gehoert, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen waere. Wieviel Segen hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Ungluecklichen gespendet -- wie viele Thraenen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert.
Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fuehren, wo sie wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika sagte er ihr noch Nichts, die naechsten Tage mochten sie erst mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn sie hoerte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach dort hinuebergingen.
Hedwig zoegerte noch schuechtern das guetige Erbieten anzunehmen, aber die Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so huelflos, so allein in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thraenen nahm sie seine Hand und dankte ihm, und sagte dass sie ihm folgen wuerde, wohin er sie fuehre.
Capitel 10.
DIE BEIDEN FAMILIEN.
Der Leser muss mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spaeter wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewaehlten Vaterland.
An der Hannoeverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen maechtigen Linden und Fruchtbaeumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.
Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft ueberschauenden Huegel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach ueber gute und glueckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang -- und heute? -- Guter Gott welche Veraenderung in dem Haus -- der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehuellt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschaeftig herueber- und hinuebergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergass, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.
Der aelteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ueber das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fuer den unruhigen Geist das Glueck zu suchen, das er hier nicht fand, und "wann wuerden sie ihn -- ja wuerden sie ihn je wieder sehen?" Oh es ist ein grosser Schmerz fuer ein Elternherz ein Kind in der Bluethe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge, wie viel schlaflose Naechte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knuepften sich an das junge Wesen, und bluehten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuss vor Stoss und Fall zu schuetzen, wie aengstlich jedem boesen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist haette vergiften koennen. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfuehrungen, ihren Gefahren fuer Geist und Koerper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stuermischen Wogen des Lebens -- sich selbst ueberlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thraenen werden da geweint, wie trueb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Naehe sein, es zu pflegen und ihm den Schweiss von der heissen, gluehenden Stirn zu trocknen, die Verfuehrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Huelfe bringt, und den Ungluecklichen troestet und unterstuetzt -- Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herueber zu ihnen -- ihr Trost und Huelfswort nicht zurueck zu ihm.
Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel haerter an des Glueckes Thor, und das Bewusstsein den Geschiedenen still und geschuetzt in kuehler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ueber's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefuehl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurueckbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draussen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fuer sich und sein Gepaeck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein ungewohnt Geschaeft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorueber, dass jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortfuehrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere fuer ihn, als es fuer diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quaelen muessen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiss_ in welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, haeuslichen Beschaeftigungen, ihr gleichmaessiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkuemmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdraengt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Traeumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stoesst, und er allein und freundlos sich da fuehlt, wieder aufzugluehen in aller Frische und Waerme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.
Georg war ein junger lebenskraeftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ueber die offene sonngebraeunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmuethigen Zuegen, die selbst eine breite dunkle Narbe ueber den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiss verdient, aber die Aussichten fuer einen jungen Arzt waren trueb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehoert, zog ihn maechtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdruecken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kraeftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten duerstenden Brust, einen Schauplatz zu finden fuer ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen musste, wie manche Hoffnung der Sohn zertruemmert, wie manche Erwartung er getaeuscht sehn wuerde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte uebergossen winkte. Und wie wuerde sich sein Herz dann bewaehren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmueckten Waellen seiner eigenen Luftschloesser aufschaute, wenn es an deren Truemmern stand? oh dass er dann haette an seiner Seite stehen und ihn leiten duerfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glueck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.
Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ueber seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trueben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer fuellten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geoeffnet, das hinaus in's Leben fuehrte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.
Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draussen bluehen, an die Gefahren die ihm drohen koennten; sie sah und fuehlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den Abschied von dem Heissgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den ganzen Tag ihren gewoehnlichen Beschaeftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fuer den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen wuerde.
Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die juengsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie assen; man sprach dabei ueber das an dem Nachmittag fortgesandte Gepaeck, ueber das Wetter, ueber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg trug Gruesse auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster bluehte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber waehrend dem Essen stand die Schwester -- unvermisst -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thraenen in die Augen zwangen -- er mochte kaempfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus -- nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurueck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hoeren, an der Wand.
Da endlich fuellte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ueber die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.
"Auf ein frohes Wiedersehn Georg!"
Georg presste des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stiess mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefuehl an- und den Schmerz niedergekaempft, den Anderen zu Liebe; laenger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, dass der Wein ueber und auf das Tischtuch floss, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.
"Mutter, liebe -- liebe Mutter -- "
"Mein Kind -- mein Kind," jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der maechtig aber still dahinwaelzende Strom schaeumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett -- "mein liebes -- liebes Kind."
"Aber Mutter," bat der Pastor, "fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draussen die Hoerner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder."
"Liebe -- liebe Mutter," fluesterte Georg, sie innig an sich schliessend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fliessende Thraenen die Stimme.
Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:
"Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quaelt Ihr Euch zweimal, und habt morgen frueh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung fuer's Leben -- wir sind Alle noch ruestig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schliessen koennen."
"Aber Du schreibst bald, Georg," fluesterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend -- "Du laesst uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?"
"Gewiss Mutter, gewiss -- so oft ich kann -- aber aengstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief laenger ausbleibt als gewoehnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn."
"So, und jetzt zu Bett Kinder," mahnte der Vater -- "es ist spaet geworden, sehr spaet, und Du musst frueh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versaeumen; sind Deine Koffer hinuebergeschafft?"
"Es ist Alles drueben," sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes windend und ihre Thraenen trocknend, "nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frueh sein Nacht- und Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin frueh auf, Georg, Du musst ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst."
"Gute Nacht Mutter!" rief Georg, umschlang sie noch einmal und kuesste ihr Lippen, Augen und Stirn, "gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute Nacht!"
"Gute Nacht mein Georg, mein Kind," sagte die arme Frau unter Thraenen -- "schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fuer die naechste Zeit wenigstens," setzte sie rasch hinzu -- "denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust -- -- er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!"
Georg beugte sich unwillkuerlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter musste sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kaemmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.
Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die aelteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riss sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Juengeren kuessten ihn auf die Wangen und sagten. "Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spaet morgen frueh, dass wir Dir auch noch koennen glueckliche Reise wuenschen."
Georg kuesste sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern wuerden deshalb recht traurig sein.
"Gute Nacht Georg," sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, ausser ihm, das Zimmer verlassen hatten, "habe keine Angst dass Du die Post morgen verschlaefst, ich wache schon auf zur rechten Zeit -- gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrueckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfliessen sie ganz -- "
"Mein lieber -- lieber Vater," schluchzte Georg an seinem Halse."