Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band

Chapter 16

Chapter 163,429 wordsPublic domain

"Mein guter, guter Sohn!" fluesterte der Pastor, des Kindes Stirne kuessend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- "bleibe brav -- bleibe so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wuenschen -- trage Gott im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen."

"Mein Vater!"

"So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schoepfer dass er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde staerkt -- gute Nacht mein Georg -- gute Nacht."

Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kuesste ihn noch einmal, und verliess dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Haenden bergend.

"Gute Nacht," fluesterte er endlich leise und kaum hoerbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- "gute Nacht Ihr Lieben und Gott schuetze Euch und mich; aber nicht moeglich waere es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht moecht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schoener Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk" setzte er fest und entschlossen hinzu, "und ob das Herz darueber brechen will, "durch" ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_."

Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zaehnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer oeffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kuehlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas geloescht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich fuer ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstaenden, zog sich wieder an, knoepfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung froestelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, fuer ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, oeffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da ueber den Kirchhof fuehrte, der Landstrasse zu, und schwang sich auf das Fensterbret.

"Ade!" fluesterte er, "ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine Hand ueber Dir, und schuetze die lieben Menschen -- ade, ade." Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht ueber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzaehlige Male ueberklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.

* * * * *

Noch hob sich die Sonne nicht ueber den oestlichen Fichtenhang, und der daemmernde Tag gruesste eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Maedchen weckte dass es Feuer in der Kueche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die Gedanken und Sorgen liessen ihn nicht ruhen, und wie aus boesem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurueckzusinken, _dass_ es eben kein Traum sei, der ihn bedruecke und quaele.

Er stand auf, zog sich an, und waehrend die Mutter draussen in der Kueche sorgte, dem Sohn ein rasches Fruehstueck zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.

"Georg!" sagte er, als er die Thuer oeffnete, die in des Sohnes Kammer fuehrte -- "Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott!" unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberuehrt und keine Spur mehr von dem Kinde fand -- "heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort." Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwaeche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschuettert von der Thuer abwandte und das Antlitz in den Haenden barg.

"Mein Sohn -- mein Kind!" stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jaeher Schlag in's Herz traf -- "wo ist -- wo ist Georg?" Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heissen Thraenen fielen, kuessend, fluesterte er leise:

"Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist fort."

"_Fort!_" hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewusstlos in den Armen des Gatten zusammen.

* * * * *

Ausserhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehoerend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes Haus, das frueher einmal von einem Forstgehuelfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte frueher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch liess sein Geschaeft nicht foerdern, noch vorwaerts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmaessigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Maedchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen musste und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebaeude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernaehrte. Er zog im Lande herueber und hinueber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshaeusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne dass jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurueck; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschaeft hinfuehrte, betrat ihn nimmer.

So hatte der "schwarze Steffen," wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hiess, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, ausser dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, dass er sich naemlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und -- wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.

Sicher ist, dass nicht alles Fleisch was er zu Markte fuehrte, im Stall gemaestet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehuelfe, in Ausuebung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht ueber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf gefuehrt, und diesem zuletzt so unertraeglich, dass er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geuebter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem uebrigens kein Ziegel mehr sein gehoerte, zu raeumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des naechsten Monats an.

Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt dass der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hoerten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.

Der Vater war uebrigens muerrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem juengsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kuesste.

"Weshalb weinst Du, Mama?" sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ueber fuenf Jahren -- "hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?"

"Weil sie eine Naerrin ist," brummte der Vater, der die Frage gehoert hatte, und jetzt einen aergerlichen Blick nach der Frau schoss -- "ich daechte wir haetten nun genug darueber geschwatzt und die Sache waer' abgemacht."

"Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen," erwiederte die Frau -- "es -- es ueberkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und -- es geht ja doch nun einmal nicht anders," setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.

Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, muerrisch und finster.

"Du flennst und flennst, und wirst die Baelge noch zuletzt aufmerksam und aengstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernaehren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernuenftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es waer' ein Spass, wenn sie uns abfassten, und Du weisst am Besten was uns nachher bevorstuende."

Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Haenden und Fuessen, musste auch einmal in frueheren Jahren wirklich schoen gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, haette sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeusseren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlaessigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, aechten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine grosse bronzene Broche mit einem unaechten Turquis sass, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unaechte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der "stolzen Jule" zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke passten.

Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem maechtigeren Gefuehl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.

"Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, dass ich mit Dir gehe und die Kinder zuruecklasse," sagte sie dann nach kleiner Weile -- "wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, waerst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf laesst seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort -- "

"Der Wolf hat auch draussen zu leben, und fuer die Jungen Milch -- wer giebt's uns?" zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zaehnen durch -- "wir koennten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis."

"Ich weiss es, ich weiss es," sagte die Frau, "und das ist das Einzige was mich freut, dass wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernaehren muessen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurueckzulassen -- wenn ich das Juengste nur mitnehmen duerfte -- " setzte sie leise hinzu.

"Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewaesch," rief aber der Mann finster und aergerlich -- "ich daechte das haetten wir ueber und genug besprochen und ueberlegt, und waeren einig darueber."

"Ueberlegt gar nicht," sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend -- "wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiss dass ich nicht zu den Weichen gehoere, aber -- Mutter bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein haesslich unnatuerlich Ding."

"Papperlapapp!" sagte der Mann den Kopf herueber und hinueber werfend -- "unnatuerlich -- natuerlich ist's allerdings nicht dass die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fausten zum Fenster hinauswirft, waehrend wir hier trocken Brod nagen sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schoene Natuerlichkeit das."

"Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem -- "

"Halt's Maul!" brummte aber der Mann muerrisch -- "ich sollte mich wohl erwischen und anzeigen lassen, dass ich jetzt im Zuchthaus saess und spaenn -- Gott verdamm mich, ich schoesse eher die ganze Bande ueber den Haufen, einen nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?"

"Ja!" sagte die Frau leise und unwillkuerlich zusammenschaudernd -- "es kann fort gehn."

"Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist," sagte Steffen nach kleiner Pause; "besser ist besser, und der Maertens unten an der Strasse braucht nicht gleich zu wissen dass wir fortgefahren sind, beide zusammen, seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte."

"Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?" sagte die Frau, "und unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst boes, und wir duerften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn."

"In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den Hacken, und Gefahr dass sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermisst wird, suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem ist leicht was aufgehaengt. Bis sie eine Weile stromab geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch ueber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Maertens gehn und Mehl holen; es ist auch heute der gewoehnliche Tag, und hierher kommt nachher keiner so leicht, nimm Du indess die Kinder vor, und instruire sie wie sie sich zu verhalten haben."

Und seine Muetze aufgreifend steckte Steffen die Haende in die Taschen, und schlenderte langsam den Hang hinunter dem naechsten, eine gute Viertelstunde entfernten Hause zu, waehrend die Frau die Kinder zu sich hereinrief, das Juengste, ein kleines liebes Maedchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.

Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es schon voellig dunkel geworden war zurueck -- die Mutter sass noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrueckt.

"So Jule, es ist Zeit," sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend, "weiss die Albertine was sie zu thun hat?"

Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand auf, kuesste das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.

"Albertine," sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der duester brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, dass die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zuege schauen sollte -- "ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frueh nicht bei Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schuessel -- Du passt mir auf dass den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein grosses Maedchen."

"Und geht mir nicht vor die Thuer morgen, bis wir nicht wieder da sind," sagte Steffen, "wie ich heut Abend drunten gehoert habe, ist hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthuer zu, dass er nicht etwa gar herein kommt."

Die Frau hatte dabei das etwa dreijaehrige Maedchen das indess gar schlaefrig geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge, Carl, sass auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spaet Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so freundlich mit ihnen gesprochen hatten.

"Was fuer ein Hund ist es, Vater?" frug er jetzt, da der Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- "Maertens' Bello? der kennt mich, und beisst mich nicht."

"Nein, der grosse Tuerk aus dem Dorfe unten," sagte Steffen -- "der den Mueller auch schon einmal gebissen hat."

"Oh der ist schlimm!" rief der Knabe erschreckt -- "da geh' ich gewiss nicht hinaus."

"Geh' nun zu Bett Carl, es ist spaet," sagte der Vater.

"Ich habe mein Abendbrod noch nicht," brummte der arme kleine Bursch.

"So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr -- "

Er gab dem Knaben und aeltesten Maedchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er kuesste; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schaeme, richtete er sich rasch wieder auf, drueckte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thuer sich umdrehend:

"Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!"

"Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht," fluesterte die Frau jetzt dem Maedchen zu, das eben dem Bruder ein Stueck Brod und Salz gegeben hatte, an dem der ass und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thuer, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.

"Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?" -- frug das Maedchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.

"Auf's Amt," sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- "wir muessen morgen frueh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kuehl ist."

"Und wann kommst Du wieder?"

"Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitlaeufig -- manchmal dauert's laenger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thuer, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine -- sei ein vernuenftig gutes Maedchen -- Du bist gross genug. Und -- wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir waeren in den Wald gegangen, und kaemen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen," -- setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.

Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe -- ihr Buendel lag aber versteckt draussen vor der Thuer, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draussen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick ueberflog auch nur fluechtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des juengsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.

"Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stuecken Holz herein, so lang ich noch hier bin, dass Du morgen frueh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so lang bei den Kindern," setzte sie langsam und ohne das aelteste Maedchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast aengstlicher Hast kuesste die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann das Juengste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit presste, bis es schrie. Die Thraenen -- die Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurueckkehren hoerte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und kuesste den Jungen, dem die Thraenen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wusste freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.

"Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?" sagte das Maedchen, dem die aussergewoehnliche Bewegung derselben unmoeglich entgehen konnte -- "was habt Ihr nur, Du und der Vater?"

"Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt," sagte die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.

Ein scharfer Pfiff von draussen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr erschreckt in die Hoehe.

"Ja -- ich komme schon!" murmelte sie, kaum hoerbar, vor sich hin, "so adieu Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _behuet Euch Gott_!" und mit dem, wie scheu gefluesterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht ausgesprochenen Segen, verliess sie rasch das Zimmer und das Haus.

"Was zum Teufel troedelst Du denn da drin, und laesst mich eine Stunde hier warten?" rief der Mann muerrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheisse Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.