Part 8
Anna hielt sich gern in diesem kleinen Vorzimmer auf, einer Art Boudoir, und an dem zierlichen hellen Damenschreibtisch, der eine Fensterecke abschrägte, pflegte sie ihre Korrespondenz zu erledigen.
Am Boden lagen über dem großen Zimmerteppiche hie und da kleinere; vor dem Schreibtische breit ein weiches graues Bärenfell, und in den Zotten lag etwas vergraben, ein Stück zusammengefalteten Papieres.
Willy erhob sich, nahm es auf und setzte sich damit an den geschlossenen Schreibtisch.
Es war ein Brief auf gelbem, stark geripptem Papier, von dem ein leichter Duft von Heliotrop ausging, Heliotrop und Rosenholz.
Der Brief mußte alt sein, denn er war vielfach zusammengefaltet und an diesen Stellen brüchig geworden, und schon beim ersten flüchtigen Blicke sah man, daß die Tinte seit Jahren verblaßt war.
Will legte den Brief, der der Mutter entfallen sein mußte, vor sich hin, ohne ihn genauer zu betrachten. Dabei las er jedoch die Ueberschrift: Mein Herzlieb! --
Wer konnte das geschrieben haben? ..
Gewiß war es ein Brief aus ihrer Brautzeit. Er sah ihn an, ließ ihn aber ruhig liegen. Allein der Gedanke, von wem der Brief sein mochte, ließ ihn nicht los.
Er sah nach der Unterschrift, und im selben Augenblicke hatte er das Gefühl, daß nur dieser Name dort stehen konnte. Aber ein anderes erschreckte ihn: Dein Reinhold. Dieses Du und der Vorname. --
Dann fing er an zu lesen, ganz langsam, mit aller Mühe sich zwingend, um den Inhalt nicht rasch zu durchfliegen.
Dann las er ihn zum zweiten Male, und immer dabei der Gedanke: wann konnte dieser Brief, diese leidenschaftliche Klage, dieser brennende Zweifel an ihrer Liebe geschrieben sein? --
Kein Datum, keine Andeutung, wie er das Blatt auch drehen und wenden mochte.
Ein Geräusch im Nebenzimmer! ... Eiligst verbarg er den Brief in der Brusttasche und trat an das Fenster, als ob er bis jetzt hinausgesehen hätte in den schmucklosen Vorgarten, wo ein altes Weib die welken Blätter langsam träge zusammenfegte.
Es klopfte! -- Nur der Diener, der nach der gnädigen Frau fragte und einen Brief brachte, den ihm Willy abnahm und auf den Tisch legen wollte, als er die Handschrift des Professors erkannte.
Und jetzt war er allein, mit diesem neuen Briefe in der Hand, und die Versuchung trat an ihn heran, dieses Kuvert aufzureißen, um Gewißheit zu erlangen, um ein Ende seiner Zweifel zu finden.
Aber er fand doch nicht den Mut dazu. --
* * * * *
Er konnte nicht länger in dem Zimmer bleiben, sonst erbrach er doch noch das große Siegel, das er immer wieder auf das genaueste studierte, als ob er es in seinem Leben noch nicht gesehen hatte.
Auf der Schwelle zauderte er noch einmal, im Begriffe umzukehren. -- Dann ging er. --
Und wider seinen Willen, voller Furcht, was daraus entstehen konnte, trieb es ihn hinüber zu Petri; er mußte ihm entgegentreten.
Er fand ihn daheim, und freundlich lächelnd kam er ihm entgegen, schüttelte ihm die Hand und nannte ihn einmal über das andere: mein lieber Junge!
Wie er ihn so scherzen und plaudern hörte und seinen Blick voller Stolz jeder Bewegung Mignons folgen sah, da schien Willy der Gedanke so fremd, daß dieser Mann seine Mutter geliebt haben sollte, -- und daß er vor Jahren den Brief geschrieben hatte, den er jetzt an seiner Brust trug.
Wie, wenn er ihn jetzt hervorzog und ihn vor Petri hinlegte, mit der Frage, ob er das Schriftstück kenne?
Der Gedanke hatte etwas so Verführerisches an sich, er zerrte und lockte, daß es ihn reizte, es zu tun.
Allein er ward sich bewußt, daß dies Begehren ein krankhaftes sei, das ihm nichts nützen konnte.
Fräulein Minna rief den Professor ab, ein Herr wünsche ihn zu sprechen; und Will blieb mit Mignon allein. --
Ohne weitere Vorrede nahm Willy den gefundenen Brief und reichte ihn Mignon:
»Lies das einmal, bitte.«
Sie nahm den Brief, indem sie ihn verwundert ansah, und fing an zu lesen.
Schon nach den ersten Zeilen suchte sie nach der Unterschrift, und ein kurzer unterdrückter Laut des Erschreckens entfuhr ihr.
Dann las sie langsam, wie um Zeit zu gewinnen, und wartete, daß Willy, der wie bestätigend mit dem Kopfe genickt hatte, etwas sagen würde.
Sie ließ das Blatt sinken.
»Nun?« fragte er.
»Woher hast Du den Brief?«
Er berichtete, wie und wo er ihn gefunden hatte. Sie nickte nur. Dann sagte sie:
»Und was willst Du daraus schließen? -- Der Brief ist sehr alt. Sieh einmal die Schrift an. Ich glaube, der Brief ist geschrieben, ehe Deine Mama sich verheiratet hat, denn davon steht kein Wort in dem Briefe.«
Er nahm den Brief und sah ihn noch einmal wieder durch. Das war allerdings richtig.
»Es ist wohl möglich,« suchte er sich zu täuschen.
»Nein, ... es ~ist~ auch so!«
Und sie führte ihm alle Gründe an, leidenschaftlich erregt, daß er erstaunte: sich mit den Worten überhastend, weil sie nicht daran glaubte; weil sie nun wußte, daß ihr Vater immer nur diese Frau geliebt hatte und ihre eigene Mutter ihm daneben nie viel hatte gelten können.
Er hörte ihr zu und sog jedes Wort, das ihm seine Zweifel ausreden sollte, begierig ein; er versuchte es, sich alles so vorzustellen, wie sie es schilderte, -- allein im Innern nagte doch der Zweifel. Der blieb und marterte ihn unaufhörlich.
Seit er Mignon liebte, war er der Mutter viel fremder geworden, seitdem urteilte er, und es quälte ihn, daß er ein Geheimnis vor ihr haben mußte.
Und plötzlich kam ihm Mignon mit neuen Gründen. Was wollte er nur? -- Was stand denn in dem Briefe: eine leidenschaftliche Klage, daß sie ihn nicht liebe. Das war doch ganz deutlich: sie liebte ihn ~nicht~. Was für eine Schuld konnte ~sie~ also treffen? Oder wollte er es den Menschen gar verwehren, seine Mutter gern zu haben? --
Mit diesem neuen Gedanken suchte er sich zu beruhigen.
Und dabei schien ihm jetzt alles verzeihlich, und er begriff, seit er Mignon liebte. Seitdem verstand er erst, wie ein Mann einen solchen Brief schreiben konnte.
Am schmerzlichsten war ihm, wenn er dabei an seinen Vater dachte. In letzter Zeit hatte er sich schlechter befunden als je. Das Herannahen des Winters brachte stets eine Verschlimmerung seines Zustandes mit sich. Er saß still in seinem Stuhle, und die Augen schmerzten ihn so, daß er seine gewohnte Lektüre sich versagen mußte. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, müde verschleiert, und die Wangen waren eingefallen.
Das Sprechen machte ihm Beschwerden, er stieß mit der Zunge an, und wenn Willy ein Gespräch mit ihm anfangen wollte, winkte er oft lässig mit der Hand und saß stumpf da, ohne recht Anteil an irgend etwas zu nehmen. Es schien, als ob seine Sinne mehr und mehr einschlummerten.
Zum ersten Male fiel es Willy auf, wie wenig man ihn eigentlich im Hause beachtete, wie gewohnheitsmäßig gleichgültig die Mutter sich um ihn kümmerte, abgestumpft durch den sich gleichbleibenden Zustand des Kranken.
Er hatte das bis jetzt nicht empfunden, denn auch für ihn war der Vater nie von großer Bedeutung gewesen; jetzt überkam es ihn wie eine große Traurigkeit, wenn er verglich, wie lebhaft die Mutter war, wie sie alle paar Stunden das Haus verließ und in beständiger Bewegung war, während der Kranke ans Zimmer gefesselt blieb, vor allem jetzt, wo der Herbst über das Land zog und der Winter vor der Tür stand.
Er saß da, still resigniert, klagte selten oder nie und hörte stumm lächelnd zu, wenn Anna ihm gewohnheitsmäßig berichtete, was sie tagsüber getan hatte, denn meistens widmete sie ihm die Abendstunden ganz, zumal in solchen Fällen häufig Petri anwesend zu sein pflegte.
Willy saß bei dem Vater, als die Mutter heimkam. Sie war unruhig und fragte die Dienstboten aus nach einem Notizhefte, das sie verloren haben wollte.
Aber niemand hatte etwas gefunden. --
Willy war einen Augenblick versucht gewesen, ihr den Brief, der jetzt keine besondere Bedeutung mehr für ihn hatte, zurückzugeben, nachdem er ihn anfangs wieder in das Zimmer hatte legen wollen. Allein, es konnte ihn zu leicht jemand finden, und so nahm er davon Abstand.
Es war besser, die Mutter erfuhr nichts davon.
Er wollte es für sich behalten, daß er so an ihr gezweifelt hatte.
Er nahm den Brief und hielt ihn in das Licht, bis daß er völlig verkohlt war.
Allein jetzt hoben sich die Buchstaben weiß von dem verkohlten schwarzen Papiere ab; das nahm er und zerrieb es zu feinem Staube, den er in den Garten streute.
Damit war auch der Gedanke an die letzten Tage der Unruhe wieder erstorben. Er wollte nicht mehr daran denken, weil es ja krankhaft war. --
12.
Willy wollte der Mutter seine Liebe zu Mignon gestehen. Das Geheimnis quälte ihn. Allein das junge Mädchen wollte es nicht zugeben.
Sie fürchtete sich, -- denn sie zweifelte nicht daran, daß Frau Anna noch immer eine uneingestandene Abneigung gegen sie hegte, die bei seiner Erklärung zum Ausbruche kommen konnte und ihr Glück mit einem Schlage vernichten würde.
Die Versuchung, jetzt an dem Kinde der Frau, die sie einst aus dem Herzen Reinhold Petris vertrieben hatte, Vergeltung zu üben, lag zu nahe.
Mignon bettelte fast darum, daß er schweigen solle. Allein dieses fortwährende Verheimlichen einer Neigung, an der nichts Unrechtes haftete, machte ihn nervös.
Und trotz ihres Flehens wollte er nur den günstigen Augenblick abpassen, um der Mutter alles zu gestehen.
Allein jetzt, wo er wieder seine Wohnung in der Mauerstraße hatte, wollte sich die Gelegenheit nicht so leicht bieten, und Tag um Tag verstrich, ehe es so weit kam. --
Es war Mitte November geworden.
Das Wetter rauh und unfreundlich.
Die kahlen Bäume streckten ihre schwarzen Aeste trostlos zum Himmel, als wollten sie dem gleichmäßig fallenden Regen wehren.
Die ersten Winterstürme brausten über das Land und brachten zuweilen schmutzigen Schlickerschnee, der zu tauen anfing, ehe er noch den Boden berührte.
Schon in den frühen Nachmittagsstunden brach die Dämmerung ein, grau und lebensfeindlich, daß sich die ganze Welt trübe und neblig gestaltete und nasse Schleier sich vor das Licht des Tages hingen.
Der Garten stand jetzt völlig kahl und verlassen leer. Die beiden jungen Leute mußten ihre gewohnten Spaziergänge aufgeben, denn kaum, daß der Landregen sich für eine Zeit unterbrach und die Feuchtigkeit tiefer in die Erde eindrang, stürzten auch schon wieder endlose Regenmassen von dem gleichmäßig grauumwölkten Himmel und überschwemmten alle Wege.
So saßen sie denn meist daheim, zuweilen bei der Mutter, wo Willy ihnen beim mattverschleierten Scheine der Lampen vorlas. Stets lag im Zimmer eine halbe Dämmerung, denn der Vater konnte das helle Licht nicht ertragen. Es tat seinen Augen weh. --
Eines Abends traf Willy die Mutter allein.
Der Vater hatte sich hingelegt, und Mignon war zu einer Freundin in der Stadt.
Er war herausgekommen in der sicheren Erwartung, sie daheim zu treffen, denn sie hatte sonst keinen Verkehr; deshalb war er anfangs unmutig, sie nicht zu finden, weil er ihr ein Buch mitgebracht hatte, um das sie ihn gebeten.
Jetzt war er mit der Mutter allein im Zimmer.
Ein gleichmäßig feiner Regen sickerte gegen die Scheiben der Fenster, vor die, mit Ausnahme des einen, dichte Vorhänge gezogen waren.
Die Nacht war windstill und man hörte nur das einförmige Fallen des Regens.
Das Zimmer war leicht durchwärmt, denn eine unangenehme Feuchtigkeit drang kalt in die Häuser.
Frau Anna lag auf eine Chaiselongue gestreckt und schützte sich die Augen mit der auf die Lehne gestützten Hand.
Ein Buch lag aufgeschlagen in ihrem Schoße, aber sie träumte darüber hin, wie gewöhnlich.
Sie regte sich nicht, fast als ob sie schlief.
Willy wagte es nicht, die Stille zu unterbrechen.
Er dachte an Mignon und versuchte, sich das Bild des jungen Mädchens in all seinen Einzelheiten vorzustellen.
Und er sah sie mit ihrem mattgelben Teint, den großen geheimnisvollen Kinderaugen und den leichtgewellten Haaren, die ihr pagenartig auf die Schulter fielen.
Sie war schlank und schmiegsam wie eine Weide und dabei so jugendlich voll, mit ihren runden starken Armen und den feinen zierlichen Gelenken der kleinen Hand, deren Finger die seinen so energisch umklammern konnten, die sich um seinen Nacken ineinander schlangen, wenn sie sich an ihn schmiegte und ihm die vollen Lippen zum Kusse bot.
Er warf einen Blick zur Mutter hinüber, und er mußte darüber lächeln, daß er früher so oft behauptet hatte, er wolle immer nur sie lieben.
Jetzt war ein kleines siebzehnjähriges Mädchen gekommen und hatte ihn mit Leib und Seele gefangen. Sie entzog ihn seiner Mutter mehr und mehr. --
Frau Anna machte eine Bewegung. Willy erhob sich, rückte einen Puff neben die Chaiselongue und ließ sich an der Seite der Mutter nieder, indem er ihre Hand ergriff.
Dann, indem er sie wieder losließ, sagte er:
»Ma, darf ich Dir ein Geständnis machen?«
Seine Stimme bebte doch etwas, trotzdem er sich die größte Mühe gab, recht ruhig zu bleiben.
Anna richtete sich auf, indem sie sich auf die linke Hand stützte, und indem sie ihm das Gesicht zukehrte, fragte sie lächelnd:
»Ein Geständnis, Du -- mir?«
»Ja,« sagte er. »Ich habe Dir schon seit langem etwas verheimlicht.«
Sie sah ihn verwundert an. Er stockte und fuhr endlich fort:
»Du hast also gar nichts bemerkt?«
»Nein, nichts! -- Ich verstehe Dich nicht.«
Er sah sie an und starrte dann auf den Teppich; denn wenn sie wirklich gar nichts ahnte, war es besser, er schwieg noch und wartete.
Ihm war mit einem Male aller Mut genommen.
»Hast Du Schulden?« fragte sie endlich, als er noch immer schwieg.
Er mußte doch lachen, indem er den Kopf schüttelte.
Dann sagte er ohne Uebergang:
»Weißt Du eigentlich schon, daß Adolf Wurm sich verlobt hat? -- Ich hab' es Dir neulich gesagt, nicht wahr?«
Sie sah ihn an, wich aber dann seinen Blicken aus.
»Er ist jetzt dreiundzwanzig. Findest Du nicht, daß das eigentlich sehr jung ist?«
»Gewiß! ..«
Jetzt wußte sie, auf was er hinauswollte, aber sie sagte kein Wort weiter.
Dann, wie im Scherz, aber mit dem Gefühl, wie ungeschickt es war, fuhr er fort:
»Ich bin eigentlich alt genug, auch einmal daran denken zu können.«
Sie schwieg noch immer.
»Ich meine nur: daran denken, nicht wahr?«
»Nein!« sagte sie, und ihre Stimme klang härter als gewöhnlich. »Du bist viel zu jung. -- Früher sagtest Du, Du wollest nie heiraten.«
»Ach! was sagt man nicht alles.«
»So, hast Du Deine Meinung geändert?«
Er lachte etwas gezwungen, während sie hastiger atmete. Er sah sie noch immer nicht an, sonst hätte er geschwiegen vor dem Ausdrucke ihrer Augen.
»Will!« sagte sie jetzt, wie mit einem im Augenblick gefaßten energischen Entschlusse, »Will! sei einmal ehrlich!«
»Weißt Du es denn wirklich nicht?« fragte er scheu.
»Was denn?«
»Daß ich Mignon liebe ...«
Sie zuckte doch zusammen, als sie aus seinem Munde hörte, was sie schon seit langem befürchtet hatte.
»Du hast nichts geahnt?« fragte er scheu.
»Nein! ...«
Dann schwiegen sie beide.
»Du sagst nichts dazu?«
»Was soll ich dazu sagen? ..«
»Mama!«
»Aber das ist ja kindisch!«
»Kindisch?«
»Ja! Ihr seid beide ein paar Kinder, und ich hätte das nie von Dir erwartet ...«
Er stand langsam auf, mit einem Blicke, in dem sie las, daß er kein Kind mehr war, daß, wenn sie das noch glaubte, er imstande war, sie vom Gegenteile zu überzeugen.
Und ganz ruhig sagte er:
»Wenn Du das wirklich glaubst, so irrst Du. Von einer Kinderei ist zwischen uns nicht die Rede.«
»Um so schlimmer! ... Und kurz und gut: die Geschichte ist mehr als lächerlich, so daß wir am besten tun, nicht darüber zu reden.«
Er sah sie zweifelnd an, und sie fügte rascher hinzu:
»Ich bitte Dich, reden wir nicht davon. Du regst Dich und mich unnötig auf. Es hat keinen Zweck.«
Es quoll in ihm auf, ein Angstgefühl, wie eine Flut von Tränen, die sich lösen wollten, und er wandte sich ab, um an das Fenster zu treten und hinaus zu sehen in die eintönige Nacht.
Es war lautlos still im Zimmer.
Aber deutlich, erschreckend deutlich hörte er das hastige Atmen der Mutter, und ihm war, als ob er sein eigenes Herz schlagen hörte.
So stand er am Fenster, unschlüssig, was er jetzt tun sollte, und krampfte die Hand in den dichten braunen Stoff des Vorhanges.
Endlich, ohne daß er sich dabei nach ihr umwandte, sagte sie langsam, wie suchend:
»Das Ganze ist ja eine Kinderei, Will! .. Ihr seid beide ein paar Kinder. So habt Ihr miteinander verkehrt, und wir haben Euch gewähren lassen. Nun wollt Ihr uns das doch nicht so lohnen? -- Du hast Deine Studien eben erst angefangen, Du kennst nichts von der Welt, so gut wie nichts. Niemals, soviel ich weiß, bist Du mit einem Mädchen zusammengekommen, und deshalb bildest Du Dir nun ein, Mignon zu lieben. Das ganze ist nur eine vorübergehende Aufwallung. In acht Tagen lachst Du Dich vielleicht schon selber aus.«
Er gab keine Antwort und blieb am Fenster stehen wie zuvor.
Sie hatte das alles sehr ruhig gesagt. Sie wollte sich selbst beruhigen und beschwichtigen.
»Ich sage Dir das vielleicht hart und kalt, aber ich kann nicht anders. Du brauchst Dich jetzt nicht zu entscheiden. Ich weiß, Du bist zu verständig, als daß Du nicht selbst zu meiner Ueberzeugung kommen solltest. Du bist eben in dem Alter, wo die Liebe zu mir allein Dir nicht mehr genügen kann.«
Willy machte eine Bewegung, aber er schwieg.
»Nein,« sagte sie. »Ich weiß das sehr wohl. Ich habe Deine Illusionen vom Leben nie geteilt, aber ich habe sie Dir nicht nehmen wollen. Aber deshalb braucht man nicht gleich der ersten Neigung blind nachzugeben. Und wenn Du Mignon wirklich lieben solltest, so wäre das unter diesen Verhältnissen eben eine Torheit. Ueberwinde Dein Gefühl, und binnen kurzem werdet ihr wieder ebenso freundschaftlich miteinander verkehren können wie zuvor.«
Er zuckte mit den Achseln.
Diese schweigende Nichtachtung ihrer Worte tat ihr weh, und sie fuhr fort:
»Muß denn immer gleich geheiratet werden um so ein bißchen Liebe? .. Glaubst Du, man verlobt sich sofort, wenn man zum ersten Male liebt, ja? ..«
Er wußte, wie sie jetzt auf sich selbst anspielte, ohne daß sie ahnen konnte, daß er es fühlte.
»Du wolltest Dich doch mit Mignon verloben, nicht wahr? und sie einmal heiraten? -- Es ist ja sehr hübsch von Dir, gleich so ernsthaft zu denken. Allein in Eurem Falle ist das eine große Torheit. Glaube mir, es ist eine Torheit. Sonst hast Du doch so viel auf den Rat Deiner Mama gegeben. Tu es vor allem jetzt und glaube mir, daß ich Dir nur zu Deinem Besten rate.«
Sie war aufgestanden und hinter ihn getreten.
Jetzt legte sie ihm beide Hände auf die Schultern, und während er unter dieser leisen, schmeichelnden Berührung zusammenzuckte, fragte sie bittend, indem sie versuchte in sein Gesicht zu sehen:
»Willst Du meinem Rate und meiner Bitte folgen, Will?« --
Sie erschrak vor der Blässe seines Gesichtes und vor der herben Entschlossenheit, die darin lag, während er den Kopf schüttelnd antwortete:
»Du irrst Dich. Ich kann es nicht, denn ich liebe Mignon, liebe sie mehr als mein Leben. Ich weiß, Du wirst mir grollen, daß diese Liebe zwischen uns getreten ist.«
»Nein Will, das ist nicht der Fall. Ich spreche einzig so, weil ich Dein Bestes im Auge habe.«
»Wenn das wäre, würdest Du ~nicht~ so sprechen. Du weißt ja nicht, wie ich Mignon liebe.«
Und nun, ohne Halten, wie ein aufgebrochener Quell sprudelte es hervor, all seine Liebe vom ersten Tage an, als er sie im Garten gefunden hatte. Er konnte und wollte der Mutter nichts mehr verheimlichen; er malte es aus, all die kleinen Szenen, die sie schon miteinander erlebt hatten, all ihre Zweifel und all ihre bunten Hoffnungen.
Das erzwungene Lächeln war von ihrem Gesichte geschwunden, und je weiter er sprach, je beredter er wurde, um so deutlicher spiegelte sich der Schreck und das Entsetzen in ihren Augen.
Sie starrte ihn an, als ob er irre rede, als ob ein anderer, den sie nicht kannte, vor ihr stehe.
Darauf war sie nicht vorbereitet, darauf nicht! Und sie zitterte vor der Gewalt dieser schrankenlosen Leidenschaft.
Als er zu Ende war und ausrief:
»Glaubst Du ~nun~ noch immer, all dies sei eine flüchtige Schülerliebe, nur die Einbildung der Liebe, ein Rausch augenblicklicher Verliebtheit? -- Glaubst Du das wirklich?«
Da starrte sie ihn an und fand keine Antwort ...
Er hatte sich wieder dem Fenster zugewandt und sah in den Regen hinaus.
Und sie stand ratlos hinter ihm und wußte nichts zu erwidern.
»Ist denn das wahr, Will? .. wirklich wahr?« fragte sie tonlos, mit bebender Stimme.
Er bestätigte die Frage nur mit dem Kopfe nickend.
Einen Augenblick wollten ihr die Kräfte versagen.
Sie drohte zusammenzubrechen, sie wollte die Hände vor das Gesicht schlagen, um nichts zu sehen, sich die Ohren zuhalten, um nicht hören zu müssen.
Dann raffte sie sich auf, schüttelte mit dem Kopfe, als wollte sie etwas Unangenehmes abwerfen, und sagte unerbittlich entschlossen:
»Nein, Will! Niemals! ... Es geht nicht! Hörst Du: niemals! ... Es ist ein Traum für Dich gewesen, der nun zu Ende ist. Du wirst nicht mehr daran denken!«
»Das ist nicht möglich.«
»Nicht möglich, sagst Du? -- Es ist ~alles~ möglich, wenn man nur ernstlich will! Du mußt das alles vergessen und überwinden, weil es sein ~muß~.«
»Und weshalb? ...«
Sie stockte einen Augenblick, in tödlicher Verlegenheit, weil sie keine Antwort hatte.
»Weil ... und wenn Du Dich nun täuschst? Du hast ja kein Urteil. -- Wie kannst Du Dich binden? Mit welchem Rechte das Leben eines andern Menschen an Dich ketten! Du weißt nicht, was es heißt: seine Freiheit hingeben für alle, alle Zeit. Du bist ja noch so kindlich jung.«
»Ich liebe Mignon!«
»Wenn Du sie liebst, wirst Du nicht ein Versprechen geben wollen, dessen Erfüllung nicht in Deiner Macht liegt. Mignon ist eben aus der Pension gekommen. Du sagst, sie liebe Dich. Ich zweifle nicht daran, daß sie Dich gern hat, aber gern, wie zwei Freunde sich haben.«
»Ich kann nicht anders.«
»Will, ich bitte Dich; Du hast mir so oft beteuert, daß Du mich über alles lieb hast, daß Du bereit bist, für mich ~alles~ zu tun ..«
»Ja, Mama!«
»Und nun richte ich die erste wirkliche Bitte an Dich, und Du verweigerst sie mir.«
»Martere mich doch nicht mit einer Bitte, die ich nicht erfüllen kann.«
»Und Du quälst mich mit Wünschen, die nie zum Glück führen können.«
Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Sie fühlten es beide, wie das Band zerrissen war zwischen ihnen. Wie sie sich fremd gegenüber standen.
Er warf sich in einen Sessel und spielte unruhig zupfend mit der Quaste, während er nur mit halbem Ohre den Auseinandersetzungen der Mutter folgte.
Alles in ihm empörte sich gegen den Widerstand, dem er bei ihr begegnete.
Sie hatte keinen stichhaltigen Grund. Wie suchend ging sie im Zimmer hin und her, und endlich fing sie wieder an ... immer dieselben Worte, dieselben Gedanken. Aber Will hörte nicht darauf, er dachte nur immer an Mignon.
Sollte sie mit ihrer Vermutung doch recht behalten? --
Sie hatte es geahnt. Allein zu einer Umkehr war es jetzt zu spät, er hatte den Kampf angefangen.
Aber er hoffte noch immer, er hoffte auf seine ~Mutter~. Sie würde doch einwilligen, und als sie ihn jetzt bat, dem Vater gegenüber kein Wort zu erwähnen, da gab er dies Versprechen ohne Zaudern.
Als er fortging, küßte sie ihn bittend auf den Mund.
»Nicht wahr, Du wirst mein kluger Junge sein?«
Er machte sich von ihr los, ganz sanft, und murmelte:
»Ich kann ja nicht.«
Sie blickte ihm wie gebrochen nach, als er trotz ihrer Bitten ging. Er mußte allein sein, allein mit sich und seinen Gedanken.
Und auch sie blieb allein mit ihren Gedanken. --
Es durfte, es konnte ja nicht sein! ...
Und sie hatte bisher nichts geahnt. Sie hatte nichts anderes als einen freundschaftlichen Verkehr bei ihnen vorausgesetzt.
Der Kopf war ihr heiß zum Zerspringen, und je mehr die Stunde vorrückte, um so erregter wurde sie.
Sie setzte sich an den Schreibtisch und wollte an Petri schreiben.
Aber nein! -- was sie bewegte, konnte sie dem Papier nicht anvertrauen.
Einen Augenblick war sie versucht gewesen, noch jetzt hinüberzugehen. Vielleicht, daß sie ihn daheim traf.