Part 7
»Ja, sie war sehr schön, daß man um sie schon eine Feigheit begehen konnte. Aber wie schön sie auch immer war, ich habe Hedwig geliebt, anders, ganz anders, aber doch vielleicht mehr als die andere. Du weißt ja nicht, Kind, was für ein seltsam doppelzüngig Ding das Menschenherz ist, und wie man lügen kann um der Wahrheit willen; und wie man sich selbst belügt und betrügt und niemals den Mut findet, sich und andern diese Täuschung einzugestehen. So ist es gewesen, Kind, und wird es bleiben, solange Menschen leben. Denn die Menschen halten sich immer für besser, als sie sind, und wenn sie nachher eingesehen haben, aus was für einem Stoffe sie gemacht sind, dann erfinden sie kluge Entschuldigungen für alles. Mögest du nie erfahren, wie viel Lüge in dem Worte Liebe verborgen ist. -- Du hast heute Dinge erfahren, Kind, die sonst kein Mensch weiß, Dinge, die zuviel sind für Dein liebes, gutes Herz. Vergiß sie wieder, vergiß das alles; denn es sind Geheimnisse, die den Tod in sich tragen, wenn sie unter die Menschen kommen. Auch zwischen uns beiden niemals mehr ein Wort darüber. Ich bitte Dich darum ... Es ist vorbei und soll vorbei sein.«
»Ja, Vater! Aber nun erzähle mir auch von der Mutter.«
Sie setzte sich ihm halb zu Füßen, und den Kopf an ihn lehnend, lauschte sie seinen Worten. --
Er erzählte ihr, wie Hedwig in das Haus gekommen war. Sie war eine Nichte Minnas gewesen, bei der sie die Wirtschaft lernen sollte, ein bescheidenes, stilles Mädchen, das er anfangs ganz übersehen hatte. Dann entdeckte er eines Tages, wie hübsch sie war, und zugleich, wie gern sie ihn hatte. Von da an schenkte er ihr mehr Aufmerksamkeit, denn ihre Liebe rührte ihn, und so lernte er sie lieben, bis die andere darüber vergessen war.
Frau Anna war auf ein paar Monate fortgewesen, und als sie wiederkam, gehörte er Hedwig mehr als ihr.
Während er stockend erzählte, in abgerissenen Sätzen, tastend, weil immer neue Erinnerungen auftauchten, all die einzelnen Bilder jener Zeit sich ungeordnet vor seine Seele drängten, -- während er es versuchte, ihr begreiflich zu machen, wie das alles gekommen war, saß sie ihm zu Füßen, und Tränen stiegen in ihr auf, aber sie waren nur ein Gefühl des Glückes, den Vater gefunden zu haben.
Sie grübelte nicht nach, sie urteilte nicht, denn sie reichte mit ihrem Kinderherzen nicht an diese Dinge heran. Und als er zu Ende war, warf sie sich an seine Brust und sie hielten sich lange wortlos umschlungen.
Dann plauderten sie von der Zukunft, denn jetzt sollte alles gut werden, nun, da kein Geheimnis mehr zwischen ihnen stand. --
Es war Mitternacht vorüber, als sie sich endlich trennten.
Petri blieb noch lange wach, unruhig im Zimmer auf- und abgehend. Jener Satz, den er vorhin wie achtlos hingeworfen hatte, von der Doppelzüngigkeit des menschlichen Herzens, fiel ihm schwer auf sein Denken.
Er hatte die beiden Frauen gleichzeitig geliebt. An die eine ketteten ihn Hunderte von Erinnerungen, die unlösbar schienen. Die Neigung hatte zu tiefe Wurzeln geschlagen.
Und die andere Liebe hatte jenen bestrickenden Reiz der Neuheit, der nur zu oft den einzigen Anlaß zu einer neuen Neigung bildet.
Er liebte Hedwig, aber er sah auf sie herab; sie konnte sein Leben nicht ausfüllen. Er war sich zu gut bewußt, daß sie in ihrem innersten Wesen nicht zueinander paßten. Er dachte viel zu modern, er war vor allem Künstler und liebte seine Freiheit und seine Kunst.
Und jene andere war das Weib seines Freundes gewesen, und sie hatten sich beide mit einer spitzfindigen Moral darüber hinweggetäuscht, daß es eigentlich ein Verbrechen war, was sie begingen.
Sein Künstlerstolz hatte ihm damals darüber hinweggeholfen, in dem Gefühl, daß er sich seine eigenen Gesetze schaffe und denen der Menschen nicht unterworfen sei.
Jetzt wußte er, wie jämmerlich es mit dieser Größe bestellt war.
Er verglich die beiden Frauen miteinander, und dann dachte er an Mignon, und um derentwillen erschien ihm seine Liebe zu Hedwig in viel reinerem Lichte.
Es kam über ihn wie eine Art Entsühnung. Die Liebe, die er jetzt für Mignon hegte, übertrug er auf die Vergangenheit, daß ihm alles in freundlicherem Lichte erschien, als es vielleicht gewesen war, und er fand vor sich selbst die Entschuldigung, nach der er so oft in einsamen Stunden vergebens gesucht hatte. --
Und während er drunten in sorgenden Gedanken auf und ab wanderte, lag Mignon droben in ihrem Stübchen, die heiße Stirn an die kalten Scheiben gepreßt, und sah nach der Villa hinüber, wo Frau Anna Braun wohnte, und dachte dabei an ihre Mutter, von der sie sich noch immer keine Vorstellung machen konnte.
Der Wind jagte durch die Nacht und zauste Büsche und Bäume. Zuweilen berührte ein Zweig der vor dem Fenster stehenden Kastanien eine Scheibe, daß die Träumerin erschreckt auffuhr.
Wie ein weinendes Kind heulte der Sturm um das Haus, mit seinen langgezogenen Klagetönen, die dann plötzlich so schneidend scharf wurden wie ein fernes schrilles Pfeifen.
Mignon fürchtete sich nicht vor diesen seltsamen Tönen. Das Glückseligkeitsgefühl, den Vater gefunden zu haben, endlich aus allen Zweifeln befreit zu sein, rang alles Weh nieder, das sie heute in ihrem Herzen hatte erdulden müssen, und die Vergangenheit versank vor den lockenden Traumbildern einer hoffnungsreichen Zukunft.
10.
Der Sturm tobte sich aus, die schweren Wolken krochen träge am Himmel hin, und aus dem durchweichten Erdboden quoll neblige Feuchtigkeit.
Mignon hatte sich in ihre neue Lage rasch hineingefunden. Sie hielt, was sie dem Vater versprochen hatte: kein Mensch ahnte etwas, am wenigsten konnte Frau Anna vermuten, daß Mignon Mitwisserin ihres Geheimnisses geworden war.
Nur achtete das junge Mädchen jetzt scharf auf, und sie begriff nicht, wie sie bis jetzt so blind hatte sein können. Sie fühlte jetzt die Beziehungen heraus bei jedem Worte, das Frau Anna mit ihrem Vater wechselte; jede Bewegung verriet es deutlich.
Und das schmerzte sie. Denn sie sah, wie die beiden noch immer zueinander standen, und sie sagte sich, daß dadurch der toten Mutter unrecht geschah.
Und dann fing sie an, eifersüchtig zu werden. Sie wollte den Vater einzig und allein für sich haben, aber täglich mußte sie empfinden, welch ein Anteil an Liebe ihr durch Anna Braun geschmälert wurde.
Willy ging zwischen ihnen wie mit geschlossenen Augen umher. Er ahnte nichts, er hatte kein Verständnis für die Blicke, die von einem zum andern flogen, er sah nicht gleich Mignon, daß in der Art, wie die beiden zum Beispiel sich die Hände gaben, mehr lag als eine einfache Begrüßung.
Ihn beschäftigten andere Gedanken und Empfindungen, seine Liebe zu Mignon.
Es war keine stürmisch sinnliche Neigung, kein knabenhaftes erstes Aufflammen des Herzens.
Unmerklich verkettete er sich ihrem Wesen mit täglich neuen Fäden fester und fester; ein tiefinnerliches Gefühl durchbebte ihn. Ihm schien, als habe sich sein Gesichtskreis erweitert, als sei er ein anderer geworden.
Ein einziges Wort, eine Bewegung konnte ihnen beiden das Blut in die Wangen treiben. Es entstanden in ihrer Unterhaltung jähe Stockungen, indem der eine ohne ersichtlichen Grund abbrach; es bemächtigte sich ihrer eine unerklärliche Unruhe zu Zeiten, wenn sie sich nur die Hände reichten.
Es war alles in Spannung, in erwartungsvollster Erregung, jeden Augenblick schien das entscheidende Wort fallen zu müssen; allein sobald sich eine leiseste Andeutung einschlich, tat der andere, als verstehe er sie nicht.
Die Morgenstunden hatten sie fast immer für sich allein gehabt. Meist benutzten sie die schönen Tage zu Spaziergängen in dem nahen Tiergarten. Ein paarmal begleitete Willy sie in die Stadt, und in dem wirren, sinnlos scheinenden Menschengewühl kamen sie sich wie verloren vor, wie vereinsamt; aber sie fühlten sich einander näher als je.
Eines Tages, kurze Zeit nachdem Mignon jene entscheidende Unterredung mit dem Vater gehabt hatte, wollten sie einen Spaziergang unternehmen, allein die Wege waren dermaßen ungangbar, daß sie bald umkehrten und heimgingen.
Sie betraten den Garten des Professors, wo auf den mit grobkörnigem gelben Kies bestreuten Wegen die Feuchtigkeit rasch in den Boden gezogen war.
Sie wollten zum Pavillon und mußten am Atelier vorbei. -- Die Tür stand weit offen, und die Portiere flatterte hin und her, daß man ganz in den hellen Innenraum sehen konnte.
Plötzlich blieb Willy stehen, und im nächsten Augenblicke wußte Mignon den Grund, weshalb er so bleich geworden war und seine Hände zitterten.
Auf dem Diwan saß Frau Anna Braun im Promenadenanzug, den Hut auf dem Kopfe, den Schirm in der Hand haltend, neben ihr der Professor, mit dem einen Knie sich auf das Sofa stützend, über sie gebeugt, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben, während sie ruhig lächelnd zu ihm aufschaute. --
Im nächsten Augenblicke schon hatte Mignon Willy am Arme gefaßt und fortgerissen.
Eine Sekunde lang schien ihm, als ob sich alles um ihn drehe, seine Finger griffen suchend in die Luft, dann gab er ihr wie willenlos nach.
»Komm!« flehte sie. »Komm! ...«
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
»Ich bitte dich, Willy, so komm doch!«
Er hörte nicht, daß sie ihn in ihrer flehentlichen Bitte duzte, und er folgte ihr mechanisch, wie im Traume. Das Gefühl der Wirklichkeit war ihm abhanden gekommen, und er schien völlig willenlos zu sein.
Sie zog ihn durch den Garten bis zu dem chinesischen Pavillon.
Dann sah sie ihn angstvoll, in Erwartung an, daß er irgendein Wort sagen sollte; aber er schwieg, denn er konnte noch keinen klaren Gedanken fassen.
Er ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, legte die Arme auf den Tisch und stützte den Kopf auf die rechte Hand, während er die grüngestrichene Holzplatte anstarrte, von der in Blasen die Farbe geblättert war; dabei sah er, wie seltsam gezackt doch ein Ahornblatt aussah, das auf den Tisch geweht war, dieses breite, spatenförmige, spitzzackige Blatt mit totenhaft hellgelber Herbstfarbe.
Seine Mutter! ... Seine Mutter, die sich von einem Manne küssen ließ!
Es war ja Unsinn! Nur zum Lachen! -- Und er wollte auch lachen, aber es zwängte ihm die Kehle zusammen, und dann wußte er wieder nicht, ob es nicht alles nur ein Traum war.
Er blickte um sich: die halbkahlen Aeste der Bäume, durch die das Haus blickte; ihm gegenüber Mignon in ihrem dunkelbraunen Kleide und dem schwarzen Jackett, die ihn mit großen unruhigen Augen wirr anstarrte, ganz seltsam. Und das da .. das war das Atelier.
Plötzlich sprang er auf: er wollte wissen, ob er sich nicht getäuscht hatte.
Allein Mignon war ihm zuvorgekommen und schlang ihre Arme um ihn. Zum ersten Male lag sie fest an seiner Brust, und er wagte es nicht, sie abzuwehren.
Er blickte auf sie nieder, und das Gefühl stieg in ihm auf, wie schön sie doch war.
Er stand jetzt, ohne sich zu regen. Sie ließ ihn los und fragte dann mit zitternden Lippen:
»Wohin willst Du?«
Wie seltsam erregt ihre Stimme klang, und er wartete, daß sie noch etwas sagen würde, aber sie schwieg, und er las in ihren Augen eine hilflose Angst.
»Dorthin!« sagte er endlich.
»Was willst Du denn?«
Was wollte er? -- Diese Frage, so einfach sie war, machte ihn nüchtern und nahm ihm alle Energie.
»Was willst Du denn nur, Will?«
»Ja!« sagte er tonlos. »Du hast recht! ... was will ich? ...«
Er hatte sie losgelassen und strich sich über die Stirn und bedeckte dann die Augen, als wolle er von der Welt nichts mehr sehen.
Plötzlich brach er zusammen, legte die Arme auf die Lehne des Gartenstuhles und barg sein Gesicht.
Mignon beugte sich über ihn und legte die Hand auf seine Schulter, aber er rührte sich nicht, obgleich sie fühlte, wie ein verhaltenes Schluchzen ihn innerlich durchbebte.
»Will, so sei doch ruhig. Was ist denn geschehen? Aber so sag' doch nur, was ist ...«
»Meine Mutter!« stöhnte er, »meine Mutter! ..«
Sie nahm alle Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben.
»Was hast Du nur, Will? -- Vergißt Du, daß Deine Mama und père Jugendfreunde sind? Glaubst Du, daß Deine Mutter etwas Unrechtes tun kann?«
Sie wartete angstvoll, was er antworten würde.
Er griff nach ihren Händen und zog sie zu sich, tief aufatmend.
»Nein,« sagte er, »nein, Du hast recht, das glaube ich nicht. Und Du, Du mußt erst kommen, um mir das zu sagen. Siehst Du, ich war mit einem Male so ... ich wußte nicht mehr, was ich tat.«
Allein sie fühlte, daß er nur versuchte, sie zu beruhigen, und ihr kam ein Gedanke, blitzartig. Wenn sie ihm das sagte, mußte sie alles andere damit verwischen.
»Weißt Du, wer +père+ ist?«
Er sah sie erstaunt an, ohne sie zu verstehen.
»Er ist mein Vater!«
»Dein Vater, Mignon? ..«
Sie hatte recht vermutet. Es kam ihm so unerwartet, daß er die Szene darüber beinah vergaß, die er eben gesehen.
Sie war des Professors Tochter? ... Er konnte sich nicht gleich hineinfinden. Und als sie das sah, fing sie an zu sprechen, hastig, immer weiter, alles ... wie sie es vermutet hatte, bis sie endlich Gewißheit erhalten.
Sie stand dicht vor ihm. Er zog sie an sich, indem er den Arm um sie legte. Sie fuhr ihm im Erzählen langsam streichelnd über das Haar, bis daß er sie zu sich herabzog in seinen Arm.
Und während noch der bange Schreck ihn durchbebte, gestand er ihr endlich, wie sehr er sie liebe. Und diesesmal unterbrach sie ihn nicht. Sie schloß die Augen, und zu der Erregung, die sein Geständnis in ihr weckte, kam ein quellendes Frohgefühl, daß er darüber von seinem Verdachte abgelenkt wurde.
Sie hatten die Welt ringsum vergessen, sie lebten nur sich allein, einzig ihrer Liebe, und wortlos fanden sich zum ersten Male ihre Lippen.
Sie waren aufgestanden und wanderten Arm in Arm die schmalen Gartenwege hin, unter den herbstlich kahlen Zweigen. Und Mignon schmiegte sich an ihn, daß er alle Augenblick stehen blieb, um sie unter Schmeicheln an sich zu ziehen.
Zuweilen flogen ein paar Krähen über ihnen weg und ließen ihren rauhen, heiseren Schrei durch die Regenluft ertönen, sonst war es still um sie herum, als seien sie fern von allen Menschen, allein auf der Welt.
Dann aber mischte sich in ihr Liebesgetändel ernsthafte Ueberlegung. Sie wollten sich vorläufig niemandem verraten. Es hatte keinen Zweck, ihre Liebe zu gestehen, und in dem Geheimnis lag für sie beide noch ein ganz besonderer Reiz.
Noch einmal, ehe sie sich trennten, tauchte bei Willy der Argwohn auf; allein Mignon verstand es, ihm all diese Gedanken auszureden. Es fiel ihr nicht schwer, denn er war es gewöhnt, den Menschen rückhaltslos zu vertrauen. Es war ja seine angebetete Mutter und Mignons Vater. --
Als er heimkam, war die Mutter noch nicht zurück. Er stieg zum Vater hinauf und fand ihn droben, hilflos und verlassen, in seinem Fahrstuhle.
Die Glocke, die stets neben ihm auf dem Tische stand, war herabgefallen, und er hatte niemand rufen können. Willy fand ihn in halber Verzweiflung, stumpf vor sich hinbrütend, die Hände im Schoße gefaltet.
Er hatte gerufen, hatte seine Tasse an den Boden geworfen, daß die feinen Porzellanstücke überall zerstreut lagen; hatte mit einem der Stühle wie sonst wohl mit seinem Stocke versucht, auf den Fußboden zu stoßen, allein er hatte dabei nur den Stuhl umgeworfen, weil er nicht die Kraft hatte, ihn geschickt zu erheben.
Er atmete wie erlöst auf, als Willy erschien. Er hatte Durst und verlangte zu trinken, und dann sollte man ihn in das andere Zimmer schaffen, denn hier zog es, und die leichte Decke, die man ihm über die Knie gelegt hatte, genügte nicht. --
Und nun schalt er auf alle Welt, auf die Dienstboten, auf die Mutter und auf Willy. Wo war er denn gewesen? Als ob er ihm nicht einmal fünf Minuten am Tage schenken konnte. Dann hätte er überhaupt nicht herauszuziehen brauchen, und es war nur gut, daß das Semester jetzt wieder anfing. Für den Vater scheine er nichts mehr übrig zu haben ...
Dieser Vorwurf traf Willy schwer, und er bemühte sich eifrigst, den nörgelnden Kranken zu beruhigen. Allein seine Anstrengungen blieben lange erfolglos.
Er wurde erst stiller, als Willy ihn in das andere Zimmer hinübergefahren hatte und dann ein Gespräch mit ihm anknüpfte.
Aber während er sich mit dem Vater über einen naturwissenschaftlichen Versuch unterhielt, mußte er wieder an die Szene im Atelier denken.
Hier ein jammernder kranker Mann, und dort ...
Aber nein, es war ja nicht so. --
Ein Unrecht blieb es, ein Unrecht, daß sich ihm das Herz zusammenkrampfte, und das er der Mutter nicht verzeihen konnte. Wie konnte sie sich küssen lassen! ..
Und er hatte es gesehen, daß sie sich nicht im mindesten gewehrt hatte, und dann, ~wie~ sie zu jenem aufgeblickt hatte, -- indes sein armer Vater hier hilflos und verlassen saß. -- Ein unendliches Mitleid überkam ihn, wenn er das bedachte.
Er selbst hatte dem Vater nie recht nahe gestanden. Er achtete und ehrte ihn, aber eigentliche Kindesliebe hatte er nicht empfinden können. --
Länger als eine Stunde bemühte er sich schon um ihn, als die Mutter endlich heimkam, von Frau von Ruschwedel begleitet. Heute empfand Willy ihre ihm oft so lästige Gegenwart wie eine Erlösung, da sie ihm das Wiedersehen mit der Mutter erleichterte.
Schon nach wenigen Minuten brach die Frau Hauptmann auf, und die drei blieben allein.
»Du bist heute so still, Willy!«
»Ich .. still? -- O nein.«
»Ja doch! -- Du bist auch ein wenig bleich. Fehlt Dir etwas, mein Junge?«
Er schüttelte mit dem Kopfe.
Sie war zu ihm getreten, hatte den Arm um seine Schultern gelegt und sah ihm in die Augen.
Er war nahe daran, ihr mit einer unmutigen Geberde zu wehren. Nur mit Mühe bezwang er sich.
Aber allmählich, wie sie ihm schmeichelte, in ihrer Nähe, verflogen all die schwarzen Gedanken wieder, die in ihm aufgestiegen waren.
Mit ihrer Vorsorge beschämte sie ihn derart, daß er ihr am liebsten zu Füßen gefallen wäre, um sie wegen seines häßlichen Argwohns um Verzeihung zu bitten.
Er stand wieder ganz unter dem Einflusse, den sie auf ihn ausübte.
Nur das eine berührte ihn unangenehm, daß sie ihren Besuch bei dem Professor mit keinem Worte erwähnte, obgleich sie eingehend all ihre sonstigen Besorgungen aufzählte.
Allein er wollte dem Verdachte nicht Raum geben, und auch Mignon war eifrig bemüht, ihm die Gedanken zu widerlegen, wenn sie es auch selbst nicht mehr vermochte, Frau Braun so unbefangen wie früher entgegenzutreten.
Willy gegenüber verbarg sie ihre Unruhe und ihre Zweifel und suchte ihn von der Spur abzulenken.
Er klagte sich an, daß seine Liebe zu Mignon mit schuld daran sei, daß er die Mutter so verdächtigt habe.
Ihre Liebe zueinander hatte an Innigkeit durch all diese Vorgänge zugenommen, und ihre Stellung zueinander veränderte sich dadurch etwas, daß Mignon in Gegenwart von Frau Anna und ihres Vaters zu Willy gesagt hatte:
»Gehst Du mit in den Garten?«
Die beiden andern hatten es gehört, allein sie schwiegen, bis Willy kaum fünf Minuten später fragte:
»Soll ich Dir auch Dein Tuch holen, Mignon? Du erkältest Dich sonst.«
Diesesmal errötete Mignon.
Petri lachte und sagte:
»Ihr scheint ja endlich das Du eingeführt zu haben.«
»Oh nein!« versicherten beide eifrig.
»Laßt nur gut sein. Mir ist es nämlich ganz recht. Und wenn Sie auch damit einverstanden sind, gnädige Frau, dann lassen wir die beiden Brüderschaft schließen. Wenn jemandem das Du unwillkürlich auf die Zunge kommt, ist es Zeit, es offiziell einzuführen. Also wenn Ihr wollt ...«
»Gewiß, gern!« rief Willy.
Mignon nickte, als sei es ihr gleichgültig, und doch war sie froh, von diesem Zwange befreit zu sein.
»So ist's recht. Wie Bruder und Schwester wollt Ihr zusammen sein, nicht wahr?«
Frau Anna sagte kein Wort, allein sie war unruhig und sah den Professor fragend an.
Dann sagte sie fast unmutig:
»Müssen Sie denn immer gleich jeder Laune nachgeben?«
Er lachte nur und sagte:
»Ich finde es sehr nett, daß, wenn zwei Leute sich gern haben, sie auch Du zueinander sagen. Weshalb tut es nicht alle Welt? .. Es wäre viel gescheiter.«
Damit war die Sache erledigt.
11.
»Weißt Du denn, weshalb Frau von Ruschwedel immer so viel von ihrem Manne spricht?« fragte Mignon eines Tages im Laufe des Gespräches.
»Nun, weshalb?«
»Ich habe es von Minna, die heute ärgerlich war und ein paar Worte fallen ließ. Das haben wir beide gewiß nicht gedacht ...«
»Und?«
»Ihr Mann ist eifersüchtig gewesen auf einen jungen Leutnant seiner Kompagnie. Er hat ihn gefordert, und der Hauptmann ist in dem Duell gefallen. Ist das nicht schrecklich?! ...«
Willy antwortete nicht gleich. Er dachte zurück, bei welchen Gelegenheiten er mit ihr zusammengekommen war, und wie sie stets in überschwänglicher Weise von ihrem Gatten gesprochen hatte.
Jetzt schien ihm, als ob dieser seltsame Kultus eine Art von Sühne sein sollte, den er immer unangenehm empfunden hatte, weil es scheinbar absichtslos sein sollte und doch so aufdringlich geschah.
Die Mitteilung regte in ihm wieder Gedanken an über die Beziehungen des Professors zu seiner Mutter.
Es keimte in ihm langsam eine Abneigung gegen den alten Freund auf, die sich in Kleinigkeiten Luft zu machen suchte.
Er zog sich von Petri zurück, obgleich dieser ihm gerade jetzt ungemein herzlich entgegenkam. --
Lautner, der in der ganzen Zeit nur einmal draußen gewesen war, hatte es sofort entdeckt und suchte Willy auszuforschen. Allein es gelang ihm nicht, und er gab sich auch keine besondere Mühe, da er zu sehr mit einer eigenen großen Arbeit beschäftigt war.
Willys Abneigung wuchs mit jedem Tage, und sie war bald derart, daß er manchesmal brüsk das Zimmer verließ, wenn der Professor anwesend war.
So kam er aus einer fortwährenden seelischen Erregtheit nicht heraus. Er war reizbar nervös.
Ein rascher Stimmungswechsel machte sich bei ihm bemerkbar, unvermittelt sprang er im Gespräch von einem Gegenstande zum anderen über und faßte im Augenblicke Sympathien und Antipathien, ohne sich des Grundes klar werden zu können.
Die Liebe zu Mignon hatte große Schuld an diesem Zustande. Er mußte sie vor der Mutter verheimlichen, und zugleich quälte ihn der Zwiespalt, daß Mignon die Tochter des Mannes war, der ihn mit jedem Tage mehr erbitterte.
Dabei pries sie bei jeder Gelegenheit den Vater und brachte Willy durch ihre Bitten dahin, wenigstens äußerlich die alten Beziehungen zu erhalten.
Das Leben hatte ihn zum erstenmale rauh gestreift, und er konnte sich nicht so leicht in sein Traumland zurückfinden.
Es waren kaum vierzehn Tage vergangen, als sein eingeschlummerter Verdacht aufs neue geweckt wurde. --
Er kam aus der Stadt heim, wo er für die Mutter eine Besorgung ausgerichtet hatte.
Der Abend brach an, als er zurückkam. Die frostige Sonne war im Untergehen, und ihre matten herbstlichen Strahlen zitterten nur noch um die höchsten Spitzen der Bäume und die Dächer der Häuser und liehen einer breiten weißen Wolke am Rande einen leichten rötlichen Schimmer.
Er fand die Mutter nicht daheim. Das Mädchen meinte, die gnädige Frau sei zur Frau Hauptmann von Ruschwedel gegangen.
Diese Nachricht berührte Willy unangenehm, denn er hatte sie wiederholt gebeten, diesen Verkehr möglichst einzuschränken, vollends seit er die Mitteilung von Mignon hatte.
Es schien ihm, als vergebe sie sich damit an ihrem Stolze.
Er ging mit dem kleinen Pakete in das Zimmer der Mutter und legte es auf den Tisch, so daß sie es beim Heimkommen gleich finden mußte.
Dann setzte er sich in einen der seidenen Fauteuils und sah dem sterbenden Widerscheine der Sonne zu, die mit jedem Augenblicke mehr erblaßte.
Sein Blick flog durch das Zimmer.
Es war nicht groß, nur einfenstrig, und sah noch kleiner dadurch aus, daß es mit Luxusgegenständen aller Art überladen war, die trotz ihrer Verschiedenheit doch zu einem etwas bunten, aber harmonischen Ganzen vereinigt waren.
Will hatte es das Geschenkzimmer getauft, denn all die vielfachen Kunstgegenstände, die im Laufe der Zeit als Gaben bei festlichen Gelegenheiten in das Haus gekommen waren und keinen Platz an anderer Stelle finden konnten, hatten hier ihr Unterkommen.