Mutter!..

Part 9

Chapter 93,846 wordsPublic domain

Aber sie durfte es nicht wagen. Es blieb ja nicht unbemerkt. Und was konnte es in den Augen der anderen so Wichtiges geben, daß sie es in so später Stunde noch mit dem Professor bereden mußte.

Und dabei immer der Gedanke, daß er morgen nach Kopenhagen fuhr und sie ihn vielleicht vorher nicht mehr sprechen würde.

Sie sah keinen Ausweg. Sie fühlte, daß der Widerstand ihres Sohnes nicht leicht zu brechen war. Mit einem ~einzigen~ Worte ~konnte~ sie ihn brechen. --

Aber ~dieses~ Wort wagte sie sich nicht einmal im ~geheimen~ zu sagen. Sie durfte es nicht aussprechen.

Und es gab ja auch noch andere Mittel, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen.

Wenn man ihm nur Zeit zur Ueberlegung ließ.

Sie war ja noch immer seine Mutter, und sie gab die Hoffnung nicht auf, ihn sich wieder zu gewinnen.

13.

Willy mußte jemand haben, mit dem er sich aussprechen konnte. Lautner gegenüber traute er sich nicht recht, weil er dessen Sarkasmus fürchtete.

Deshalb ging er am folgenden Nachmittage zu Adolf Wurm, der in der Tieckstraße im Hinterhause eine bescheidene Wohnung hatte.

Er stieg die vier schmalen steinernen Treppen hinauf und fand ihn daheim.

Das einzige Fenster des Zimmers, dessen Kleinheit noch durch das Bett und ein altes Klavier beschränkt wurde, führte auf einen Hof, so daß man gegen die rote Wand eines mächtigen Lagerhauses sah, wo die Winde unablässig große Wollballen emporhob.

Ein beständiges lautes Rufen der arbeitenden Leute, drunten im Hofe das Ein- und Ausfahren der Wagen und dazu das Geräusch einer nebenan befindlichen Fabrik.

Und in diesem beständigen Lärmen hatte Wurm seine Oper vollendet, die jetzt in Hamburg angenommen war. Daraufhin hatte er sich mit seiner Paula, einer Jugendliebe, verlobt.

Sie wohnte bei ihrer Mutter, einer Kaufmannsfrau in Rixdorf, wo Wurm sie bei einem Stiftungsfeste kennen gelernt hatte.

Er hatte sich durch Stundengeben ein hübsches Sümmchen erspart und mit ein paar Märschen und Tänzen bisher ziemlich Glück gehabt. Jetzt war ihm zum Ueberfluß eine kleine Erbschaft von einer Tante, an die er nie mehr gedacht hatte, zugefallen, so daß er es schon seit langem nicht mehr nötig hatte, in dieser engen Bude zu hausen. Allein es gefiel ihm nun einmal hier, und er wollte bleiben, bis er heiraten konnte, aber nicht eher, als bis er irgendwo einen kleinen Kapellmeisterposten erhalten hatte.

Ohne Kragen und Schlips, im Schlafrock arbeitete er gestikulierend mit den Händen in der Luft herum, während er dem schweigsamen Willy seine Pläne auseinandersetzte. Er schwatzte in einem fort, von seiner Braut, seinem Glück, seinen Hoffnungen, ohne zu ahnen, daß Braun gekommen war, ihm sein Herz auszuschütten.

So verlor Willy allen Mut, -- und nachdem er länger als eine Stunde bei dem Musiker gewesen war, verließ er ihn wieder, trüber gestimmt als zuvor, im Ohre noch dieses ganze lärmende Geschwätz des Glücklichen. --

Er hatte anfangs Mignon gegenüber schweigen wollen, allein als er zu ihr hinaus kam und seine Bedrücktheit ihr auffiel, fragte und bat sie ihn so lange, bis er ihr die Szene mit der Mutter ausführlich erzählte.

Sie hörte ihn ruhig an, sehr ruhig und sehr bleich. Sie hatte gewußt, daß es so kommen würde, und deshalb war sie über den Ausgang nicht weiter erstaunt.

Wenn nur der Vater dagewesen wäre.

Jetzt, wo Frau Anna von ihrer Liebe wußte, brauchte sie auch dem Vater das Geheimnis nicht länger vorzuenthalten.

Er mußte Rat wissen, mußte helfen -- allein sie hatte ihn in aller Frühe zur Bahn gebracht und war nun allein im Hause.

Schreiben konnte sie ihm das nicht. Sie mußten schon warten, bis er von Kopenhagen zurückkam.

Er hatte bestimmt, daß sie die Tage während seiner Abwesenheit bei Brauns zubringen sollte, und es gab keinen Grund, daß sie fortbleiben konnte.

Sie fürchtete sich vor dem Abend. Allein Will würde ja anwesend sein, und er hatte die Mutter gebeten, nichts zu erwähnen, da Mignon von seiner Erklärung nichts wisse.

Die Mutter hatte ihn ruhig angehört und nichts erwidert. --

Das Abendessen verlief sehr still. Mignon vermochte kaum einen Bissen hinunterzubringen. Der einzige, der den Speisen tüchtig zusprach, war Doktor Braun.

Es fiel ihm nicht auf, daß, auch als abgetragen war, alle gegen ihre Gewohnheit still und einsilbig blieben, denn er war auf den Bau eines Silberbergwerkes gekommen, in Anlaß eines Artikels, den er kurz zuvor gelesen hatte, und nun versuchte er, ihnen einen Begriff davon zu geben.

Es kam trotzdem keine Unterhaltung in Gang. Willy brach frühzeitig auf. Anna versuchte, Mignon noch zurückzuhalten; allein diese erklärte, sehr müde zu sein, und ging mit Willy fort, der sie heimbrachte.

Am folgenden Morgen saß Mignon mit quälenden Gedanken beschäftigt im Jagdzimmer, wo sie sonst mit dem Vater das Frühstück zu nehmen pflegte, als sie von einem Besuche Frau Annas überrascht wurde.

Obgleich sie vorgab, wegen eines Stickmusters zu kommen, das ihr Mignon vor geraumer Zeit versprochen hatte, wußte das junge Mädchen sofort, daß nur ein einziger Grund sie hergeführt hatte.

Sie ging mit Frau Braun hinauf in ihr Zimmer, um das Muster zu suchen, auf das sie sich mit bestem Willen nicht mehr besinnen konnte.

Frau Anna setzte sich auf das graue Ripssofa des schlicht ausgestatteten Zimmerchens, mit seiner hellen Blumentapete, das sich Mignon ganz wie in der Pension am Genfer See hatte einrichten lassen.

Anna betrat es zum ersten Male; und in diesem keusch einfachen Raume verlor sie plötzlich allen Mut.

Ihr war, als habe sie sich auf ein fremdes Gebiet gewagt und sei Mignon nicht gewachsen. Dieses schlichte Mädchenzimmer mit seiner fast puritanischen Einfachheit brachte die Salondame in Verwirrung.

Und während Mignon kniend vor ihrer Schublade ohne Hast, absichtlich zögernd suchte, dachte sie darüber nach, was sie hier eigentlich wollte, und wie sie auf den Zweck ihres Besuches kommen sollte.

Sie mußte doch irgend etwas sagen, und so fing sie an, sie nach ihren einstigen Pensionsverhältnissen auszufragen, und ohne Uebergang kam sie auf Willy zu sprechen: daß er den Sommer nach Bonn gehen werde.

Der Satz klang scharf, absichtlich bedeutungsvoll, und Mignon fühlte die Herausforderung.

Einen Augenblick hielt sie mit ihrem Suchen inne. Jetzt hatte jene gesagt, weshalb sie gekommen war.

Sie blickte sich im Knien um, und der Ausdruck in Annas Augen ließ keinen Zweifel zu.

Wie sie dasaß, steif auf dem Sofa, den Schleier noch immer vor dem Gesichte. Und durch das feine Gewebe hindurch konnte man deutlich sehen, wie überwacht das Gesicht war, wie tief die Augen lagen. Wie über Nacht gealtert sah sie aus.

Der Mund war zusammengepreßt, so herb, daß zwei Falten von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab deutlich hervortraten.

Und während sie sich ansahen, fast drohend, sagte sie:

»Willy muß einmal von Haus fort, in andere Verhältnisse, um die Welt kennen zu lernen. Es ist Zeit, daß er lernt, sich auf sich selbst zu stellen.«

»Er hat mir noch kein Wort davon gesagt.«

»Wir haben auch nur im allgemeinen davon gesprochen. Er wollte immer einmal nach Bonn oder Heidelberg.«

»Und wann geht er fort? ..«

»Mit dem nächsten Semester.«

»Und wann ist das?«

»Zu Ostern!«

»Zu Ostern? .. Weshalb soll er fort?«

»Weil er muß! ... um in andere Verhältnisse zu kommen.«

Sie sahen sich wieder an, und in ihren Blicken erklärten sie sich Feindschaft von nun an.

Mignon erhob sich, und indem sie die Sachen, die sie aus der Schublade sich in den Schoß gelegt hatte, zurückfallen ließ, fragte sie voller Erregung:

»Sie sind gekommen, um mir ~das~ zu sagen?«

Einen Augenblick zauderte Frau Anna, dann antwortete sie ruhig:

»Ja, deshalb bin ich gekommen.«

Auch Frau Anna hatte sich erhoben. Jetzt, wo sie sich dicht einander gegenüberstanden, fiel es ihr zum ersten Male auf, daß das junge Mädchen fast um einen halben Kopf größer war als sie.

»Und weshalb sagen Sie mir das?« fragte Mignon.

Anna schwieg.

»Weil Sie mich hassen! Ich weiß es. Ich habe es vom ersten Tage an gefühlt. Weil Sie Willys Liebe für sich allein haben wollen. Sagen Sie doch, daß es ~nicht~ so ist.«

»Es ist nicht so!«

»Es ist nicht? ... Was für einen Grund haben Sie dann, um zwischen uns zu treten? So sprechen Sie doch! ...«

Mignon war einen Schritt näher getreten und sah ihr fest in die Augen.

»So sprechen Sie doch! ...«

»Mignon, liebst Du Willy?«

»Ja! ...«

Es leuchtete in ihren Augen auf, und sie schien verwandelt zu sein. Der herbe Trotz, der eben noch in ihrem Gesichte gelegen hatte, war gewichen, und eine Glückseligkeit lag darüber ausgebreitet, daß Anna ausrief:

»Es ist nicht wahr! -- Sag' doch, daß es nicht wahr ist.«

»Doch, es ist wahr. Und Ihr mögt tun, was Ihr wollt: es soll mich ~keiner~ zwingen, ihn nicht zu lieben.«

»Mignon, ich bitte Dich ...«

»Nein! -- Liebe gegen Liebe! ... Sie sind seine Mutter, Sie haben das erste Recht auf ihn; allein Sie müssen wissen, daß Sie ihn nicht ewig für sich behalten können. Weshalb also stellen Sie sich zwischen uns, weshalb?«

Als Anna schwieg, fuhr sie immer erregter fort:

»Weil Sie mich hassen, um meiner Mutter willen. Ich weiß alles! -- Weil Sie meine Mutter gehaßt haben, ~deshalb~ können Sie mich nicht lieben. Ich habe es am ersten Tage gefühlt. Dann sind Sie scheinbar gut und freundlich zu mir gewesen, bis ich alles vom Vater erfahren habe, und da habe ich gesehen, was unter der Maske verborgen lag. Und jetzt, jetzt -- da meine Mutter tot ist, wollen Sie sich an ~mir~ rächen ...«

Das bescheidene junge Mädchen war geschwunden, und es war nur mehr das leidenschaftliche Weib geblieben, das rücksichtslos um seine Liebe kämpfte und deshalb alle Waffen gebrauchte, die ihm zu Gebote standen.

Anna war von diesen unerwarteten Worten so bestürzt und überrascht, daß sie sich nicht zu fassen vermochte.

Sie sah jetzt, daß sie es nicht mehr mit zwei leicht zu lenkenden Kindern zu tun hatte.

Wie sollte sie die Aufgeregte davon überzeugen, daß keinerlei Abneigung von ihrer Seite im Spiele war, daß es nur eine peinigende Angst war, eine Gewissensfurcht grausamster Art, die sie dazu trieb, alles zu versuchen, um die beiden auseinander zu bringen.

Sie mußte sprechen, denn sonst war es vielleicht zu spät. Und sie fing an zu bitten und zu flehen.

»Nein, Mignon, Du irrst Dich -- gewiß, Du irrst Dich. Ich habe Dich gern, und wenn Du ruhiger bist, wird Dir Dein Papa dasselbe sagen. Doch, Mignon -- doch! .. Sieh, Kind, Du hast Deine Mutter früh verloren, so daß Du nicht weißt, was es heißt, eine Mutter haben, die für Dich denkt und sorgt. Hör' ein wenig auf meinen Rat. Du bist zu jung, um selbst urteilen zu können, zu unerfahren, um zu wissen, was Liebe ist. Ich habe das alles Willy schon gesagt, ich muß es Dir wiederholen. Siehst Du nicht ein, daß wir gewissenlos handeln würden, wenn wir Euch gewähren ließen? .. Hast Du nie darüber nachgedacht, wie alt Ihr beide erst seid, wie vieler Jahre es noch bedarf, ehe Will sich ein wenig Selbständigkeit erringen kann? -- Ihr habt hier beide nur für Euch gelebt, wie in einer Idylle, an die Ihr zurückdenken mögt und Euch an der Erinnerung erfreuen. Allein mehr wird und darf es nicht werden. Du weißt, ich habe bei Willy kein Gehör gefunden. Vielleicht finde ich bei ~Dir~ mehr Verständnis. -- Geh' doch hin und frage andere Leute, wie die darüber denken. Onkel Jack -- Du hältst ja viel auf ihn -- frag' ihn einmal, was ~er~ davon denkt, willst Du? Und Du wirst sehen, er hat nur ein Lächeln für Eure Kindlichkeit. -- Ich will Euch nicht drängen, zu nichts zwingen. Und damit Du siehst, daß ich nichts -- aber auch gar nichts gegen Dich habe, mache ich Dir noch einen Vorschlag: Wenn Dein Papa zurückkehrt, sag' ihm alles, und höre auf das, was er Dir antworten wird. Ist es Dir recht? .. Und nun gib mir Deine Hand. Du verkennst mich, Mignon, wenn Du glaubst, ich wolle nicht Dein Bestes. Es mag Dir ja anders scheinen, allein es ist so. Und um Dich völlig zu überzeugen, werde ich mich in Euer Verhalten zueinander nicht einmischen. Glaubst Du nun noch immer, daß ich Dir feindlich gesinnt bin? ...«

Mignon nahm die dargereichte Hand, allein Annas Worte hatten keinen Eindruck auf sie gemacht. Sie fühlte aus all dem nur das Bestreben heraus, sie und Willy voneinander zu trennen.

Alle Versuche, ihr das Unhaltbare ihrer Neigung zu beweisen, dienten nur dazu, ihre Liebe noch mehr zu befestigen.

Und auch Frau Anna ging mit dem Gefühle fort, daß sie mit all ihren Worten nichts erreicht hatte.

Ein paarmal war sie nahe daran gewesen, flehentlich zu bitten, allein rasche Ueberlegung hatte sie noch immer vor dieser Demütigung gerettet.

Und doch mußte sie die beiden trennen, koste es, was es wolle.

Wenn nur der Professor erst zurück war! --

Das einfachste war, irgendeinen zwingenden Grund zu finden, daß er fortging und Mignon mitnahm.

Die Trennung würde sie am ehesten zur Vernunft bringen. Es war das einzige Mittel, das ihnen blieb.

Im Sommer ging Willy dann nach Bonn, und dann war alles gut.

Mit diesen Gedanken suchte sie sich zu beruhigen, und in qualvoller Ungeduld wartete sie auf die Rückkehr Petri's, weil er der einzige war, der hier noch Rettung bringen konnte.

14.

Mignon hätte sich gern mit der alten Minna ausgesprochen, allein diese war in letzter Zeit ganz wunderlich geworden. Sie zankte nicht mal mehr mit dem Mädchen.

Manchmal hatte sie ganz dummes Zeug geschwatzt.

Sie redete mit sich selbst; aber obgleich Mignon verschiedentlich versucht hatte, sie zu belauschen, hatte sie nichts verstehen können.

Zuweilen schloß sie sich in ihr Zimmer ein, und dann hörte Mignon, wie sie oft stundenlang vor ihrem Marienbilde lag und ein Gebet nach dem andern murmelte.

Und sie sah sie dabei oft ganz seltsam an und suchte ihr aus dem Wege zu gehen.

Es schien, als ob sie wisse, wie sie zu Will stand, denn sie hatten sich im Hause nicht immer den nötigen Zwang auferlegt.

Was schadete es, wenn sie was gemerkt hatte. Deshalb brauchte sie doch nicht mit solch griesgrämigem Gesichte herumzulaufen.

Und so traute sich Mignon nicht, mit ihr zu sprechen; sie war ganz allein und mußte sich eben in Geduld fassen. --

Da fiel ihr Onkel Jack ein, und wie Frau Anna von ihm gesprochen hatte.

In der letzten Zeit hatte er sich fast gar nicht sehen lassen, denn er ging bei Regenwetter wegen seines Rheumas nicht aus.

Dieser verfluchte Rheumatismus, wie er schalt, den er sich im Biwak in einer elend kalten Regennacht in den sechziger Jahren geholt hatte, als drüben der Norden mit dem Süden im Kampfe lag.

So hockte er denn jetzt zu Hause, aus Furcht, sich zu erkälten.

Will hatte nicht sonderlich gern mit ihm zu tun, weil er meist seinen Spott an ihm ausließ und ein Feind aller Sentimentalität war, die er bis aufs Blut verfolgte.

Aber bei allem persönlichen Sarkasmus waren die meisten seiner Kompositionen von wahrhaft tiefer Empfindung, und er liebte die sentimentale Musik in einem Grade, daß diese Vorliebe unvereinbar schien mit seinem Reden und Handeln.

Er war durch die Erfahrung ein arger Skeptiker geworden, handelte auch danach und liebte an anderen zu bemäkeln, was, wie er sich selbst im stillen sagte, sein größter Fehler war.

Willy kam über diesen Zwiespalt nicht hinweg, ihm blieb es ein Rätsel, was darin Wahrheit und was bloße Maske war.

Onkel Jack hatte sich stets über seine maßlose Verehrung der Mutter lustig gemacht und ihn gleich anfangs das Baby genannt, so daß sie nie in ein rechtes Verhältnis zueinander gekommen waren, wie große Mühe sich Onkel Jack auch später gegeben hatte.

Dabei ging Willy jedes tiefere Verständnis für die Musik ab, und der ehemalige Kapellmeister liebte es, sich in theoretische Erörterungen einzulassen, die er ins Unendliche ausspinnen konnte.

Er hatte dafür in Adolf Wurm einen dankbaren Zuhörer gefunden, der zuweilen ein ebenbürtiger Gegner wurde, und den er hoch schätzte, weil er das bedeutsame Talent des jungen Musikers wohl erkannte und sich mit ihm auch in manchen mehr äußerlichen Punkten berührte. Hatte er ihm doch gleich anfangs vertraut, daß auch ~er~ seit Jahren an einem großen Werke arbeitete, das gewissermaßen die Summe seines Lebens ziehen sollte, und auf das er all seine Hoffnungen baute.

Bei Willy hatte er mit seinen Musikgesprächen wenig Glück, der dem kaltherzigen Spötter nicht traute, wenn er warm wurde und sich begeisterte.

* * * * *

Durch Willys Verhalten beeinflußt, war auch Mignon Onkel Jack ferner geblieben, obgleich dieser sie vom ersten Augenblicke in sein Herz geschlossen hatte.

Er hatte ihr in seiner barocken Weise Komplimente gemacht, da er nicht wußte, sollte er sie als Dame oder als Backfisch behandeln.

Aber sie hatte ihn doch besser erkannt, als es Will möglich gewesen war. Als sie sein wirkliches Wesen erfaßt und begriffen hatte und sich mehr und mehr zu ihm hingezogen fühlte, brachten es die äußeren Umstände mit sich, daß sie seltener zusammentrafen.

Dennoch entschloß sie sich, ihn aufzusuchen. Vielleicht ergab sich im Laufe des Gespräches die Möglichkeit, die Dinge der letzten Tage zu berühren und den Rat Onkel Jacks zu hören.

Rasch warf sie den Mantel um, und mit dem Schirm bewaffnet, wagte sie sich in den Regen, der nun mit kurzen Unterbrechungen gleichmäßig fiel und bei dem leichten Winde schauerweise von den Lindenbäumen der Sophienstraße und den mächtigen Kastanien der Berliner Straße auf die straffe Seide ihres Schirmes trommelte.

Durch die Hardenberg- eilte sie in die Knesebeckstraße, wo Onkel Jack in der zweiten Etage eines schmalen roten, mit weißem Sandstein verkleideten Hauses wohnte.

Sie klingelte zweimal, dann kam er selbst in großen Filzpantoffeln, den Schlafrock zusammenhaltend, angeschlurrt und rief freudig aus, indem er ihr die Korridortür öffnete:

»Ah, Fräulein Mignon! -- Kommen Sie schnell herein, liebes Kind, nur schnell herein!«

Er tat, als ob sie noch auf dem Treppenabsatze dem Regen ausgesetzt sei.

Dann nahm er ihr diensteifrig den tropfenden Schirm ab und hing den feuchten Mantel an den Garderobeständer.

»Treten Sie ein, bitt' schön.«

Er öffnete ihr die Tür völlig, indem er den grauen Schlafrock, der seine lange Gestalt noch länger erscheinen ließ, mit der roten Schnur fester zusammenzog.

»Ich lasse Sie gleich ins Arbeitszimmer. Das schadet doch nichts? ... Da ist es schön warm. So! bitte nur aufs Sofa. Es wird gleich Platz.«

Er schaffte eiligst ein paar Arme voll Noten fort, die dort wüst durcheinander lagen, so daß Mignon sich setzen konnte, die den Hut abgenommen hatte und sich ihr feuchtgewordenes Haar zurecht strich.

»So! -- und nun: was verschafft mir denn die hohe Ehre, daß das gnädige Fräulein bei solch einem Hundewetter zu mir altem Einsiedler herauskommt?«

»Gar nichts Besonderes,« sagte sie treuherzig lachend. »Ich war nur allein und langweilte mich schrecklich. Will hat heute abend irgendeinen Kommers. Mit unserem Fräulein Minna ist gar nichts anzufangen, und Frau Doktor hat Migräne -- wenigstens sagte sie heute morgen so. So, nun wissen Sie alles. Und da hab' ich mir eben gedacht, willst einmal Onkel Jack einen Besuch machen.«

»Und das war sehr hübsch und gescheit von Ihnen, Kindchen. Da sitzt unsereins nun in seiner einsamen Junggesellenbude und guckt zu, wie es regnet, und weiß ganz genau, wenn er hinausgeht, holt er sich für mindestens vierzehn Tage was weg. Und so ein Springinsfeld läuft unterm Regen durch, und es tut ihm noch gut. Die alten Knochen wollen nicht mehr so recht. Die haben Anno 62 und 63 den Regen kennen gelernt. Zuletzt ist dann die Nässe gründlich hineingezogen, und nun will sie nicht wieder hinaus. Da hilft nichts als ein guter Schnaps. Passen Sie mal auf!«

Er ging an einen kleinen Eckschrank, und während Mignon die Blicke durch das zweifenstrige Zimmer fliegen ließ -- über den großmächtigen geöffneten Flügel, über die Wände, an denen drei alte Lorbeerkränze hingen, zwischen ein paar Bildern, wahrscheinlich von Musikern, die Mignon nicht kannte, und den Büsten von Mozart, Haydn, Gluck und Beethoven --, holte Jack aus dem Schranke ein dickbauchiges Fläschchen und füllte ein kleines grünes Gläschen vorsichtig bis zum Rande.

»Kosten Sie mal, Mignon, ganz was Feines.«

Sie lachte, indem sie sich in das kleine, mit Noten ganz bepackte Sofa zurücklehnte.

»Nein, Onkel Jack, deshalb bin ich nicht zu Ihnen gekommen, um mich mit Schnaps vergiften zu lassen.«

»Oh! -- oh, Kind,« sagte er bedauernd. »Ein so gutes Tränklein sollte man nicht verachten. Ich kann Ihnen sagen, der tut 'nem kranken Menschen gut. Sie wollen also nicht mal kosten? ..«

»Nein!« lachte sie. »Lieber nicht! ..«

Als er das übervolle Glas vorsichtig an die Lippen bringen wollte, rief sie ihm ein lustiges Prosit! zu, so daß er, weil er dankend mit dem Kopfe nickte, fast die Hälfte verschüttete.

»Ah,« sagte er dann, »das tut wohl. Wenn wir den damals gehabt hätten, wir hätten das bißchen Regen nicht gefürchtet. Aber jetzt ... du lieber Gott! ... Doch ich glaube beinah, ich lamentiere Ihnen was vor. Wie wäre es, wenn ich das auf dem Marterkasten da täte?«

»Ach ja, bitte, Onkel Jack.«

»Nun passen Sie mal auf, ganz was Neues, was noch kein Mensch gehört hat. Uebrigens -- was macht denn eigentlich Ihre Kuh? -- Von der hört man ja gar nichts mehr.«

»Ach!« sagte sie und wurde rot. »Lassen wir doch das dumme Tier. Ich habe das Ding jetzt hübsch in Gips abgegossen in meinem Zimmer stehen. Wir wollen es uns den Marmor nicht kosten lassen; es gefällt mir nämlich gar nicht mehr. Ich weiß nicht, aber die Kuh sieht so furchtbar stupide aus. Es war ja alles Unsinn, nur zum Spaß.«

»Na -- na! Wenn Sie so scharf mit sich ins Gericht gehen, dann kann ich mich wahrscheinlich auf was gefaßt machen. So! ... Nehmen Sie mal das Buch da. Hoffentlich können Sie die Pfote lesen. -- Aber keinem Menschen je ein Wort sagen. Das ist das Textbuch, das hat mir mal drüben ein Landsmann geschrieben. Da -- das Duett aus dem zweiten Akte will ich Ihnen vorspielen. Sie sind ja sonst immer so ein kluges kleines Mädchen. Nun geben Sie mal Ihre Meinung ab.«

Er wies ihr kurz den Zusammenhang an, und während sie das große Buch vor sich nahm, setzte er sich an den Flügel und spielte ihr das Duett vor, ein Liebesgeständnis.

Eine süße, fast märchenhafte Poesie lag in den Tönen, eine Innigkeit des Gefühls, die man ihm bei seinem eckigen, oft schroffen Wesen nicht zugetraut hätte.

Eine milde, einschmeichelnde Melodie, wie hingehauchte Klagen, das Ausklingen eines tiefen Seelenschmerzes. --

Als Jack zu Ende war und nun die Finger still auf den Tasten ruhen ließ, als denke er an ganz etwas anderes, an eine hinter ihm liegende, langentschwundene Zeit -- wagte es Mignon nicht, ein Wort zu sagen.

Diese volksliedartige Klage des Duetts hatte sie tief ergriffen, denn sie hatte an sich selbst gedacht. Ihr war, als spreche sich in der Musik ihre eigene Seele aus.

Sie konnte sich diese rührende Sehnsucht nicht recht mit der robusten Gestalt Jacks in Einklang bringen, und so fragte sie plötzlich, ganz unter dem Eindrucke dieses Gedankens, wider ihren Willen, um im nächsten Augenblicke schon darüber zu erschrecken:

»Warum sind Sie eigentlich Junggeselle geblieben, Onkel Jack?«

Er sah sie mit tieftraurigen Augen an, in denen sie las, daß er denselben Gedanken gehabt hatte, daß ihm ihre dumme Frage nicht unerwartet kam.

»Ja -- ja, weshalb ich Junggeselle geblieben bin. Es hat wohl so sollen sein.«

»Haben Sie nie jemand lieb gehabt, Onkel Jack?«

»Was Du für närrische Fragen stellst, Kind. Aber Du hast ganz recht. -- Ob ich nie wen geliebt habe?«

Als er schwieg, stand sie auf, ging zu ihm hin und bat:

»Sind Sie böse auf mich? ..«

Er faßte nach ihrer Hand, streichelte sie und sagte: