Mümmelmann: Ein Tierbuch

Part 11

Chapter 113,986 wordsPublic domain

So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig, denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um. Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer Stunde hatte er seinen Notbau fertig.

Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern- und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee. Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.« Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, sich einen sicheren Bau zu graben.«

Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher. Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder. Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?« »Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel! Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können uns die Hunde 'was husten!«

Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite, bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen. »Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.« »Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin, da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«

Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an, Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.

Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?« fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau, dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie bald wieder aus der Dickung heraus.

In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.« Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht.

Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu, träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.

Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die Hasen auch über die Jagdgrenze.

Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab. Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz, hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle vier Wochen wurden es mehr.

Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die Kaninchen nicht leben konnten.

Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde, auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen, aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.

So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was Land oder Garten hat, flucht ihnen.

Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen. Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal acht sind achtundvierzig.«

»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen.

»Na also«, spricht Hopps.

Ein Hauptschwein.

Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt, die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die Haferfelder mit Wechseln durchzogen.

Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler an, aber alle Mühe war vergebens.

So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb. Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei durchgemacht.

Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.

An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.

In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster ganz gehörig die linke Keule gekämmt.

Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den einen zuschanden und rettete seine Schwarte.

Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt, die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke, denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan, und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am Platze.

Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen; er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.

Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die Welt und benahm sich dementsprechend.

Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.

Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.

Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht mehr da war.

So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es, wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.

Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn an.

Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse, wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief, was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen holen wollte, waren sie verschwunden.

Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor.

Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden, schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein.

Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der steckte schon längst in dem großen Haferschlage.

Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal, aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging, versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer, Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr sehen konnte.

Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte, bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte, da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der Weißbart ihr nachrief.

Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich wenig geziemend.

Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.

Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche, auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte.

Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war, als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen.

Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse. War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren lang.

Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus der Reihe gekommen.

Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte, Vertretung stellen mußte.

Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt, denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen.