Mümmelmann: Ein Tierbuch

Part 12

Chapter 12979 wordsPublic domain

So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen bei der Oberförsterei.

Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos, womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.

Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still, die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken.

Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer.

Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.

Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!« und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten, dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön und doch zum Lachen.

Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.

Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte rücken.

Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten Schützen unter der Sau fort.

Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß auch nicht abbekommen.

Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau. Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen können.

Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er noch einen Schnaps.

Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!

»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch, zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister: »Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt, weiß ich es nicht!«

Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!«

»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps.

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.

Korrekturen:

Titelseite: leivt → lebt Es {lebt} der dürre Sand

S. 65: sind → sich kümmern {sich} nicht mehr um sie

S. 129: hömschen → höhnischen trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf

S. 134: bastige → hastige tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge

S. 163: Malöhr → Malhör {Malhör} über Malhör!