Mümmelmann: Ein Tierbuch

Part 10

Chapter 103,899 wordsPublic domain

Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten. Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch. Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß, denn was er da sah, das war gräßlich.

Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.

Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag, das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.

In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers, des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen, schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders.

Der Alte vom Berge.

Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein.

Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und endet in einem schneidenden Gekreische.

An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein, stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.

Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich, gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.

Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht. Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise, dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt, und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht.

Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.

Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich, seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht.

Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm. Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein Bückingskopf.

Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden, die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.

Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her, daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses Mal gelang es nicht, wie meistenteils.

Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben. Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.

Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger treibt es hinein.

Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der ganze Trupp in die Kronen.

Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt! Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz, aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck!

Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in Laub und Kraut.

Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel, und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so. Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm.

Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht schlecht.

Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher, milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen ging.

Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has, denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen, losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie.

Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang, bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee.

Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus, wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu, daß der Schnee stäubt.

Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden. Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem Kamme erst Wind.

Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang, findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein, das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.

So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen. Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen.

Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter, denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen, und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger weht Reinekes buschige Rute.

Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee.

Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein. Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf, über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.

Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes, ein Schmalreh schmält, und dann ist es still.

In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen, in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger, verhofft, windet und schneidet an.

Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde, so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme verhallt.

Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend.

Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser, bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt dann den Hang hinauf bis vor seine Burg.

Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte verschwindet, die in seinen Bau führt.

Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt.

Die Einwanderer.

»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu dumme Geschichte!«

Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren, geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging. Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und Schütteln.

Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen, fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen, daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will.

Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten damit im Heidkraute umher.

Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen. Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren. Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag gefahren.

Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand. Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber, kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des Jagdaufsehers.

Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen.