Part 9
Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar, die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten, wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da, rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen, wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel, immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit.
Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe, und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten.
Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen, und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.«
Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,« knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu: »Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«
Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es. Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein großer Hund den Fuchs um den Kopf.
»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen erhoben sich.
»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker Herr.
»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?«
Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund hat mich dreihundert Mark gekostet.«
Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen; hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?«
So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern, da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen aufrollen wollte.
Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute, obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein riesenhafter Hase aussah.
Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn heran und wärmte den Fiebernden.
Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen, mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste Herz.«
Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,« und seine Seher brachen.
Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte, die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger sitzt.
Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war, seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund Mümmelmann bestattet auf seine Art.
Der Mörder.
Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es spürte sich ein fremder Haupthirsch.
Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung.
Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe; bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein mußte.
Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst, morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.
Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter, weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen.
Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.
Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt. Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen Himmel lieb herabsehen.
An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.
Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei. Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor; träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich öffnet, um mitzuhorchen.
Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen, und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.
Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren, häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht, wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab, mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes, gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still, bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.
Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich, so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie, und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.
Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.
Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen. Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.
Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte. Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen, die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war. Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.
Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde, überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies, sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im wilden Bruche.
Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden. Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung, dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer rund um die Wiese.
Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen, kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in die Leber brachte ihn um.
Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter, Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise, schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.
Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er geblieben war.