Chapter 3
Franziska Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige, gnädiges Fräulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten?
Fräulein Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an öftrer so als geputzt sehen.
Franziska Oh, Sie kennen sich, mein Fräulein.
Fräulein (nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Mädchen, du hast es wiederum getroffen.
Franziska Wenn wir schön sind, sind wir ungeputzt am schönsten.
Fräulein Müssen wir denn schön sein?--Aber daß wir uns schön glauben, war vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schön bin!-- Franziska, wenn alle Mädchens so sind, wie ich mich jetzt fühle, so sind wir--sonderbare Dinger.--Zärtlich und stolz, tugendhaft und eitel, wollüstig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.--
Franziska Fassen Sie sich, mein Fräulein; ich höre kommen--
Fräulein Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen?
8. Szene
(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.)
Tellheim (tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah! meine Minna!--
Fräulein (ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!--
Tellheim (stutzt auf einmal und tritt wieder zurück). Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein--das Fräulein von Barnhelm hier zu finden--
Fräulein Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm näher tritt und er mehr zurückweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen, daß ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, daß ich noch das Fräulein von Barnhelm bin!--
Tellheim Gnädiges Fräulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.)
Fräulein (wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr--
Tellheim Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den Rechten suchen.
Wirt Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch!
Franziska Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter noch keinen guten Morgen gesagt.
Wirt Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.)
Franziska (faßt ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Küchenzettel machen.-- Lassen Sie sehen, was wir haben werden--
Wirt Sie sollen haben, vors erste--
Franziska Still, ja stille! Wenn das Fräulein jetzt schon weiß, was sie zu Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie, das müssen Sie mir allein sagen. (Führet ihn mit Gewalt ab.)
9. Szene
(v. Tellheim. Das Fräulein)
Fräulein Nun? irren wir uns noch?
Tellheim Daß es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.--
Fräulein Welche Umstände! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hören.
Tellheim Sie hier? Was suchen Sie hier, gnädiges Fräulein?
Fräulein Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles, was ich suchte, habe ich gefunden.
Tellheim (zurückweichend). Sie suchten einen glücklichen, einen Ihrer Liebe würdigen Mann, und finden--einen Elenden.
Fräulein So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere?
Tellheim Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fräulein, der eine andere nach Ihnen lieben kann.
Fräulein Sie reißen nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgültigkeit oder mächtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und lieben auch keine andere?--Unglücklicher Mann, wenn Sie gar nichts lieben!--
Tellheim Recht, gnädiges Fräulein; der Unglückliche muß gar nichts lieben. Er verdient sein Unglück, wenn er diesen Sieg nicht über sich selbst zu erhalten weiß; wenn er es sich gefallen lassen kann, daß die, welche er liebt, an seinem Unglück Anteil nehmen dürfen.--Wie schwer ist dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna von Barnhelm zu vergessen: was für Mühe habe ich angewandt! Eben wollte ich anfangen zu hoffen, daß diese Mühe nicht ewig vergebens sein würde:--und Sie erscheinen, mein Fräulein!--
Fräulein Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige Frage beantworten?
Tellheim Jede, mein Fräulein--
Fräulein Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit nichts als einem trockenen Ja oder Nein?
Tellheim Ich will es--wenn ich kann.
Fräulein Sie können es.--Gut: ohngeachtet der Mühe, die Sie angewendet, mich zu vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim?
Tellheim Mein Fräulein, diese Frage--
Fräulein Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten.
Tellheim Und hinzugesetzt: wenn ich kann.
Fräulein Sie können; Sie müssen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein.
Tellheim Wenn mein Herz--
Fräulein Ja oder Nein!
Tellheim Nun, Ja!
Fräulein Ja?
Tellheim Ja, ja!--Allein--
Fräulein Geduld!--Sie lieben mich noch: genug für mich.--In was für einen Ton bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer, ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber Unglücklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind unglücklich? Hören Sie doch, was Ihre Minna für ein eingebildetes, albernes Ding war--ist. Sie ließ, sie laßt sich träumen, Ihr ganzes Glück sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglück aus. Sie mag versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun?
Tellheim Mein Fräulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen.
Fräulein Sehr wohl. Ich wüßte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse kalte, nachlässige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Unglücke zu sprechen--
Tellheim Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist.
Fräulein Oh, mein Rechthaber, so hätten Sie sich auch gar nicht unglücklich nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.-- Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen befiehlt?--Ich bin eine große Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hören, wie vernünftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.
Tellheim Wohl denn; so hören Sie, mein Fräulein.--Sie nennen mich Tellheim; der Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in Ihrem Vaterlande gekannt haben; der blühende Mann, voller Ansprüche, voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Körpers, seiner ganzen Seele mächtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glückes eröffnet standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch nicht würdig war, täglich würdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre Gekränkte, der Krüppel, der Bettler.--Jenem, mein Fräulein, versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?--
Fräulein Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde-- in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon aus der Not helfen müssen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)
Tellheim (der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlägt und sich von ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich, Fräulein! Ihre Güte foltert mich!--Lassen Sie mich.
Fräulein Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin?
Tellheim Von Ihnen!--
Fräulein Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Träumer!
Tellheim Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Füßen werfen.
Fräulein Von mir?
Tellheim Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so fest entschlossen--keine Niederträchtigkeit zu begehen--Sie keine Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reißt sich los und ab.)
Fräulein (ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim!
3. Akt
1. Szene
(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand)
Just Muß ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen von meinem Herrn an das gnädige Fräulein, das seine Schwester sein will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens kein Ende werden.--Ich wär es gern los, aber ich möchte auch nicht gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich antworte so ungern!--Ha, die Türe geht auf. Wie gewünscht! das Kammerkätzchen!
2. Szene
(Franziska. Just)
Franziska (zur Türe herein, aus der sie kömmt). Sorgen Sie nicht; ich will schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stieße mir ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen.
Just Ihr Diener, Jungfer--
Franziska Ich wollte so einen Diener nicht--
Just Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnädige Fräulein--Schwester.-- War's nicht so? Schwester.
Franziska Geb Er her! (Reißt ihm den Brief aus der Hand.)
Just Sie soll so gut sein, läßt mein Herr bitten, und es übergeben. Hernach soll Sie so gut sein, läßt mein Herr bitten--daß Sie nicht etwa denkt, ich bitte was!--
Franziska Nun denn?
Just Mein Herr versteht den Rummel. Er weiß, daß der Weg zu den Fräuleins durch die Kammermädchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll also so gut sein--läßt mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er nicht das Vergnügen haben könnte, die Jungfer auf ein Viertelstündchen zu sprechen.
Franziska Mich?
Just Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!-- Nur auf ein Viertelstündchen; aber allein, ganz allein, insgeheim, unter vier Augen. Er hätte Ihr was sehr Notwendiges zu sagen.
Franziska Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde zu seinem Befehle sein.
Just Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer? So in der Dämmerung?--
Franziska Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit packe Er sich nur!
Just Herzlich gern! (Will fortgehen.)
Franziska Hör Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des Majors?
Just Die andern? Dahin, dorthin, überallhin.
Franziska Wo ist Wilhelm?
Just Der Kammerdiener? den läßt der Major reisen.
Franziska So? Und Philipp, wo ist der?
Just Der Jäger? den hat der Herr aufzuheben gegeben.
Franziska Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin?
Just Der Kutscher? der ist weggeritten.
Franziska Und Fritz?
Just Der Läufer? der ist avanciert.
Franziska Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thüringen im Winterquartiere stand? Er war wohl noch nicht bei ihm?
Just O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett.
Franziska Reitknecht? Und jetzt is Er?
Just Alles in allem; Kammerdiener und Jäger, Läufer und Reitknecht.
Franziska Das muß ich gestehen! So viele gute, tüchtige Leute von sich zu lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich möchte doch wissen, was Sein Herr an Ihm fände!
Just Vielleicht findet er, daß ich ein ehrlicher Kerl bin.
Franziska Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen läßt ihn der Herr?
Just Ja, er läßt ihn--da er's nicht hindern kann.
Franziska Wie?
Just Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des Herrn ganze Garderobe mit.
Franziska Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen?
Just Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nürnberg weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen.
Franziska Oh, der Spitzbube!
Just Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und parlieren--und scharmieren--Nicht wahr?
Franziska Sonach hätte ich den Jäger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major gewesen wäre. Konnte er ihn schon nicht als Jäger nützen, so war es doch sonst ein tüchtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben gegeben?
Just Dem Kommandanten von Spandau.
Franziska Der Festung? Die Jagd auf den Wällen kann doch da auch nicht groß sein.
Just Oh, Philipp jagt auch da nicht.
Franziska Was tut er denn?
Just Er karrt.
Franziska Er karrt?
Just Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.--
Franziska Ich erstaune, der Bösewicht!
Just Oh, es ist ein tüchtiger Kerl! Ein Jäger, der funfzig Meilen in der Runde durch Wälder und Moräste alle Fußsteige, alle Schleifwege kennt. Und schießen kann er!
Franziska Gut, daß der Major nur noch den braven Kutscher hat!
Just Hat er ihn noch?
Franziska Ich denke, Er sagte, Martin wäre weggeritten? So wird er doch wohl wiederkommen?
Just Meint Sie?
Franziska Wo ist er denn hingeritten?
Just Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und letztem Reitpferde--nach der Schwemme.
Franziska Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick!
Just Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Roßarzt!
Franziska Nun ist mir für das Avancement des Läufers bange.
Just Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschläger bei einem Garnisonregimente geworden.
Franziska Dacht ich's doch!
Just Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals nach Hause, machte auf des Herrn Namen überall Schulden und tausend infame Streiche. Kurz, der Major sahe, daß er mit aller Gewalt höher wollte: (das Hängen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf guten Weg.
Franziska Oh, der Bube!
Just Aber ein perfekter Läufer ist er, das ist gewiß. Wenn ihm der Herr funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.)
3. Szene
(Franziska und hernach der Wirt.)
Franziska (die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biß!--Ich bedanke mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglückliche Mann! (Kehrt sich um und will nach dem Zimmer des Fräuleins gehen, indem der Wirt kömmt.)
Wirt Warte Sie doch, mein schönes Kind.
Franziska Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt--
Wirt Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem Herrn Major? Das konnte doch unmöglich sein Abschied sein!--
Franziska Was denn?
Wirt Hat es Ihr das gnädige Fräulein nicht erzählt?--Als ich Sie, mein schönes Kind, unten in der Küche verließ, so kam ich von ungefähr wieder hier in den Saal--
Franziska Von ungefähr, in der Absicht, ein wenig zu horchen.
Wirt Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte läßt nichts übler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf einmal die Türe bei dem gnädigen Fräulein auf. Der Major stürzte heraus, das Fräulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken, in einer Stellung--so was läßt sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er riß sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Fräulein, lassen Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon bange, er würde sie mit herabreißen. Aber er wand sich noch los. Das Fräulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm nach, rang die Hände. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich sähe, aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fräulein sahe mich für Sie an, mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin ich nun glücklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum: "Bin ich nun glücklich?" Darauf wischte sie sich Tränen aus dem Auge und lächelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun glücklich?"--Wahrhaftig, ich wußte nicht, wie mir war. Bis sie nach ihrer Türe lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein.
Franziska Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen geträumt.
Wirt Geträumt? Nein, mein schönes Kind, so umständlich träumt man nicht.-- Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schlüssel dazu hätte.
Franziska Den Schlüssel? zu unsrer Türe? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam.
Wirt Nicht so einen Schlüssel; ich will sagen, mein schönes Kind, den Schlüssel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang von dem, was ich gesehen.--
Franziska Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt?
Wirt Mein schönes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.
Franziska Nun? aber nur kurz--
Wirt Das gnädige Fräulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen--
Franziska Er soll Ihnen unverloren sein.
Wirt Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie, ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an den Fingern abzählen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem ihrigen so ähnlich sah. Er ist in ihren Händen am besten aufgehoben. Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die ich darauf gegeben habe, auf des gnädigen Fräuleins Rechnung setzen. Nicht so recht, mein schönes Kind?
4. Szene
(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.)
Werner Da ist er ja!
Franziska Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig.
Wirt Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schönes Kind, das will ich tun.
Franziska Alles das wird sich finden, Herr Wirt.
Werner (der ihnen hinterwärts näher kömmt und auf einmal der Franziska auf die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen!
Franziska (erschrickt). He!
Werner Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, Sie ist hübsch und ist wohl gar fremd--Und hübsche fremde Leute müssen gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.)
Wirt Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns, willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spaßhafte, ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schönes Kind! Ha, ha, ha!
Werner Geh Sie ihm überall aus dem Wege!
Wirt Mir! mir!--Bin ich denn so gefährlich?--Ha, ha, ha! Hör' Sie doch, mein schönes Kind! Wie gefällt Ihr der Spaß?
Werner Daß es doch immer Seinesgleichen für Spaß erklären, wenn man ihnen die Wahrheit sagt.
Wirt Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schönes Kind, immer besser! Der Mann kann spaßen! Ich gefährlich?--ich?--So vor zwanzig Jahren war was dran. Ja, ja, mein schönes Kind, da war ich gefährlich; da wußte manche davon zu sagen; aber jetzt--
Werner Oh, über den alten Narrn!
Wirt Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer Gefährlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner!
Werner Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie mir wohl zutrauen, daß ich von der Gefährlichkeit nicht rede. Der eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafür sieben andre in ihn gefahren--
Wirt Oh, hör Sie doch, hör Sie doch! Wie er das nun wieder so herumzubringen weiß!--Spaß über Spaß und immer was Neues! Oh, es ist ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen von hier ein schönes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich für ihn totschlagen ließe!--
Werner Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!-- den der Major sollte totschlagen lassen.
Wirt Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spaß.--Ich kein Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spaß versteh ich nicht.
Werner Just hat mir schöne Dinge erzählt.
Wirt Just? Ich dacht's wohl, daß Just durch Sie spräche. Just ist ein böser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schönes Kind zur Stelle; das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist wahr, er hat das Unglück gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut das? Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen, und wenn er sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen.
Werner Das heißt Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch nicht viel Besonders, doch ein Lügner ist Just nicht; und wenn das wahr wäre, was er mir gesagt hat--
Wirt Ich will von Justen nichts hören! Wie gesagt: das schöne Kind hier mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiß, mein Kind, den Ring!-- Erzähl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser kennenlernen. Und damit es nicht herauskömmt, als ob Sie mir nur zu Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger Verleumder ist.
5. Szene
(Paul Werner. Franziska)
Werner Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major?
Franziska Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann.
Werner Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?--
Franziska Vom Grund meines Herzens.
Werner Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun kömmt Sie mir noch einmal so schön vor.--Aber was sind denn das für Dienste, die der Wirt unserm Major will erwiesen haben?
Franziska Ich wüßte eben nicht; es wäre denn, daß er sich das Gute zuschreiben wollte, welches glücklicherweise aus seinem schurkischen Betragen entstanden.
Werner So wäre es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der Wirt abgegangen.) Dein Glück, daß du gegangen bist!--Er hat ihm wirklich die Zimmer ausgeräumt?--So einem Manne so einen Streich zu spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, daß der Mann kein Geld mehr habe! Der Major kein Geld?
Franziska So? Hat der Major Geld?
Werner Wie Heu! Er weiß nicht, wieviel er hat. Er weiß nicht, wer ihm alles schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor und in diesem Röllchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten. Alles sein Geld!
Franziska Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring versetzt--
Werner Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, daß er den Bettel hat gern wollen los sein.
Franziska Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch dazu von lieben Händen hat.
Werner Das wird's auch sein. Von lieben Händen; ja, ja! So was erinnert einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft man's aus den Augen.
Franziska Wie?
Werner Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie macht, für zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an den Finger praktiziert; er weiß selbst nicht, wie es dran kömmt. Und nicht selten gäb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder loswerden könnte.
Franziska Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein?
Werner Ganz gewiß. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand gehabt hätte, er hätte sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt.
Franziska (beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister--
Werner Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlägt:--Herr Wachtmeister, höre ich am liebsten.