Chapter 4
Franziska Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier warten? Ich möchte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern.
Werner Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur; ich plaudre auch gern; ich will warten.
Franziska Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.)
6. Szene
(Paul Werner.)
Werner Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich hätte ihr doch nicht versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste wäre wohl, ich suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?-- Daran kenn ich ihn.--Es fällt mir ein Schneller ein.--Als ich vor vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, daß ihr Mann dem Major vierhundert Taler schuldig geblieben wäre, die sie nicht wüßte, wie sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich wollte ihr sagen, wenn ich das Geld für mein Gütchen ausgezahlt kriegte, daß ich ihr fünfhundert Taler leihen könnte.--Denn ich muß ja wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.-- Aber sie war über alle Berge. Und ganz gewiß wird sie dem Major nicht haben bezahlen können.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht übelnehmen; ich kann nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stößt fast auf den Major, der ihm entgegenkömmt.)
7. Szene
(v. Tellheim. Paul Werner)
Tellheim So in Gedanken, Werner?
Werner Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen Quartiere besuchen, Herr Major.
Tellheim Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir nicht daran.
Werner Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten. Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.
Tellheim (lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?
Werner Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen, Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her. Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen--wie's denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie können auch schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)
Tellheim Werner!
Werner Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr Major!--
Tellheim Werner!
Werner Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie?
Tellheim (bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße auftritt). Daß es--die vierhundert Taler nicht ganz sind!
Werner Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?
Tellheim Eben weil ich dich verstanden habe!--Daß mich doch die besten Menschen heut am meisten quälen müssen!
Werner Was sagen Sie?
Tellheim Es geht dich nur zur Hälfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.)
Werner Sobald ich das los bin!
Tellheim Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh selbst bei mir gewesen ist?
Werner So?
Tellheim Daß sie mir nichts mehr schuldig ist?
Werner Wahrhaftig?
Tellheim Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn sagen?
Werner (der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man drüber ertappt werden kann.
Tellheim Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.--
Tellheim Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.
Werner Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und bringen sich lieber in der Leute Mäuler?
Tellheim Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß nicht reicher scheinen wollen, als man ist.
Werner Aber warum ärmer?--Wir haben, solange unser Freund hat.
Tellheim Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin.
Werner Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen.
Tellheim Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.
Werner Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein? Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt gedacht!
Tellheim Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He!
Werner Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?
Tellheim Also!
Werner Aber--
Tellheim Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein. Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.
Werner So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie selbst welches haben und ich vielleicht keines.
Tellheim Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß.
Werner Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.
Tellheim Du kennst die Welt!--Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der sein Geld selbst braucht.
Werner O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben.
Tellheim Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben kann.
Werner Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.
Tellheim Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.
Werner Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser, was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major, nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen wegen.
Tellheim Schweig davon!
Werner Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können.
Tellheim (indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht noch?
Werner Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.)
Tellheim Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.) Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe; wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will, wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst, bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden?
Werner Muß ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.
Tellheim Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses Mädchen zu sprechen--
8. Szene
(Franziska, aus dem Zimmer des Fräuleins. v. Tellheim. Paul Werner.)
Franziska (im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das Zimmer.)
9. Szene
(v. Tellheim. Paul Werner.)
Tellheim Das war sie!--Aber ich höre ja, du kennst sie, Werner?
Werner Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.--
Tellheim Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thüringen Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir?
Werner Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstücke.
Tellheim Woher kennst du sie denn also?
Werner Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber junge Bekanntschaft ist warm.
Tellheim Also hast du ihr Fräulein wohl auch schon gesehen?
Werner Ist ihre Herrschaft ein Fräulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten ihre Herrschaft.
Tellheim Hörst du nicht? aus Thüringen her.
Werner Ist das Fräulein jung?
Tellheim Ja.
Werner Schön?
Tellheim Sehr schön.
Werner Reich?
Tellheim Sehr reich.
Werner Ist Ihnen das Fräulein auch so gut wie das Mädchen? Das wäre ja vortrefflich!
Tellheim Wie meinst du?
10. Szene
(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim. Paul Werner.)
Franziska Herr Major--
Tellheim Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heißen können.
Franziska In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiß, Sie sind mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, daß Sie Leute, die Ihnen gut sind, so ängstigen.
Werner (vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig!
Tellheim Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief übergeben?
Franziska Ja, und hier übergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.)
Tellheim Eine Antwort?--
Franziska Nein, Ihren eignen Brief wieder.
Tellheim Was? Sie will ihn nicht lesen?
Franziska Sie wollte wohl, aber--wir können Geschriebenes nicht gut lesen.
Tellheim Schäkerin!
Franziska Und wir denken, daß das Briefschreiben für die nicht erfunden ist, die sich mündlich miteinander unterhalten können, sobald sie wollen.
Tellheim Welcher Vorwand! Sie muß ihn lesen. Er enthält meine Rechtfertigung-- alle die Gründe und Ursachen--
Franziska Die will das Fräulein von Ihnen selbst hören, nicht lesen.
Tellheim Von mir selbst hören? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Größe meines Verlusts empfinde?--
Franziska Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen. Sie sollen mit ihr fahren?
Tellheim Mit ihr fahren?
Franziska Und was geben Sie mir, so laß ich Sie beide ganz allein fahren? Ich will zu Hause bleiben.
Tellheim Ganz allein?
Franziska In einem schönen verschloßnen Wagen.
Tellheim Unmöglich!
Franziska Ja, ja; im Wagen muß der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht allein. (Indem sie Wernern ansieht.)
Tellheim Doch, Franziska, wir wären allein. Aber da das Fräulein den Brief nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen.
Franziska So? wären wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister keine Geheimnisse?
Tellheim Nein, keine.
Franziska Gleichwohl, dünkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben.
Tellheim Wie das?
Werner Warum das, Frauenzimmerchen?
Franziska Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr Wachtmeister? (Indem sie beide Hände mit gespreizten Fingern in die Höhe hält.)
Werner St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!
Tellheim Was heißt das?
Franziska Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring geschwind ansteckte.)
Tellheim Was habt ihr?
Werner Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spaß verstehn?
Tellheim Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe, daß man über einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen muß?
Werner Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen, ich bitte--
Franziska Nun, wenn es Spaß gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen.
Tellheim Wenn ich denn durchaus kommen muß, Franziska: so mache doch nur, daß das Fräulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich so gern vergessen möchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, daß er erbrochen ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen.
Franziska Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer muß ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen, denn der Schreiber kömmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was, Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet. Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie mir gar zu brav, gar zu preußisch aus!
Tellheim Ich danke dir, Franziska.
Franziska Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert hätten.
Tellheim Du kannst es erraten haben.
Franziska Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern; und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, daß uns nicht hungerte.
Tellheim Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder in ihren noch in meinen Augen verächtlich werden darf.--Komm, Werner, du sollst mit mir essen.
Werner An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken.
Tellheim Bei mir auf der Stube.
Werner So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen.
Tellheim Das gefällt mir nicht übel! (Geht ab.)
11. Szene
(Paul Werner. Franziska.)
Franziska Nun, Herr Wachtmeister?--
Werner Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter kommen?
Franziska Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut gegen Ihn sein müssen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei, Herr Wachtmeister!
Werner Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den Major sagen hören: "Das muß ein Schurke von einem Soldaten sein, der ein Mädchen anführen kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen. Verlaß Sie sich darauf!--Ich muß machen, daß ich ihm nachkomme.--Guten Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.)
Franziska Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefällt mir! (Indem sie hineingehen will, kömmt ihr das Fräulein entgegen.)
12. Szene
(Das Fräulein. Franziska.)
Fräulein Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich wäre jetzt schon wieder ruhig genug, daß ich ihn hätte hierbehalten können.
Franziska Und ich will Sie noch ruhiger machen.
Fräulein Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, daß wir den Brief gelesen.--Mag er doch, wenn er nur kömmt. Er kömmt doch gewiß?--Bloß ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Aufführung zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glück nicht wollen zu danken haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark merken läßt, Franziska--
Franziska So wollen Sie seiner entsagen?
Fräulein Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe Närrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit ähnlichem Stolze ein wenig zu martern.
Franziska Nun, da müssen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fräulein, wenn Ihnen schon wieder Streiche beifallen.
Fräulein Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen haben. (Sie gehen herein.)
4. Akt
1. Szene
(Die Szene: Das Zimmer des Fräuleins.) (Das Fräulein völlig und reich, aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf, den ein Bedienter abräumt.)
Franziska Sie können unmöglich satt sein, gnädiges Fräulein.
Fräulein Meinst du, Franziska? Vielleicht, daß ich mich nicht hungrig niedersetzte.
Franziska Wir hatten ausgemacht, seiner während der Mahlzeit nicht zu erwähnen. Aber wir hätten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken.
Fräulein Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht.
Franziska Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter trägt Kaffee auf.) Hier kömmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen kann. Der liebe melancholische Kaffee!
Fräulein Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloß der Lektion nach, die ich ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska?
Franziska O ja; am besten aber wäre es, er ersparte sie uns.
Fraülein Du wirst sehen, daß ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich jetzt mit allen Reichtümern verweigert, wird mich der ganzen Welt streitig machen, sobald er hört, daß ich unglücklich und verlassen bin.
Franziska (sehr ernsthaft). Und so was muß die feinste Eigenliebe unendlich kitzeln.
Fräulein Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit, jetzt auf Eigenliebe.--Nun, laß mich nur, liebe Franziska. Du sollst mit deinem Wachtmeister auch machen können, was du willst.
Franziska Mit meinem Wachtmeister?
Fräulein Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt hast, prophezeie ich dir deinen Mann.
2. Szene
(Riccaut de la Marliniere. Das Fräulein. Franziska.) Riccaut (noch innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major?
Franziska Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Türe gehend.)
Riccaut Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa chambre--
Franziska Ganz gewiß, gnädiges Fräulein, glaubt dieser Herr, den Major von Tellheim noch hier zu finden.
Riccaut Iß so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je cherche. Ou est-il?
Franziska Er wohnt nicht mehr hier.
Riccaut Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit mehr hier? Wo logier er denn?
Fräulein (die auf ihn zukömmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle-- Ihro Gnad verzeih--
Fräulein Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr natürlich. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mir als einer Fremden, die nicht unterzukommen wußte, sein Zimmer zu überlassen.
Raccaut Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major!
Fräulein Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich muß mich schämen, es nicht zu wissen.
Riccaut Ihro Gnad nit wiß? C'est dommage; j'en suis fache.
Fräulein Ich hätte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden ihn seine Freunde noch hier suchen.
Riccaut Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad--
Fräulein Franziska, wißt du es nicht?
Franziska Nein, gnädiges Fräulein.
Riccaut Ik hätt ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine Nouvelle, davon er sehr frölik sein wird.
Fräulein Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht erfährt, so erbiete ich mich, mein Herr--
Riccaut Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez, Mademoiselle.--
Fräulein Mein Herr--
Riccaut Nit? Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad?
Fräulein Mein Herr, in Frankreich würde ich es zu sprechen suchen. Aber warum hier? Ich höre ja, daß Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein Herr, werde Sie gewiß auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen beliebt.
Riccaut Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc, Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wiß, daß ik komm von die Tafel bei der Minister--Minister von--Minister von--wie heiß der Minister da drauß?--in der lange Straß?--auf die breite Platz?--
Fräulein Ich bin hier noch völlig unbekannt.
Riccaut Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da iß man gekommen reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence, car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, daß die Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er habe gemakt ein Rapport an den Könik, und der Könik habe darauf resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien? Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro Gnad hierzu? Nit wahr, das iß ein brav Mann? Ah que Son Excellence a le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Könikliken Handbrief, daß er heut infailliblement müsse bekommen einen.