Chapter 2
Werner Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleißig wider den Türken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und gute Christen wären. Freilich begreife ich wohl, daß ein Feldzug wider den Türken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den Franzosen; aber dafür muß er auch desto verdienstlicher sein, in diesem und in jenem Leben. Die Türken haben dir alle Säbels, mit Diamanten besetzt--
Just Um mir von so einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schönes Schulzengerichte verlasen?--
Werner Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Gütchen ist verkauft--
Just Verkauft?
Werner St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen; die bring ich dem Major--
Just Und was soll der damit?
Werner Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--, wie er will. Der Mann muß Geld haben, und es ist schlecht genug, daß man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wüßte schon, was ich täte, wenn ich an seiner Stelle wäre! Ich dächte: hol euch hier alle der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der Prinz Heraklius muß ja wohl von dem Major Tellheim gehört haben, wenn er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt. Unsere Affäre bei den Katzenhäusern--
Just Soll ich dir die erzählen?--
Werner Du mir?--Ich merke wohl, daß eine schöne Disposition über deinen Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Säue werfen.--Da nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir auch die aufheben. Ich muß jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel Roggen hereingeschickt; was ich daraus löse, kann er gleichfalls haben. --
Just Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir mögen dein Geld nicht. Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.--
Werner So? Hat denn der Major noch Geld?
Just Nein.
Werner Hat er sich wo welches geborgt?
Just Nein.
Werner Und wovon lebt ihr denn?
Just Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und ziehen weiter.--Höre nur, Paul; dem Wirte hier müssen wir einen Possen spielen.
Werner Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!--
Just Wie wär's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie kömmt, aufpaßten und ihn brav durchprügelten?--
Werner Des Abends?--aufpaßten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.--
Just Oder wenn wir ihm das Haus über dem Kopf ansteckten?--
Werner Sengen und brennen?--Kerl, man hört's, daß du Packknecht gewesen bist und nicht Soldat--pfui!
Just Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar verdammt häßlich--
Werner Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn?
Just Komm nur, du sollst dein Wunder hören!
Werner So ist der Teufel wohl hier gar los?
Just Jawohl; komm nur!
Werner Desto besser! Nach Persien also, nach Persien!
2. Akt
1. Szene
(Die Szene ist in dem Zimmer des Fräuleins.) (Minna von Barnhelm. Franziska.)
Fräulein (im Negligé, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr früh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden.
Franziska Wer kann denn in den verzweifelten großen Städten schlafen? Die Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals-- das hört nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger wäre als zur Ruhe. --Eine Tasse Tee, gnädiges Fräulein?--
Fräulein Der Tee schmeckt mir nicht.--
Franziska Ich will von unserer Schokolade machen lassen.
Fräulein Laß machen, für dich!
Franziska Für mich? Ich wollte ebensogern für mich allein plaudern als für mich allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir werden vor langer Weile uns putzen müssen und das Kleid versuchen, in welchem wir den ersten Sturm geben wollen.
Fräulein Was redest du von Stürmen, da ich bloß herkomme, die Haltung der Kapitulation zu fordern?
Franziska Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment darüber machen lassen; er muß auch nicht die feinste Lebensart haben; sonst hätte er wohl um die Ehre können bitten lassen, uns seine Aufwartung machen zu dürfen.--
Fräulein Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich ließ ihm das Kompliment auch bloß machen, um Gelegenheit zu haben, mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es mir, daß meine Reise glücklich sein wird, daß ich ihn finden werde.--
Franziska Das Herz, gnädiges Fräulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul ebenso geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen.
Fräulein Ha! ha! Mit deinen Mäulern unterm Schlosse! Die Mode wäre mir eben recht!
Franziska Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das Herz darüber springen lassen!
Fräulein Was? Bist du so zurückhaltend?--
Franziska Nein, gnädiges Fräulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öftrer von der, die uns fehlt.
Fräulein Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.--
Franziska Gemacht? Macht man das, was einem so einfällt?--
Fräulein Und weißt du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie hat viel Beziehung auf meinen Tellheim.
Franziska Was hätte bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn?
Fräulein Freund und Feind sagen, daß er der tapferste Mann von der Welt ist. Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hören? Er hat das rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, die er nie auf die Zunge bringt.
Franziska Von was für Tugenden spricht er denn?
Fräulein Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.
Franziska Das wollte ich nur hören.
Fräulein Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Ökonomie. Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender.
Franziska Noch eins, gnädiges Fräulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue und Beständigkeit gegen Sie erwähnen hören. Wie, wenn der Herr auch ein Flattergeist wäre?
Fräulein Du Unglückliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska?
Franziska Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben?
Fräulein Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben.
Franziska Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur das Böse wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerrüttet auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat. Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand schreibt; denn niemand hat was zu schreiben.
Fräulein "Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich nähere mich der Erfüllung meiner Wünsche." Aber daß er mir dieses nur einmal, nur ein einziges Mal geschrieben--
Franziska Daß er uns zwingt, dieser Erfüllung der Wünsche selbst entgegenzueilen: finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann doch Wünsche erfüllt hätte, und wir erführen hier--
Fräulein (ängstlich und hitzig). Daß er tot wäre?
Franziska Für Sie, gnädiges Fräulein, in den Armen einer andern.--
Fräulein Du Quälgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach dem Frieden zerrissen. Wer weiß, in welche Verwirrung von Rechnungen und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiß, zu welchem andern Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiß, welche Umstände--Es pocht jemand.
Franziska Herein!
2. Szene
(Der Wirt. Die Vorigen.)
Wirt (den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnädige Herrschaft?--
Franziska Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein.
Wirt (mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnädiges Fräulein, Ihnen einen untertänigen guten Morgen zu wünschen--(zur Franziska) und auch Ihr, mein schönes Kind--
Franziska Ein höflicher Mann!
Fräulein Wir bedanken uns.
Franziska Und wünschen Ihm auch einen guten Morgen.
Wirt Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht unter meinem schlechten Dache geruhet?--
Franziska Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten hätten besser sein können.
Wirt Was höre ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, daß die gar zu große Ermüdung von der Reise--
Fräulein Es kann sein.
Wirt Gewiß, gewiß! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu befehlen.
Franziska Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht blöde; und am wenigsten muß man im Gasthofe blöde sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern hätten.
Wirt Hiernächst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr hervorzieht).
Franziska Nun?--
Wirt Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer Polizei.
Fräulein Nicht im geringsten, Herr Wirt--
Wirt Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, Heimat, Charakter, hiesige Geschäfte, vermutliche Dauer des Aufenthalts und so weiter gehörigen Orts schriftlich einzureichen.
Fräulein Sehr wohl.
Wirt Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch tritt und sich fertig macht zu schreiben).
Fräulein Sehr gern--Ich heiße--
Wirt Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22. August a.c. allhier zum Könige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen, gnädiges Fräulein?
Fräulein Das Fräulein von Barnhelm.
Wirt (schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gnädiges Fräulein?
Fräulein Von meinen Gütern aus Sachsen.
Wirt (schreibt). "Gütern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen, gnädiges Fräulein? aus Sachsen?
Franziska Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Sünde, aus Sachsen zu sein?
Wirt Eine Sünde? Behüte! das wäre ja eine ganz neue Sünde!--Aus Sachsen also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht ist, gnädiges Fräulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr exakt, gnädiges Fräulein.--
Fräulein Ich verstehe: von meinen Gütern aus Thüringen also.
Wirt Aus Thüringen! Ja, das ist besser, gnädiges Fräulein, das ist genauer. --(Schreibt und liest.) "Das Fräulein von Barnhelm, kommend von ihren Gütern aus Thüringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"--
Franziska Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein?
Wirt Ja, mein schönes Kind.--
Franziska Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich höre, die Polizei ist sehr exakt; es möchte ein Mißverständnis geben, welches mir bei meinem Aufgebote einmal Händel machen könnte. Denn ich bin wirklich noch Jungfer und heiße Franziska; mit dem Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thüringen. Mein Vater war Müller auf einem von den Gütern des gnädigen Fräuleins. Es heißt Klein-Rammsdorf. Die Mühle hat jetzt mein Bruder. Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnädigen Fräulein erzogen. Wir sind von einem Alter, künftige Lichtmess einundzwanzig Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnädige Fräulein gelernt hat. Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt.
Wirt Gut, mein schönes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken. --Aber nunmehr, gnädiges Fräulein, Dero Verrichtungen allhier?--
Fräulein Meine Verrichtungen?
Wirt Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Königs Majestät?
Fräulein O nein!
Wirt Oder bei unsern hohen Justizkollegiis?
Fräulein Auch nicht.
Wirt Oder--
Fräulein Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier.
Wirt Ganz wohl, gnädiges Fräulein, aber wie nennen sich diese eigne Angelegenheiten?
Fräulein Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen.
Franziska Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines Frauenzimmers zu wissen verlangen?
Wirt Allerdings, mein schönes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; und besonders Geheimnisse.
Franziska Ja nun, gnädiges Fräulein; was ist zu tun?--So hören Sie nur, Herr Wirt--aber daß es ja unter uns und der Polizei bleibt!--
Fräulein Was wird ihm die Närrin sagen?
Franziska Wir kommen, dem Könige einen Offizier wegzukapern--
Wirt Wie? was? Mein Kind! mein Kind!--
Franziska Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins.
Fräulein Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten. --
Wirt Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei--
Fräulein Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich weiß mich in dieser Sache nicht zu nehmen. Ich dächte, Sie ließen die ganze Schreiberei bis auf die Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglückte zwei Meilen von hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, daß mich dieser Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich mußte also voran. Wenn er vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das längste.
Wirt Nun ja, gnädiges Fräulein, so wollen wir ihn erwarten.
Fräulein Er wird auf Ihre Fragen besser antworten können. Er wird wissen, wem und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschäften anzeigen muß und was er davon verschweigen darf.
Wirt Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Mädchen (die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen, daß es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft traktiere--
Fräulein Und die Zimmer für ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt?
Wirt Völlig, gnädiges Fräulein, völlig; bis auf das eine--
Franziska Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben müssen?
Wirt Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnädiges Fräulein, sind wohl sehr mitleidig.--
Fräulein Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber hätten Sie uns nicht einnehmen sollen.
Wirt Wieso, gnädiges Fräulein, wieso?
Fräulein Ich höre, daß der Offizier, welcher durch uns verdrängt worden--
Wirt Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnädiges Fräulein.--
Fräulein Wenn schon!--
Wirt Mit dem es zu Ende geht.--
Fräulein Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein.
Wirt Ich sage Ihnen ja, daß er abgedankt ist.
Fräulein Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen.
Wirt O gewiß, er kennt sie, er kennt sie alle.--
Fräulein So kann er sie nicht alle belohnen.
Wirt Sie wären alle belohnt, wenn sie darnach gelebt hätten. Aber so lebten die Herren während des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben würde; als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein würde. Jetzt liegen alle Wirtshäuser und Gasthöfe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch Geldeswert, und zwei, drei Monate hätte ich ihn freilich noch ruhig können sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gnädiges Fräulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?--
Fräulein Nicht sonderlich.
Wirt Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich muß Ihnen einen Ring zeigen, einen kostbaren Ring. Zwar gnädiges Fräulein haben da auch einen sehr schönen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muß ich mich wundern, daß er dem meinigen so ähnlich ist.--Oh! sehen Sie doch, sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem Fräulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein wiegt über fünf Karat.
Fräulein (ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring--
Wirt Ist seine fünfzehnhundert Taler unter Brüdern wert.
Fräulein Franziska!--Sieh doch!--
Wirt Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen darauf zu leihen.
Fräulein Erkennst du ihn nicht, Franziska?
Franziska Der nämliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?--
Wirt Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran?
Franziska Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwärts auf dem Kasten muß des Fräuleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Fräulein.
Fräulein Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt?
Wirt Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gnädiges Fräulein, gnädiges Fräulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglück bringen wollen? Was weiß ich, wo sich der Ring eigentlich herschreibt? Während des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft, mit und ohne Vorbewußt des Herrn, verändert. Und Krieg war Krieg. Es werden mehr Ringe aus Sachsen über die Grenze gegangen sein.--Geben Sie mir ihn wieder, gnädiges Fräulein, geben Sie mir ihn wieder!
Franziska Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn?
Wirt Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst guten Manne--
Fräulein Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem Eigentümer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es selbst, oder wenigstens muß er ihn kennen.
Wirt Wer denn? wen denn, gnädiges Fräulein?
Franziska Hören Sie denn nicht? unsern Major.
Wirt Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat, und von dem ich ihn habe.
Fräulein Major von Tellheim.
Wirt Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn?
Fräulein Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schließ auf! (Indem sie Franziska auf den Tisch setzet und öffnet.) Was ist er Ihnen schuldig? Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner. Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein!
Wirt Was höre ich?
Fräulein Wo ist er? wo ist er?
Wirt Noch vor einer Stunde war er hier.
Fräulein Häßlicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so grausam sein?
Wirt Ihro Gnaden verzeihen--
Fräulein Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle.
Wirt Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, daß er ihn aufsuchen soll?
Fräulein Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; für diesen Dienst allein will ich es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.--
Franziska Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stößt ihn heraus.)
3. Szene
(Das Fräulein. Franziska)
Fräulein Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn wieder! Ich weiß nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit, liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du mußt dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken, damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was hättest du gern? Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir nichts nehmen. Warte! (sie faßt in die Schatulle) da, liebe Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern hättest. Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch--
Franziska Ich stehle es Ihnen, Fräulein; Sie sind trunken, von Fröhlichkeit trunken.--
Fräulein Mädchen, ich habe einen zänkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, daß ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.) Das, liebe Franziska, stecke beiseite, für den ersten blessierten armen Soldaten, der uns anspricht.--
4. Szene
(Der Wirt. Das Fräulein. Franziska.)
Fräulein Nun? Wird er kommen?
Wirt Der widerwärtige, ungeschliffene Kerl!
Fräulein Wer?
Wirt Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen.
Franziska Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja wohl alle. Welcher wäre denn das?
Fräulein Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen. (Der Wirt geht ab.)
5. Szene
(Das Fräulein. Franziska.)
Fräulein Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen?
Franziska Ich wollte von Herzen gern, wenn nur--
Fräulein Wenn nur?
Franziska Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hören, muß es ihm übel gehn. Er muß unglücklich sein, das jammert mich.
Fräulein Jammert dich?--Laß dich dafür umarmen, meine liebste Gespielin! das will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.--
6. Szene
(Der Wirt. Just. Die Vorigen.)
Wirt Mit genauer Not bring ich ihn.
Franziska Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht.
Fräulein Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim?
Just Ja.
Fräulein Wo ist Sein Herr?
Just Nicht hier.
Fräulein Aber Er weiß ihn zu finden?
Just Ja.
Fräulein Will Er ihn nicht geschwind herholen?
Just Nein.
Fräulein Er erweiset mir damit einen Gefallen.--
Just Ei!
Fräulein Und Seinem Herrn einen Dienst.--
Just Vielleicht auch nicht.--
Fräulein Woher vermutet Er das?
Just Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen komplimentieren lassen?
Fräulein Ja.
Just So bin ich schon recht.
Fräulein Weiß Sein Herr meinen Namen?
Just Nein; aber er kann die allzu höflichen Damen ebensowenig leiden als die allzu groben Wirte.
Wirt Das soll wohl mit auf mich gehn?
Just Ja.
Wirt So laß Er es doch dem gnädigen Fräulein nicht entgelten, und hole Er ihn geschwind her.
Fräulein (leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas--
Franziska (die dem Just Geld in die Hand drücken will). Wir verlangen Seine Dienste nicht umsonst.--
Just Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste.
Franziska Eines für das andere.
Just Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuräumen. Das tu ich jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, daß er herkommen kann. Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.)
Franziska So warte Er doch.--Das gnädige Fräulein ist des Herrn Majors-- Schwester.--
Fräulein Ja, ja, seine Schwester.
Just Das weiß ich besser, daß der Major keine Schwestern hat. Er hat mich in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.-- Zwar es gibt mancherlei Schwestern--
Franziska Unverschämter!
Just Muß man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht ab.)
Franziska Das ist ein Schlingel!
Wirt Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Weiß ich doch nunmehr, wo sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gnädiges Fräulein, bitte ich untertänigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major zu entschuldigen, daß ich so unglücklich gewesen, wider meinen Willen einen Mann von seinen Verdiensten--
Fräulein Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach: er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.)
7. Szene
(Das Fräulein und hierauf Franziska)
Fräulein Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein sein.(Sie faltet die Hände.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt aufwärts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten Armen.) Ich bin glücklich! und fröhlich! Was kann der Schöpfer lieber sehen als ein fröhliches Geschöpf!--(Franziska kömmt.) Bist du wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht. Unglück ist auch gut. Vielleicht, daß ihm der Himmel alles nahm, um ihm in mir alles wiederzugeben!