Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 9

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Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ. Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich auf jeder Hacienda seyn +muß+) war klein. Wir besahen nunmehr die Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß überall nur +freie Arbeiter+ zu sehen waren, und daß es mithin sich als +unwahr+ ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und namentlich die Zucker-Fabrication, +könne nicht ohne Sclaven betrieben werden+! -- +Mexico+ liefert den praktischen und faktischen Beweis des Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik +noch viele+; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn +dürfte+. Denn was auch sonst die Fehler der +mexicanischen+ Constitution seyn mögen, in +einem+ Stücke ist sie der gepriesenen +nordamerikanischen+ weit überlegen, nämlich darin, +daß sie die Menschenrechte ehrt -- und keine Sclaverei duldet+! Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +freie+ Menschen abgelöhnt wurden, -- und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich ist, ist es auch in andern, und es +muß+ daher auch in Westindien und in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.

Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen, üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht Statt. -- Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr süß.

Die von der Hacienda nicht weit entfernten +Eisen-Bergwerke+ boten als Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. -- Einer der Aufseher, ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. -- Der Rückweg führte uns wieder durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten, besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.

Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb +Markttag+, der, sehr stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und Nürnberger Spiegel, -- kurz +Alles+, selbst das heterogenste, ward zum Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend, meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. -- Es mangelt eben hier noch nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen gewiß sehr zuträglich ist.

Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale. Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr in Mexico an! -- Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren hübschen Dörfern und den viel besprochenen, +schwimmenden Gärten+ vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen seyn mögen, +jetzt nicht schwimmend+, sondern große, viereckige, den Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von “+schwimmenden Gärten+” gegeben haben!

Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio beendigten.

Mexico, den 17. Juni 1832.

“+Pfingsten+, das liebliche Fest war gekommen!”

Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande und im Freien begangen. -- Wie es in andern Theilen der Republik gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach +St. Augustin+, einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, -- statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, -- da zu erbauen, wo jetzt +St. Augustin+ steht. Begreiflicher ist, daß in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen, und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen, welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; -- und dahin zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen. Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am Tage im Freien und ~bal paré~ am Abend, alles ist dort zu sehen und zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu nennen. -- Aber, aber, -- ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico nach St. Augustin zieht! Es ist die +Spielsucht+, vielleicht mehr als alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres Feld gegeben, als gerade hier. -- Die Regierung beobachtet nämlich das äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt. Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über) während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20 verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit Gold und Silber.

Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½ vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was die +meisten+ derselben wieder mit +zurücknahmen+; denn das wird nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich gespielt hätten! +Eine+ Bank ist freilich gesprengt worden und hat 3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am wenigsten begünstigt! -- Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward, oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern (auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab! -- Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo besser. Aber +eine+ Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de *** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und Pointier habe ich in Europa nicht gehört.

Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage hinbrachte! -- Daß diese mit der Messe (~Misa~) und einer Procession in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt. Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften aller Umstehenden erregt und fesselt! -- und auch dies ist ja hier ~tout comme chez nous~! -- Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner kurzen Proceß.

Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.

Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern Mittagessen an ~Table d’hôte~ (man zahlt für’s Essen und eine Flasche französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel ~beau monde~, mitunter sehr reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren, gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten Magistrats-Person eines Landes gebührt. --

Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die Andern um für den Ball Toilette zu machen. -- Mittlerweile will ich Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, -- nämlich nichts mehr und nichts weniger als einen +bergauf strömenden Bach+. Diese Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend, sich vom Gegentheil zu überzeugen!

Für den ~bal paré~ am Abend ward das Local des Hahnengefechts recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10 Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war geschmackvoll und reich, und der Tanz -- Quadrillen und Ecossaisen -- ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und nur die Zuschauer waren hier etwas mehr +abwärts+ gemischt, als sie es bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.

Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch “~on the light fantastic toe~,” und fuhren bei schönem Mondschein nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.

Jalapa, den 25. Juni 1832.

Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! -- Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen, als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht, wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w. von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher Erwartung seiner Rückkehr -- mit vielen, vielen Briefschaften -- auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche Weise vereinigen! -- Ich war heute in einem großen Garten, wo die Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden, lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen bleiben. -- Regnete es in Jalapa nicht fast +täglich+ am Nachmittage (es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. -- Die schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten, kennt man hier nicht.

Den 26sten.

Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu schildern! -- Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! -- Könnte ich meinem Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! -- aber das kann und darf ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden wird. -- Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, gefolgt. -- Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann (mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, +eben so schwach+ war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100 Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse! Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen, und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. -- Man hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem Nächsten mehr darüber berichten. -- Adieu.

Jalapa, den 9. Juli 1832.