Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 10

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Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich ein neues “~pronunciamento~” statt gefunden, welches die Sache mehr als je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich, nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, ~par excellence~,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten +Pedraza+ erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt werden soll. -- Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird, ja nicht eingehen +kann+, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht, und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!

General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und 18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler) im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als ~chez nous~; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen schon zufrieden geben.

Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man die meiste ~beau monde~ antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova, zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten, hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an eine Meierei (nach dem spanischen ~leche~, Milch, ~lecheria~ genannt), wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint, jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß kommt!

Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen “+Spinnen-Staaten-Bund+,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15 Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt, nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich, ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden +Armee+ erfreut, und an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören. Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt, hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf geht, so daß der am Ende stehende +Hoch+altar diese Benennung im wahren Sinne des Worts verdient.

Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt, so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater, sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.

Jalapa, den 24. Juli 1832.

Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen. Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio, der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen, fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, +die noch steht+! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt, nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber keine Schlachten, und der +Anfang+ der Feindseligkeiten ist denn auch bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino, ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.

Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe nur +vorläufig auf die Wache+ gebracht, um den nächsten Morgen verhört zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat. Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug, mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun, wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß es auch hier zu Lande eine seltene ist.

Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.

Mexico, den 13. August 1832.

Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist, weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner, Erwähnung thun; sie +gehen+ nämlich nicht, wie bei uns die Landleute, sondern +laufen+ stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell vorwärts bringt; der +Mann+ zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt das +Weib+, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten, eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen, die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen, werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von der heiligen +Mutter Gottes+ an, bis zum ungläubigen +Thomas+ herab, in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten. Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug +unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück+!! Wahrlich, ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche, nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung, an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer christlichen Geistlichkeit.

Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus künstlichen +Feuerwerke+ aus, die bei der großen Hitze einer tropischen August-Sonne +am hohen Mittag+ abgebrannt wurden, sich aber, was Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen. Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision. Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über 300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben, daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend, wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird. Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist, aber +hier+ habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es, als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht, denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe, denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum Verkauf anbot.

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Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp, aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12 Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen, glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und +bürgerlichen Freiheit+ erfreuen.

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Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen, denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist. Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die ~Paseos~, ~torros~ (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor, besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich hätte es, in +der+ Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter treffen können.

In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich schließen. Ich umarme Dich.

Mexico, den 30. August 1832.

Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist, was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.

Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt, nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der +heißen+ Bäder, jetzt nur noch die +warmen+ gebrauche, deren man hier in der Stadt, in zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81 jährigen Freund S. -- Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben, trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und -- denke Dir mein Entsetzen -- sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf mich selbst aber in die Kleider und fuhr ~pleine carriere~ nach der Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet, mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd, daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten, mit dem Leben davon kommt? -- Ich möchte wenigstens an mir die Probe nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.

Nun aber auch zur Politik! -- Wie ich Dir neulich schon sagte, so greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-+Stadt+ eingeengt sehen wird. Alle ~pronunciamentos~ werden übrigens jetzt zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht. Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie die unausbleibliche Folge seyn.