Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 11

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Seit General +Teran+, der geschickteste und zuverlässigste Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich (aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen, und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten eine Schlacht liefern will.

Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange +dieser+ nicht besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden. Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne, wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.

In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte), mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner, Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden; dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam mit Füßen tritt.

Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe wohl.

Mexico, den 17. September 1832.

Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (~el aniversario de la independencia Mexicana!~). Schon am Abend vorher ward, bei Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht, und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit 50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.

Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.

Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That +colossale+ Statue von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen, an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen! und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt; das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen, um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht befriedigte.

Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, ~pro beneficio~ desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.

[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in Mexico, Hrn. von Geroldt.

[11] Der Versuch +ist gelungen+, und ich habe noch vor meiner Abreise von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen, so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat gewähren werde.

[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will, daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von +Asteken+ u. s. w. bewohnt seyen, sondern nur, daß +diese+ die Mehrzahl bilden. In einem solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben, theils Boutiquen (~tiendas~) halten. Die Magistrats-Personen sind fast immer Creolen. Die +Masse+ der Landbewohner sind aber +Indianer+, wie man hier die eigentlichen Mexicaner nennt.

[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen, welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt.

[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen.

[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine besitzen.

Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den +jetzigen+ Einkäufen die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.

Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das, der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes malerisch und höchst correct ~en miniature~ darzustellen verstehen.

Einiges

aus

der neueren Geschichte von Mexico

bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit

am 16ᵗᵉⁿ September 1832.

Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der, obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch die Engländer und Franzosen.

Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken, Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man Creolen nannte und nennt) vermehrten.

Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens +Hidalgo+, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der +mexicanischen Nation+ (so nannten sich nun zum ersten Male alle +Eingeborne+ ohne Unterschied des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +Fremden+ (~los estrangeros~, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit den Waffen in der Hand zu vertreiben!

Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben. Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte, die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico sich als völlig befreit betrachten konnte.

Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden, den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen eines +Bravo+ oder die Geschichte eines +Vittoria+? Beide waren Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale, wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie, dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater, an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der Drohung, daß im Weigerungsfall +diese+ dasselbe Schicksal zu erwarten hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der +Spanier+ Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +erschießen+! Als der Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort +in Freiheit setzen+, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! -- Der andere Held jener Zeit, +Vittoria+, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet, daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel (~Zapalote~), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.

Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm verloren! Als nun aber, durch den Sieg +Iturbide’s+ über die Reste der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam, so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen, war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen; doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte. Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand, glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern harrte auf den Ersehnten, und siehe da, -- es dauerte keinen Tag, so erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß +er+ es sei, überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß: der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden! -- +Iturbide+, damals am Ruder, wollte ihn an seinen +Hof+ ziehen, aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers, und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte die Nation +Vittoria+, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich keine ausgezeichnete besitzt), zum +Präsidenten der Republik+; +Bravo+ aber zum +Vice-Präsidenten+. Beide sind später in das Privatleben zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.

Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und +nur dann+ solle das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “+sie wolle das Leben eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen+,” und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!

Mexico, den 30. September 1832.