Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 12

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Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +Gallinero+, in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen, wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen! Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (~la sangre preciosa mejicana~) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große Anzahl +politischer+ Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten, durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen, vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den Straßen verursacht hatte.

Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre. Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später, seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die Verwendung des englischen ~Chargé d’affaires~ hin, das Gefängniß schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte, seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr verheirathet! -- Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden. Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider mit dem Leben büßen müssen. -- Er ward allgemein bedauert und in der Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul veranstaltete ~honras~ (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen. -- Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner Verfolgung nicht lange genossen hat! -- Er war übrigens Besitzer der reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!

Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider nur arme Erze giebt.

Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene Feier der Einkleidung einer Nonne, -- wie ich höre reicher Eltern Kind, -- aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen, die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines Luftballons von der Alameda aus. -- Dieser war ziemlich groß, durch mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.

Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit zu enden, daß ich dem Schauspiel “~El ministro~” beiwohnte. Das Stück spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren Genuß +der+ Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder einmal der Fall werden. -- Adieu.

Mexico, den 4. October 1832.

Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s, in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen, und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist, daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen, Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe, wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.

Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (~el corazon~) herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von Saft, daß während zwei bis drei Monaten +täglich+ beinah drei Maaß Honig-Wasser, (~Aguamiel~) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird. Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff, ~madre pulque~ (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund, und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug geschieht.

Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von 1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von 5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung, mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!

Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte hervorbringen +kann+, versteht sich von selbst, und wenn bisher manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen, wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten, um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten, braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen, in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden! Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher, von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich, wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen; wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns Sache, am wenigsten die unserer +deutschen+ Weinbauern.

Doch für heute genug davon. Lebe wohl!

Mexico, den 12. October 1832.

Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte, Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa einzusenden mich veranlaßt finde.

Hier folgt sie:

Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über, und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen, theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla. Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug, sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison, Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst verwundet.

Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein, über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt, und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht hat.

Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die +Dictatur+ zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt, um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla, um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden, weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das ~Ayuntamiento~ (die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, +in der Stadt selbst+, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.

Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin, auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.

Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der +Politik+ zu reden, und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +darüber+, von hier aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein -- doch ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht, das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.

Mexico, den 5. November 1832.