Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
Part 13
Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet, als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit, welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte, wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre, machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000 Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen +in die Stadt selbst+, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte am 17. October die Föderativstadt +in Belagerungs-Zustand+! -- Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen, rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (~prestamos forzosos~) decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser abschneiden +kann+ und wahrscheinlich bald +wird+. Fürchtet sich nun das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen, um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute, am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.
So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen; man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya, 2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die, wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya” zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten, und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen. Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber dieser Stadt darin, die +Fremden+, welchen bekanntlich die Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten! Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist +vor+ den Thoren, und wir +dahinter+! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen, so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben können.
Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur, Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.
~P. S.~ vom 8. November 1832.
Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; -- +die Belagerung ist aufgehoben+! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus diese Weise die Revolution zu +beendigen+! Gebe denn der Himmel, daß es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes) zu genießen. Lebe wohl.
Mexico, den 9. December 1832.
Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war, etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art Krieg zu führen kennen.
Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen, und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten, dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit, bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (~Barancas~) streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen. Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen, und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward, nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000 Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise, nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen, so hätte man hoffen dürfen, auf +diese Weise+ das Ende des Streits herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte, Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten (was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s ausgefallen seyn. Bestätigt sich das +gestern so+ in Umlauf gekommene Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset es sich aber aus, wie man +heute+ erzählt, daß Santa Anna den Tag verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten waren, und das jetzige Gouvernement muß und +wird+ dann erst an der Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist damit auf die Föderatif-+Stadt+ angewiesen; man hat schon zweimal zu gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser, Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles +monatlich+, weil man noch immer, von einem Tage zum andern -- ja bis zu diesem Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel +der Hauptstadt allein+ nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien ungehindert durchgelassen werden.
Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei Puebla, und Gottlob erwünschte! +Die Revolution hat ihr Ende erreicht+ -- sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen; übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich übrigens jetzt gewiß nicht ohne +Protest+ auflösen wird. Dies hat aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während des Krieges, +gezwungen waren+, sowohl mit dem Gouvernement wie mit Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist, muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza, unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden, Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht +nie+ getheilt, und freue mich des Ausgangs, so wie er ist.
Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes Sinn noch Gedanken hat.
Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.
Mexico, den 28. December 1832.
Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 9/13 Dieses voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen, und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen +ohne Regierung+, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt, die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.
Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr schönen Aussicht in das Thal von Mexico.
Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug, einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement selbst beschäftigen werde.
Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle, unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!
Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus ~tierra caliente~ nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter (und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist, so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.
Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen, und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, ~cien voces~ (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten von ihnen erbeten und +erhoben+ hat, so geräth hier doch alles Aeußere, namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das +steinerne Schiff+ hat bis jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber folgende Bewandniß: