Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
Part 14
Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine +Fregatte+ zum Geschenk, wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!
Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen, daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und einer der Wenigen, die schon +vor+ Humboldt hier gewesen. Vor 10 Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß, beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit seiner Asche!
Mexico, den 9. Januar 1833.
Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der sich schon längst den Namen des +Befreiers+, ~el liberator~ beigelegt hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der 2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen, wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000 Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand, welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.
Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der +vereinten mexicanischen Armee+ um so mehr, da mittlerweile auch einige Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt, eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz) fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste, und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich. Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere, gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich, von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben, von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte. Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht, so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn jetzt noch für unmöglich hält.
Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen) bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen, daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde. Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.
Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus, kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte +Canning+ zur Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer +eignen Capelle+, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.
Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen, hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt, die gute Früchte tragen werden.
Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier ~nuestro amo~ (unser Herr) genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung, welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann, welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins fast verklungen ist.
Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben, und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den “ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn wandelt! Adieu, Adieu.
Mexico, den 7. Februar 1833.
Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.
Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte, ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich vor ungefähr 14 Tagen, ihn in +Anganguco+, so heißt das Revier wo er wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin, und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.
Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter andern auch eine große, recht hübsche Herberge (~fonda~) antrifft, welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier, als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den, das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen, Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so, ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.
Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat. Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico. Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der +beste+ empfohlen war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden, ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten! Das war aber auch alles! Einen +zweiten+ Stuhl, um am Abend mit meinem Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken, konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich begnügt hätten.
Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen, in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig! fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.
Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte. Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt, sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern, bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube, auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende Fremde, einen kleinen Laden (~tienda~), und treiben etwas Ackerbau und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der Kuhreihen, das Heimweh zu geben.