Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
Part 15
Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und wo wir an +den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten+, gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten) mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden, es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund. Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch, Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco, woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind, daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten, sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser Wildpret.
Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und +Schleiden+ hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht, indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen, in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause ist eine Silbergrube des Vereins (~Carmen~), welche zwar die reichern Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. aus.
Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.
Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen, Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts, aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher, die Schmelzer und Beamten des Vereins -- sind alles +Deutsche+, von denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz einheimisch gemacht haben.
Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen Theils (40 à 50 ~pCt.~) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft; er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist, daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.
Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten (welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern Weg gewählt, und eine Anhöhe (~Cuesta~) erstiegen, welche so steil ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt, ist ausnehmend schön und großartig.
In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen, und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun, wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die Stiefel von den Füßen +schneiden+ lassen, alle Kleidungsstücke waren triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank, und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause, eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der Tafel, und ließen es uns gut schmecken.
Mexico, den 13. Februar 1833.
Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene, Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt stattfindenden +Wahlen+ eines neuen Präsidenten und anderer hohen Magistratspersonen, obgleich sie +öffentlich in den Straßen, in elegant decorirten Buden+ gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (~universal suffrage~) erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber, daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt lassen, nämlich den bei den Damen D--’s (der Mutter nebst ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste). Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction, meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt, in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur +über Ereignisse, welche dem Schicksal angehören+!
Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und -- wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde! Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in meinem Vorsatze, die Rückreise +jetzt+ anzutreten, verharren zu machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, meine Wiederherstellung +hier+ abzuwarten; da sie diese aber selbst nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, +ich reise morgen ab+!
Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von Vera-Cruz aus. Lebe wohl.
Vera-Cruz, den 3. März 1833.
Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere, daß ich wirklich +unterwegs nach Hause bin+.
Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall (~sin novedad~, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis 60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima erzählt!
Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera, nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte. Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist, eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich +nicht+, denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es weht und stürmt in diesem Augenblicke +so+, daß ich fast zweifle, ob wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche, da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen, so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem, glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer angenehmen Rückerinnerung.
Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord. Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen, und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise, gegangen ist.
New-York, den 1. bis 9. April 1833.
So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in der +nordischen+ Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen, nicht vor dem 1. Dieses hier an.
Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht werden.
Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.
Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20 Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann; hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7 Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt gesehen haben.
Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.