Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 16

Chapter 163,565 wordsPublic domain

Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen; es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon, wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß, den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die, früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß, gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen, einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann. Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge, auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist, eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen, dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge, und die rauhe Jahrszeit z. B. +jetzt noch nicht+ vorüber; noch hat weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen) Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige, gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach Italien, und von da über +Wien+, durch +Deutschland+, die +Schweiz+ und +Frankreich+ zu machen; das nenne ich mir doch noch ~a tour of pleasure~! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.

Diese ~boarding-houses~ sind zum Theil sehr elegant meublirt, und bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar manche +Comforts+ der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen Anstalt eingekehrt, in ~Mansion-house, Broadstreet~, und kann Dir mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung, wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel, auf +eigene Kosten+ unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und es geht bei der, über 100 Personen starken ~table d’hôte~ wieder eben so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses, die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (~parlour~) zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken, und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese ~boarding-houses~, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.

Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer +Auction+! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren, und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen, theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich zu +freuen+, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens, schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.

Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen, Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! --

Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und seine Tochter Fanny, in der Tragödie “~the grecian daughter~” zu sehen, und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande ~furore~ gemacht; ich war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich, in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19]

Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.

Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir) nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner delectiren soll.

Auch einen +Sonntag+ habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur +das+ genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? -- darüber könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +das+ aber weiß ich schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +Blut-Aristokratie+, diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen, oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit und Gleichheit zu besitzen und dessen +Constitution+ unter den freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt! Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit, gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren müßten, und +deshalb unterbleibt die ganze Negotiation+!

Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen Staaten dieser +aufgeklärten+ Republik die Todesstrafe darauf gesetzt haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen -- auf Liberia, an der Küste von Afrika, -- so edel der Gedanke und so brav die Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +Millionen+ in Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen? Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige, stufenweise, aber gänzliche und +jetzt schon ausgesprochene+ Aufhebung aller Sclaverei.[20]

Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben im Hafen u. s. w. -- sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen, und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde, welches mich nach Frankreich bringen soll. -- Alle Vorbereitungen sind bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind zu bitten. Lebe wohl.

Am Bord des amerikanischen Packetboots the Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.

Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen, heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten gemacht haben werden.

Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite (in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig, so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte. -- Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer, um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt wird, -- dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.

Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das einzige, was ich Dir von +dieser+ Reise erzählen könnte und nicht von der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren, was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten, aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal, wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit Fleisch und Angel im Magen davon.

Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er würde sie zertrümmern.

Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos unter uns waren, durchaus keinen Beifall.

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Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600 bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren, daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten ihnen eine glückliche Ueberfahrt.

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Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben, denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt, und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte ~drawing room~, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek, zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen werde.

Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das scheint mein Uebel vermindert zu haben.

Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen Wiedersehn.

Paris, am 10. Mai 1833.

Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen, welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat, wie das Wasser.