Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
Part 17
Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade ~la fête de Louis Philippe~ und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp. Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend ward hie und da -- sehr spärlich -- illuminirt! Da das Paß-Bureau dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach 15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich, und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen; Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier sahen wir -- auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen -- wenigstens Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber, Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil, um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an, wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich sei, wurde -- belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere Beachtung verschafft. -- Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung +noch+ nicht; in Europa wird er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren Preis -- +verkaufen+ könne!
Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine, durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit, im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur +hier+ abzuwarten. Wie kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, +dazu+ entschließen? -- Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich +bloße Schmerzen+ nicht davon abhalten, das versichere ich Dir.
Am 13. -- Ich habe sie -- diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz drücken können!
[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.
[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde, beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen unabhängiger zu machen.
[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben! Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist. Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!
[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den vereinigten Staaten verheirathet worden.
[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so dringender!
+Anhang.+
Kurze Darstellung
der
politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico
seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,
so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.
(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)
Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner “Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch und insbesondere +die höchsten Magistrats-Personen der Republik+, mit gehöriger Freiheit erwählen konnte.
Sobald dies jedoch geschehen und General +Santa Anna+ als +Präsident+, Don +Valentin Gomez Farias+ als +Vice-Präsident+ installirt und der gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.
Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante am meisten ergebenen Generäle, +Arista+ und +Duran+, die wichtigsten Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen Ereignissen.
Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, -- in +seiner+ Person liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, -- ihm wollten sie vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen füllten! -- Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! -- so hieß es am Schluß -- diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +Dictatur+ aus unsern +Händen+, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”
Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico, Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen. Obgleich -- aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung -- schwankend in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten würde; er hatte überdies +religiöse+ Scrupel und hielt es für Sünde, die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt seyn.[21]
Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum +Dictator+. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun den eignen General, +den Präsidenten der Republik+, gefangen nahm, um ihm die +Dictatur+ gleichsam aufzudringen. -- Aber man hatte sich in ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.
Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse. Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts der Republik! Die Generäle +Vittoria+, +Anaya+, +Mejia+ und +Arago+ (letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend zu unterdrücken. -- Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen, in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! -- Die Chefs der Insurgenten und dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; +auch nicht eine Hinrichtung fand statt+! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.
Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben, zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz, zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und der Constitution treu bleiben!
Während nun der +Präsident+ damit beschäftigt war den Feind im offenen Felde zu bekämpfen, gingen vom +Congreß+ wichtige Reform-Decrete aus. Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der bekannte Don +Lorenzo de Zavala+, der seine Stelle als Civil-Gouverneur des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben erwählt worden war. -- Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:
1. Daß die Entrichtung des +Zehnten+ an die Geistlichkeit, dem Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim gestellt seyn solle.
2. Daß die +klösterlichen Gelübde+ vor dem Civil-Gesetz als nicht bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins bürgerliche Leben wieder einzutreten.
3. Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +Canonicate+ wieder aufgehoben seyn sollten.
Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +tausend+ Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen, Last entledigte.
Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind noch folgende Propositionen Zavala’s:
~a~) Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.
~b~) Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.
~c~) Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld.
Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen, als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die +Einführung der Religionsfreiheit+ bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!
Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch +keine Schulen+ waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. -- Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und viele Schulen des +ersten Unterrichts+ wieder hergestellt, welche die frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 +Schulen des ersten Unterrichts+, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746 Kinder lesen und schreiben lernen.
Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat, die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren, so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie; Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik; Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-, Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.
Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate hervorbringen![22]
Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld von +fünf Millionen Pesos+ contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen, welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden. Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen; dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten, denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. +Monat+!! bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern einen ungeheuren Nutzen abwarfen! -- Ein solches Leih-System von Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird! -- Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.
Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden, die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.
Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der Schluß ziehen, daß die +vereinigten Staaten von Mexico+, sowohl in moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte, welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet, die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen, mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; -- die Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden, welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche und Staat anzuerkennen, -- alles dies wird +die vereinigten Staaten von Mexico+ dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.
[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine +schwere+ Krankheit nicht abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus, +unter den größten Anstrengungen+, eine lange, eindringliche Rede, in der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische, dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe nicht zu versagen. -- Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam wirklich eine Anleihe zu Stande.
[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten +Lehrer+ der umfassenden Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +vorerst+ wohl schwerlich der Fall seyn dürfte.
[23] +Erstes+ mexicanisches Anlehen in England contrahirt zu 5 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben
$ 8,000,000 Provision 5 pCt. $ 400,000 Dividende des ersten Jahrs „ 800,000 Tilgungsfond „ 400,000 ----------- „ 1,600,000 ------------- disponible Summe $ 6,400,000
hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, macht 12½ pCt.
+Zweites+ mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben
$ 13,120,000
Provision 5 pCt. auf den Nominalwerth $ 800,000 Dividende des ersten Jahrs „ 960,000 Tilgungsfond „ 540,000 --------- „ 2,300,000 ------------- disponible Summe $ 10,820,000