Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 8

Chapter 83,551 wordsPublic domain

So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an diesem Tage +keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. +Limonade+ u. dgl. verabfolgt werden dürfen+. -- Früher lustwandelten hier auch die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist, oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme +Judas+ muß, in unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln, hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein Pariser könnte hier auch ausrufen: ~tout comme chez nous!~ was aber nicht ~comme chez nous~, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.

Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz erschlagen!

Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind, zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt, doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug, mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul (Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere, worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9] Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn soll.

Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. -- O daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und Henkel hat ein +mexicanischer+ Silberschmidt gemacht. Doch ich muß endlich einmal schließen. Lebe wohl.

Mexico, den 31. Mai 1832.

Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in ~Tierra caliente~ (heiße Zone) und ~Tierra templada~ (gemäßigte, aber doch wärmer, als das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu Gunsten des Letzteren ausfielen!

Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe, daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.

~P. S.~ vom 4. Juni 1832.

Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße +Nacht+-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. -- Es ist dieselbe Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der ~Cactus grandi florus~ in seinem Treibhause blühe! -- Du wirst Dich der Zeichnung gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen Kolibri’s nicht wenig schwelgen. -- Vor einigen Tagen verirrte sich einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.

Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom 2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten, daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich diese nunmehr -- bei der Wendung, welche der Gang der politischen Ereignisse in diesem Lande genommen hat -- bald zu erhalten hoffen darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. -- Santa Anna folgt ihm auf dem Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.

Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider der Handel auch! -- Lebe wohl.

[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen Berechnungen zur See, die der +Länge+ die unsicherste ist.

[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden. Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.

[3] So genannt -- von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.

[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17° Reaumur.

[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall wirklich eingetreten; -- im J. 1833 nämlich erschien das schwarze Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte, im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen, mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten Tag nach der Einschiffung.

[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind: erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie, ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen, Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! -- (~Audiatur et altera pars!~)

[7] Also genannt, weil, ~mirabile dictu~, die Engel die Cathedrale erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der spanischen Geistlichen, vollendet hatten.

[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.

[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht -- und das mit Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche Nachbaren. -- Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.

Beilage.

Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl, unweit des +Plan de Amilpas+ gelegen.

So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das +Eisen+, und man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20 Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10] war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren, sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der ~Banco de Avio~ (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. ~pro Anno~, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.

Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines +Hochofens+ zur Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren, wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke vorwärts auf unserem Wege; -- nachdem wir nun dort ein Frühstück eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen, wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. +nicht ich+, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren, ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an Zucker-Plantagen (~haciendas~) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß tiefer gelegen als Mexico. -- Der natürlich stets abwärts gehende Weg führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische Dörfer.

In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um mehr davon zu sehen. -- Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war, so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten, alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder, im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging. Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten (~Barancas~), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt, bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.

Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich aufgenommen und gut bewirthet wurden. -- Wir fanden den Hoch-Ofen schon über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz in der Nähe des Sitio finden. -- Die Wasserleitung führt dem Werke, von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen, und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen geschafft werden können. -- Die Unternehmer schmeicheln sich, auf diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung unverzüglich gemacht werden soll. -- Gelingt er[11] und realisiren sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen, der +Oeconomie+ wegen aus +Kupfer+ gießt! -- Ob man es aber alsdann auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +deutschem Geiste+ und +deutscher Betriebsamkeit+ und +Ausdauer+ verdankt? -- Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem Ausländer nicht sehr hold.

Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker +Deutsche+ sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. -- Ein anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält, vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung +ganz deutschen Anlage+. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen Utensilien, unbegreiflich erscheinen. -- Da es auf dem Sitio am Tage sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. -- Die Nächte sind hier aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in ~Tierra caliente~ ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren, in ~Tierra caliente~ gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die er, +so aufgeklärt+, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke, in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er Niemanden höher schätze, und daß +er+ es gewesen sei, der in dem ersten constituirenden Congresse darauf angetragen habe, +dem Baron Alexander v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren+, was dann auch geschehen sei!

Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge, und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken, sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +Bouteillen-Vogel+, und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der Vergleich stets ein sehr passender.