Meine zweite Weltreise

Part 6

Chapter 63,713 wordsPublic domain

Denselben Tag besuchte ich noch einen zweiten Stamm, weiter aufwärts an dem Strome. Ich fand alles eben so wie bei dem ersteren; nur sah ich hier zwei erst kürzlich abgeschnittene Menschenköpfe. Es hatte zwar bei dem andern Stamme an diesen gewöhnlichen Trophäen auch nicht gefehlt; sie waren aber schon alt und in vollkommene Todtenschädel verwandelt; diese im Gegentheil erst vor wenig Tagen erobert, sahen fürchterlich aus. Der Rauch hatte sie kohlschwarz gefärbt, das Fleisch war halb eingetrocknet, die Haut unversehrt. Lippen und Ohren waren ganz zusammengeschrumpft; erstere standen weit von einander, so daß sich das Gebiß in seiner ganzen Häßlichkeit zeigte. Von den noch reich mit Haaren bedeckten Köpfen hatte einer die Augen offen, die ebenfalls halb eingetrocknet, weit in ihre Höhlen zurückgetreten waren. Die Dayaker nahmen die Köpfe aus dem Geflechte, in welchem sie hingen, um sie mir genau zu zeigen -- ein fürchterlicher Anblick, den ich nicht leicht vergessen werde.

Sie hauen die Köpfe so knapp am Rumpfe ab, daß man nur auf eine äußerst geübte Hand schließen kann. Das Gehirn wird am Hintertheil des Kopfes herausgenommen.

Als sie die Köpfe in die Hand nahmen, spieen sie ihnen in’s Gesicht, die Knaben gaben ihnen Püffe und spieen auf die Erde. Die sonst ruhigen und friedlichen Gesichter nahmen bei dieser Gelegenheit einen starken Ausdruck von Wildheit an.

Ich schauderte, -- konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, daß wir Europäer nicht besser, ja im Gegentheile schlechter sind als diese verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll Schandthaten, Morde und Verräthereien jeder Art? -- Was läßt sich vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrechte, mit der Inquisition? Und selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam? -- Nicht eine kleine, elende Hütte, gleich den rohen, unwissenden Dayakern, sondern geräumte Hallen, die größten Paläste, könnten manche berühmte Männer Europas mit den Köpfen schmücken, die ihren herrschsüchtigen und ehrgeizigen Plänen zum Opfer gefallen sind! Hat Napoleon in seinen Eroberungszügen nicht Millionen geschlachtet? Werden die meisten Kriege aus anderen Ursachen, als aus Habsucht und Raubgier eines Einzelnen unternommen? Wahrlich ich wundere mich, wie wir Europäer es wagen können, Zeter und Wehe über arme Wilde zu schreien, die zwar ihre Feinde umbringen gleich uns, die aber die Entschuldigung für sich haben, daß sie weder Religion noch Bildung besitzen, welche ihnen Sanftmuth, Milde und Abscheu vor Blutvergießen predigen.

In vielen Reisebeschreibungen liest man, daß die Dayaker ihrer Auserwählten die Liebe dadurch beweisen, daß sie ihr einen Menschenkopf zu Füßen legen. Der Reisende, Herr +Temmingk+, sagt jedoch, dieß sei nicht wahr. Derselben Meinung möchte ich auch beistimmen. Wo sollten alle die Köpfe hergenommen werden, wenn jeder Jüngling seiner Braut ein derartiges Geschenk machte? Die traurige Sitte des Köpfens scheint vielmehr aus Aberglauben entstanden zu sein. Erkrankt z. B. ein Rajah oder unternimmt er eine Reise zu einem anderen Stamme, so gelobt er und sein Stamm einen Kopf im Falle der Genesung oder der glücklichen Wiederkehr. Stirbt er, so werden auch ein oder zwei Köpfe geopfert. Bei Friedensschlüssen wird ebenfalls von manchen Stämmen von jeder Seite ein Mann geliefert, um geköpft zu werden; bei den meisten jedoch werden Schweine statt der Menschen geopfert.

Ist ein Kopf gelobt, so muß er um jeden Preis herbeigeschafft werden. Gewöhnlich legen sich dann einige Dayaker in einen Hinterhalt. Sie verbergen sich in dem drei bis sechs Fuß hohen Jungle-Grase, oder zwischen Bäumen oder abgehauenen Zweigen, unter dürrem Laube, und harren Tagelang ihres Opfers. Nähert sich ein menschliches Wesen, Mann, Weib oder selbst ein Kind dem Verstecke, so schießen sie erst einen vergifteten Pfeil ab, dann springen sie gleich Tigern auf ihre Beute los. Mit einem einzigen Hiebe trennen sie den Kopf vom Rumpfe. Der Körper wird sorgfältig verborgen, der Kopf aber in ein Körbchen gelegt, welches besonders zu diesem Zwecke bestimmt und mit Menschenhaaren verziert ist.

Derlei Morde sind natürlich stets Veranlassungen zu Kriegen. Der Stamm, aus welchem ein Mitglied getödtet wurde, zieht zu Felde und ruht nicht eher, als bis er zum Ersatze einen, auch zwei Köpfe hat. Diese werden dann im Triumphe, unter Tanz und Gesang nach Hause gebracht und feierlich aufgehangen. Die darauf folgenden Festlichkeiten dauern einen ganzen Monat.

Die Dayaker lieben die Köpfe so sehr, daß wenn sie mit den Malaien vereint einen Piratenzug oder eine Fehde unternehmen, sie sich blos die Köpfe ausbedingen und alle übrige Beute den habgierigen Malaien überlassen.

Sie verschieben ihre Züge stets bis nach der Reisernte, die für sie zu wichtig ist, um unterbrochen zu werden, und nehmen Weiber und Kinder mit sich.

Ich bedauerte sehr, nicht acht Tage früher gekommen zu sein. Ich hätte der Feier eines Friedenschlusses beiwohnen können, der, Dank dem eifrigen Bestreben Rajah Brooke’s, zwischen zwei unabhängigen Dayaker-Stämmen geschlossen worden war. Herr Lee erzählte mir, daß die beiden feindlichen Häuptlinge (Rajah’s) von 20 oder 30 ihrer Leute begleitet, vor sein Haus kamen. Jeder brachte ein Schwein mit. Nach langen Reden zwischen den Häuptlingen und dem Volke, wurden die Schweine geköpft, aber nicht durch Dayaker, sondern durch Malaien. Fällt der Kopf auf einen Streich, so bedeutet es Glück. Die Schweine wurden nicht verzehrt, sondern in den Fluß geworfen. Sie schließen ihr Bündniß nicht auf Jahre (diese Rechnung ist ihnen unbekannt), sondern auf Reisernten.

Herr Lee hatte ebenfalls versucht, mir mein Vorhaben, in das Innere des Landes zu dringen, auszureden. Den Nachrichten zu Folge, die er erst kürzlich von jenen Gegenden erhalten hatte, war ein Häuptling getödtet worden und alles in Krieg verwickelt. Mein Entschluß, so weit vorzudringen als man mich ließe, stand jedoch fest, und ich schiffte mich am

+22. Januar+ auf dem +Luppar+ ein, mit der Absicht stromaufwärts bis an das Gebirge +Sekamil+ zu gehen. Ich nahm, außer dem Malaischen Diener, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und acht Malaischen Bootsleuten, noch den Koch Herrn Lee’s als Steuermann mit, der mir durch die Güte des Herrn Lee zur Verfügung gestellt und von großem Nutzen wurde, weil er einige Worte Englisch sprach.

Die Reise begann sogleich in dem Gebiete der freien Dayaker, und zwar der Stämme, die als sehr wild bekannt sind.

Zeitlich des Nachmittags landeten wir an einem ihrer Wohnplätze, um daselbst die Nacht zuzubringen. Mein Hauptbestreben war, stets mich ihnen vertrauungsvoll und herzlich zu nahen. Ich schüttelte Männern und Weibern die Hände, setzte mich unter sie, sah ihren Arbeiten zu, nahm die Kinder auf den Schooß u. s. w. Dann begab ich mich in den Wald, um nach Insekten zu suchen. Daß mir ein ganzer Zug der Eingebornen, besonders der Kinder folgte, versteht sich von selbst. Sie wollten sehen wohin ich ginge, wozu mir das Schmetterlingnetz und die Schachtel diente, die ich zur Aufbewahrung der Insekten stets mit mir trug. Sie betrachteten mein Thun und Lassen gerade so wie ich das Ihrige. Anfangs lachten sie mich wohl aus, wenn sie sahen mit welcher Emsigkeit ich nach jedem Schmetterlinge, nach jeder Fliege haschte[17]; doch kaum hatte ich ihnen begreiflich gemacht, daß ich Arzneien daraus bereite, als aus den Lachern gewöhnlich eben so viele Sucher wurden. Es war nothwendig, ihnen etwas derartiges, für ihr Fassungsvermögen passendes zu sagen. Ich habe ihnen vieles von meinen Sammlungen zu verdanken.

Mit der Abend-Dämmerung heimkehrend, fand ich ein Plätzchen, mit reinlichen Matten belegt, für mich bereit. Die Leute setzten sich zwar in meine Nähe, berührten aber nicht das Geringste; ihre Achtung vor meinem Eigenthume war so groß, daß wenn ich meinen Platz verließ, sie ebenfalls hinweg gingen. Ich konnte ruhig alles offen umher liegen lassen. Auch wenn ich aß, setzten sie sich weiter von mir weg, um mich nicht zu stören. Man gab mir gewöhnlich Reis und Hühner-Kuri[18]. Leider war letzteres stets mit ranzigem Kokosöl zubereitet; da ich jedoch vom frühen Morgen bis späten Abend nichts über die Lippen brachte, that der Hunger sein Bestes; kam es manchmal gar zu arg, so hielt ich die Nase zu und suchte mein Mahl so schnell als möglich zu verschlucken.

Lange des Abends blieben die Dayaker wach. Erst nach elf Uhr erlosch ein Feuer nach dem andere und dicke Finsterniß umgab mich. Dennoch war mir in einer solchen Nacht nicht bange zu Muthe, obwohl ich mich, von jeder Hilfe abgeschnitten, ganz allein unter so begeisterten Kopfliebhabern befand. Ich wußte, daß Rajah Brooke’s Namen bis hierher gedrungen sei und daß ich unter dem Schutze der Achtung die man ihm zollt, sicher ruhen konnte.

+23. Januar.+ Während des Tages fiel nichts vor; wir fuhren an mehreren Dayakerplätzen ungestört vorüber. Nachmittags kehrten wir wieder bei einem Stamme ein. Hier sah es aber nicht sehr gemüthlich aus, denn die Leute waren erst vor zwei Tagen von einem Kampfe heimgekehrt und hatten einen Kopf mitgebracht, der nebst andern schon beinah ganz ausgetrockneten, über der Feuerstelle hing, an der mein Lager bereitet wurde. Es ist dies nämlich der Ehrenplatz, der dem Gaste geboten wird, -- eine höchst widerliche Auszeichnung, die man doch nicht ausschlagen darf. Die dürren Schädel, die in dem starken Zugwinde gegen einander klapperten, der unbeschreibliche, erstickende Gestank, der von dem frischen Kopfe ausging, und den mir der Luftzug zeitweise in’s Gesicht trieb, der Anblick der Leute, die noch sehr aufgeregt schienen und beständig um mein Lager kreisten, als schon alle Feuer erloschen waren, brachte mich um Schlaf und Ruhe. Ich gestehe aufrichtig, meine Angst war so groß, daß ich in eine Art Fieber verfiel. Länger konnte ich nicht liegen bleiben und wagte doch nicht aufzustehen. Ich setzte mich aufrecht und meinte jeden Augenblick das Messer schon an meinem Nacken zu fühlen. Erst gegen Morgen sank ich ermüdet und erschöpft auf mein Lager zurück.

+24. Januar.+ Das Reisen auf Borneo geht unendlich langsam von statten. Es ist unmöglich, die Bootsleute in den schönen frühen Morgenstunden zum Aufbruche zu bringen. Sie müssen erst ihren erbärmlichen Reis kochen, und dazu benöthigen sie so viel Zeit, wie bei uns ein Koch mit dem größten Mittagsmahle. Während der Fahrt halten sie ebenfalls jeden Augenblick mit dem Rudern inne, der Eine um sein Siri zu bereiten, der Andere um Strohcigarren zu wickeln oder zu rauchen, so daß im Durchschnitte kaum die Hälfte der Leute arbeitet. Noch nie ward meine Geduld so auf die Probe gesetzt, wie auf dieser Reise.

Der Malaie, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und von dem er versichert zu sein glaubte, daß er mir gute Dienste leisten würde[19], war der unausstehlichste von allen. Er sollte mich bedienen und zu gleicher Zeit die Leute zur Arbeit, zum frühen Aufbruche anhalten. Von alle dem that er nicht das Geringste; seinetwegen konnten die Leute um Mittag aufbrechen. Er blieb ruhig liegen, oder rauchte und plauderte, und statt mich zu bedienen, ließ er sich bedienen. Befahl ich ihm etwas, so gab er mir keine Antwort, oder kehrte mir den Rücken zu, so daß ich alle Dienste, deren ich benöthigte, von den Bootsleuten fordern mußte.

Die Fahrt wurde nun mit jedem Ruderschlage reizender. Die Ufer erhöhten sich, üppige Reispflanzungen verdrängten die Moräste, und weiter im Hintergrunde erschienen freundliche Hügelketten. Unter den Bäumen gab es wahre Prachtexemplare, manche mit Stämmen von 120 bis 140 Fuß Höhe, andere mit tief herabhängenden Aesten, die sich weit über die Wasserfläche streckten und kühle Laubdächer bildeten. Auf hohen, schlanken Bäumen mit sehr wenig Aesten findet man häufig große Bienenstöcke. Um sie des Honigs zu berauben, verfertigen die Eingebornen eine Art Leiter aus Bambus, die je zu zwei und zwei Fuß an dem Stamm befestiget ist, von welchem sie ungefähr sechs Zoll absteht, und die oft bis zu einer Höhe von 80 Fuß führt.

Auch heute, wie gestern, kehrte ich bei Dayakern ein. Kaum hatte ich mich auf mein Lager begeben, so hörte ich ein schnelles, taktmäßiges Klatschen. Ich erhob mich und ging neugierig der Stelle zu, von welcher diese Musik kam. Da lag ein Mann ausgestreckt und unbeweglich auf der Erde, auf dessen Körper ein halbes Dutzend Jünglinge mit flachen Händen abwechselnd losschlug. Ich hielt den Mann für todt und staunte über diese sonderbare Zeremonie, die mit seinem Körper vorgenommen wurde. Allein nach einer Weile sprang der vermeinte Todte unter dem schallenden Gelächter der Jünglinge auf und -- das Spiel war zu Ende. So viel ich verstand, hält man dergleichen Uebungen für sehr nützlich für den Körper, da sie ihm Biegsamkeit und Kraft verleihen sollen.

+25. Januar.+ Immer schönere Ansichten bieten sich dem Blicke dar. Die Berge vervielfältigen sich und werden höher und höher; manche der Spitzen, die ich heute sah, mochten über 3000 Fuß hoch sein. Mich erinnerte die Reise auf Borneo zum Theil an jene im Innern Brasiliens. Hier wie dort undurchdringlicher Urwald mit erdrückender Vegetation, hier wie dort wenig gelichtetes Land, wenig bewohnte Plätze. Der einzige Unterschied ist, daß Borneo von zahllosen Flüssen und Flüßchen durchschnitten wird, während Brasilien nur wenige, dagegen aber desto mächtigere Ströme besitzt. Was könnte aus beiden Ländern geschaffen werden[20], wären sie mit friedlichen, arbeitsamen Menschen bevölkert! Leider ist dies nicht der Fall; Eingeborne sind nur wenige, und diese denken mehr an Krieg und Zerstörung, als an Kultur und Arbeit, und die weißen Ansiedler schließt theilweise das Klima aus.

Eine Sonderbarkeit Borneo’s ist die dunkelbraune Farbe seiner Gewässer. Einige Reisende behaupten, sie rühre von den vielen Blättern her, die, da die Ufer dicht mit Waldungen besetzt sind, in die Flüsse fallen und verfaulen. Dieser Meinung möchte ich beinahe widersprechen, denn auf der Insel +Ceram+, welche ich später bereiste, und die an Wäldern, an Flüssen eben so reich ist wie Borneo, fand ich das Wasser überall krystallhell.

+Alexander von Humboldt+ bemerkte diese dunkle Farbe auch an Flüssen in Amerika, und er fügt bei, daß in derlei Gewässern weder Krokodile noch Fische leben. Auf Borneo ist dies nicht der Fall. Hier fehlt es nirgends an Kaimans (zum Geschlechte der Krokodile gehörig) und Fischen.

Abends saß ich wieder unter einem Schwarme Dayaker und unterhielt mich mit ihnen mittelst eines Malaischen Dolmetschers und des Koches so gut es ging. Ich frug sie, ob sie an einen großen Geist glaubten, und ob sie Götzen und Priester hätten. So viel ich aber verstehen konnte, glauben sie an nichts und haben weder Götzen noch Priester. Ersteres mag vielleicht nicht der Fall sein, ich kann sie schlecht verstanden haben; was aber letztere anbelangt, so habe ich deren wirklich nie bei ihnen gesehen. Dagegen fehlt es nicht an Rajah’s; jedem Häuptlinge, wenn sein Stamm auch nur aus einigen Dutzend Familien besteht, wird dieser hochtrabende Titel beigelegt. Dies erinnerte mich an Ungarn und Polen, wo sich alles, was nicht leibeigen war, „Edelmann“ nannte.

Wir waren in der besten Unterhaltung, als ein Junge eine wilde Taube brachte, die er im Walde gefangen hatte. Ein Mann nahm sie ihm ab, drehte dem armen Tierchen den Hals um, zog ihm einige der längsten Flügelfedern aus und warf es in’s Feuer. Kaum waren die übrigen Federn halb verbrannt, als er sie vom Feuer nahm, den Kopf und die äußersten Flügelenden abriß, und einem neben ihm stehenden, begierig darauf harrenden Kinde gab. Er legte die Taube hierauf zum zweiten Male in das Feuer, aber nur auf einige Augenblicke, nahm sie wieder weg und zerriß sie in sechs Stücke, die er an eben so viele Kinder vertheilte. Er selbst kostete nicht einmal davon. Ich hatte schon bei vielen Gelegenheiten bemerkt, daß die Dayaker sehr zärtliche Eltern sind.

Denselben Abend brach ein fürchterliches Ungewitter los, von echt tropischen Regengüssen (bei uns Wolkenbruch genannt) und heulendem Sturme begleitet. Ein Windstoß löschte alle Feuer aus. Wir sprangen auf und flüchteten in das Innere des Hauses, jeden Augenblick gewärtig, daß ein zweiter das Blätterdach über unsern Häuptern davon tragen würde. Aber wie alles zu Heftige selten lange anhält, so war es auch mit diesem Sturme: in einer halben Stunde war er vorüber. Die Leute hatten angefangen, aus Leibeskräften zu singen und den Gong zu schlagen, wie ich glaubte, um den Sturm zu übertäuben und zu vertreiben, und sie fuhren damit bis zum frühen Morgen fort. Ihre Gesänge glichen einem tollen Geheule. Ich unterschied zwei Melodien, die beide von einem Vorsänger vorgeschrieen wurden, und an deren Ende die übrigen jedesmal einfielen. Vier Jünglinge führten auch einen Tanz auf. Sie tappten mit langsamen, gleichmäßigen Schritten um die Feuerstelle, über welcher die Todtenschädel hingen. Jeder der Jünglinge hatte einen tüchtigen Knittel in der Hand, mit dem er bei jedem Schritte heftig auf den Boden stieß. Zeitweise spuckten sie nach den Schädeln. Wie ich später erfuhr, galt diese Musik und dieser Gesang nicht dem Sturme; es war ein Fest, welches einem Kriegszug voranging.

Bei allen Stämmen, die ich auf dieser Reise gesehen hatte, wohnte der Häuptling in keiner abgesonderten Hütte, sondern gemeinschaftlich mit den Familien. Die Jünglinge schliefen und wohnten in den Veranden (Vorplätzen).

+26. Januar.+ Meine Reise unter den wilden Dayakern ging so ohne alle Gefahr und Schwierigkeiten vor sich, obwohl ich manchmal Ursache hatte, das Schlimmste zu fürchten, daß ich schon anfing, mich einer gänzlichen Sorglosigkeit hinzugeben. Heute sollte ich eines andern belehrt werden.

Ich saß ruhig in meinem Prauh, als uns ein kleines Kanoe entgegen kam, in welchem vier Dayaker saßen, die mit größtmöglichster Eile stromabwärts ruderten. Sie hielten bei uns nicht an, sondern schrieen uns blos im Vorüberfahren zu, so schnell als möglich umzukehren, da der nächste Stamm, mehr aufwärts am Flusse, gerade zum Kriege ausziehe. Sie selbst seien nur entkommen, weil man sie nicht gesehen habe.

Diese Nachricht machte mich höchst bestürzt. So nahe dem Gebirge -- diesen Abend sollten wir an dessen Fuß gelangen -- und nun umkehren! Ich hielt Rath mit dem Koche, dem einzigen Mann, mit dem ich einige Worte sprechen konnte, und suchte ihn für die Weiterfahrt zu stimmen. Glücklicher Weise war er ein beherzter Mensch; er meinte, daß, obwohl die Dayaker auf ihren Kriegszügen gewöhnlich alles niedermachen, was ihnen in die Hände fällt, sie doch vielleicht Rajah Brooke’s Flagge achten würden. Ich gab ihm Recht, ließ sogleich die Flagge aufziehen, und die Reise wurde, gegen den Willen der anderen Bootsleute, fortgesetzt.

Wir fuhren nicht lange, so vernahmen wir schon den Kriegsgesang mit Begleitung des Gongs und der Trommel. Noch bargen uns die hochbewaldeten Ufer; aber wenig Ruderschläge weiter, bei einer Krümmung des Flusses, zeigte sich uns ein Bild, das wohl den beherztesten Mann mit Furcht erfüllt hätte. Auf einer kleinen Erhöhung am Ufer standen die Wilden, gewiß Hundert an der Zahl, mit hohen, schmalen Schilden, und mit Parangs in den Händen. Bei unserem Anblicke stieg ihr Geschrei auf’s Höchste, und ihre Geberden wurden fürchterlich.

Das Herz erbebte mir im Leibe; doch zur Rückkehr war es zu spät. Entschlossenheit allein konnte uns retten. Dem Hügel gegenüber, mitten im Flusse, lag eine Sandbank. Auf diese sprang mein wackerer Koch und begann eine Unterhandlung mit dem Rajah, von welcher ich leider kein Wort verstand, da sie in Dayakischer Sprache vor sich ging. Um so größer war meine Bestürzung, als plötzlich die Wilden die kleine Anhöhe herabsprangen, sich theils in Kanoe’s, theils ins Wasser stürzten, rudernd und schwimmend auf mein Prauh zu kamen und es von allen Seiten umringten und erstiegen. Nun, dachte ich, sei der letzte Augenblick meines Lebens gekommen. Doch bald vernahm ich die Stimme des Koches, der sich durch die Leute drängte und mir zuschrie, daß man uns willkommen hieße. Zu gleicher Zeit wurde auf der Anhöhe ein weißes Fähnlein als Friedenszeichen aufgesteckt.

Wer je dem Tode wirklich nahe war, der allein kann sich eine Vorstellung machen von der Angst, die ich ausgestanden, so wie von der Freude, die mich nun erfüllte, als ich mich gerettet sah! Alle diese heftigen Gemüthsbewegungen mußte ich unterdrücken und stets die größte Kaltblütigkeit zeigen, da dies noch das einzige Mittel ist, den Wilden Achtung einzuflößen. Der Koch hatte Recht, Rajah Brooke’s Flagge war der Talisman, der uns schützte. Nicht nur daß uns die Leute nichts zu Leid thaten; im Gegentheile benahmen sie sich sehr freundlich, und luden mich ein, mit ihnen an’s Land zu gehen, was ich auch that, um ihnen zu zeigen, daß ich ihre Einladung ehrte und schätzte. Diese Achtung und Verehrung, welche die Dayaker für Rajah Brooke bewiesen, rührte mich sehr. Man sieht daraus, wie dankbar die wilden Völker sind, wenn man es wirklich gut und aufrichtig mit ihnen meint. Hätte ich doch in diesem Augenblicke die Feinde dieses edlen Mannes um mich gehabt! Wie tief würde sie nicht diese Scene beschämt haben![21]

Als ich an das Land stieg, fand ich die Weiber und Kinder hinter der Anhöhe unter Zelten gelagert. Sie empfingen mich so freundlich wie ihre Männer; ich mußte mich sogleich zu ihnen setzen. Auf dem Boden lagen viele Eßwaaren ausgebreitet, besonders eine Menge kleiner flacher Kuchen von allerlei Farben, weiß, gelb, braun und schwarz. Sie sahen so schmackhaft aus, daß ich mit wahrer Lust darein biß. Aber wie bereute ich meine Naschhaftigkeit! Die weißen Kuchen bestanden aus Reis-, die gelben aus Mais-Mehl. Das Mehl war grob gestoßen, und mit weiter nichts als mit einer reichlichen Portion ranzigen Fettes angemacht, das aus der Frucht Kawan gewonnen wird. Die braunen und schwarzen Kuchen erhielten ihre Farbe von der mehr oder minderen Beimischung eines schwarzen Syrups, der aus Zuckerrohr oder von dem Safte verschiedener Palmen bereitet wird. Um die guten Leute, die mir mit Gewalt von allem geben wollten, nicht zu beleidigen, schluckte ich mit Ekel einige Bissen hinab.

Unter den Männern, welche mich umgaben, hatten viele das Körbchen an der Seite hängen, welches zum Empfange des eroberten Kopfes bestimmt ist. Es war höchst zierlich geflochten, mit Muscheln geschmückt und mit Menschenhaaren behangen. Die letztere Zierde darf jedoch nur der Dayaker tragen, der bereits einen Kopf erbeutet hat.

Nach eingenommenem Mahle drangen sie in mich, ihren Wohnplatz zu besuchen, der tiefer im Walde lag. Ich brach sogleich mit ihnen auf und zwar ohne einen einzigen meiner Leute mitzunehmen, wohl wissend, daß man bei wilden Völkern um so geachteter und sicherer ist, je mehr Zutrauen man ihnen zeigt.

Ihre Hütten fand ich wie die der übrigen Stämme. Sie baten mich, den Rest des Tages und die Nacht bei ihnen zuzubringen; allein ich zog es vor, noch diesen Tag bis an den Fuß des Gebirges zu fahren, und nach kurzer Rast nahm ich herzlichen Abschied von meinen neuen Freunden. Männer und Weiber begleiteten mich bis an mein Prauh, drückten mir die Hände und luden mich ein, wieder zu kommen. Sie gaben mir Früchte, Kuchen, Eier, nebst einem Bambusrohre voll gekochten Reises mit auf den Weg.

Des Abends erreichte ich +Beng-Kalang-Sing-Toegang+, einen Ort mit einigen Dutzend Hütten, am Fuße des Gebirges Sekamil gelegen, Sitz eines Malaischen Rajah’s, dem ich durch einen Brief von Kapitän Brooke angelegentlichst empfohlen war.