Part 5
Die Umgebung von Sarawak ist lieblich und wird durch die wenigen Europäischen Häuser verschönert, die nebst einer artigen Kirche, einem Missionshause, einem kleinen Fort und einer Gerichtshalle, auf den umliegenden Hügeln stehen. Alle diese Gebäude sind von Holz, Rajah Brooke’s Residenz nicht ausgenommen. Bei dem Missionshause befindet sich eine Schule für die Eingebornen; 24 Kinder, meist Waisen, waren gänzlich in Kost und Verpflegung aufgenommen. Das unbedeutende Fort besitzt ein Paar Kanonen und gar keine Besatzung. Rajah Brooke ist nicht nur von seinen Unterthanen, sondern auch von den benachbarten Völkern so geachtet und geliebt, daß er der Waffen nicht bedarf.
Ich besuchte die Häuser einiger der vornehmsten Malaien, meist ehemaliger Piratenhäuptlinge, die sich seitdem in friedliche Bürger, ja zum Theil in brauchbare Beamte des Rajah’s umgewandelt haben.
Die Wohnung eines reichen Malaien besteht, wie die des armen, aus einem einzigen, nur größeren Gemache, oft von 50 Fuß Länge und Breite, welches außer den Klambu’s auch noch einige kleine Abtheilungen enthält, die durch niedere Blätterwände gebildet werden. Man sieht hier mitunter Teppiche und hübsche Matten; den Hauptreichthum aber machen die Gongs, die Waffen und die Balangas aus. Letztere sind irdene, vasenartige Gefäße von zwei bis vier Fuß Höhe, mit Arabesken verziert und anscheinend ohne allen Werth. Ich hätte sie gar nicht beachtet oder für große Wassergefäße gehalten. Aber man machte mich auf sie aufmerksam, und ich erstaunte sehr, als man mir sagte, daß diese Gefäße von hundert bis einige tausend Rupien[14] werth seien (wahrscheinlich eine etwas übertriebene Angabe). Der Besitzer einer solchen Vase soll, im Falle er Geld nöthig hat, mit Leichtigkeit von Jedermann einen Theil oder den ganzen Werth darauf vorgestreckt bekommen. Man kennt weder ihren Ursprung noch ihr Vaterland noch ihren Nutzen oder Gebrauch. Man vermuthet, daß sie von China kommen. Die Chinesen ahmen in neuerer Zeit diese Vasen täuschend nach; doch wissen die Kenner auf den ersten Blick die echten von den falschen zu unterscheiden.
Da ich auch gerne mit den Dayakern Bekanntschaft gemacht hätte, war Kapitän Brooke so gefällig, mir einen Ausflug nach einer ihrer Behausungen vorzuschlagen; nur, meinte er, müsse ich das Bergklettern gut gewohnt sein. Die Dayaker lieben nämlich die Ebene nicht, sondern bauen ihre Hütten auf die Spitzen der Berge, je höher und unzugänglicher desto lieber. In früheren Zeiten thaten sie das der Sicherheit wegen, jetzt unter der ruhigen Regierung Rajah Brooke’s thun sie es aus alter Gewohnheit.
Unser Ausflug galt dem Berge +Serambo+, von 1500 Fuß Höhe, auf welchem ungefähr 80 Familien unter einem Häuptlinge leben.
Am +20. Dezember+ um elf Uhr Nachts, traten wir unsere kleine Reise auf dem Flusse Sarawak an. Die Nacht war finster und regnerisch; doch uns hatte weder Regen noch Finsterniß etwas an. Das Prauh war gut gedeckt, hell erleuchtet und durch Vorhänge in Gemächer getheilt, in deren einem ich ein weiches Lager unter einem Muskito-Netze fand. Die Fluth half unserer Fahrt, und als ich des Morgens erwachte, landeten wir gerade in +Siniawan+, einem chinesischen Kampon, aus zwei Reihen Hütten bestehend, die eine kleine Straße bilden. Ich sah hier, daß der Chinese den Schmutz nicht minder liebt als der Malaie; der Unterschied zwischen beiden ist, daß der Malaie, der sein Haus auf Pfähle setzt, über dem Schmutze lebt, während der Chinese ihn vor seiner Thüre hat.
Kapitän Brooke hatte Küche, Diener und Lebensmittel vorausgesandt, und bald saßen wir um ein leckeres Mahl. Außer Herrn Brooke und mir waren noch zwei Europäer von der Gesellschaft.
Nach dem Frühstücke ging es an die Fußparthie. Ein munterer Trupp Dayaker, welchen unsere Ankunft schon Tages zuvor bekannt gemacht worden war, umringte uns; jeder wollte etwas zu tragen haben, um ein wenig Tabak zu verdienen. Wir hatten über zwanzig im Gefolge, von welchen manche bloß eine kleine Kochpfanne trugen; nichts desto weniger ließ Kapitän Brooke reiche Spenden von Tabak und Kupfermünzen unter sie vertheilen.
Der Weg führte bis an den Fuß des Berges durch ausgebreitete, gut kultivirte Reispflanzungen. Der Berg selbst stieg steil und schroff aus der Ebene empor.
Ich hatte schon viel von den schlechten Wegen auf Borneo gehört, dennoch war meine Verwunderung groß, als ich den wahrhaft lebensgefährlichen Pfad sah der auf die Spitze des Berges führte. Ueber Pfützen, Sumpfstellen, Bäche oder Abgründe lagen zwei Bambusstämmchen oder ein dünnes, rundes Bäumchen, -- an schroffen Felskegeln, die man erklimmen mußte lehnten ebenfalls nur einzelne, schmale Baumstämmchen, hie und da ein wenig eingekerbt, um dem Fuße einen Halt zu geben. An den gefährlichsten Stellen war wohl eine Art Geländer angebracht, aber von so zarter Beschaffenheit, daß man unvermeidlich gefallen wäre, hätte man sich im Ernste darauf gestützt. Ich mußte meine Augen beständig auf den Pfad gerichtet haben, und konnte den mich umgebenden Naturschönheiten nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Nur auf den Haltpunkten, die von Zeit zu Zeit gemacht wurden, fand ich Muße, die üppigen Wälder, durch welche unser Weg führte, die schönen Schlingpflanzen und Orchideen zu betrachten. Die Palmen sind auf Borneo umfangsreicher als irgendwo, besonders die Sago-Palmen. Blumen und Vögel fand ich aber in geringerer Anzahl als auf Singapore. Es war wohl, wie man mir sagte, nicht die Blüthenzeit; doch hielt ich mich sechs Monate auf Borneo auf und sah diese Blüthenzeit nicht kommen.
Auf einer Höhe von 1200 Fuß fanden wir den ersten Wohnplatz der Dayaker, eine große Hütte von 50 Fuß Länge und Breite, deren ganze Einrichtung aus einer Menge von Schlafstellen bestand, die ringsum an den Wänden angebracht waren. Es ist nämlich unter einigen der Dayakischen Stämme Sitte, daß die Jünglinge einige hundert Schritte von dem elterlichen Dorfe entfernt, in einer gemeinschaftlichen Hütte unter der Aufsicht des Häuptlings schlafen. Diese Hütte dient zugleich zum Tummel- und Festplatze, und zur Aufbewahrung der Kriegstrophäen, die in den abgeschnittenen Köpfen der Feinde bestehen. Mit wahrem Grausen sah ich hier 36 Schädel aneinander gereiht und gleich einer Guirlande aufgehangen. Die Augenhöhlen waren mit weißen, länglichen Muscheln ausgefüllt. Unter Rajah Brooke’s Regierung hat zwar das Kopf-Abschneiden in dem Bezirke von Sarawak sein Ende gefunden; aber die Eingebornen verehren noch immer diese Schädel -- Denkmale einer blutigen Vergangenheit, die ihren Augen wahrscheinlich ruhmvoll erscheint.
Wir setzten unsere Wanderung fort zu dem nahen Wohnplatze der Familien. Hier standen zwei große Hütten auf Pfähle gebaut, jede über 150 Fuß lang, einander gegenüber. Als Aufgänge dienten schmale, eingekerbte Baumstämme, die Nachts gewöhnlich weggenommen werden. Jede Hütte hatte einen geräumigen, gedeckten Vorplatz, von welchem Thüren zu den Kammern der Familien führten. Die meisten Familien haben eine, manche zwei Kämmerchen; diese enthalten Schlaf- und Feuerstellen und einiges Kochgeschirr. Das eigentliche Leben ist auf dem Vorplatze; hier wird gearbeitet, hier tummeln sich die Kinder umher, hier ruhen die alten Leute. Alles scheint eine Familie auszumachen. Die Weiber flechten Matten und Körbe, die Männer schnitzen zierliche Büchschen für Tabak, Kalk und Gambir, so wie auch sehr schöne Hefte zu ihren Parangs. Auf den Vorplätzen gibt es ebenfalls Feuerstellen, die aber weniger zum Kochen, als zur Beleuchtung dienen. Ueber diesen Feuerstellen wurden vor noch wenig Jahren die frischen Menschenköpfe aufgehangen und so lange gelassen, bis sie vollkommen eingetrocknet und geräuchert waren, worauf man sie unter großen Zeremonien nach dem Ehrenplatze, der Hütte des Häuptlings trug.
Die Dayaker wohnen gleich den Malaien, über einer Pfütze in der sich Schweine[15], Hunde und Hühner umhertreiben. Wenn man diesen Unrath sieht, begreift man kaum, daß die Leute nicht alle stets fieberkrank sind. Außer Hautausschlägen und Geschwüren bemerkte ich jedoch keine Krankheiten unter ihnen. An letztgenannten Uebeln leidet das männliche Geschlecht ungleich häufiger als das weibliche.
Die Dayaker sind eben so wenig mit Schönheit begabt wie die Malaien. Sie haben das Nasenbein flach, die Nasenflügel sehr breit, den Mund groß, die Lippen blaß und aufgedunsen und die Zahnkiefer hervorstehend. Die Zähne feilen sie gleich den Malaien ab und färben sie schwarz. Der Ausdruck ihrer Gesichter ist im Allgemeinen gelassen und gutmüthig, mitunter etwas dumm, was zum Theile von der Gewohnheit herrühren mag, den Mund beständig offen zu haben. Ihre Hautfarbe ist lichtbraun, Haare und Augen sind schwarz. Die Männer tragen das Haar kurz, die Weiber lang, straff, hinabhängend und ungeflochten. Der Gang und die Haltung der Weiber ist sehr unzierlich; sie setzen die Füße weit auseinander und strecken den Unterleib sehr hervor. Diese Unzierlichkeit der Haltung ist zum Theile auch dem Malaischen weiblichen Geschlechte eigen.
Die Bekleidung der Dayaker ist die allereinfachste. Die ganze Garderobe der Männer besteht in einem handbreiten Streifen von Bast, den sie um die Mitte des Leibes geschlagen haben. Gewöhnlich gehen sie auch ohne Kopfbedeckung, selten daß einer ein Stück Bast um den Kopf bindet. Sie haben ein großes Wohlgefallen an Glasperlen und Messingringen, und behängen sich damit Hals und Arme. Die Männer schmücken sich weit mehr als die Weiber, ja die Glasperlen scheinen ihr Vorrecht zu sein. Ich bemerkte deren höchst selten an den Weibern. Die Dayaker tragen stets an einer Seite ein langes, breites Messer, wie bei den Malaien „Parang“ genannt, an der andern ein zierliches Körbchen, welches die Bestandteile des Siri enthält.
Die Weiber kleiden sich mit einem knapp anliegenden Röckchen von Zeug (Bidang), welches von den Lenden bis an die Schenkel reicht; um den Leib tragen sie einen Gürtel (Raway) von vielen Messingreifen oder schwarz geputzten Bambusringen, der bei manchen zwei, bei andern sechs bis acht Zoll breit ist, je nach der Wohlhabenheit der Besitzerin. Die Mädchen legen ihn an, wenn sie aus den Kinderjahren treten, was hier schon gewöhnlich im zehnten Jahre der Fall ist. Dieser oft fünfzehn Pfund schwere eng anschließende Gürtel wird nur für die Zeit abgelegt, als das Weib nahe daran ist Mutter zu werden. Geschmeide sah ich bei den Weibern dieses Stammes wenig. Einige trugen am linken Arme, von dem Handgelenke bis zum Ellbogen viele Messingringe. Die Ohrläppchen hatten sie so stark durchlöchert, daß man ein zolldickes Stück Holz hätte durchziehen können. Sie tätowiren sich nicht, färben aber zuweilen Füße, Nägel und Fingerspitzen rothbraun.
Wir brachten bei diesem Völkchen den Rest des Tages und die Nacht zu. Abends bewirthete Kapitän Brooke die Leute mit Branntwein, den sie sehr lieben, und forderte sie auf, uns dagegen mit Tänzen zu unterhalten. Sie schienen nicht sehr geneigt, unserem Wunsche zu willfahren, und es kostete Mühe, sie dazu zu bewegen. Ihr Tanz ist ruhig und gelassen und gibt, gleich jenen Hindostans, weniger den Füßen, als den Händen und Armen zu thun. Er wird entweder von einem Manne allein, oder von einem Manne und einem Weibe aufgeführt. Das Weib macht dieselben Bewegungen wie der Mann, schlägt aber dabei die Augen so tief zu Boden, daß man glauben möchte, sie seien geschlossen. Ein Mann oder ein Paar tanzt nie lange und wird dann von andern abgelöst. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong. Die übrigen Dayaker saßen still, ja beinahe bewegungslos da. Ernst und Ruhe scheint in ihrem Charakter zu liegen. Nirgends ward ich weniger von Neugierde belästigt als hier.
Den folgenden Morgen ging es an die Rückreise. War das Aufsteigen schon schwierig, so war es das Hinuntersteigen noch mehr, namentlich da ein stark anhaltender Regen in der Nacht die Pfade glatt und schlüpfrig gemacht hatte. Es blieb mir nichts anders übrig als die Schuhe auszuziehen und mit bloßen Füßen über Stock und Stein, durch Disteln und Dornen meine Wanderung bis in das Thal zu machen.
Zu Siniawan wurde wieder gefrühstückt, dann fuhren wir fünf Meilen den Fluß Sarawak stromaufwärts, gingen weiter drei Meilen in einem engen Thale zu Fuße und befanden uns mitten im Antimonium-Erze.
Das Erz liegt hier so reich auf der Oberfläche der Erde, daß man gar keine Minen zu graben braucht. Es wird ganz einfach mit Brecheisen und Hämmern in Stücke geschlagen, in Körbe geladen und durch Menschen bis an den Fluß getragen. Ein Chinese trägt mittelst einer Stange, an deren jedem Ende ein Korb hängt, zwei Pikul und läuft mit dieser Last noch dazu ziemlich rasch fort. Das Erz soll 90 Procent liefern.
Von diesen Minen, oder besser gesagt diesem Lager, begaben wir uns nach einem Sommerhause Rajah Brooke’s, mit welchem eine kleine Meierei verbunden ist. Herr Brooke hält hier einige Dutzend Kühe und läßt täglich Butter machen, die nebst der Milch an seine Küche geliefert wird.
Kühe und Pferde findet man auf Borneo nur bei den Europäern; erstere arten sehr bald aus, geben wenig und schlechte Milch, die Kälber sterben häufig; die Pferde werden nicht so alt, wie in ihrem Vaterlande und pflanzen sich gar nicht fort. Dagegen sah ich beim Rajah Brooke einen herrlichen Nasen-Affen, zwei große Orangutangs und einen Honigbären, Thiere die bloß auf Borneo vorkommen.
Am +24. Dezember+ kamen wir wieder nach Sarawak zurück.
[9] Für Segelschiffe rechnet man 8000 Seemeilen, da man der Winde halber einen ungeheuern Bogen nach Westen beschreiben muß und Brasiliens Küste ziemlich nahe kommt, für Dampfschiffe 5000 Meilen. -- Wenn ich wo immer zu Wasser reise, rechne ich nach Seemeilen, deren vier auf eine deutsche Meile gehen.
[10] Man nennt „über dem Winde“ die Seite von welcher der Wind kommt -- „unter dem Winde“ wohin er geht.
[11] Lootsen heißt, mittelst des Senkbleies die Tiefe der See messen.
[12] Prauh ist ein Malaisches Boot von 20 bis 80 Fuß Länge und 6 bis 8 Fuß Breite, welches nicht tief geht. Die Piraten bedienen sich dieser Fahrzeuge vorzugsweise, weil sie damit in jeden Fluß lenken und sich so der Verfolgung leicht entziehen können.
[13] Der Gong ist ein musikalisches Instrument, aus einer Messing-Platte bestehend, auf welche mit einem Klöppel geschlagen wird. -- Parang ein anderthalb Fuß langes Messer.
[14] Eine Rupie ist ungefähr zwei Schillinge Englisch (1 fl. Oesterreichisches Geld) werth.
[15] Da die Dayaker nicht Mohamedanischen Glaubens sind, können sie Schweine halten.
Drittes Kapitel.
Abreise von Sarawak. -- Gezwungene Rückkehr. -- Ankunft in Sacaran. -- Die unabhängigen Dayaker. -- Der Schwert-Tanz. -- Die eroberten Menschenköpfe. -- Fahrt auf dem Luppar. -- Angstvolle Nacht. -- Begegnung eines kriegführenden Stammes. -- Uebergang des Gebirges Sekamil. -- Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang.
Da ich in Sarawak nichts mehr zu besehen hatte, wünschte ich meine Reise fortzusetzen. Mein Plan war, zur See nach dem Flusse Sacaran zu fahren, diesen landeinwärts zu verfolgen bis an das Gebirge Sekamil, welches die ost-westliche Wasserscheide macht, das Gebirge selbst zu übersteigen, auf den westlichen Gewässern mich wieder einzuschiffen, und auf diese Art in einem großen Bogen nach +Pontianak+ zu gelangen, einer holländischen Besitzung, die an der nord-westlichen Küste Borneos liegt. Kapitän Brooke suchte mir dieses Unternehmen mit aller Macht auszureden; er versicherte mir, daß das Innere des Landes voll wilder, größtenteils unabhängiger Dayakerstämme sei, und daß er selbst als Mann diese Reise nicht wagen würde. Doch alle Gegenvorstellungen waren umsonst, -- ich beharrte bei meinem Entschlusse.
Herr Brooke war so gefällig sein Kanonenboot „Jolie“ unter Befehl des Kapitäns +Grimble+ in Bereitschaft setzen zu lassen, um mich zur See bis an die Mündung des Flusses Sacaran (80 Meilen) zu bringen; ein Prauh sollte mich von dort stromaufwärts nach dem Forte Sacaran führen.
Die Bereitung des Bootes, mehr aber das schlechte Wetter hielten mich noch zehn Tage in Sarawak fest.
Den Silvesterabend brachten wir sehr angenehm zu. Kapitän Brooke hatte alle Europäer zu einem Festessen geraden, bei welchem es natürlich nicht an Toasten fehlte. Der erste galt der Königin, der zweite dem Rajah Brooke, der dritte mir, und den vierten brachte ich den versammelten Herren aus. Froh und heiter traf uns das neue Jahr (1852) vereint. Am 1. Januar klärte sich das Wetter auf, und die Sonne schien freundlich auf uns nieder. Kapitän Brooke ließ alle die Kleinen von dem Missionshause kommen und bewirthete sie mit einem guten Mahle. Die Kinder sprangen und tummelten sich im Garten umher, während die Eingebornen sich mit Wettfahrten auf dem Strome erlustigten und Kapitän Brooke die Sieger mit Geschenken beglückte.
Den +5. Januar+ (1852) trat ich in Begleitung eines Missionärs, der sich in Sacaran festsetzen sollte, meine Weiterreise an. Wir kamen glücklich zur See, fanden sie aber so stürmisch und aufgeregt, daß jeder Versuch vorzudringen, vergeblich war. Eine Sturzwelle zertrümmerte das Bugspriet, eine zweite wusch die Kabüse (Küche) sammt dem bereiteten Mahle über Bord. Wir mußten zurück, und am 6. Januar lagen wir wieder in Sarawak vor Anker.
Kapitän Brooke meinte, ich sollte diese Hindernisse als Warnung ansehen und der Reise entsagen. Ich erwiederte ihm, daß ich, obwohl Frau und alt, mich vor Vorurtheilen und Aberglauben zu bewahren gewußt habe.
Sturm und Regen wechselten Tag für Tag; seit lange konnte man sich eines so unausgesetzt schlechten Wetters nicht erinnern. Die Malaien schrieben es einer Mondesfinsterniß zu, die am 8. Januar statt hatte.
An das Kanonenboot war unter solchen Umständen nicht zu denken. Wollte ich fort, so mußte ich es in einem Prauh wagen, mit dem man nahe an der Küste fahren und in jeden Fluß einlenken kann. Ich entschloß mich dazu und schiffte mich am
+17. Januar+ unter heftigem Regen zum zweiten Male ein, und zwar diesmal allein mit einem Malaischen Führer, den mir Kapitän Brooke mitgab. Der Missionär fürchtete sich vor der Seekrankheit! -- Kapitän Grimble wollte mich durchaus begleiten; allein ich gab es nicht zu.
Auch diesmal fanden wir die See sehr böser Laune: sie sandte Wogen auf Wogen über uns, so daß wir bald halb im Wasser saßen und uns nach einigen Stunden beschwerlichen Kampfes in ein nahes Flüßchen zurückziehen mußten. Den folgenden Tag ging es wenig besser, und erst den dritten gelangten wir in die Mündung des Flusses Sacaran. Hier begünstigten uns Wind und Fluth, und wir legten die 69 Meilen nach dem Fort in neun Stunden zurück.
Kommandant +Lee+ empfing mich sehr zuvorkommend in dem hölzernen Fort, welches Rajah Brooke erst vor kurzem hier an der Grenze seines Landes bauen ließ. Das Fort ist von niedrigen Erdwällen umgeben und hat eine Besatzung von 30 eingebornen Soldaten. Herr Lee und ein Beamter sind die einzigen Europäer.
Der Fluß Sacaran ist etwas bedeutender als der Sarawak, theilt sich jedoch schon 30 Meilen von der Mündung in zwei Arme, an dessen kleinerem, +Luppar+ genannt, das Fort liegt.
Die Ufer sind abwechselnd mit Nipa-Palmen, Laubwäldern, Jungle-Gras und Reispflanzungen bedeckt. Auch hier wie bei dem Sarawak, tritt das Wasser an vielen Stellen tief in das Land, eine Eigenthümlichkeit der meisten Flüsse auf Borneo; ihre Ufer sind so niedrig, daß alles meilenweit unter Wasser steht und sich Sümpfe und Moräste bilden.
Herr Lee war von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte diese Nachricht den Eingebornen mitgetheilt, die von allen Seiten herbeiströmten um mich zu sehen, da eine weiße Frau noch nie hierher gedrungen war. Vom Morgen bis Abend mußte ich so gefällig sein, mich betrachten zu lassen. Die Besucher, Malaien und Dayaker, benahmen sich aber sehr bescheiden; ihre Neugierde war nicht belästigend; sie reichten mir die Hand, setzten sich nieder und begafften mich stillschweigend. Einige der Dayakerinnen hatten kurze Oberleibchen an, die sie jedoch bei dem Eintritte in das Zimmer ganz ungenirt ablegten.
Den folgenden Tag erwiederte ich einige Besuche. Ich fand bei den Malaien alles so wie zu Sarawak und hielt mich daher nicht lange bei ihnen auf. Ich zog es vor, einen unabhängigen Dayaker-Stamm[16] in der Nähe von Sacaran zu besuchen. Hier fand ich eine große Hütte von wenigstens 200 Fuß Länge. In der Veranda war so vielerlei Kram ausgelegt, daß ich diese Dayaker für Kaufleute gehalten hätte, wenn es solche unter ihnen gäbe. Da lagen Stoffe von Zeug oder Bast, herrliche Matten, schön geflochtene Körbe von allen Größen und Formen und von ausnehmend geschickter Arbeit; dort standen einige jener kostbaren Vasen, deren Werth ich noch immer nicht begreifen konnte, -- hier hingen Parangs, Trommeln, Gongs; alle ihre Reichthümer waren zur Schau gestellt, der großen Vorräthe an bereiteten Bambus und Nipa, so wie der aufgestapelten Säcke von Reis und anderen Lebensmitteln nicht zu vergessen.
Auch sah ich bei diesen Dayakern ungleich mehr Schmuck als bei jenen auf dem Berge Serambo. Manche der Männer waren überladen damit. Sie hatten den Hals bis an die Brust mit Glasperlen, Zähnen des Honigbären und Muscheln behängt, die Arme bis an die Ellbogen, die Füße bis an die Hälfte der Waden mit Messingreifen umgeben. An einem der Oberarme trugen sie häufig ein aus einer weißen Muschel geschnittenes Armband, welches unter ihnen für sehr werthvoll gilt. Allein das allerwerthvollste für sie ist ein Hals- und Armband von Menschenzähnen. Die Ohren waren durchstochen und mit Messingringen geschmückt. Ich zählte an einem derselben 15 Ringe, von welchen jeder an Umfang zunahm; der größte hing bis an die Schulter hinab und hatte gewiß drei Zoll im Durchmesser. An diesen letzten war noch ein Blatt, eine Blume, ein Messing-Kettchen oder sonst irgend ein Gegenstand befestigt. Auf dem Kopfe trugen manche ein Käppchen von rothem Stoffe, mit Perlen, Muscheln und Messingblättchen verziert und mit einer hohen Feder des schönen Argusvogels. Andere hatten ein Stück Bastzeug kranzartig um den Kopf geschlungen, dessen Enden breit ausgefranst waren und aufgestülpten Federn glichen. Ein so geschmückter Mann sah etwas komisch aus, oben voll Putz, unten nackt.
Die Weiber trugen ungleich weniger Schmuck: sie hatten keine Ohrgehänge, keine Bärenzähne und nur selten Glasperlen. Dagegen war ihr Raway, hier Sabit genannt, acht bis neun Zoll breit, und war mit einer Unzahl Messing- oder Bleiringe besetzt. Ich hob eines dieser Prachtstücke auf und glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sein Gewicht auf zwanzig Pfund schätze.
Herr Lee ersuchte den Häuptling, den Schwert-Tanz aufführen zu lassen. Zwei Parangs wurden zu diesem Zwecke kreuzweise auf den Boden gelegt. Die Tänzer waren zwei festlich geschmückte Jünglinge. Sie hatten rothe, schmale Tücher mit Goldbörtchen besetzt, um den Kopf geschlagen und ein langes Stück buntes Zeug, gleich einem Shawl über die Achsel geworfen. Der Tanz war äußerst zierlich und anständig. Hier hatten nicht nur die Hände und Arme, sondern auch die Füße zu thun. Die beiden Tänzer machten hübsche Stellungen und vollführten kunstvolle Bewegungen. Erst tanzten sie einige Minuten um die Schwerter, dann schienen sie sie erheben zu wollen, sprangen aber jedesmal, wie von Ersetzen erfaßt, zurück, bis sie dieselben endlich wirklich erhoben und in der geübtesten Weise kreuzten, gleich den best geschulten Fechtern. -- Unstreitig war dies der schönste Tanz, den ich bisher von Wilden hatte aufführen gesehen. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong.