Meine zweite Weltreise

Part 4

Chapter 43,676 wordsPublic domain

Meine ursprüngliche Absicht war gewesen, in der Kapstadt selbst nur kurze Zeit zu verweilen, wohl aber einen Ausflug in das Innere zu machen, und, wenn möglich, bis an die Binnenseen vorzudringen. Man versicherte mich allgemein, daß ich als Frau von den Eingebornen nicht viel zu befürchten hätte, und daß selbst die Holländischen Weinbauern und Landbesitzer, -- sonst gerade nicht durch ihre Gefälligkeit berühmt, -- mich als Deutsche ruhig meines Weges würden ziehen lassen. Ihre Unfreundlichkeit erstreckt sich blos auf die Engländer, welchen sie das Eindringen in ihr Land so viel als möglich zu erschweren suchen. Auch der Krieg zwischen den Engländern und den Kaffern hätte mir keine Hindernisse in den Weg gelegt, da ich nicht nöthig hatte, den Kriegsschauplatz zu berühren; allein als ich mich nach den Kosten dieser Reise erkundigte, fand ich sie meiner Kasse weit überlegen, und der schöne Plan mußte aufgegeben werden. -- Ich glaube, daß man in keinem Lande der Welt so kostspielig und zu gleicher Zeit so langsam reist als hier am Kap.

Man muß sich einen langen, mit Linnen oder Matten gedeckten Wagen kaufen, nebst fünf bis sechs Paar Ochsen. Der Wagen wird gleich einem Hause eingerichtet, denn er dient als Wohnung und Nachtquartier. Zugleich miethet man einen Fuhrmann, Ochsenjungen und Diener, und ist genöthiget, Lebensmittel, ja nicht selten auch Wasser mitzuführen. Mit den Ochsen hat man viele Unannehmlichkeiten. Man kommt durch Gegenden, in welchen es Schwärme kleiner Fliegen gibt, deren Stich den Ochsen lebensgefährlich ist; in anderen fehlt es an Wasser, und die Thiere fallen vor Durst, oder werden krank und untauglich vom Genusse des verdorbenen Wassers, so daß man beständig entweder neue Ochsen kaufen oder die kranken umtauschen muß. Dies wird stets kostspieliger, je weiter man sich von der Stadt entfernt, da die Ochsen im Innern des Landes seltener sind. Am Ende werden die Wege unfahrbar, und man muß Wagen und Ochsen zurücklassen und Pferde kaufen.

Da ich in Folge der aufgezählten Schwierigkeiten gezwungen war, diese Reise zu unterlassen, warf ich meine Blicke auf Australien. Doch dahin fehlt es von der Kapstadt aus an Gelegenheit. -- Eine Bremer Brigg, „Louise Friederike,“ Kapitän +Nienhaber+, lag im Hafen zur Reise nach +Singapore+. Ich überlegte nicht lange. Einmal in Singapore findet man Schiffe nach allen Himmelsgegenden. Durch die Verwendung Herrn +Haase’s+, eines englischen Beamten, kostete mich die Ueberfahrt beinahe nichts; der Kapitän rechnete mir nur die Kost, und zwar so geringe, daß ich für die ganze Reise von 8000 Seemeilen blos drei Livres Sterl. zu bezahlen hatte.

Am +25. September+ gingen wir unter Segel. Günstige Winde brachten uns in 40 Tagen an die Einfahrt der +Sunda-Straße+; diese rasche Fahrt erleichterte einigermaßen die Einförmigkeit der See, denn wir begegneten weder Schiffen, noch bekamen wir Land zu Gesicht. In der Sunda-Straße war es schon anders. Schiffe und Dampfer segelten an uns vorüber, und Gebirge und Land stiegen aus dem Meere. Der Java-head, der zuerst unsere Blicke fesselte, ist ein reich bewaldeter Berg von 4000 Fuß Höhe, an den sich niedrigere Gebirgszüge und lachende Hügelketten anschließen. Von nun an verloren wir das Land selten mehr aus dem Auge. Bald erschienen größere oder kleinere Inseln, bald Felskolosse, die aus der Tiefe des Meeres auftauchten, bald Baumgruppen, deren Aeste so tief herniederhingen, daß sie im Wasser selbst zu wurzeln schienen.

Wir durchschifften die +Java-See+ längs der Küste von +Sumatra+, und gelangten in die +Banka+-Straße, die von den Inseln Sumatra und Banka an manchen Stellen so eingeengt wird, daß sie einem Strome gleicht. Auf den beiderseitigen Ufern zeigten uns die mit hohem Grase und dichten Waldungen bedeckten Ebenen und Gebirge die Ueppigkeit der tropischen Vegetation.

Die Entfernung von dem Eingange der Sundastraße bis Singapore beträgt acht Grad, mit deren Durchschiffung wir vierzehn Tage zu thun hatten. Windstillen und Gegenwinde brachen die Kraft der Segel, die Richtung des Steuerruders; wir gingen wohl ein halb Dutzend Mal über den Aequator hin und her, und manche Nacht lagen wir sogar vor Anker. Die Hitze war unerträglich. Sie stieg im Schatten häufig auf 27 Grad Réaumur. Dessen ungeachtet verging uns die Zeit ziemlich schnell, denn der Kapitän war ein gebildeter Mann, der nebenbei recht hübsch die Flöte blies. Auf der einförmigen See ist dies kein Fehler. Außerdem machten uns die Eingebornen mitunter Besuche, vertauschten Geflügel und Früchte gegen bunte Tücher, Spiegel oder Gold und sorgten auf solche Weise für unsere Tafel; dazu kam die Abwechslung der vorüberziehenden Landschaften; -- wir durften also es uns nicht als Verdienst anrechnen, die vierzehn Tage mit Geduld ertragen zu haben. Doch gab es auch einige unangenehme Zufälle. Eines Morgens fiel ein Matrose beim Umstellen der Segel über Bord und denselben Tag der Obersteuermann beim Lootsen[11]. Glücklicher Weise hatten wir wenig Wind. Beide wurden gerettet. Eine Nacht ging gleichfalls nicht ohne Abenteuer vorüber. Wir lagen vor Anker, und da sich in diesen Meeren von Zeit zu Zeit Piraten blicken lassen, empfahl der Kapitän den Matrosen strenge Aufmerksamkeit. Kaum waren wir zur Ruhe, so erscholl der Ruf: „zwei Boote in Sicht vom Lande her.“ Alles sprang vom Lager auf; Gewehre, Kugelbüchsen, Pistolen, Säbel wurden auf das Deck gebracht, unter die Mannschaft vertheilt, die beiden sechspfündigen Kanonen geladen, und so gerüstet erwartete man den Feind. Die gefürchteten Boote nahten sich jedoch nicht unserem Schiffe, und wir begaben uns wieder zur Ruhe. Später erfuhren wir, daß die Piraten die Europäischen Schiffe nicht angreifen.

Am +16. November+ erreichten wir Singapore nach einer Fahrt von 54 Tagen.

Die Familie +Behn+ nahm mich so liebevoll auf, wie vor vier Jahren, als ich das erstemal nach diesem Platze kam.

In +Singapore+ selbst fand ich nichts verändert. Doch ungefähr zwanzig Meilen von dieser Insel war während der Zeit ein herrlicher Leuchtthurm entstanden auf einem Felsen mitten im Meere, wo die Brandung so stark ist, daß der Wächter stets auf sechs Monate mit Wasser und Lebensmitteln versehen wird. Den Thurm erbaute man in 18 Monaten aus Granitsteinen, die von der Insel +Urbin+, unweit Singapore, kommen.

Ebenfalls neu für mich war ein kleines Häuschen, das erst ganz kürzlich von einigen Familien gebaut worden war, damit sie von Zeit zu Zeit dort ein wenig frische Luft schöpfen könnten. Da das Häuschen bei meiner Ankunft gerade leer stand und Herr +Behn+ wußte, daß er mir keine größere Freude machen könne, als mich auf einige Tage mitten in einen Jungle zu versetzen, wo ich nach Herzenslust der Natur und dem Insektenfange leben konnte, so wies er mir dieses Häuschen als Wohnort an. Er stellte auch ein Boot und fünf Männer zu meiner Verfügung, damit ich die nahe gelegenen kleinen Eilande besuchen könne. Die fünf Männer (Malaien) kamen jeden Morgen. Wollte ich nicht fahren, so durchstreiften sie mit mir den Jungle, halfen Insekten fangen, deren es hier im Ueberflusse gab, und dienten mir zugleich als Schutzwehr gegen die zahllosen Tiger, die stets von Malakka über den schmalen Meeresarm geschwommen kommen. Diese Thiere haben in den letzten Jahren sehr zugenommen; sie scheuen sich nicht, am hellen Tage in die Pflanzungen einzubrechen und Arbeiter heraus zu holen. Im Jahre 1851 wurden 400 Personen von ihnen auf der kleinen Insel Singapore aufgezehrt.

Trotz der schaudervollen Begebenheiten, die man mir erzählt hatte, fand ich einen eigenen Reiz, von Morgen bis Abend in diesen schönen Waldungen umherzustreifen. Meine fünf braunen Begleiter waren mit Gewehren, Lanzen und langen Messern bewaffnet, stießen von Zeit zu Zeit ein lautes Geschrei aus und schlugen an Aeste und Bäume, um die bösen Gäste zu schrecken und zu verscheuchen. Dies alles erweckte nicht die geringste Furcht in mir. Ich war zu sehr beschäftigt mit den reizenden Gegenständen, die sich auf jedem Schritte meinem Blicke darboten. Hier sprangen lustige Affen von Ast zu Ast, dort flogen buntgefiederte Vögel auf, hier waren es wieder Blumen, die aus den Stämmen der Bäume zu wurzeln schienen, sich um die Aeste rankten und ihre Blüthen durch die Zweige und Blätter drängten, dort setzten mich die Bäume selbst durch ihren Umfang, durch ihre Höhe und Fremdartigkeit in Erstaunen. Nie werde ich der glücklichen, schönen Tage vergessen, die ich in diesem Jungle verlebte, und von weiter Ferne sende ich dem Veranlasser jenes schönen Aufenthaltes, Herrn Behn, meinen innigen Dank.

Spuren der Tiger sahen wir täglich; überall fanden wir Abdrücke ihrer Krallen im Sande oder in der weichen Erde. Eines Mittags kam ein solcher Gast ganz nahe an das Häuschen und holte sich einen Hund, den er in gemütlicher Ruhe, kaum einige hundert Schritte entfernt, verzehrte. In einer Nacht wurde ich durch einen Lärm in der Gallerie neben meinem Schlafgemache aufgeschreckt. Ich dachte wohl, daß es keine vierfüßigen Besucher seien; aber ich fürchtete eben so sehr zweifüßige, um so mehr, als unweit des Häuschens 20 bis 30 Verbrecher wohnten, die das Gouvernement hierher versetzt hatte, um Holz zu fällen. Man wußte, daß meine Wache in einer entfernten Hütte schlief, daß ich allein in dem Häuschen wohne und daß die Thüren gar nicht geschlossen werden konnten. Ich hatte zwar stets ein großes Messer bei mir; das würde mir aber wahrscheinlich nicht viel geholfen haben. Dessenungeachtet rief ich beherzt. „Wer da?“ -- Ich erhielt zur Antwort, daß ein Tiger bemerkt worden sei, der um die Hütte kreise und daß man Jagd auf ihn mache. Das war leicht möglich; doch hörte ich keinen Schuß fallen und die Stille der Nacht ward nicht weiter getrübt. Am andern Morgen spielte ein Aeffchen beinahe vor der Thüre; einer meiner Beschützer legte sein Gewehr an -- der Schuß versagte aber, und zwar wiederholte Male. Welch ein Glück, daß wir der Waffen nicht in Wirklichkeit benöthigten!

Die kleine Insel +Urbin+, unweit +Changie+, verdient einen Besuch. Sie hat außer dem bereits erwähnten Granit eine Merkwürdigkeit aufzuweisen, die noch kein Naturforscher erklären konnte. Die Felspartien am Meergestade sind nämlich nicht glatt und rund, wie an allen Orten, wo sie vom Wasser überspült werden, sondern im Gegentheile scharfkantig und wie in Fächer getheilt. Die Kanten mögen 1 bis 1½ Fuß eingeschnitten sein und stehen 1 bis 2 Fuß von einander entfernt.

Ich änderte in Singapore abermals meinen Reiseplan: anstatt nach +Adelaide+ (Australien) ging ich nach der Westküste Borneo’s, nach +Sarawak+, dem unabhängigen Besitzthume eines Engländers, Namens +Brooke+.

Kapitän +Layall+ vom Trident, 320 Tonnen, war so gefällig, mich für einen mäßigen Preis dahin mitzunehmen.

Man rechnet von Singapore nach der Stadt +Sarawak+ 450 Seemeilen. Wir benöthigten zwölf Tage bis an das Kap +Datu+ an der Mündung des Flusses +Sarawak+, der hier über eine Meile breit ist. Einen halben Tag mußten wir auf der Rhede liegen bleiben, um mit der Fluth in den Strom zu kommen, auf welchem man noch 25 Meilen aufwärts zu segeln hat.

Bevor ich Sarawak beschreibe, will ich meine Leser in wenigen Worten mit der Geschichte Herrn +Brooke’s+ bekannt machen, welchen der Sultan von +Borneo+ zum Rajah (Fürsten) ernannt und mit dem Gebiete von Sarawak belehnt hat. -- Ich schöpfe diese kurzen Mittheilungen aus „~+Keppel’s+ Expedition to Borneo.~“

+James Brooke+ stammt aus der Familie des Sir +Robert Vyner+, Baronet, welcher unter +Karl+ dem ~II.~ Lord-Mayor von London war. +James Brooke+, im Jahre 1803 geboren, ging als Kadet nach Indien, zeichnete sich sehr aus und erhielt in einem Gefechte mit den Burmesen einen Schuß durch den Leib, in Folge dessen er nach England zurückkehrte, um sich herzustellen. Er nahm späterhin wieder Dienst; seine geschwächte Gesundheit erlaubte ihm aber nicht, demselben lange vorzustehen, und er ging im Jahre 1830 von Calcutta nach China, um Luft zu verändern und sich zu zerstreuen. Auf dieser Reise war es, daß er den +Indischen Archipel+ kennen lernte, der ihm ausnehmend gefiel. Er las die vorzüglichsten Werke, die über diesen Theil der Welt existiren, und gelangte alsbald zur Ueberzeugung, daß die östlichen Inseln und besonders Borneo ein reiches Feld für Forschungen und Unternehmungen darböten. Seine Hauptzwecke waren: den Sklavenhandel aufzuheben, den Seeräubereien zu steuern und die Eingebornen zu Menschen zu bilden. Er kehrte nach England zurück, hatte aber mit vielen Hindernissen und Unannehmlichkeiten zu kämpfen, bevor es ihm möglich wurde, seinen Plan in Ausführung zu bringen. Im Jahre 1838 verließ er endlich England auf einem kleinen, aber wohl ausgerüsteten Kriegsschooner und mit Leuten, die er während der letzten Jahre für sein Unternehmen vorbereitet hatte. „Und wenn je ein Mann“ sagt Keppel, „für solch ein Unternehmen geeignet war, so war es James Brooke. Ein ausgezeichneter Verstand, schnelle Fassungsgabe, Großmuth, Entschiedenheit, mit einem Worte alle guten Eigenschaften des Kopfes und des Herzens zierten ihn, und er verband damit ein überaus freies und liebenswürdiges Benehmen.“

Als J. Brooke in Sarawak ankam, fand er den Rajah, +Muda Hassim+, in großen Zwistigkeiten mit seinem Volke. J. Brooke stand ihm bei und brachte nach zwei Jahren vollkommene Ruhe und Ordnung im ganzen Lande zu Stande. Er richtete hierauf seine Aufmerksamkeit auf die Piraten und reinigte die Küste gänzlich von ihnen. Muda Hassim trat ihm aus Dankbarkeit den Distrikt Sarawak ab und ernannte ihn zum Rajah. Er nahm das Land im Jahre 1841 in Besitz und wurde sowohl von dem Sultane von +Bronni+ (Borneo), als auch von den Engländern als Fürst und Eigenthümer anerkannt.

Die Folgen seiner kräftigen und gerechten Regierung zeigten sich in seinem Lande bald. Die Bevölkerung der Stadt stieg in zehn Jahren (1841 bis 1851) von 1500 Seelen auf 10,000, und so wie in der Stadt, nahm auch die Bevölkerung auf dem Lande durch zahlreiche Einwanderer aus den umliegenden Staaten zu. Selbst die freien und wilden Dayaker im Innern des Landes kennen seinen Namen und ehren und achten in ihm den Befreier ihrer Landsleute, die unter dem Joche der Malaien gleich Sklaven lebten und die er letzteren in allem gleich gestellt hat. Jeder findet Sicherheit, Frieden und Verdienst. Der Kaufmann kann ruhig seinem Handel leben, der Bauer erhält unentgeltlich so viel Land als er besorgen kann und überdies noch einen Vorschuß von Reis zur Saat und zum Leben bis zur Ernte; der Arbeiter findet Beschäftigung in den Gold-, Diamanten- und Antimonium-Minen. Die Steuern sind äußerst geringe: der Kaufmann zahlt eine Kleinigkeit für seinen Laden, der Bauer einen Pikul (125 Pfund leichtes Gewicht) Reis per Jahr, und der Arbeiter gar nichts.

Die Haupteinkünfte des Rajah sind die Antimonium-Minen und der Opium-Pacht, welch letzterer nicht nur hier, sondern in ganz Indien ungemein hoch ist und das bedeutendste Einkommen der Regierungen ausmacht. Ich werde im Verlaufe meiner Beschreibung ausführlich von diesem Monopole sprechen.

Auf Sarawak wie überall wird das Opium von den Chinesen viel, von den Malaien wenig geraucht.

Ich bedauerte sehr, Herrn J. Brooke nicht kennen gelernt zu haben, da er sich gerade in London befand. Seine Stelle vertrat sein Neffe, Kapitän +John Brooke-Brooke+, den er an Sohnesstatt angenommen hat und der somit der künftige Erbe seines Titels und Landes ist.

Kaum hatte Kapitän Brooke erfahren, daß ich am Bord des +Trident+ sei, als er sein eigenes, bequemes Prauh[12] unter Befehl des Schiffskapitäns +Grimble+ sandte, um mir die für Segelschiffe oft langweilige Fahrt stromaufwärts zu verkürzen. Der Trident hatte auch wirklich drei Tage dazu nöthig, während ich selbst sie in vier Stunden machte.

Die Flußufer sind äußerst niedrig, so daß das Wasser sie an vielen Orten überschwemmt und fortgesetzte Reihen von Morästen bildet. Die ersten 10 bis 12 Meilen vom Flusse an gegen das Innere sind auf beiden Seiten mit Nipa- und Mangrova-Palmen bedeckt, dann fängt junger Jungle an. Die Nipa-Palme ist den Eingebornen von unendlichem Werthe. Sie hat keinen Stamm, die Blätter, 12 bis 15 Fuß lang, schießen gleich aus den Wurzeln empor. Alle Theile dieser Palme sind nützlich: von den Rippen der Blätter werden die Wände der Hütten gemacht; die Blätter selbst dienen als Bedachung, oder werden zu Asche gebrannt, aus der man Salz gewinnt. Matten und Körbe werden aus den Blättern geflochten und der ihnen entzogene Saft wird zu Syrup gekocht.

In der Nähe der Stadt erhöhen sich die Ufer, und die Gegend wird teilweise hügelig. Weiter im Innern zeigen sich Gebirgszüge, deren höchste Berge Matang, Santabong 3000 Fuß messen. Als eine Eigenthümlichkeit des Landes erschienen mir mehrere steilaufsteigende, einige tausend Fuß hohe Berge mit spitzen Kuppeln, die ohne Verbindung mit andern Bergen oder Hügeln frei in der Mitte von Ebenen standen.

Was die Bevölkerung anbelangt, so ist sie an der Meeresküste und an den Ufern des Flusses sehr spärlich. Ich sah an der Mündung nur ein einziges Haus, welches ungefähr hundert Fuß lang ist, auf 20 Fuß hohen Pfählen ruht und von Dayakern bewohnt wird; dann hört jede Ansiedlung auf bis ungefähr acht Meilen vor der Stadt. In früheren Zeiten war das Land bis auf 20 oder 30 Meilen von der Küste unbewohnt. Die Furcht vor den Piraten war so groß, daß Niemand es wagte, seine Hütte in ihrem Bereiche zu bauen. Seit der Ankunft Rajah Brooke’s hat, wie gesagt, an der West- und Nordwest-Küste Borneo’s die Piraterie gänzlich aufgehört.

An dem Landungsplatze empfing mich Kapitän Brooke persönlich und geleitete mich in das Haus seines Onkels. Als ich ihm meinen Empfehlungsbrief überreichte, war er so artig, mich zu versichern, daß mein Name schon hierher gedrungen sei und ich keines Empfehlungsbriefes bedürfe.

Die Stadt Sarawak hat weder Straßen noch Plätze; sie besteht aus einer Menge größerer und kleinerer Hütten, die ohne Symmetrie und Ordnung in Haufen zusammengedrängt liegen. Die Hütten sind aus der Nipa-Palme gebaut und stehen auf 8 bis 10 Fuß hohen Pfählen, welche Bauart den Malaien eigen ist und von den Chinesen selten nachgeahmt wird. Die Aufgänge sind Leitern, deren Sproßen aber so weit von einander stehen, daß ihr Ersteigen für einen ungeübten Kletterer gefährlich wird. Noch gefährlicher sind die Vorplätze, deren Boden einem grob geflochtenen Netze gleicht, das aus dünnen, runden und glatten Bambus-Stämmchen besteht, von welchen man leicht abgleitet und dann mit dem Fuße in den Zwischenräumen hängen bleibt. Im Innern der Hütten ist dieses Bambus-Gitter wenigstens enger und mit Matten überlegt. -- Von Haus-Einrichtung ist wenig zu sehen: einige Körbe, hölzerne Kisten, Strohmatten, Polster, irdenes Kochgeschirr, ein Gong, ein Parang[13] und einige Klambu’s. Letztere bilden eine Art Schlafgemach für die verheirateten Leute und die erwachsenen Mädchen. Sie bestehen aus einer Himmeldecke mit Vorhängen von Kammertuch, die bis zur Erde reichen. Die Klambu’s sind ungefähr fünf Fuß hoch und breit und sechs Fuß lang, können leicht an jeder Stelle aufgemacht werden und schützen auch gegen die Moskitos.

Der Raum unter dem Hause ist von Hühnern, Hunden und anderen Thieren, bei den Chinesen auch von Schweinen bevölkert. Er gleicht einer wahren Mistpfütze, denn aller Unrath wird durch den gegitterten Boden hinabgeworfen.

Die Einwohner Sarawak’s sind Malaien und Chinesen; die wenigen Dayaker, die man sieht, bilden keine Familien; sie stehen entweder in Diensten oder kommen in Geschäften. Die Chinesen bewohnen einen Theil der Stadt, die Malaien einen andern; jeder dieser Theile wird Kampon genannt.

Die Chinesen weichen in nichts von ihren vaterländischen Sitten, Gebräuchen und Trachten ab. Die einzige Aenderung zu der sie gezwungen sind, ist, daß sie ihre Frauen bei den Malaien oder Dayakern suchen müssen. Die Chinesische Regierung erlaubt nämlich dem weiblichen Geschlechte nicht, auszuwandern; eine Frau oder ein Mädchen, die China verlassen, sind ihres Vermögens verlustig und dürfen nie wiederkehren. Die Chinesen auf Borneo wählen ihre Frauen gewöhnlich aus dem Dayakischen Volke; die Dayakerinnen sind viel arbeitsamer als die Malaiinnen und haben den großen Vortheil, eigentlich keine Religion zu besitzen und daher leicht die ihrer Männer anzunehmen, oder wenigstens kein Aergerniß daran zu finden.

Man kann die Chinesen als das Glück und das Unglück des Landes betrachten, in dem sie sich niederlassen. Einerseits sind sie arbeitsam und ausdauernd in allem was sie unternehmen, andererseits aber im höchsten Grade gewinnsüchtig, falsch und listig. In ihren Händen liegt der ganze Handel, der größte Theil der Gewerbe, die Bearbeitung der Minen; sie entziehen den trägen Malaien, den ehrlichen Dayakern jeden Gewinn und übervortheilen und betrügen sie auf alle Art.

Die Malaien sind Mohamedaner, weichen aber in manchen Gebräuchen von den Mohamedanern im Oriente ab. So genießen z. B. ihre Weiber sehr viel Freiheit; sie gehen ungehindert aus und haben das Gesicht nicht verschleiert; sie sind im Gegentheile nur zu leicht gekleidet, denn die meisten tragen blos den Sarong, ein Stück Zeug, welches über oder unter der Brust befestiget wird und bis über die Schenkel reicht. Andere vervollständigen ihren Anzug mit einem kurzen Jäckchen (Kabay) oder einem längeren Oberkleide (Padju). Die Weiber der Vornehmen gehen zwar wenig aus; doch ist dieß ihrer Trägheit und nicht einem Verbote zuzuschreiben, denn im Hause empfangen sie jede Art Besuche.

Die Tracht der Männer weicht von jener der Weiber wenig ab; sie tragen, wie diese, den Sarong, den Kabay, ja manche auch den Padju. Viele haben unter dem Sarong kurze Beinkleider an. Auf den ersten Blick würde man oft die Geschlechter nicht unterscheiden, hätten die Männer nicht Tücher um den Kopf geschlagen, während die Weiber in ihrem bloßen Haarschmucke gehen.

Die Ehen werden hier ohne große Zeremonien geschlossen und sehr leicht gelöst. Jedes der Eheleute hat das Recht sich zu trennen. Man findet unter jungen Männern oder Frauen viele, die mehr als ein halb Dutzendmal ihre Ehe-Hälften verändert haben.

Die Malaische Race zeichnet sich nicht durch Schönheit aus. Besser ist noch der Körper bedacht als das Gesicht. Letzteres ist durch den breiten, stark hervortretenden Oberkiefer, durch den großen Mund, die schwarzen, abgefeilten Zähne und die schlappe, ausgedehnte Unterlippe im höchsten Grade entstellt. Die Zähne werden mit Antimonium, Gambir und noch andern Ingredienzien glänzend schwarz gefärbt, welche sonderbare Mode bei den Malaien als Schönheit gilt. Viele feilen sie auch halb ab oder spitzen sie pyramidenförmig zu. Die Ausdehnung der Unterlippe rührt von dem Siri her, welches sie kauen und häufig zwischen den untern Zähnen und der Lippe halten. Ihr Körper ist durchschnittlich von mittlerer Größe, die Männer sind etwas schlanker als die Weiber. Ihre Hautfarbe ist licht röthlichbraun bis dunkelbraun; Haare und Augen schwarz, Nase flach mit breiten Nasenflügeln, Hände und Füße klein, aber zu mager und knochig.

Sie beginnen schon mit acht oder zehn Jahren Siri zu kauen. Das Siri besteht aus einem Betelblatte, in welches ein Stückchen Arecanuß, aus Seemuscheln gebrannter Kalk und etwas Gambir gewickelt wird. Bevor sie dieses Päckchen in den Mund schieben, reiben sie auf ekelhafte Weise die Zähne und Lippen mit Tabak ein und nehmen ihn gleichfalls in den Mund. Durch das Sirikauen wird der Speichel wie der ganze Mund blutroth gefärbt. Diese schöne Gewohnheit ist so beliebt, daß alte Leute, welchen die Zähne zum kauen fehlen, stets ein kleines Rohr mit sich führen, in welchem sie das Siri zerstoßen.