Part 7
Hier verabschiedete ich mein Prauh; die Wasserfahrt, deren Länge von Sacaran bis an das Gebirge ungefähr 150 Meilen betragen mochte, hatte vorläufig ein Ende; es handelte sich nun darum, das Gebirge selbst zu übersteigen. Glücklicherweise erbot sich der Rajah, mich persönlich zu begleiten, und somit stand dieser gefährlichen Reise nichts mehr im Wege. Der nächste Tag verging mit den Vorbereitungen. Der Rajah suchte die Mannschaft aus, die er mitnehmen wollte, ließ die Waffen in Stand setzen, die Lebensmittel bereiten u. s. w. Ich benützte diese Zeit, das Leben und Treiben der Leute zu beobachten.
Zu der Gattin des Fürsten hatte ich unbedingten Zutritt, nicht nur weil ich eine Frau war, sondern auch weil, wie ich schon früher erwähnt habe, bei den Malaien die Frauen bei weitem nicht so strenge abgeschlossen sind, wie bei den Türken. Die Frau war noch sehr jung, gehörte aber nicht zu den schönsten ihres Geschlechtes; im Gegentheile war ihrem Gesichte ein Stempel ganz besonderer Trägheit und Theilnahmslosigkeit aufgedrückt. Nicht einmal ihr Kind, das um sie spielte, konnte ihr ein Lächeln oder eine freundliche Miene abgewinnen. Das fürstliche Ehepaar zeichnete sich in der Kleidung von seinen Unterthanen und Sklaven nicht im Geringsten aus; das Kind ging, gleich den andern Kindern, ganz nackt. Besser beschaffen war die Einrichtung des Schlafgemaches, das durch hohe Bambus-Wände von der Küche und den übrigen Räumen abgesondert, zugleich als Empfangssaal diente. Hier gab es schön gestickte Kissen, eingelegte Holzkästchen, reinliche Klambu’s und drei jener räthselhaften, kostbaren Vasen.
Die Malaien halten Sklaven. Sie verdammen hiezu die Kriegsgefangenen sowie auch die Schuldner, die nicht bezahlen können. Letztere müssen so lange als Sklaven dienen, bis sie von ihren Verwandten oder Freunden ausgelöst werden, was natürlich selten geschieht, da das Volk durchschnittlich sehr arm ist. Die Sklaven werden aber sehr gut behandelt; sie gehören zur Familie und ich würde nie ein Sklaven-Verhältniß bemerkt haben, hätte man es mir nicht gesagt.
+28. Januar.+ Nun ging es an die Fußreise. Ich hatte dazu eine sehr zweckmäßige, einfache Kleidung. Ich trug ein kurzes Beinkleid, das mir bis über die Knie reichte, einen Rock und eine Cabaya. Der Rock ging mir zwar bis an die Knöchel, ich schürzte ihn aber während des Marsches auf und ließ ihn erst hinab, wenn die Tagereise vollendet war. Auf dem Kopfe hatte ich einen herrlichen Bambus-Hut von der Insel Bali, undurchdringlich für Regen und Sonnenschein. Um gegen den Sonnenstich gänzlich gesichert zu sein, legte ich noch unmittelbar auf den Kopf ein Stück von einem Banana-Blatte. Was die Fußbekleidung anbelangte, so mußte ich den Strümpfen und theilweise auch den Schuhen entsagen, da der Weg häufig durch Sümpfe und Wasser führte. Wer ähnliche Reisen unternimmt, muß abgehärtet sein wie der Eingeborne. Ich war es, weil ich es sein wollte. Ich schlief gar viele Nächte auf der bloßen Erde in Wäldern und hatte gar manche Tage zu meiner Nahrung nichts als in Wasser gekochten Reis.
Unser Zug bestand, außer dem Rajah, mir und meinem Diener, noch aus zwölf Mann Gefolge, theils Dayaker, theils Malaien, von welchen die Hälfte mit Gewehren bewaffnet war.
Ich machte mich nicht nur auf schlechte Wege, sondern auch auf das Ersteigen eines hohen Gebirgspasses gefaßt. Letzteres war jedoch nicht der Fall. Wir wanden uns stets durch schmale Thäler, in wenig aufsteigender Richtung; ich glaube kaum, daß wir uns mehr als 500 Fuß erhoben. Die Wege dagegen waren gräßlich -- eine ununterbrochene Kette von Bächen, Sümpfen und stehenden Gewässern, in die wir oft tief über die Knie einsanken. Von den Höhen hatten wir überraschende Ansichten. Dreifache Gebirgsketten thürmten sich hintereinander auf; große Thäler lagen dazwischen, von schönen Flüssen durchschnitten, aber alles in dem tiefen Schlummer dichter, undurchdringlicher Waldungen begraben. Selten kamen wir an kleine Lichtungen, von Dayakern bewohnt, und mit Reis, Mais, Zuckerrohr und Ubi (eine Gattung süßer Kartoffel) bepflanzt. Wenn wir uns einer solchen Stelle näherten, wurde Halt gemacht und ein Theil der Mannschaft vorausgesandt, um den Platz zu untersuchen und um die Erlaubniß des Durchzuges anzufragen. Zweimal führte uns der Weg mitten durch die Dayakerhäuser; wir mußten die Leiter auf der einen Seite hinauf- auf der andern hinabklettern. Die Dayaker lichten oft vorsätzlich nicht die Waldungen um ihre Wohnplätze, um dem Feinde den Zugang zu erschweren; sie lassen nur schmale, enge Pfade offen, die leicht verrammelt werden. Man könnte ein solches Haus mit einem Blockhause vergleichen.
Nach einem scharfen Marsche von acht Stunden hielten wir in einem dieser Blockhäuser an, wo man uns ohne Schwierigkeit erlaubte, die Nacht zuzubringen.
+29. Januar.+ Höhen hatten wir nicht mehr zu übersteigen; dagegen aber waren die Wege, die durch dichte Wälder führten, voll Wurzeln und gefallener riesiger Baumstämme, so daß es immerwährend zu klettern gab. Rechnet man dazu die Pfützen, Moräste und Gewässer, durch die es durchging, oder die auf dünnen Bambusstämmchen überschritten werden mußten, so kann man sich einen Begriff von dieser Reise machen. Bei schönem Wetter anstrengend genug, ist sie bei schlechtem, wie wir es trafen, eine der beschwerlichsten.
So oft ein verdächtiges Geräusch im Walde vernommen wurde, hielten wir an; wir mußten auf dem Platze wie eingewurzelt stehen bleiben und die größte Stille beobachten, während die Mannschaft vorausschlich, gleich Schlangen über die Baumstämme und Wurzeln sich windend.
Nach einem abermaligen Marsche von acht Stunden erreichten wir +Beng-Kallang-Boenot+, das Ende der Fußreise. Ich glaube kaum, daß wir in diesen 16 Stunden mehr als 35 Meilen gemacht haben.
Zu +Beng-Kallang-Boenot+ residirte ebenfalls ein kleiner Malaischer Fürst, bei welchem wir die Nacht zubrachten.
Daß ich allen diesen Leuten, Dayakern wie Malaien, eine vollkommen fremde Erscheinung war, versteht sich von selbst. Die wenigsten hatten je einen weißen Mann, alle gewiß aber nie eine weiße Frau gesehen. Ihre Verwunderung war um so größer, da nach ihren Begriffen eine Frau allein sich kaum einige Schritte vom Hause entfernen kann.
+30. Januar.+ Zu Beng-Kallang-Boenot schiffte ich mich auf dem Flusse +Batang Lupar+ in einem ganz kleinen Boote mit blos einem Fährmanne ein. Der Fluß schlängelte sich durch Waldungen, war schmal und von vorstehenden Bäumen oft so eingeengt, daß wir kaum durchkommen konnten. Die Sonne drang nirgends durch das dichte Blätterdach; die größte Stille, von Zeit zu Zeit durch das Aufspringen eines Affen oder das Auffliegen eines Vogels allein unterbrochen, umgab uns. Stiller und finsterer konnte es auf dem Acheron selbst nicht sein. Die Farbe dieses Flusses war beinahe tintenschwarz.
Nach einigen Stunden überholten wir ein kleines Kanoe, das mit zwei Männern, einem Weibe, einem Kinde und vielen Hühnern und anderem Kram beladen war. Wir hielten an, und nach einer kurzen Unterredung sah ich zu meinem Erstaunen, daß die ganze Besatzung auf mein Boot übersiedelte. Das ihrige verbargen sie in dichtem Gebüsche. Ich stritt vergebens dagegen. Meinem Schlingel von Diener schien die Sache anzustehen, und deshalb hörte er nicht auf meine Worte. Mein Platz war durch diesen Zuwachs natürlich sehr beschränkt; was mich aber noch mehr belästigte, war das Feuer, das die Leute machten, um ihren elenden Reis zu kochen, und dessen Hitze und Rauch mir in’s Gesicht schlugen.
Der finstere Batang Lupar verlor sich nach ungefähr 30 Meilen in den See +Boenot+, der an vier Meilen im Durchmesser haben mochte. Dieser See bot mir eine Merkwürdigkeit dar, wie ich noch keine ähnliche gesehen hatte. Er war nämlich dicht mit Baumstämmen angefüllt, die jedoch nicht entwurzelt umherlagen, sondern fest im Grunde standen; nur waren sie gänzlich erstorben und hatten weder Aeste noch Kronen; sie glichen von Menschenhand eingesetzten Palissaden. Eine breite Wasserstraße, ein natürlicher Kanal von höchstens einer halben Meile Länge führte in einen zweiten See, +Taoman+ genannt, der noch einmal so groß war als der Boenot-See und im Gegensatze zu diesem einen vollkommen reinen, schönen Wasserspiegel hatte.
Die Umgebung beider Seen war herrlich: weite bewaldete Thäler, östlich und westlich von malerischen Gebirgszügen mit hohen Spitzen und Kuppen begrenzt. Die höchsten der Spitzen mochten wohl an 5000 Fuß messen.
Von dem See Toaman lenkten wir in den schönen Fluß +Kapuas+, nach dem +Benjermassing+ der bedeutendste Borneo’s. Seine Breite mag gut eine halbe Meile betragen; doch ist sie sehr ungleich, da es ihm, wie den meisten Flüssen dieses Landes, an scharf abgrenzenden Ufern fehlt; seine Gewässer überfließen oft weithin die Waldungen. An diesem schönen Flusse gab es der bewohnten Stellen viel weniger als an dem Lupar (jenseits des Gebirges Sekamil); hätte nicht Hundegebell und Hühnergeschrei von Zeit zu Zeit Leben verkündet, so würde ich die ganze Gegend für unbewohnt gehalten haben.
Diese und die folgende Nacht brachte ich höchst unbequem auf dem Boote zu. Die zugewachsene Gesellschaft ließ mir so wenig Raum, daß ich halb gekrümmt liegen mußte. Ich wäre gerne bei Dayakern eingekehrt; jedoch der Fährmann wollte nicht, indem er vorgab, daß es zu gefährlich sei.
+31. Januar.+ Heute begegneten wir größeren und kleineren Prauh’s mit Dayakern und Malaien. Nachmittags überholte uns ein sehr großes. Man schrie uns höchst gebieterisch zu, heranzusteuern. Wir mußten wohl gehorchen, denn Ungehorsam war mit unserer Schwäche nicht vereinbar. Statt gefürchteter Piraten empfing mich aber ein sehr höflicher Malaischer Rajah, der auf einer Reise begriffen war. Nach einigen Fragen, „woher ich komme“, „wohin ich gehe“ u. s. w., beschenkte er mich mit einer großen Schale frischen Kokosöles und einigen süßen Kuchen.
+1. Februar.+ Gegen Mittag erreichten wir +Sintang+, ein Städtchen von wenigstens 1500 Einwohnern und Sitz eines Sultans. Hier hatten die Gefahren ein Ende, denn die Dayaker-Stämme, die ich bis +Pontianak+ noch zu passiren hatte, standen unter Malaischen Fürsten, an welche ich von dem Sultan von Sintang empfohlen zu werden hoffte. Ich hatte zu diesem Zwecke für letzteren einen Brief von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot mitgebracht.
Ich muß gestehen, daß ich gerne noch länger unter den freien Dayakern gereist wäre. Ich fand sie überaus ehrlich, gutmüthig und bescheiden, ja ich setze sie in diesen Punkten über alle Völker, die ich bisher kennen gelernt habe. Ich konnte alles offen liegen lassen und mich stundenlang entfernen; nie fehlte das geringste. Sie baten mich wohl zuweilen um manches das sie sahen, gaben sich aber gleich zufrieden, wenn ich ihnen erklärte, daß ich es selbst benöthigte. Nie waren sie zudringlich oder belästigend. Man wird mir vielleicht entgegnen, daß das Köpfen und Aufbewahren der Todtenschädel gerade nicht von Gutmüthigkeit zeuge; man muß aber berücksichtigen, daß dieser traurige Gebrauch mehr eine Folge rohen und unwissenden Aberglaubens ist. Ich bleibe bei meiner Behauptung stehen und führe als weitere Beweise ihre häusliche, wahrhaft patriarchalische Lebensweise, ihre Sittlichkeit, die Liebe, die sie für ihre Kinder haben, die Achtung, die diese den Eltern bezeigen, an.
Die freien Dayaker sind ungleich wohlhabender als jene, die unter Malaischem Joche stehen. Sie bauen Reis und Mais, etwas Tabak, hie und da auch Zuckerrohr und Ubi. Sie gewinnen viel Fett aus der Frucht Kawan, sammeln in den Wäldern Damar-Harz, das sie als Leuchte brennen, und haben viel Sago, Rotang und Kokosnüsse. Mit einigen dieser Artikel treiben sie Tauschhandel gegen Messing, Glasperlen, Salz, rothes Tuch u. s. w., in ihren Augen die werthvollsten Gegenstände, die sie dem Golde weit vorziehen. Auch an Geflügel und Schweinen sind sie reich, genießen dergleichen aber nur bei Festen und Hochzeiten.
Manche Reisende behaupten, daß die freien Dayaker schöne Leute sind. Ich kann höchstens sagen, daß ich sie etwas minder häßlich fand als die Malaien. Sie sind durchschnittlich von mittlerer Größe, haben sehr magere Beine und Arme und wenig oder keinen Bart; sie raufen die Barthaare aus. Sie haben an Schönheit vor den Malaien nichts anders voraus, als daß die Backenknochen etwas minder breit und vorstehend sind und daß das Nasenbein ein wenig mehr erhaben ist. Es ist möglich, daß wenn man jahrelang unter solchen Völkern lebt, man das am Ende schön findet, was dem neuen Ankömmlinge häßlich erscheint.
Die Dayaker können Weiber nehmen, so viel sie wollen; sie begnügen sich aber beinahe durchgehends mit einer Frau. Sie behandeln ihre Weiber gut und überhäufen sie nicht mit Arbeit; den schwereren Theil verrichten die Männer. Ehescheidungen, Zänkereien sind höchst selten, und ihre Sitten ungleich reiner und besser als jene der Malaien. Jünglinge und Mädchen werden ziemlich strenge abgesondert gehalten. Die Mädchen schlafen in den Kammern, die Jünglinge auf der Veranda oder in der Hütte des Häuptlings. Sie vermischen sich mit keinen andern Völkern; die Mädchen, die sich mit Chinesen verheirathen, werden als nicht mehr zum Stamme gehörig betrachtet.
Die Dayaker haben keine Schrift und, wie es scheint, auch keine Religion. Ueber letzten Punkt sind jedoch die Meinungen verschieden. Der Reisende Temmingk sagt, daß sie eine Religion hätten, die dem Fetischismus gleiche: Der Gott +Djath+ regiere die Oberwelt, der Gott +Sangjang+ die Unterwelt. Diese Götter stellen sie sich unter menschlicher Gestalt, aber unsichtbar vor, und rufen sie an, indem sie Reis auf die Erde streuen oder andere Opfer bringen. In ihren Wohnungen fände man aus Holz geschnittene Gottheiten.
Andere Reisende schreiben ihnen eine Art Pantheismus zu. Da gäbe es Gottheiten unter und ober der Erde und eine Menge guter und böser Geister, unter welchen Budjang-Brani der böseste. Alle Krankheiten seien von bösen Geistern verursacht, die sie durch Geschrei und Schlagen des Gongs zu vertreiben suchen.
Wieder andere behaupten, daß sie weiter nichts besäßen, als einige verwirrte Begriffe von einem Gotte und von der Unsterblichkeit.
Ich kann diese verschiedenen Meinungen weder bestätigen noch verneinen; gewiß ist aber, daß ich bei den Stämmen, mit welchen ich in Berührung kam, weder Tempel noch Götzenbilder noch Priester oder Opfer wahrnahm. Bei Hochzeiten, Geburten und Sterbefällen werden zwar von manchen Stämmen viele Zeremonien beobachtet, die aber in keiner Verbindung mit Religion zu stehen scheinen. Bei solchen Gelegenheiten köpft und verspeist man meistens Hühner, auch Schweine; bei Friedensschlüssen tödtet man wie bereits bemerkt, Schweine, die man aber nicht verzehrt. Die Verstorbenen werden bei einigen Stämmen verbrannt und die Asche in hohlen Bäumen bewahrt; andere begraben ihre Todten auf beinah unzugänglichen Plätzen, am liebsten auf Bergspitzen; wieder andere binden sie an Baumstämme, mit den Füßen nach oben.
Doch zurück zu meiner Reise.
Die Lage des Städtchen Sintang ist reizend; die Hütten liegen theils an dem schönen Flusse Kapuas, theils halb verborgen zwischen Kokospalmen und Pisangbäumen. Im Hintergrunde viel bebautes Land und in weiter Ferne hohe Berge, von welchen der höchste wohl an 8 bis 9000 Fuß haben mochte.
Ich konnte nicht gleich an das Land gehen; die Sitte erheischt, so lange in dem Boote zu verweilen, bis man von dem Sultan eine Wohnung angewiesen erhält. Ich sandte daher meinen Diener, der sich in vollen Staat warf, mit dem von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot erhaltenen Empfehlungsbriefe ab. Er kam jedoch mit dem Briefe zurück, begleitet von einem Minister des Sultans, der mir die Nachricht brachte, daß der Sultan abwesend sei und erst des Abends oder des folgenden Morgens zurückerwartet werde.
Der Minister führte mich in eine der Hütten, in welcher mir ein Theil des Gemaches eingeräumt wurde; er hatte zu gleicher Zeit schöne Teppiche, Matten, Polster und einen Klambu mitgebracht.
Spät Abends kam er wieder, um mir zu sagen, daß der Sultan zurückgekehrt sei und mich am folgenden Morgen im Divan erwarte. Ich hatte glücklicherweise schon so viel von der Malaischen Sprache inne, um die Leute verstehen zu können.
Am folgenden Morgen holte man mich in einem schönen, großen Boote mit 20 Ruderern ab. Mein Diener wickelte den Brief in zwei seidene Tücher und folgte mir. Vor der hölzernen Residenz des Sultans, die nahe am Flusse lag, empfing mich Musik und Kanonendonner[22]. Der Weg vom Ufer bis an den Divan (ungefähr einige hundert Schritte) war mit Matten belegt. Auf halben Wege kam mir der Sultan entgegen, um mich gebührender Maßen zu empfangen. Man sah dem guten Manne die Verlegenheit an; er wußte nicht, wie er sich einer Europäerin gegenüber benehmen sollte. Mit wahrhaft komischer Grazie reichte er mir die Fingerspitzen (nach Mohamedanischen Begriffen schon eine sehr große Kühnheit), auf welche ich die meinigen legte, und so schwebten oder tanzten wir nach dem Divan, der von der Vorhalle bloß durch ein zwei Fuß hohes, hölzernes Geländer geschieden war. Hier standen, von buntem Kammertuche halb überdeckt, ein plumper Tisch, ein Stuhl, und in Ermanglung eines zweiten Stuhles eine Kiste. Der Sultan und ich nahmen an dem Tische Platz, während die Minister und Großen des Reiches längs den Wänden auf dem Boden saßen. Außerhalb drängte sich das Volk, dem das Erscheinen einer Europäischen Frau natürlich ein ganz neues, merkwürdiges Schauspiel bot.
Mein Empfehlungsbrief ward auf einer silbernen Tasse gebracht; der Ueberbringer rutschte auf den Knien, mit niedergeschlagenen Augen zu dem Sultan, langte nach dessen Hand, küßte sie mit großer Andacht und hielt die Tasse hin. Der Sultan befahl dem ersten Minister, den Brief zu nehmen, zu öffnen und zu lesen.
Ein Brief an einen Sultan oder sonst eine vornehme Person muß nach Mohamedanischer Sitte aus einem ganzen Bogen bestehen, von welchem nur die erste Seite beschrieben sein darf; reicht diese nicht aus, so muß ein zweiter, dritter Bogen genommen werden.
Sobald die Vorlesung des Briefes beendet war, wurden Erfrischungen gereicht. Man hatte zu diesem Zwecke für den Sultan einen Teller, für mich aber ein vollständiges Gedeck gebracht. Die Erfrischungen bestanden aus Thee ohne Zucker und Milch, aus Näschereien und Früchten auf mehr als 20 schön geschliffenen Glasschüsselchen. Die gesammte Gesellschaft nahm Theil an diesem Mahle.
Nach aufgehobener Tafel führte mich der Sultan in’s Frauengemach. Auch hier war man so aufmerksam gewesen, einen erhöhten Sitz für mich zu bereiten. Der Sultan stellte mir seine Frau und seine Töchter vor, -- häßliche Geschöpfe von echt Malaischem Typus. Obwohl viele Männer und junge Leute zugegen waren, trugen sie weiter nichts als einfache Sarongs, die bis zur halben Brust reichten.
Der Sultan von Sintang, wie es scheint in seinem Lande ein vollkommener Despot, hat seinen Unterthanen verboten, mehr als eine Frau zu nehmen. Dieses Recht gebührt, seiner Meinung nach, nur den Fürsten. Ob er selbst mehrere hat, weiß ich nicht; mir stellte er nur eine vor.
Bei dem Abschiede fanden dieselben Feierlichkeiten statt, wie bei der Ankunft.
Ich erstaunte sehr über diesen festlichen Empfang, um so mehr, da er einerseits zum Theile nach Europäischer Art vor sich ging, und ich anderseits wußte, daß der Sultan von Sintang noch keinen Europäer gesehen hatte. Mein Diener löste mir das Räthsel. Als er nämlich Tages zuvor den Brief zum Sultan brachte, war dieser nicht abwesend, wie man mir sagte; er wußte nur nicht, auf welche Weise eine Europäische Frau zu empfangen sei, und wollte sich erst darüber mit meinem Diener berathen. Mein Diener beschrieb ihm die Feierlichkeiten die zu Sarawak stattfinden, wenn Rajah Brooke von einer Reise zurückkommt, und dieser Beschreibung hatte ich es zu verdanken, daß ich gleich einer regierenden Fürstin empfangen wurde. Der Stuhl, der Tisch, wurden in Eile zusammen gezimmert, und das Besteck war mein eigenes, das mein Diener mitgebracht hatte.
Der Sultan versprach mir beim Abschiede, ein Sampan[23] zu meiner Verfügung zu stellen, das mich bis +Pontianak+ führen sollte. Ich bat ihn, selbes morgen mit aufgehender Sonne zu senden.
+3. Februar.+ Gleich nach Sonnenaufgang meldete man mir den Besuch des Sultans. Nach seinen Begriffen war es nämlich nicht schicklich, meine Aufwartung denselben Tag zu erwiedern; da ich aber heute so zeitlich abreisen wollte, war er gezwungen, diese frühe Stunde zu wählen.
Er kam in Begleitung seines Vaters, den ich noch nicht gesehen hatte, und einiger seiner männlichen Verwandten; die fürstlichen Frauen erwiedern keine Besuche.
Der Vater des Sultans trug ein goldbrokatenes Käppchen und Leibchen, die ersten kostbaren Kleidungsstücke, die ich an einem Fürsten Borneo’s sah. Außer den gewöhnlichen Schönheiten seiner Race war dieser Mann noch mit einem tüchtigen Kropfe bedacht, der zweite der mir auf dieser Insel vorkam. Den ersten, in kleinem Formate, hatte die Gemahlin des Rajah von Beng-Kallang-Boenot.
Diese vornehme Gesellschaft war in ihrem Benehmen nicht halb so bescheiden als die Dayakischen Kopf-Jäger. Alles wurde aufgerissen und durchwühlt; über meine kleine Reisetasche, die unglücklicher Weise noch offen stand, fielen sie gleich wilden Thieren her. Ich hatte nicht genug Augen, um alles zu bewachen und vor Schaden zu schützen (besonders die Insekten und Reptilien). Der fürstliche Vater nahm am Ende gleich die ganze Tasche in Beschlag; auf Kamm, Zahnbürste und Seife deutend, frug er mich, zu was das diene, und in Folge meiner Erklärung schien ihm deren Nutzen so einleuchtend, daß er sie ganz unumwunden behalten wollte. Ich nahm sie ihm jedoch, ehe er fort ging, ebenso unumwunden wieder ab und gab ihm dafür einige Bildchen und andere Kleinigkeiten.
Die Unkenntniß, die diese Leute von allem, was ich besaß, hatten, bewies mir, daß sie mit Europäern noch wenig oder gar nicht in Berührung gekommen sein mußten. Der Gebrauch der einfachsten Gegenstände war ihnen unbekannt, alles mußte ich ihnen zeigen und erklären, und alles wollten sie, wie gesagt, sich zueignen. Ich war herzlich froh, als diese hohe Gesellschaft sich hinweg begab.
Der Sultan trieb die Höflichkeit so weit, mich eine Strecke von zwei Meilen zu begleiten.
Die Reise von Sintang nach Pontianak machte ich sehr rasch, in drei und einem halben Tage und ohne weitere Abenteuer. Ich hatte die Vorsicht gehabt, die Eingebornen zu fragen, in wie viel Tagen man diese Reise machen könne (unterläßt man solche Vorsichtsmaßregeln, so ist man den Leuten ganz Preis gegeben), und da sie mir sagten in sechs, am schnellsten in vier Tagen, so ersuchte ich den Sultan, seinen Leuten zu befehlen, mich in vier Tagen nach Pontianak zu bringen. Meinem Diener kam dieß nicht sehr gelegen: er wäre gerne langsam und bequem gereist; aber ich kehrte mich nicht mehr an ihn und übernahm selbst den Befehl über die Bootsleute.
Die Ufer des Flusses waren mehr oder minder bewohnt; wir kamen an vielen kleinen Ortschaften vorüber, unter andern auch an Sungau, nach Sintang dem größten Städtchen. Ich besuchte den Rajah im Vorüberfahren, verweilte aber höchstens eine Stunde.
Eine Meile von Pontianak vereinigt sich der Kapuas mit dem +Landak+; beide Ströme verlieren ihre Namen, und stürzen sich als „+Pontianak+“ in die 25 Meilen entfernte See.
Am +6. Februar+ kam ich glücklich zu +Pontianak+ an.
[16] Die Dayaker werden von den Engländern „~Head hunters~, Kopfjäger,“ von den Holländern „~Koppenskneller~“ genannt.
[17] Daß mich die Wilden auslachten, fand ich natürlich; geschah mir doch späterhin diese Ehre in Europäischen Kolonien, ja selbst in den Vereinigten Staaten Amerika’s von Leuten, die civilisirt genannt werden. Manchmal trieb man es so arg, daß ich sie frug, ob sie je ein Museum gesehen, und wenn sie eines gesehen hätten, ob sie meinten, daß alle die Thiere selbst dahin geflogen und gekrochen seien?