Meine zweite Weltreise

Part 2

Chapter 23,383 wordsPublic domain

Um von dem Umfange der Stadt eine gute Ansicht zu haben, besteige man die Spitze der St. Paulskirche oder jene der Waterloo- oder Brand-Säule. Ich bestieg die letztere, muß aber aufrichtig gestehen, daß der Anblick dieser ungeheuren Häusermasse keinen angenehmen Eindruck auf mich machte. Die einzelnen Schönheiten gehen zu sehr verloren, die kleineren Squares (Plätze) verschwinden ganz und gar, und nur die schönen zierlichen Brücken über die Themse ziehen die Aufmerksamkeit einigermaßen auf sich. Die Umgebung ist eine weite Ebene, deren Grenzen in der beständig neblichten Atmosphäre verschwimmen.

Von dem Gewühle in den Straßen Londons, vorzüglich in den Geschäftsstunden, kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der die Neapolitanischen und Sicilianischen Städte besucht hat, in deren Straßen zur Abendzeit die ganze Bevölkerung, Kranke und Misanthropen ausgenommen, auf- und niederwogt. Der Unterschied besteht nur darin, daß in Italien die Leute fröhlich und heiter lustwandeln und der schönen Abende sich erfreuen, während in London Alles ernst und tiefsinnig nur dem Gelde und den Geschäften nachläuft. Als ich mich das erste Mal allein in dieses Gewühl begab, ward mir ordentlich bange, und ich wagte kaum einen der vielen, wie mit Dampf an mir vorüber getriebenen Geschäftsleute anzuhalten und um Auskunft über einen Weg zu ersuchen; aber zu ihrem Lobe muß ich sagen, daß sie im eiligsten Laufe einhielten und meine Frage sehr höflich beantworteten, Mancher ging sogar ein Stückchen Weg mit mir zurück, um mich auf die richtige Bahn zu weisen.

Der schönste Theil Londons ist das West-End; hier sind die großen Straßen, Plätze (Squares), Clubs und Privatpaläste, die Parks und die reichen Gewölbsauslagen. Von den Straßen zeichnen sich Oxford und Regentstreet (jede mehrere Meilen lang)[6], von den Plätzen der Regent-Cirkus, Waterloo-Place, Charlestown-Terrace, Longham-, Portland, Trafalgar-Square u. s. f. besonders aus. Schade ist es, daß alle diese Plätze belebender Zierden, wie Springbrunnen, gänzlich entbehren; nur Trafalgar-Square besitzt zwei Kaskaden.

Das hervorragendste öffentliche Gebäude ist Westminster-Hall, ein im reinsten gothischen Style ausgeführter Palast, unübertrefflich an Geschmack, Leichtigkeit und Zierlichkeit. Der Krönungs- und zugleich Sitzungssaal ist leider klein und so sehr mit Vergoldungen und Verzierungen überladen, daß er schwerfällig und ungeschmackvoll erscheint.

Somerset-House am Strande, mit der Hauptfronte gegen die Themse, nimmt sich imposant und großartig aus; es ist aus Quadersteinen erbaut und mit den geschmackvollsten Façaden und Arkaden versehen. Der Buckingham-Palast, Residenz des Hofes, ist zwar größer als Somerset-House, aber nicht so geschmackvoll. Die Theater Drurylane, Haymarket, das Italienische Opernhaus u. s. w. sind gewöhnliche Gebäude, die bloß durch ihre Größe auffallen. Das Kolosseum am Regentpark ist eine von Säulen umgebene Rotunde. Wie dieses kleine Gebäude zu dem anspruchsvollen Namen „Kolosseum“ kommt, vermag ich mir nicht zu erklären; -- es mit jenem in Rom vergleichen zu wollen, kann doch unmöglich Jemanden in den Sinn kommen?! Das Schönste an diesem Gebäude ist im Innern ein Rundgemälde von London, welches zu besuchen ich allen Jenen anrathe, die nicht so glücklich sind, einen nebelfreien Tag zu erhaschen, um die Stadt selbst von einem ihrer hohen Punkte übersehen zu können. -- Bemerkenswerte Gebäude sind ferner die Admiralität, der Schatzkammer-Palast, Whitehall, mehrere Clubs und Privat-Paläste.

Unter den Brücken, die alle schön sind, zeichnet sich besonders die Waterloobrücke durch ihre ungemeine Zierlichkeit und vollkommen gerade Richtung ohne alle Steigung, aus. Die Hungerfordbrücke, ein prachtvolles, kühngespanntes Kettenwerk, ist nur für Fußgänger bestimmt.

Kirchen gibt es in London zwar viele, jedoch sind außer der St. Paulskirche in der City und der Westminster-Abtei im West-End, wenige des Besehens werth. Erstere ist ein Tempel im Neu-römischen Style mit einer hochgewölbten, majestätischen Kuppel und mit zwei Reihen von Säulen, deren eine den äußeren, die andere den inneren Theil des Gebäudes trägt. Im Innern stehen an den Wänden schöne Denkmäler zur Erinnerung an ausgezeichnete Admirale und Seeoffiziere. Die Westminster-Abtei, ein prächtiges Denkmal Gothischer Baukunst, hat die Gestalt eines länglichen Kreuzes. Auch hier stehen viele Statuen zur Erinnerung an berühmte Männer, an große Schriftsteller und Musiker, wie +Milton+, +Shakespeare+, +Händel+ u. s. w. Man könnte diese Abtei füglich das Englische Pantheon nennen, hätten sich nicht auch Denkmäler für Leute eingeschlichen, deren einziges Verdienst war, mit hochklingendem Namen zur Welt gekommen zu sein.

Das Narrenhospital, +Bedlam+ ist ein großartiges Gebäude mit einfacher, zweckmäßiger Einrichtung im Innern und von Gärten umgeben. Die Schlafsäle sind der Länge nach durch Bretterwände in drei Theile gesondert, deren mittlerer den Kranken zum Auf- und Abgehen und den Aufsehern zum Aufenthalte dient. Die beiden Seitentheile des Saales sind in Kämmerchen abgetheilt, gerade groß genug für ein Bett und ein befestigtes Bänkchen. Die Thürme haben kleine Oeffnungen, durch welche die Wärter die Kranken beaufsichtigen können. Außerdem besitzt jede Abtheilung ihre Wasch-, Bade-, Gesellschafts- und Speise-Zimmer. Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Narren erschien mir ausnehmend grell. Man sah es den Männern beinahe durchgehends auf der Stirne geschrieben, daß ihre Narrheit Folge des abscheulichsten Lebenswandels sein mochte. Der Wärter führte mich durch einen Theil des Gartens, in welchem sich gerade mehrere dieser Unglücklichen aufhielten; ich kann nur sagen, daß ich froh war, ohne thätliche Beleidigung hindurch gekommen zu sein, und daß ich diesen Gang gewiß kein zweites Mal mehr unternehmen würde. Stets flößte mir der Anblick von Narren Mitleid und Wehmuth, hier -- zwar ebenfalls Mitleid, doch auch Ekel, Abscheu und Furcht ein. Ganz anders war es bei dem weiblichen Geschlechte. Manche dieser armen Geschöpfe saßen in Winkelchen und weinten, andere starrten unbeweglich vor sich hin; eine trug, hätschelte und küßte eine große Puppe, als wäre sie ein lebendes Wesen. Was mögen diese Unglücklichen erduldet haben, bis sie hieher kamen, welch’ traurige Geschichten voll Noth, Kummer und Verzweifelung mögen da begraben liegen! --

In +Bedlam+ sind nur Leute der armen, unbemittelten Klasse; für Reiche gibt es der Privatanstalten genug.

Ein herrliches Gebäude ist das Brittische Museum. Es enthält viele reich ausgestattete Säle und ist gewiß in seiner Art das großartigste Institut der Welt. Hätte ich nicht kurz zuvor jenes in Berlin mit Muße und Aufmerksamkeit besehen, so würde es mich noch mehr überrascht haben. Einzig in ihrer Art dürfte die Sammlung der Alterthümer +Ninive’s+ sein, deren Ausgrabungen das Museum selbst veranlaßt hat. Viele von diesen Schätzen sind bereits aufgestellt, und beinahe eben so viele sollen noch eingepackt liegen, da es an Raum zur Aufstellung fehlt.

Das College of Surgeons enthält abnorme Skelette von Menschen und Thieren, Todtenschädel aller Völker der Welt, eine große Sammlung der seltensten Mißgeburten, nebst vielen andern höchst interessanten Gegenständen. Herr Professor +Owens+, einer der ausgezeichnetsten Männer Englands im Fache der Anatomie, ist Direktor dieses Kollegiums, welches unter seiner Leitung den jetzigen Punkt der Vollkommenheit erreicht hat. Ich war so glücklich, die nähere Bekanntschaft dieses gelehrten Mannes zu machen. Er gestattete mir, zu jeder Zeit die Säle zu besuchen und machte mich auf gar Vieles aufmerksam. Nicht minder dankbar bin ich dem Professor +Wateshouse+ im Brittischen Museum, welcher mir ebenfalls viele Stunden schenkte und mich besonders über die Art des Sammelns belehrte. Bei dieser Gelegenheit rechne ich es mir zur Ehre und Freude, des ausgezeichneten Geheimrathes +Lichtenstein+, Direktor des Museums zu Berlin, zu gedenken, der mir gleichfalls erlaubte, zu jeder Zeit das Museum zu besuchen, und mich selbst einigemale durch die Säle geleitete. Ihm, wie den beiden vorerwähnten Herren sage ich meinen innigen Dank für die Güte und Freundschaft, die sie mir bewiesen.

Außer dem Brittischen Museum, dem College of Surgeons gibt es noch mehrere Museen, unter welchen East-India-House, das ausschließend Gegenstände aus Indien enthält, das bedeutendste ist.

Die National-Bildergallerie hat keinen großen Reichthum an Meisterwerken. Drei Gemälde von +Murillo+ gefielen mir am besten. Viele ausgezeichnete Gemälde sollen in den Gallerien reicher Privatleute zu finden sein.

Von den Parks liegen die beiden größten und besuchtesten, der Regent- und Hydepark in West-End. Hieher muß man kommen, um die reiche, elegante Welt zu sehen; da gibt es Equipagen in Hülle und Fülle, und Herren, Damen und Kinder auf Pferden aller Gattungen, von dem edlen Araber und dem langgestreckten Engländer herab bis zu dem Pony von der wunderbarsten Kleinheit und Zierlichkeit. Man sieht Frauen das Wagengespann leiten, ohne daß es Jemanden einfallen würde, darin irgend einen Anstoß zu finden. Eben so wenig ist es gegen die Sitte, wenn eine Frau oder ein Mädchen allein in Gesellschaft eines ihr nicht anverwandten Herrn spazieren reitet.

In Regentpark befindet sich der zoologische Garten, dessen Reichthum an exotischen Thieren ganz vorzüglich ist. Er enthält Löwen, Tiger, Leoparden, Giraffen von vollendeter Pracht und Größe. Ein Exemplar eines herrlichen Hippopotamus war dieser Menagerie erst ganz kürzlich zugewachsen, -- ausgezeichnet fand ich die Abtheilung der Reptilien, unter welcher Schlangen und Boa’s der seltensten und größten Arten.

Dem Hydepark schließt sich der ebenfalls ziemlich große, viel besuchte Kensingtonpark an. Er zeichnet sich besonders durch seine alten, ehrwürdigen und umfangreichen Bäume aus.

Der St. James- und der Green-Park gehören in dieselbe Kategorie.

Alle diese Parks, und nicht allein die öffentlichen, sondern auch jene der Privatleute sind ziemlich in derselben Art angelegt, -- weite Rasenplätze, große prachtvolle Bäume, besonders Eichen- und Ulmbäume, Alleen und kleine Gruppen von Gesträuchen. Blumenboskette oder überhaupt Blumen findet man gewöhnlich nur in den Glashäusern.

Interessant ist noch ein Morgenbesuch des Coventgarden an Markttagen, besonders Sonnabends. Man findet hier zwar keinen Garten, wie der Name zu versprechen scheint, sondern bloß einen großen Platz mit Hallen und Gängen; allein der Anblick der in ungeheuerer Menge für den Bedarf von beinahe ganz London aufgestellten Vorräthe an Gemüsen, Früchten und Blumen lohnt die Mühe des Ganges.

* * * * *

In der City gibt es zwar weniger zu sehen, als in dem aristokratischen West-End; doch findet man auch hier höchst interessante Gegenstände. Vor allem merkwürdig ist der Tower, das älteste Gebäude Londons, ein großartig einfaches, ehrwürdiges Denkmal Gothischer Baukunst, -- ferner die Bank, die Börse, Guildhall, letztere durch einen ungeheuren Saal ausgezeichnet, der zu Festessen u. dgl. benützt wird. Mansion-House, Residenz des Lord Mayor’s, erscheint etwas schwerfällig. Die Dock’s, für sich allein eine kleine Welt, bestehen aus sehr tiefen, breiten und großen durchgehend von Quadersteinen gebauten Kanälen und Becken, in welchen die größten Ostindienfahrer bis knapp an die Magazine gelangen und an Ort und Stelle ausladen können. Die Magazine sind vier bis sechs Stockwerke hoch; ihre Keller bergen die reichhaltigsten Weinlager der Welt. Die Docks sind von hohen, festen Mauern umgeben und des Abends geschlossen.

In der Nähe der City liegt das achte Wunder der Welt, der viel besprochene Tunnel unter der Themse. Dieses staunenswerte Werk machte auf mich weit geringeren Eindruck, als ich davon erwartet hätte. Der unansehnliche Eingang schadet dem Ganzen. Ein kleines, beinahe ärmlich aussehendes Häuschen ist nämlich über eine weite, runde Oeffnung gebaut, und erst nachdem man über viele Stufen in die etwas schauerliche Tiefe hinabgestiegen ist, gelangt man in den hochgewölbten Gang oder Tunnel. Ein ähnliches Stiegenhaus führt auf der andern Seite wieder in die Höhe. Der Gang selbst ist durch zwei Reihen von Säulen, welche die Decke unterstützen, in drei Theile getheilt, von welchen zwei den Fußgängern zur Benützung stehen, während der mittlere zu Verkaufs-Läden eingerichtet ist. Er ist reich mit Gas erleuchtet und gewährt einen überraschenden Anblick, der wahrhaft ergreifend wird, wenn man bedenkt, welch ein Strom darüber rollt, wie die Schiffe über den Häuptern der Menschen segeln. Unendliche Summen und mehrere Menschenleben hat dieses Werk gekostet; allein Nutzen bringt es gar nicht. Die Aktionäre haben ihr Geld gänzlich dabei eingebüßt, denn die Einnahme für den Durchgang und für die Verkaufs-Gewölbe, deren nur wenige vermiethet sind, deckt kaum die laufenden Ausgaben, und sollten, was mit der Zeit unvermeidlich ist, kostspielige Hauptverbesserungen vorzunehmen sein, so dürfte das Ganze dem Verfalle überlassen werden. Die Hauptursache der geringen Benützung des Tunnels ist seine Abgelegenheit und der beschwerliche Zugang über die vielen Treppen.

Den Beschluß meiner Wanderungen in der City machte ein Besuch der +Barkley+’schen Bierbrauerei, der öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäuser für die ärmeren Klassen, und ein Gang nach dem Postoffice. In der Bierbrauerei der Herren +Barkley+ und Comp. werden täglich 1000 bis 1500 Säcke Malz verarbeitet. Unter den Tonnen, die das fertige Bier enthalten, gibt es viele die an 3000 Eimer fassen. Die Zahl der Arbeitsleute beträgt 400, jene der Pferde 160. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich nirgends so prachtvolle Arbeitspferde gesehen habe, als in London; sie sind von ungewöhnlicher Größe und Kraft und durchgehend wohl genährt und gehalten.

In den öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäusern fand ich sehr zweckmäßige Einrichtungen, die in allen großen Städten Europa’s nachgeahmt zu werden verdienten. Die Wohnhäuser für unverheiratete Männer, bestehen aus großen Sälen, gleich jenen in Bedlam durch Bretter in kleine Gemächer abgetheilt, wovon jedes hinlänglich Licht, bei Tag von außen, des Nachts von großen Gasflammen empfängt, die an der Decke des Saales angebracht sind. Die Beleuchtung währt bis Mitternacht. Jedes Wohnhaus besitzt außerdem einen Lese- und Speisesaal und eine geräumige Küche, in welcher stets Feuer und kochendes Wasser unterhalten wird, so daß sich die Leute selbst ihre Mahlzeiten bereiten können. Der Preis ist für eine Person für die Woche drei Schillinge. Demnächst sollen auch für Frauenspersonen ähnliche Häuser errichtet werden. Für Familien gibt es deren bereits. Die Wohnungen bestehen aus drei Kämmerchen, nebst Küche und einem Behältnisse für den Kohlenvorrath. In jede Küche ist Wasser geleitet. Der Preis beträgt für die Woche fünf bis sechs Schillinge.

In den Waschhäusern hat jede Partei ihr abgesondertes Plätzchen, wo sie ungesehen von den Nachbarinnen ihre dürftige Wäsche reinigen kann. Der Wasserbedarf, kalt und warm, wird durch Röhren in die Tröge geleitet. Das Trocknen der Wäsche geschieht sehr schnell durch unterirdische Wärme in kleinen abgeschlossenen Räumen, die mit über einander laufenden Stangen versehen sind; eine Maschine windet das Wasser aus großen Gegenständen, wie Decken, Bettüchern u. d. gl. Der Preis per Stunde ist ein Penny. -- Die Badehäuser sind mit den Waschhäusern stets vereint. Jedes Kämmerchen hat eine große Badewanne entweder von Metall oder mit weißer Glasur überzogen, sehr rein und nett gehalten. Ein Bad erster Klasse kostet warm sechs, kalt drei Pence, -- zweiter Klasse warm zwei Pence, kalt einen Penny.

Das Postoffice besuche man Sonnabends nach fünf ein halb Uhr und verweile bis zum Schlusse, der mit dem Schlage sechs erfolgt. Um das Gedränge der Aufgeber, deren Zahl sich mit jeder Minute vermehrt, recht beobachten zu können, stelle man sich in der großen Halle auf, jedoch an einem sicheren Platze, denn nicht selten sind Verwundungen und Quetschungen die Folge des unauflösbar gewordenen Gewirres. Jedermann will sein Päckchen Briefe vor dem Schlage sechs abgeben. Die Briefe werden zwar noch bis neun Uhr angenommen; allein mit jeder Viertelstunde steigt das Porto.

Von den Umgebungen Londons habe ich ziemlich viel gesehen. Theils machte ich Ausflüge nach den merkwürdigsten Orten, wie Windsor, Woolwich, Kew, Chiswick, Greenwich, theils führten mich Besuche oft zehn bis zwölf Meilen weit in das Land hinein. In Hinsicht des einzig schönen Grün’s der Wiesen, der frühzeitigen, reichen Vegetation fand ich alles bestätigt, was ich darüber gehört und gelesen hatte. Es war zu Anfang des Monats April, und schon blühten die Hecken, die Gebüsche waren belaubt, und die niedlichsten Blumen sproßten auf den smaragdgrünen, üppigen Wiesen. Die Stecheiche, der Portugiesische Lorbeer und noch andere Gesträuche bleiben selbst den ganzem Winter über belaubt und erfreuen das Auge stets durch ihr dunkelglänzendes Grün. Die Ursache dieses frischen Lebens in der Pflanzenwelt soll die gemäßigte, salzgeschwängerte und ewig feuchte Temperatur sein. Trotz der hohen nördlichen Lage[7] und der rauhen Witterung, die häufig schon Ende September eintritt und bis gegen den Mai anhält, ist England doch nur selten jener strengen, trockenen Kälte ausgesetzt, die selbst in bedeutend südlicher gelegenen Ländern Mittel-Europa’s alles Leben erstarren macht. Der Schnee bleibt beinahe nie über sechs bis acht Tage liegen. In Folge dieses gemäßigten Winterklimas werden die Schafe, wie in Spanien und Portugal, stets im Freien gelassen.

Die schönsten von den in der nahen Umgebung Londons gelegenen Gärten sind jene zu Chiswick und Kew. Im ersteren finden jährlich in den Monaten Mai, Juni und Juli, drei Blumenausstellungen statt, deren jede aber nur einen Tag währt. Nie hätte ich gedacht, daß mir zu einem Ausfluge nach einem Garten Regenwetter nicht nur nicht hinderlich, sondern sogar erwünscht sein könnte, und doch war es so, und zwar bei dem Besuche einer derartigen Ausstellung. Bei schönem Wetter gibt sich hier nämlich die ganze Londoner elegante Welt Rendezvous; man kommt hieher, weniger der Blumen wegen, als um sich in Glanz und Putz zu zeigen; Musikbanden spielen an mehreren Orten und das Auf- und Niederwogen der zahllosen Besucher macht natürlich jedes genauere Besehen der Blumen unmöglich. Mich aber, wie gesagt, begünstigte das Wetter, -- der Regen strömte unausgesetzt herab und Niemand störte mich in der Bewunderung der herrlichen Blumen, die in Glashäusern und unter Zelten aufgestellt sind. Von der Pracht, besonders des exotischen Theiles der Ausstellung kann man sich keine Vorstellung machen; ich sah die Fremdlinge hier wahrlich schöner und üppiger, voller und blühender als in ihren Heimathländern. Weniger reich war die Ausstellung an Früchten; die Ananasse allein zogen die Aufmerksamkeit durch ihre außerordentliche Größe (manche waren 10 bis 12 Pfund schwer) auf sich.

+Kew+ ist theils Garten, theils Park. Hier sieht man prachtvolle Wiesen, reiche Baumpartien, spiegelhelle Teiche, künstliche Hügel, Luftgebäude und Blumenparterres. Seine wahre Berühmtheit verdankt aber dieser Garten den herrlichen exotischen Blumen und Bäumen (unter letzteren Palmen von 80 Fuß Höhe), die in vielen großen Glashäusern schön gezogen und geordnet sind. Eines dieser Glashäuser könnte man füglich einen Glaspalast nennen; es besteht aus zwei Flügeln und einem prachtvollen Mittelgebäude, das sich kuppelartig über 100 Fuß erhebt; sein Anblick machte mir leicht begreiflich, wie man auf den Gedanken gekommen sei, ein derartiges Gebäude für die große Ausstellung in London aufzuführen. In der Höhe dieses Glaspalastes ist ringsumher eine Gallerie angebracht, von welcher man einen Ueberblick all’ der Palmen, Blumen und Gesträuche hat. Mit etwas Fantasie kann man sich vom Standpunkte der Gallerie aus einen kleinen Begriff von Brasiliens Urwäldern machen.

Das +Arsenal+ zu +Woolwich+ bot mir des Neuen wenig; ich sah hier, was ich, in kleinerem Maßstabe, schon in Venedig gesehen hatte. Am meisten interessirte mich der Wagen, in welchem +Napoleon+ zu St. Helena bestattet wurde; es ist derselbe, in welchem er spazieren fuhr; man nahm bloß den Kasten herunter und setzte an seine Stelle ein eisernes Gerippe, welches mit schwarzem Tuche überhangen wurde. -- Die Fahrt nach Woolwich ist eines Tunnels von etwa zwei Meilen Länge wegen, nicht sehr angenehm, um so mehr, da weder der Tunnel, noch das Innere der Waggons erleuchtet ist. Man sitzt mehrere Minuten lang in wahrhaft beängstigender Finsterniß. Ich muß abermals bemerken, wie eigenthümlich hier zu Lande die Begriffe von sittlich und unsittlich sind. So ist es z. B. auf mancher Eisenbahn den Männern strenge untersagt, sich in den Wartezimmern der Frauen aufzuhalten. Hier, wo alles erleuchtet, alles offen ist, findet man ein solches Zusammensein unanständig, -- in der undurchdringlichen Nacht des Tunnels ist es gestattet. Die Zeitungen ermangeln auch nicht, häufige Berichte von Diebstählen und andern Ereignissen zu geben, die eben nicht zu den sittlichen gehören.

+Windsor Castle+ (20 engl. Meilen von London) ist nicht nur eines der schönsten Gebäude Gothischen Styles in England, sondern in ganz Europa. Es steht auf einer kleinen Anhöhe, ist aus massiven Steinen erbaut und stammt aus den Zeiten +Wilhelms des Ersten+. Doch war der eigentliche Gründer dieses Schlosses, so wie es jetzt ist, und der niedlichen Kapelle, +Eduard der Dritte+. Einige Verschönerungen wurden von nachfolgenden Regenten hinzugefügt. Das Ganze besteht aus zwei Höfen, dem Schlosse und dem runden Thurme. Man bewundert ganz besonders die Pracht der Gebäude, so wie die kühne, kuppelförmige Wölbung des Steindaches über dem Thurme. Die Säle im Schlosse sind alle hoch und groß, wahrhaft königlich; die Einrichtung höchst einfach. Jeder Saal hat seinen Namen, wie auch seine geschichtlichen Merkwürdigkeiten. Ein Saal enthält Bildnisse berühmter Regenten älterer und neuerer Zeit; es scheinen sich aber diese Bildnisse nicht gerade durch große Aehnlichkeit auszuzeichnen, wenigstens jene der Monarchen, die ich gesehen habe, wie des Kaisers von Oesterreich, des Kaisers von Rußland, des Königs von Preußen fand ich herzlich schlecht. -- Die Kapelle besitzt schöne Glasmalereien. Der Kirchendiener forderte ein Eintrittsgeld von sechs Pence für die Person, obwohl auf der Karte, welche die Erlaubniß zur Besichtigung des Schlosses Windsor ertheilte, ausdrücklich bemerkt war, daß an Niemanden eine Gabe zu verabreichen sei.

Die Aussicht von dem Thurme ist sehr reizend; der Blick streift über zwölf Grafschaften und verfolgt den Lauf der Themse bis in weiter Ferne. Um den Hügel, auf welchem das Kastell liegt, breitet sich das niedliche Städtchen Windsor aus; südlich daran schließt sich ein prachtvoller Park, dessen Länge vier, dessen Umfang 15 Meilen betragen soll. Alte majestätische Bäume bilden prächtige Alleen, welche die herrlichsten Fuß- und Fahrwege beschatten. Berühmt sind in diesem Parke noch die ~Virgin waters~.