Meine zweite Weltreise

Part 1

Chapter 13,359 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

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Meine

Zweite Weltreise.

Von

Ida Pfeiffer,

Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“ und der „Frauenfahrt um die Welt.“

Erster Theil.

London. Das Cap der guten Hoffnung. Singapore. Borneo. Java.

Wien. Carl Gerold’s Sohn. 1856.

Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die Verfasserin vor.

Druck von Carl Gerold’s Sohn.

Den Holländern in Indien,

namentlich den

Holländischen Beamten und Offizieren

daselbst

aus tiefster Erkenntlichkeit

gewidmet von der

Verfasserin.

Widmung und Vorrede.

Ich weiß, daß es das gewöhnliche Schicksal der Widmungen und Vorreden ist, von Niemandem gelesen zu werden. Ich kann aber unmöglich das Tagebuch meiner Wanderungen veröffentlichen, ohne der eigentlichen Urheber derselben zu gedenken, und als solche muß ich die in den Holländisch-Indischen Colonieen ansässigen Holländer, vorzugsweise die daselbst angestellten öffentlichen Beamten und Offiziere betrachten.

Ich hatte nämlich, als ich meine Heimath verließ, nichts weniger im Sinne als eine zweite Reise um die Welt zu machen. Der Betrag aus meinem kleinen Vermögen, über den ich gebieten konnte, war sehr unbedeutend; die Oesterreichische Regierung vermehrte ihn zwar mit einem Zuschuß von 150 Pfund St.; doch würde die ganze Summe dessen ungeachtet zu einer so großen Reise nicht ausgereicht haben.

Ich ging nach London mit dem Vorhaben, mich nach Australien einzuschiffen. Diesem Vorhaben mußte ich entsagen, denn meine Reise wäre gerade in die Zeit gefallen, als man in Australien die reichen Goldlager entdeckte, als die Auswanderer von allen Seiten dahin strömten und in Folge dessen Leben und Aufenthalt über alle Maßen theuer wurden.

Nach einigen Zweifeln, wohin ich nun mich wenden sollte, reiste ich glücklicher Weise nach Holländisch-Indien. Wider mein Erwarten wurde ich von den Holländischen Beamten und Offizieren jedes Ranges und jeder Stellung so zuvorkommend aufgenommen, so thatkräftig unterstützt, daß ich Reisen ausführen konnte, wie es mir bisher noch in keinem Lande der Welt möglich gewesen war, und daß ich, wie gesagt, jene Männer als die Schöpfer dieser meiner zweiten Reise um die Welt betrachten muß.

Aber nicht nur die Beamten und Offiziere der Holländischen Regierung unterstützten mich, auch viele Privatpersonen und meine Deutschen Landsleute trugen das ihrige redlich bei. Letztere machten mir eine Karte zur Reise auf dem Dampfer nach Batavia und zurück zum Geschenke, und die Direktoren der beiden Dampfschiffahrts-Gesellschaften, die Herren Cores de Vries und Fraser gaben mir später auf ihren Schiffen überall hin freie Passage.

Nachdem ich keine andere Gelegenheit habe, allen diesen Herren meine Dankbarkeit auszudrücken, so ersuche ich sie, die Widmung des vorliegenden Werkes anzunehmen, nebst der Versicherung, daß ich ihre Güte und Gefälligkeit in ihrer ganzen Größe gewiß zu schätzen weiß, und derselben stets mit der wahrsten Erkenntlichkeit gedenken werde.

Endlich darf ich der Nord-Amerikaner nicht vergessen, da ich ihnen ebenfalls einen großen Theil meiner Reise verdanke. Sie gestatteten mir viele freie Fahrten auf Segelschiffen sowohl, wie auf ihren großen, prachtvollen Dampfern, und in keinem Lande der Welt, Holländisch-Indien ausgenommen, nahm man mich mit mehr Auszeichnung auf, als in den Vereinigten Staaten. Aus vollen Herzen sage ich daher den Amerikanern meinen innigsten Dank.

=Die Verfasserin.=

Inhalt des ersten Bandes.

Erstes Kapitel.

Ankunft in London. -- Comfort. -- Die Sonntagsfeier. -- Lebensweise und Eigenthümlichkeiten der Engländer. -- Besuch der Kirche. -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Umgebungen. -- Die große Industrie-Ausstellung 1

Zweites Kapitel.

Die Kapstadt. -- Gefährliches Zusammentreffen mit zwei Negerinnen. -- Malaischer Gottesdienst. -- Singapore. -- Fünf Tage im Jungle. -- Sarawak. -- Rajah Brooke. -- Malaien und Chinesen. -- Ihre Wohnungen und kostbare Vasen. -- Ausflug zu den Dayakern und den Antimonium-Minen 39

Drittes Kapitel.

Abreise von Sarawak. -- Gezwungene Rückkehr. -- Ankunft in Sacarau. -- Die unabhängigen Dayaker. -- Der Schwert-Tanz. -- Die eroberten Menschenköpfe. -- Fahrt auf dem Luppar. -- Angstvolle Nacht. -- Begegnung eines kriegführenden Stammes. -- Uebergang des Gebirges Sekamil. -- Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang 82

Viertes Kapitel.

Pontianak. -- Ausflug nach Landak. -- Ein Chinesischer Kapthay. -- Ein Bad im Sumpfe. -- Die Bambus-Brücke. -- Zeichensprache. -- Ankunft in Landak. -- Souper bei dem Banam. -- Rato. -- Die Diamanten-Gruben. -- Rückkehr nach Pontianak 128

Fünftes Kapitel.

Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. -- Die Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. -- Der Pangerong-Rato. -- Zuvorkommenheit der Holländischen Offiziere. -- Rückkehr nach Pontianak. -- Die Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s 153

Sechstes Kapitel.

Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel. -- Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. -- Besteigung des Pangerangs. -- Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die Kaffeemühle. -- Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. -- Ausflug nach Tangerang. -- Volksbelustigungen 178

Erstes Kapitel.

Ankunft in London. -- Comfort. -- Die Sonntagsfeier. -- Lebensweise und Eigenthümlichkeiten der Engländer. -- Besuch der Kirche. -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Umgebungen. -- Die große Industrie-Ausstellung.

Die Reise von Wien nach London ist heutigen Tages eine Spazierfahrt, die man bequem in vier Tagen machen kann; ich benöthigte jedoch dazu beinahe einen Monat, da ich bei meinen Freunden und Verwandten in Prag und Hamburg einige Zeit zu Besuch blieb. Am 18. März 1851 verließ ich Wien, und erst am 10. April gelangte ich nach London.

Es war früh Morgens, als sich unser Dampfer dem Hafen der Weltstadt näherte. Der von ferne undurchdringlich scheinende Mastenwald tauchte vor unsern Blicken auf, und die unzähligen Schiffe, vom großen Ostindienfahrer bis zur kleinen Jacht, theils vor Anker liegend, theils die Segel entfaltend oder von brausenden Dampfern in’s Schlepptau genommen, gewährten ein reiches, wahrhaft großartiges Bild. Weniger zog mich das Gewühl im Hafen selbst an. Ich dachte hier ein Gemenge aller Nationen der Welt zu finden, und sah nichts als Europäische Matrosen und Englische Arbeitsleute. In dieser Hinsicht ist jeder Ostindische Hafen, und besonders jener von Bombay ungleich interessanter, weil man dort Menschen von allen Ländern und Farben, und Trachten von den verschiedenartigsten und seltsamsten Formen sieht.

Wir landeten an dem Zollamte, welches ich mit ziemlicher Angst betrat, da man mir gesagt hatte, daß sehr strenge untersucht würde, daß jede Kleinigkeit, sobald sie neu sei, versteuert werden müsse, und daß selbst die Taschen vor den Händen der gierigen Zollbeamten nicht geschlossen seien; doch dem war nicht so: sämmtliche Effekten wurden ziemlich oberflächlich besehen. Man verlangte auch die Pässe, stellte sie aber, nachdem man die Namen in ein Buch eingetragen, sogleich wieder zurück. Ich erhielt weder eine Aufenthalts-Karte, noch frug man in der Folge nach meinem Passe, -- ja, ich schiffte mich nach +Afrika+ ein, ohne daß ich mit der Polizei oder einer andern Behörde das Geringste mehr zu thun hatte.

Der Eindruck, den das Leben auf den Straßen auf mich machte, war kein angenehmer. Dieses Pressen und Drängen der Menschen, das Gewirre der zahllosen Wagen, die das Ueberschreiten einer Straße wahrhaft lebensgefährlich machen, ließen mich die Minute segnen, in der ich mein Zimmer erreichte.

Das größte Gewühl herrschte in den Straßen der City; hier sind die Komptoirs der Kaufleute, die Börse, die Bank, Mansion-house (Residenz des Lord-Mayor) u. s. w. Die Kaufleute selbst wohnen nicht in der City; sie kommen selten vor 11 Uhr auf ihre Komptoirs und verweilen nur bis vier oder fünf Uhr. Die vielen Verbindungsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Omnibusse machen es ihnen leicht möglich, in entfernten Orten der Stadt, ja oft acht bis zehn Englische Meilen weit auf dem Lande zu leben. Die Züge auf den Eisenbahnen verkehren jede Viertelstunde, die Dampfer fahren von der ersten Brücke London’s bis zur letzten alle fünf Minuten, und die Omnibusse sind in steter Bewegung; letztere erscheinen jedoch für den Fremden anfänglich beinahe unbrauchbar, und er muß erst ein kleines Studium machen, um zu wissen, in welchen er einzusteigen hat. Die Hauptstationen sind zwar auf der Aussenseite des Wagens angeschrieben; aber der eine Omnibus nimmt den Weg durch diesen, der andere durch jenen Theil der Stadt; sich an die Kondukteurs zu wenden ist eben nicht sehr anzurathen, denn auf die Frage, ob man hier oder dort vorüberfahre, antworten sie nicht selten mit vollkommener Ruhe „~Yes~“ -- und setzen dann den armen Fremden an irgend einem Orte ab, wo er von seinem Ziele vielleicht weiter entfernt ist als vorher.

Ueberhaupt gehört eine Fahrt in einem Omnibus gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des Londoner Lebens. Die Wagen sind weder sehr breit noch sehr lang und enthalten 25 Plätze (13 im Innern, 12 außen[1]). Es kann daher von einem nur einigermaßen bequemen Sitze natürlich keine Rede sein. Hiezu kommt das ewige Anhalten, Ein- und Aussteigen, alles in der größten Eile, und nun gar wenn Regenwetter ist -- die triefenden Schirme, die nassen Kleider, die beschmutzten Schuhe -- wahrlich ein Comfort ohne Gleichen!

Comfort, Comfort, Comfort -- führt doch jeder Engländer dieß Wort unaufhörlich im Munde, und gerade in England habe ich weniger Comfort genossen als irgendwo. So litt ich z. B. von der Zimmerkälte nirgends so viel wie hier. Die Kaminfeuer erwärmen wohl den, der ganz nahe am Kamine sitzt, und der nichts anderes zu thun hat als sich zu wärmen, aber nicht den, der entfernter ist und sich mit Schreiben oder Nähwerk beschäftigen will, -- Feder, Nadel entfallen alsbald der steif gewordenen Hand. Das nenne ich Comfort in einem Lande, in welchem man sechs bis sieben Monate des Jahres mit Kälte zu kämpfen hat! -- Die Engländer lieben den Anblick des Feuers so über alle Maßen, daß sie die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten übersehen oder gerne ertragen. Eben so absonderlich sind sie hinsichtlich der Wohnung. Jede Familie, wenn noch so beschränkt, will ihr eigenes Haus haben, ein Haus natürlich oft nur mit zwei Fenstern in der Fronte und einem Stockwerke; haben ja selbst die Häuser der ziemlich Bemittelten selten mehr als drei Fenster und zwei bis drei Stockwerke. Ist das vielleicht Comfort, jeden Augenblick von einem Stock zum andern zu steigen? -- Es versteht sich von selbst, daß ich hier nicht von den Häusern der Reichen und überhaupt nicht von den Reichen spreche -- diese können sich natürlich in England alle Bequemlichkeiten verschaffen, sie können es aber auch in allen andern Ländern, und in den meisten mit ungleich geringeren Kosten. Meine Bemerkungen betreffen nur die Mittelklasse.

Eine weitere Unbequemlichkeit liegt in der ungemeinen Größe der Stadt. Jeder Besuch, jedes Geschäft, jede Unterhaltung kostet viel Zeit und viel Geld, weil man häufig fahren muß. Sind es Geschäfte, so kann man wohl Omnibus und Eisenbahn benützen; sind es aber Unterhaltungen, Einladungen zu Tische, zum Thee, bei welchen man im Putz erscheinen muß, so ist man gezwungen einen +Cab+ (einspännigen Wagen) zu miethen, welcher pr. englische Meile einen Schilling kostet[2], -- keine kleine Ausgabe, wenn man, wie es leicht der Fall sein kann, hin und zurück einen Weg von zehn oder noch mehr Meilen zu machen hat. Ein Besuch der Italienischen Oper ist schon gar nur reichen Leuten möglich, da die Loge allein drei bis vier Pfund St. kostet und man darin nicht anders als in großem Putze erscheinen darf.

Die Kosten und Schwierigkeiten des Zusammenkommens mögen die Hauptursache sein, daß in den Englischen Häusern das angenehme gesellige Leben nicht herrscht, an das wir Süddeutsche so sehr gewöhnt sind. Hier gibt es Gesellschaften und sogenannte Aufwartungen, aber selten freundliche, gemüthliche Besuche.

Das Leben der Frauen aus dem Mittelstande ist höchst einförmig; den Tag über sind sie an ihr Haus gewiesen, Abends an die Gesellschaft des Gemahls, der vom Geschäftsleben ermüdet heim kommt, sich nach Ruhe und Bequemlichkeit sehnt und selten gelaunt ist, seine Frau durch Gespräche zu unterhalten, oder durch Besuche sich stören zu lassen; gewöhnlich setzt er sich in den Lehnstuhl nahe am Kamine, nimmt Zeitungsblätter zur Hand und schlummert mitunter dabei ein.

Die Sonntage, bei andern Völkern ebenfalls Tage der Weihe und des Gebetes, aber auch der Heiterkeit und Fröhlichkeit, sind in England so langweilig, daß der aufgeweckteste Südländer davon den Spleen bekommen könnte. In echten altenglischen Familien geht das so weit, daß die Kinder an diesem Tage nicht einmal Ball schlagen oder irgend ein unschuldiges Spiel treiben dürfen; ja man läßt sogar die meisten Gerichte Tags zuvor bereiten, damit die Köchin hinlänglich Zeit findet, die Kirchen zu besuchen. Vor- und Nachmittags werden mehrere Stunden in der Kirche zugebracht, und den ganzen Tag über darf kein anderes Werk als ein Andachtsbuch zur Hand genommen werden! So lobenswerth ich es finde, daß man in Familien die ganze Dienerschaft Morgens und Abends um sich versammelt, um mit ihr vereint ein kurzes Gebet zu halten, so unpassend finde ich es, einen ganzen Tag mit Gebeten hinzubringen. Ich zähle mich nicht im entferntesten zu den Freigeistern; aber den ganzen Tag vermag ich nicht zu beten. Gebete sollen mit dem Geiste gehalten werden, mit Bewußtsein dessen, was man betet, mit Aufmerksamkeit und Andacht; durch Uebertreibung arten sie zu Lippengebeten aus, und diese sind meiner Meinung nach zwecklos und ohne Verdienst.

In keinem Lande der Welt, vielleicht China und Persien ausgenommen, verstößt man so leicht gegen die sogenannte „feine Lebensart“ als hier. Wer z. B. die Gabel in die rechte statt in die linke Hand nimmt, wer das vorgelegte Gericht in kleine Stückchen theilt, anstatt jedes Stückchen einzeln herabzuschneiden, wer einer Dame vom Geflügel einen anderen Theil als ein Bruststück vorlegt, wer Jemanden in sein Schlafzimmer führt (dieß wird gar als ein halbes Verbrechen betrachtet) und dergleichen mehr, der macht sich lächerlich und wird zu der Klasse jener gezählt, die auf feine Erziehung keinen Anspruch machen können. -- Bei den unbedeutendsten Sachen findet man hier Verstöße gegen die Sittlichkeit, und andere weit größere, die wir Nicht-Engländer als unsittlich bezeichnen würden, finden die Engländer ganz in der Ordnung. So die Sitte, daß zwei Schwestern oder zwei Dienstmädchen mit +einem+ Lager vorlieb nehmen. Ja dieser Gebrauch geht so weit, daß bei Besuchen, die über Nacht bleiben, sehr häufig zwei Freundinnen oder überhaupt zwei weibliche Wesen eine und dieselbe Bettstelle theilen[3]. Kann es etwas Unsittlicheres, Ungesünderes geben?! Ich weiß, wenn diese Bemerkung einer Englischen Dame zu Gesicht kommen sollte, daß sie Zeter und Wehe über mich schreien wird, -- doch deßhalb ist sie nicht minder wahr, und ich sehe mich für meine Aufrichtigkeit reich belohnt, wenn durch diesen Anlaß auch nur eine Familie dahin gebracht würde, jener abscheulichen Sitte zu entsagen.

Nicht minder anstößig kommt mir der Gebrauch vor, daß ein neuvermähltes Ehepaar einen Wagen besteigt, dessen Bespannung, Kutscher und Diener mit Blumensträußen geziert sind; so beginnen sie ihre Hochzeitsreise, so kehren sie im Gasthof ein ... sonderbares Sittlichkeitsgefühl!

Stolz und Hochmuth der Aristokratie und der Reichen haben in England unbestreitbar den Kulminationspunkt erreicht. Um in die Gesellschaft (Rout) eines Englischen Aristokraten zu gelangen, muß man von hoher Geburt sein, oder ausgezeichnete Verdienste aufweisen, oder durch irgend ein besonderes Mittel sich eindrängen. Eitelkeit ist natürlich hier wie überall der Sporn, der die Leute antreibt, nöthigenfalls alle Minen der Intrigue spielen zu lassen, um sich in hoher Gesellschaft einige Stunden zu langweilen; denn steif, kalt und trocken sind diese Routs über alle Beschreibung. Der Hausherr setzt seinen Stolz darein, die Säle so gefüllt zu sehen, daß Niemand sich bewegen kann; er zwängt sich mühsam durch die Räume, richtet an diesen und jenen einige nichtssagende Worte und -- der Spaß hat ein Ende. Am folgenden Morgen aber füllt die Beschreibung des herrlichen Festes eine Viertelspalte in der Zeitung, und die Namen der Auserwählten glänzen in dem beigedruckten Register.

Man sollte meinen, daß in einem so alt-konstitutionellen Lande wie England, Hof und Adel weniger hoch angesehen wären, als in einem rein-monarchischen; dem ist nicht so. Es wird hier von dem Hofe mit weit mehr, ich möchte sagen kleinlicher Ehrfurcht gesprochen, als es selbst in Deutschen Staaten der Fall ist. Ich mußte oft lächeln über das Gewicht, das man auf die Frage legte: „Haben Sie die +Königin+ gesehen? und +Prinz Albert+? und den +Prinzen von Wales+?“ -- Viele der Straßen und Plätze Londons führen die Namen von Regenten, Prinzen, Fürsten und andern hochgestellten Personen.

Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, der Hamburger zu erwähnen, die sich gerne Republikaner nennen, eigentlich aber, wenigstens was Ehrfurcht und Verehrung des Adels und der Titel anbelangt, die entschiedensten Legitimisten Europa’s sind. Ich will hier nur ein kleines Beispiel anführen. Während meines Aufenthaltes in Hamburg, im Winter vom Jahre 1848 auf 1849, kam ein zweit- oder drittgeborner Prinz +von Leiningen+ in Begleitung seines Hofmeisters dahin auf Besuch; da hätte man sehen sollen, was diese Republikaner thaten, um den prinzlichen Jüngling in ihre Gesellschaften zu ziehen. Bälle, Diners, Soireen wurden ihm zu Ehren gegeben, ja sogar eine Schlittenfahrt, die aber leider das rücksichtslose Thauwetter zu Wasser machte. In allen Zirkeln sprach man nur von ihm, jedes Wort, das seinen Lippen entfiel, fand man geistreich, witzig und verständig, und jede Mutter, mit deren Töchterchen er tanzte, fühlte sich hochgeehrt und beglückt.

Da die armen Hamburger so unglücklich sind, keinen Adel zu besitzen, so suchen sie sich mit Titeln zu entschädigen, welche natürlich, wie in Oesterreich und Preußen, auch den Frauen beigelegt werden; die Frau eines Senators ist eine Senatorin, eines Konsuls eine Konsulin, eines Doktors eine Doktorin. Hat aber Jemand das Glück, adelige Verwandte im Auslande zu haben, so wird er von diesen nie sprechen, ohne den Titel beizusetzen. Da heißt es: Haben Sie Tante von A. gesehen? Schwager Baron B. gesprochen? u. s. w. Wie lästig und beschwerlich dieses Titelwesen den geselligen Umgang macht, vermag nur ein Fremder zu ermessen. Ich wagte kaum in einer Gesellschaft zu Wien, Berlin oder Hamburg meine Nachbarin anzusprechen, denn ich hatte vergessen, ob sie mir als Feldmarschall-Lieutenantin, Vize-Präsidentin, Senatorin oder Baronin vorgestellt worden war. Ich saß stumm und dachte daß am Ende die vielverlachten Chinesen vernünftiger seien, die auf der Brust ein Täfelchen hängen haben, worauf ihre Namen und Titel verzeichnet sind. -- Bei solchen Gelegenheiten fiel mir stets folgende Anekdote unseres unvergeßlichen +Kaisers Josef+ ein: „Die Witwe eines Beamten kam einst mit der Bitte zu +Kaiser Josef+, ihre Pension zu erhöhen, da ihre heranwachsenden Kinder einer Erziehung bedürften. Der Kaiser frug: „Wie heißen Sie?“ Sie antwortete: „Ich bin die Hofräthin N. N.“ -- „Wenn Sie die Hofräthin N. N. sind,“ sagte der Kaiser, „habe ich mit Ihrer Bitte nichts zu thun, Sie müssen sich an Ihren Monarchen wenden.“ Die Frau, über diese Antwort verblüfft, konnte stammelnd kaum hervorbringen, daß sie ja vor ihrem Monarchen stehe. „Da irren Sie sehr,“ erhielt sie zur Antwort, „ich habe wohl Hofräthe, aber keine Hofräthinnen.“ Und -- er schlug ihr die Bitte ab.“

Man verzeihe mir diese kurze Reise nach Hamburg, Wien und Berlin, -- ich kehre wieder nach London zurück, zu den Engländern, bei welchen diese Unsitte nicht stattfindet. Man macht nicht den geringsten Verstoß, wenn man die Gattin eines Ministers gleich der Frau eines einfachen Handwerkers mit „Madame“ oder „Mistreß“ so und so anredet.

Einen sehr unangenehmen Eindruck machte mir in London der Besuch der Kirchen; es kam mir jedesmal vor, als träte ich in ein Theater. Der ganze Raum, wenige Bänke an den Seitenwänden ausgenommen, ist in Logen und Sperrsitze getheilt, die Logen sind mit Teppichen, gepolsterten Bänken und Fußschemeln versehen, und geschmackvoll gebundene Bibeln und Andachtsbücher liegen vor den durchgehends im Putze erscheinenden Personen.

Auf meine Frage, woher es käme, daß man in den Kirchen gar keine dürftig gekleideten Leute sähe, gab man mir die vernünftige Antwort: „Wer sich nicht anständig kleiden kann, geht nicht in die Kirche[4].“ Also nur die Reichen, die Wohlhabenden sind Gott gefällig? -- Leider äffen die Katholiken in vielen Ländern diese entwürdigende Sitte nach, -- Gott und die Vernunft möge sie und die Protestanten von diesem Hochmuthe heilen.

Eben so unpassend ist es, für den Besuch der St. Pauls-Kirche und der Westminster-Abtei in den Stunden, in welchen kein Gottesdienst stattfindet, Eintrittsgeld zu verlangen. Gerade als ich die letztere besuchte, wollten auch drei Matrosen mit eintreten; sie wurden zurückgewiesen, weil sie nicht bezahlen wollten oder konnten. Man sagte mir, daß dieser Mißbrauch abgeschafft werde. Ich erwiderte darauf, daß ich nicht begreife, wie man ihn je habe einführen können.

Ein anderer Mißbrauch ist auch der, daß der Viehmarkt in der Mitte von West-End liegt und daher alle Arten Vieh, Ochsen, Kühe, Schafe u. dgl. m. durch die belebtesten Straßen der Stadt getrieben werden, was natürlich häufig Unordnungen und nicht selten Unglücksfälle veranlaßt[5].

* * * * *

Eine ausführliche Beschreibung der Merkwürdigkeiten Londons zu machen, liegt nicht in meiner Absicht. Es gibt der ausführlichen und vortrefflichen Werke dieser Art so viele, daß meiner schwachen Feder nichts anderes übrig bliebe, als oft und gut Gesagtes unvollkommen wiederzugeben. Ich beschränke mich darauf, mit kurzen Worten des Gesehenen zu erwähnen.