Part 11
Leider herrscht auf Java noch Sklaverei; doch ist sie nicht drückend. Der Eigenthümer darf keine Strafe über seinen Sklaven verhängen, und letzterer kann so gut wie ersterer seine Klage führen. Der Sklave erhält nebst vollkommenem Unterhalte zwei Kupfergulden per Monat für Siri. Es dürfen keine Sklaven eingeführt werden; allein die Abkömmlinge der Sklaven bleiben stets Sklaven. Dieses Gesetz gibt zu häufigen Betrügereien und Verfälschungen Anlaß, in welchen die Chinesen besonders raffinirt sind. Stirbt ihnen nämlich ein Sklavenkind, so suchen sie an dessen Stelle ein elternloses, freies Kind zu unterschieben, um auf diese Art den erlittenen Verlust zu ersetzen. Ein gesunder Sklave, der nichts anderes als Stärke besitzt, kostet 400 Rupien; ein Koch, eine Köchin 6 bis 800.
Zum Lobe der Holländer muß man sagen, daß sie nicht selten ihren Sklaven die Freiheit schenken, und zwar nicht nur wenn sie Indien auf immer verlassen, sondern oft auch ohne besondere Veranlassung, aus reiner Menschenliebe. So hatten z. B. Herr und Frau van Rees am ersten Januar dieses Jahres allen ihren Sklaven die Freiheit geschenkt; aber keiner verließ ihr Haus -- sie baten alle, daß man sie behalten möchte. Dieselbe schöne Handlung vollführte Frau Overhand, Witwe des Residenten Overhand; auch ihre Sklaven baten, in ihren Dienste verbleiben zu dürfen.
Die meisten öffentlichen Gebäude und Anstalten besuchte ich in Gesellschaft des Herrn van Rees.
Wir machten den Anfang mit dem Chinesischen Hospital, das im Jahre 1799 mit chinesischem Gelde erbaut wurde. Die Holländische Regierung hatte die Chinesen zu diesem Zwecke zu einer jährlichen kleinen Abgabe verhalten, deren Betrag mit der Zeit eine so große Summe bildete, daß man dieses schöne Gebäude damit herstellen konnte. Es ist mit Europäischen Aerzten, mit eingebornen Aufsehern und Wärtern versehen und enthält, außer den großen Krankenzimmern, Abtheilungen für Irrsinnige. Als ich die Anstalt besuchte, gab es 147 Kranke und 68 Irrsinnige. Wir traten in jedes Krankenzimmer, und bei dieser Gelegenheit lernte ich die wahre Herzensgüte des Residenten kennen und bewundern. Er trat an die Krankenbetten, sogar an jene der Aussätzigen, die über alle Beschreibung ekelhaft aussahen, deren Athem und Ausdünstung verpestet war, frug sie nach ihrem Befinden und sprach ihnen Trost zu. Kindern voll Geschwüren und Ausschlägen klopfte er freundlich auf die Backen, lachte und scherzte mit ihnen so recht wie ein gemüthlicher Vater. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich stets einige Schritte entfernt hielt, und daß es mir schwer gefallen wäre, sein edles Beispiel nachzuahmen.
Das allgemeine Hospital ist das vollkommenste, das ich je sah. Ein Kranker kann in einem wohleingerichteten Privathause nicht besser aufgehoben sein. Die Säle sind luftig, hoch und außerordentlich rein gehalten, die Betten vortrefflich, die Kranken, so wie die Genesenden bis zu ihrem Austritte in blendend weiße Wäsche gekleidet. Sobald ein Kranker eintritt, wird seine Wäsche und Kleidung bewahrt bis zur Stunde des Austrittes; man sieht den Genesenden nicht in seinen schmutzigen, oft zerrissenen Kleidern umhergehen. Die Offiziere erhalten jeder ein eigenes schönes Zimmer in einer ganz abgesonderten Abtheilung. Wir kamen so zeitlich des Morgens, daß wir der Austheilung des Frühstückes beiwohnten. Die Europäischen Kranken erhielten sehr guten Kaffee mit Zucker, Milch und Weißbrode. Die Eingeborenen ziehen ihre Nahrung der Europäischen vor: sie bekommen Reis, Gemüse, Fische, Fleisch u. s. w. Man führte uns auch in die Badeanstalt und die Vorrathskammern. In letzteren waren Leib- und Bettwäsche im reichsten Maße aufgestapelt; auch gab es die größten Vorräthe an feinen und frischen Lebensmitteln und Getränken, an Bandagen, Arzneien und medizinischen Instrumenten aller Art. In einem Saale werden Theile des menschlichen Körpers, die von seltenen Krankheiten ergriffen waren, in Spiritus bewahrt. In einem Glaskasten lag das ganze Skelett eines Matrosen, der von der Spitze eines Mastes herabgestürzt war. Er hatte sich, außer 10 mehr oder minder gefährlichen Knochenbrüchen, das Rückgrad gänzlich gebrochen, und wurde trotzdem durch die Kunst und Sorgfalt des Doktor Enthoffer (den ich auf Sambas kennen gelernt hatte) sechs Wochen lang am Leben erhalten.
In diesem Hospitale werden auch eingeborne Jünglinge, Mädchen und Weiber in einigen Zweigen der medizinischen Wissenschaft unterrichtet. Erstere werden zu Gehilfen der Aerzte herangebildet. Man bringt ihnen Kenntnisse vom menschlichen Körper bei, lehrt ihnen zur Ader zu lassen, Beinbrüche einzurichten u. s. w. Sie werden dann im Innern des Landes angestellt an Plätzen, die von ärztlicher Hilfe weit entfernt sind. Die Mädchen und Weiber lernen den Hebammen-Dienst.
Man war so gefällig, in meiner Gegenwart einige Fragen an die jungen Leute zu stellen, die sie richtig und ohne lange nachzudenken, beantworteten. An dem menschlichen Skelette, das in ihrem Lehrsaale stand, wußten sie alle Theile zu benennen und zu erklären. Nicht minder unterrichtet fand ich die weibliche Jugend, was mich um so mehr in Erstaunen setzte, als das weibliche Geschlecht in diesen Ländern durchaus an kein Lernen und Schulgehen gewöhnt ist. Die Mädchen und Weiber sind während der Zeit der Lehre (zwei Jahre) halbe Gefangene; sie kommen nie aus dem Bereiche ihrer Lehrsäle und Wohnungen und dürfen nur weibliche Besuche empfangen. Die Jünglinge können einige Stunden des Tages ausgehen. Es soll sich selten ereignen, daß einer der Zöglinge vor der Zeit austritt. Sie lernen fleißig und begreifen leicht.
Das Museum bietet, außer einigen Mineralien und vielen Gottheiten von Bali, nichts Sehenswerthes. Die vierfüßigen Thiere, Insekten, Reptilien u. s. w. sind in diesem Klima dem Verderben zu sehr unterworfen, und werden nach Holland geschickt.
Das Regierungsgebäude auf dem Waterloo-Platze besitzt einen großen Sitzungssaal mit den Bildnissen aller Holländischen Gouverneur-Generale. Ich ging hauptsächlich in dieses Gebäude, um eine Sammlung Handzeichnungen zu besehen, die ein Landsmann von mir (ein Wiener, Herr +Wilson+) auf Befehl der Regierung von den alten, herrlichen Hindu-Tempeln im Innern Java’s aufgenommen hat. Der Anblick der Zeichnungen erweckte in mir die höchste Begierde, diese Kunstwerke in Wirklichkeit zu sehen; allein ich schmeichelte mir nicht, so weit zu kommen: die Kosten einer Reise auf Java waren meiner Börse zu sehr überlegen.
Auch die Gefängnisse besuchte ich und fand die Leute ungleich besser gehalten als bei uns in Europa. Sie bewohnen luftige, reine Gemächer und erfreuen sich des Anblickes der Sonne in kleinen Gärten, die zu den Gefängnissen gehören. Zweimal des Tages erhalten sie große Portionen Reis nebst Fischen oder Gemüsen, und zweimal in der Woche Fleisch. Sie sind nicht gefesselt und entbehren nicht einmal ihres geliebten Siri. Ich glaube kaum, daß irgend ein anderer Staat mit seinen Verbrechern so human umgeht.
Das Theater besuchte ich nicht; meine Garderobe war auf Reisen selten so eingerichtet, um an Orten zu erscheinen, wo sich der Europäer im höchsten Putze und Glanze zeigt. Auch interessirte es mich wenig, ein oft gesehenes Europäisches Schauspiel, eine oft gehörte Oper in einem fremden Welttheil wieder zu sehen; ungleich größeren Reiz hatte für mich ein Chinesisches Schauspiel (Taping genannt, wenn ich mich recht entsinne), das der Chinesische Major[36] auf Veranlassung des unermüdet für mich besorgten Residenten mir zu Ehren gab.
Der Major hielt, wie es unter den reichen Chinesen sowohl hier als in China üblich ist, eigene Tänzerinnen, die zugleich Schauspielerinnen sind und die Rollen beider Geschlechter vorstellen. Die Bühne, eine kleine, erhöhte, hölzerne Bude, war dem Hause des Majors gegenüber auf der Straße aufgeschlagen, so daß jeder Vorübergehende an der Unterhaltung Theil nehmen konnte. Wir genossen nebst den übrigen Gästen den Anblick von dem Balkon und den Fenstern des Hauses.
Das Stück wurde von sechs Schauspielerinnen aufgeführt und schien eine Art Kriegs-Drama zu sein; man sah beständig ein Paar Soldaten, oder Offiziere, oder Feldherren auf den Brettern. Nebst diesen Helden erschienen auch zwei Damen, die häufig weinten und jammerten. Das schönste von der ganzen Vorstellung waren die Gefechte zweier Krieger mit Bogen und Stöckchen, und die Evolutionen, welche vier Krieger mit Lanzen machten. Den Text schrieen sie eintönig und gefühllos mit abscheulich quikender Stimme herunter. Ihre Bewegungen waren ohne Grazie; im Gegentheil, sie hoben beim Marschiren die Füße so hoch in die Höhe als sie konnten, und setzten sie dann mit sein sollender Kraft auf die Erde nieder, was höchst widerlich und unsittlich sich ausnahm, wenn man bedachte, daß diese Krieger von jungen Mädchen dargestellt wurden. Ihre Anzüge waren außerordentlich reich: schwere Seidenstoffe mit Gold- und bunten Seiden-Stickereien. Geschmacklos aber erschien die Form der Kleider: sie bestanden aus langen Röcken mit weiten Aermeln und aus kurzen Beinkleidern.
Das Stück hatte 4 Akte, von welchen jedoch einer dem andern so vollkommen glich, daß man die letzten drei für Wiederholungen des ersten halten konnte.
Nach dem Theater wurden wir zu einer reich besetzten Tafel geführt, bei welcher es weder an dem beliebten Trippang, noch an den theuern, von den Chinesen so hoch geschätzten Schwalbennestern fehlte. Trippang und Schwalbennester gleichen sehr sulzigen, stark gewürzten Speisen, die mein Europäischer Gaumen durchaus nicht nach seinem Geschmacke fand.
Kaum waren einige Tage seit meiner Ankunft in Batavia verflossen, so erhielt ich eine Einladung nach +Buitenzorg+ von dem Gouverneur-General Herrn +Deimar+ van +Twist+ -- eine Auszeichnung, die ich mit großer Dankbarkeit anerkenne und als Fremde doppelt zu schätzen weiß. Ich war wirklich überrascht, die Holländer so ganz anders zu finden, als man sie mir geschildert hatte.
Am +1. Juni+ fuhr ich in Gesellschaft des Herrn van Rees nach Buitenzorg. Der Weg war herrlich, die Pferde standen auf jeder Post bereit[37]; auf diese Weise machten wir die 35 Paal[38] in 3 Stunden. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto reizender ward die Gegend; das Gebirge rückte näher, Berge von 6- bis 10,000 Fuß Höhe stiegen majestätisch empor, unter letzteren der +Pangerang+ (9600), der +Gédé+ (9000). Buitenzorg selbst liegt 800 Fuß hoch.
Der Palast des Gouverneur-Generals ist schön, und besteht aus einem Mittel- und zwei Flügel-Gebäuden. Eine prachtvolle Wiese liegt davor mit Teichen und mit großen, mächtigen, Schatten gebenden Banian-Bäumen. Heerden von Hirschen und Rehen lagerten umher. Im Hintergrunde schloß sich ein ausgedehnter botanischer Garten an.
Da die Vorstellung beim Gouverneur-General erst Abends um 7 Uhr, kurze Zeit vor dem Speisen, stattfinden sollte, hatten wir Zeit, den Garten zu besehen. Er ist sehr groß und außerordentlich geschmackvoll angelegt. Schöne Blumenpartien wechseln mit kleinen Wäldchen, mit Wiesen und Bosketten; Teiche und Bäche schimmern durch das saftige Grün; herrliche Fahr- und Gehwege durchkreuzen sich, und zierliche Bänke laden den ermüdeten Wanderer zur Ruhe ein. Unter den Pflanzen und Bäumen gibt es viel Seltenes und Werthvolles. Herr +Teismann+, der die Aufsicht über den Garten führt, machte uns besonders auf eine Pflanzung von Vanille (Schlingpflanze) und auf zwei zarte Stämmchen des China-Strauches aufmerksam. Beide wurden erst in der neuesten Zeit von Amerika eingeführt. Der Vanille schien das Klima sehr wohl zu bekommen; ihre Stängel hingen voll großer, saftiger Schoten. Die Schoten werden im grünen Zustande abgenommen, anfänglich in der Sonne, dann in der Luft getrocknet, bis sie stark zusammen schrumpfen und eine ganz schwarze Farbe annehmen. Herr Teismann verehrte mir eine getrocknete Schote, welche der besten glich, die mir je aus Westindien zu Gesichte gekommen war. Minder gut kommt die China-Pflanze fort. Einige Pflanzen waren schon abgestorben, und die noch lebenden zeigten wenig Kraft.
Abends wurde ich dem Gouverneur-General und seiner Gemahlin vorgestellt. Der Gouverneur-General führte mich zu Tische.
Ich hatte von aller Welt diesen Herrn als höchst ernst und wortkarg schildern gehört. Ein tiefes, ernstes Nachdenken sprach allerdings aus seinen Zügen; aber wortkarg fand ich ihn nicht, und selbst der Ernst trat mit jedem Worte mehr in den Hintergrund und machte einer freundlichen, ruhigen Heiterkeit Platz. Sein und seiner Gemahlin Benehmen gegen mich war im höchsten Grade gütig und zuvorkommend.
In den Tagen, die ich in Buitenzorg zubrachte, veranstaltete man Partieen, um mir das Merkwürdigste der Umgegend zu zeigen. Darunter gehörte besonders die Cochenille-Pflanzung des Grafen van der +Bosch+ und die Schwalbengrotte, aus welcher die Chinesen ihre kostbarsten Leckerbissen, die Schwalbennester, holen.
Die Besitzung des Grafen van der Bosch, +Ponde Gédé+, ist in jeder Hinsicht als eine Musterwirthschaft aufzustellen. Der Graf ist selbst ein verständiger und eifriger Landwirth und bemüht, jeden Zweig seiner Oekonomie zur Vollkommenheit zu bringen. Die Cochenille macht nur einen kleinen Theil seiner Pflanzungen aus; er baut Reis, Zucker, Kaffee, u. s. w.
Für mich hatte die Cochenille-Pflanzung das meiste Interesse; ich verweilte da am längsten, um so mehr, als mich Herr Direktor +Meyer+ selbst herumführte und mir über alles die genaueste Auskunft ertheilte. Was ich hierüber schreibe, habe ich aus seinem Munde.
Der +Nopal+[39] und die Cochenille wurden schon vor 24 Jahren aus den Spanisch-Westindischen Besitzungen nach Java überbracht. Von den vielen Insekten, die man mit der Nopal-Pflanze mitgenommen hatte, kamen aber nur zwei lebend an. Der glückliche Zufall wollte, daß sie verschiedenen Geschlechtes waren.
Das höchste Erstaunen erregt die rasche Fortpflanzung dieses Insektes, denn schon seit Jahren liefert Java 150 bis 200,000 Pfund, und bei wiederholter Zählung hat es sich ergeben, daß 33,000 Cochenillen der größeren Sorte erst ein Pfund ausmachen.
Bei einer Anlage von Nopal werden gesunde Blätter oder Pflanzen mit dem untern Theile in die Erde gesteckt. Nach Verlauf eines Jahres hat sich schon ein kleiner Stamm mit mehreren Blättern gebildet; im dritten Jahre kann die Pflanze bereits bevölkert werden. Zur Bevölkerung bedient man sich kleiner Hütchen, die von den Blättern des Cactus gemacht sind. In diese Hütchen setzte man fünf bis sieben Insekten, bringt sie so auf das Blatt des Nopal und befestiget das Hütchen mit einem kleinen Dorne. Eine Nopal-Staude zählt an 300 Blätter; man setzt jedoch nicht mehr als 70 bis 80 Hütchen darauf und ist im westlichen Java schon sehr zufrieden, wenn durchschnittlich vier Pflanzen ein Pfund lebendiger Cochenille geben; im östlichen Java erzielt man dieselbe Menge gewöhnlich von drei Pflanzen.
Die Pflanzen werden nach der Bevölkerung entweder unbedeckt gelassen oder mit einem leichten Blätterdache überdeckt. Auf erstere Art gedeiht die Fortpflanzung nur bei anhaltend trockener Witterung, auf letztere kann sie beinahe das ganze Jahr hindurch statt haben. Nach der gewöhnlichen Regenzeit vertraut man der Witterung schon im Monat April. Allein in dem westlichen Theile von Java, wo es oft in der guten Jahreszeit regnet, kann man die Pflanzen, wenn man sie nicht bedeckt, zuweilen sechs- bis neunmal bevölkern, ohne eine gute Ernte zu erzielen.
Wenn das Insekt geboren hat, so stirbt es. Die Neugebornen kriechen auf den Blättern umher, setzen sich aber bald irgendwo fest und bleiben dann auf derselben Stelle, ohne mehr eine Bewegung zu machen. Ist die Cochenille abgenommen, so wird sie in sehr stark geheizten Zimmern (165 bis 175 Grad Fahrenheit) getrocknet. Die Trockenzimmer werden mittelst eiserner Röhren geheizt; die sich bildenden Dämpfe ziehen durch eine Oeffnung in der Wand ab. Hundert Pfund frischer Cochenille geben in getrocknetem Zustande 32 bis 33 Pfund, nebst zwei bis drei Pfund Staub. Dieser Staub, mit welchem das Insekt umgeben ist, scheint ein Beschützungsmittel gegen Kälte und Regen zu sein. Das Insekt hat eine weißgrauliche Farbe; befreit man es aber durch langsames Reiben von dem Staube, so ist es schwarz.
Seit einigen Jahren sind die Preise der Cochenille sehr gesunken. Die Niederländische Faktorei zahlt gegenwärtig (Packung und freie Sendung an den Einschiffungsplatz einbegriffen) pr. Pfund erster und zweiter Sorte zwei Rupien, für den Ausschuß per Pfund gar nur 85 Deut.
Die große Schwalbengrotte, in welcher Tausende dieser Thiere nisten, liegt ungefähr zwölf Paal von Buitenzorg. Sie ist nebst den umliegenden Ländereien an einen Chinesen verpachtet, der für Grotte und Land jährlich 100,000 Rupien bezahlt. Der Pächter führte uns selbst in die Grotte, die außerordentlich schwer zugänglich ist. Wir hatten Führer, Fackelträger, Leitern u. s. w. mit uns, konnten aber dessen ungeachtet nicht tief in das Innere dringen. Es wurde nach einigen Nestern gesucht, die man mir zum Geschenke machte. Sie waren von weißlicher Farbe mit einigen Federn untermengt und so klein, daß ich kaum begriff, wie der Vogel, der von der Größe einer gewöhnlichen Schwalbe ist, darin allein, viel weniger mit seinen Jungen Platz haben konnte. Man vermuthet, daß die Nester aus Seetang bestehen, denn gewöhnlich nistet diese Schwalbenart in Höhlen und Grotten unweit der See, d. h. wohl auch 30 und 40 Paal landeinwärts, jedoch nicht weiter.
Alle drei Monate werden die Nester geerntet, von den Federn sorgfältig gereinigt und an der Luft getrocknet. Es gibt verschiedene Sorten. Je weißer, je mehr von den Federn gereinigt sie sind, desto höher ist der Preis. Sie von den Federn gänzlich zu reinigen, ist nicht immer möglich, da diese mit dem Seetang oft so verschlungen sind, daß man sie nicht losbringen kann. Der Pikul dieser Nester kostet auf Java von vier- bis siebentausend Rupien. Man rechnet auf zwei Loth drei Nester; per Stück kosten sie an Ort und Stelle ein bis zwei Rupien. Der Pächter dieser Grotte erntet jährlich ungefähr zwölf Pikul.
Der Gouverneur-General machte mir die freudige Ueberraschung, mir Postpferde bis +Bandong+ (Residentschaft Preanger) zu gestatten. Es war dieß eine große Auszeichnung, denn der jetzige Gouverneur-General erlaubt die Postpferde so leicht nicht unentgeltlich[40].
Am +11. Juni+ verließ ich Buitenzorg, ging aber diesen Tag nur 10 Paal zur Familie +Böck+, bei welcher ich zwei Tage höchst angenehm verlebte. Man bot hier alles auf, mir gefällig zu sein, ja, als man meine Neigung für Insekten sah, half mir die ganze Familie suchen. Dank, herzlichen Dank ihnen, wie meinen übrigen Freunden auf Java, deren Theilnahme und Güte ich nie vergessen werde! --
Am +13. Juni+ ging ich ebenfalls nur wieder 11-12 Paal weiter nach +Typanas+, einem Sommerhause des Gouverneur-Generals. Der Weg führt über den 4710 Fuß hohen Berg +Mega-Mendongo+. Beinahe auf der Spitze des Berges, ¼ Paal seitwärts von der Straße, liegt ein kleiner See, der werth ist besucht zu werden. Er befindet sich mitten in schönen Waldungen und füllt einen eingesunkenen Krater aus. Sein Durchmesser mag kaum ¼ Paal betragen. Hoch um den See steigen die Wände des Kraters so steil empor, daß sie schwer zu erklimmen wären; von einer einzigen Seite kann man sich ihm nahen, wo die Wand von der Natur selbst gespalten wurde. Die Wände sind bis an die Spitzen mit herrlichem Grün und schönen Bäumen bewachsen. Das Wasser des Sees sieht ganz dunkel aus; dieß mag sowohl von der hohen Einfassung, als von den ihn beschattenden Bäumen herrühren.
Die Aussicht, die man von dem Mega-Mendongo genießt, gehört zu den schönsten von Java. Auf der einen Seite hat man die majestätischen Gebirge, im Hintergrund die großen, reichbebauten Ebenen von Buitenzorg und Batavia, vor sich die Residentschaft Preanger, die, von Hügelketten, Felspartieen und einzelnen Bergen unterbrochen, zu den fruchtbarsten und kultivirtesten Java’s gehört, was sehr viel sagen will, da auf der ganzen Insel die reichste Cultur mit der verschwenderischen Natur wetteifert.
Zu Typanas war in dem Sommerhause des Gouverneur-Generals Vorsorge für meinen Empfang getroffen. Dieser Ort liegt 3400 Fuß über der Meeresfläche und besitzt ein halb Europäisches Klima; ich fand in den Gemächern Kamine, ja sogar eiserne Oefen. In den großen Gartenanlagen werden Europäische Gemüse und Früchte gezogen.
Ich sollte von hier aus den 9600 Fuß hohen +Pangerango+ besteigen, eine sehr geringe Mühe, da man bis auf die Spitze reiten kann. Auf dem Wege gibt es zwei Stationen, das heißt, zwei hölzerne Hütten, bei welchen man anhält, um die Pferde ruhen zu lassen oder gegen vorausgesandte zu wechseln. Eine dritte Hütte steht 150 Fuß unter der Spitze des Berges. Diese Hütten sind für die Gärtner von Buitenzorg und Typanas errichtet, welche von Zeit zu Zeit verschiedene auf dem Berge angelegte Pflanzungen zu besuchen haben.
Ich fand auf jeder Station frische Pferde und erreichte in 4 Stunden die Spitze des Berges, auf welcher ein Flaggenstock errichtet ist. Leider hat man hier selten eine freie Umsicht; die häufigen Nebelzüge verdecken alles rund umher. Ich mußte halb unverrichteter Sache wieder herabsteigen und quartirte mich in der nahegelegenen Hütte ein. Im Herabsteigen erquickte ich mich an Erdbeeren, mit welchen große Räume bepflanzt waren.
Die Hütte, dem Verfalle ziemlich nahe, bestand aus einem großen Gemache und aus drei Kämmerchen. An Einrichtung war gerade kein Ueberfluß: zwei gebrechliche Tische nebst drei Stühlen zierten den Saal, eine mit Moos belegte Schlafstelle jedes der Kämmerchen. Das beste in der Hütte war ein eisernes Oefchen, das ich gleich in Anspruch nahm und das mir besonders Abends treffliche Dienste leistete, da der Thermometer bis auf 44 Grad (Fahrenheit) fiel. An Speisen, Getränken, Bettzeug u. s. w. fehlte es nicht, das war alles im Ueberflusse vorausgesandt worden, und so lebte ich in der Mitte dichter Urwälder, auf einer Höhe von beinahe 10,000 Fuß so luxuriös wie in Batavia selbst.
Der Berg ist durchaus dicht bewaldet, nur die höchste Spitze, ungefähr 100 Fuß nach abwärts, ist kahl. Er liefert schöne Exemplare von Föhren, von 20 Fuß Höhe. Alle Bäume sind mit einer auffallend dichten Moosdecke bekleidet. Anderes Nadelholz sah ich nirgends. Schön und herrlich war alles; aber die Hauptsache fehlte -- der schöne, reine Himmel. Wohl sechsmal erstieg ich die Spitze des Berges, und jedesmal kam ich unverrichteter Sache zurück. Ich schlenderte in den Zwischenzeiten im Walde umher und entdeckte da eine bedeutende Spur, die, wie man mir sagte, von Rhinocerossen herrührte. Die Thiere selbst bekam ich nicht zu Gesichte: sie fliehen die Nähe des Menschen so sehr, daß es selbst für Jäger eine große Seltenheit ist, wenn sie eines erlauern.
Von der Spitze des Pangerango übersah man vollkommen den ganzen Krater des nachbarlichen Gédé. Diese beiden Berge sind so enge verbunden, daß man sie für einen einzigen Berg mit zwei Kuppeln halten könnte. Der Krater lag ungefähr 6 bis 700 Fuß unter uns. Wir konnten nicht zu ihm gehen, da erst vor wenig Tagen ein Ausbruch stattgefunden hatte. Noch jetzt stiegen starke Rauchsäulen mit glühender Asche empor, was besonders zur Nachtzeit eine unvergleichlich schöne Wirkung machte. Ein großer Theil der Waldungen des Pangerango war mit Asche bedeckt; wir brauchten, um eines Aschenregens ansichtig zu werden, bloß auf die Aeste der Bäume zu schlagen.
Am folgenden Morgen bestieg ich nochmals die Spitze, und siehe da -- meine Unermüdlichkeit ward belohnt, der Horizont war rein und wolkenlos. Ich sah weit über die Gebirgswelt, über zahllose Spitzen und Kuppen, über eingestürzte Kegel und Krater, ich sah die fruchtbaren Ebenen von Buitenzorg und Batavia, das wellenförmige Land von +Preanger+, ich sah das Meer auf beiden Seiten. Kann solch’ ein Anblick zu theuer erkauft werden? Lebt man in ähnlichen Augenblicken nicht Ewigkeiten? Fühlt man sich da nicht von hohen, edlen Gefühlen durchdrungen -- einer bessern, reinern Welt hingegeben?! --