Meine zweite Weltreise

Part 12

Chapter 123,648 wordsPublic domain

Nach Typanas zurückgekehrt, verweilte ich in dieser schönen Gegend bis +17. Juni+, an welchem Tage ich 12 Paal weiter nach +Tijand-jur+ reiste. Die Fahrt dahin gehörte zu den reizendsten. Die Gegend ist zwar minder kultivirt; aber gerade dieser grelle Wechsel ist überraschend. Am folgenden Tage, den +18. Juni+, fuhr ich bis +Bandong+ (40 Paal).

Obwohl das Land reich an hohen Bergen ist, sah ich doch keinen einzigen schönen Fluß; ich kam nur über Bäche, die sich durch tiefe Schluchten, über Felsgestein den Weg bahnten und bloß bei hohem Wasserstande, zur Regenzeit, mit Bambusflößen befahren werden können. Die Ursache, daß es auf Java keine bedeutende Ströme gibt, liegt in der geringen Breite der Insel.

Auffallend war es mir, in diesem trefflich kultivirten Lande, wo man die Menschenhand schon so gut zu verwenden wußte, so häufig Menschen die Dienste der Lastthiere verrichten zu sehen. Alle Lasten z. B. werden durch Kulli getragen, mag die Entfernung auch über 100 Paal sein. Der Träger erhält per Paal 1½ Deut und trägt 80-90 Pfund mittelst einer Stange, die auf der Achsel ausruht. Es gibt für die Kulli Ablösestationen wie für die Pferde. In jeder Ortschaft muß täglich eine gewisse Anzahl bereit sein, um für diesen Preis zu gehen. Man kann ihnen unbedingt alles anvertrauen. Die Gouvernements-Güter, Kaffee, Zucker, Salz u. s. w. allein werden in Karren befördert und von Büffeln gezogen. Die Wege[41] sind aber so schlecht, besonders bei Regenwetter, daß der Karren bis über die Achse in Koth sinkt und man einem Paar Büffel höchstens acht Pikul aufladen kann.

Ich selbst hatte heute Gelegenheit zu sehen, wie die Menschen hier nicht nur die Stelle der Last-, sondern auch jene der Zugthiere vertreten. Ueber den ersten Fluß, den ich zu passiren hatte, führte eine Brücke, zu welcher der Weg sehr steil abwärts ging. Die Pferde wurden ausgespannt, und ein Paar Dutzend Männer traten an ihre Stelle, um den Wagen sicher an die Brücke zu geleiten. Ueber den zweiten Fluß führte keine Brücke: da mußten sie den Wagen gar durch das Wasser ziehen, während die Pferde und Vorspanns-Büffel leer daneben gingen. Welche Widersprüche in den verschiedenen Ländern! Auf Java, wo Futter für Pferde und Ochsen im Ueberflusse gedeiht, dient der Mensch als Lastthier -- in Island, wo man das Gras beinahe mit der Loupe suchen muß, würde kein Mensch zu Fuße gehen, viel weniger die Dienste eines Thieres verrichten.

Das Reisen mit Post-Pferden geht auf Java sehr schnell von statten; die Pferde stehen auf jeder Station bereit und man fährt rasch. Ich hätte hier, wie in Rußland, das Trinkgeld oft lieber gegeben, wenn man etwas langsamer gefahren wäre, vorzüglich über die Berge und Hügel, wo die Wege häufig voll Löcher und großer Steine waren. Aber gerade wenn eine Anhöhe kam, wurden die Pferde durch Peitschenhiebe und das Geschrei der Führer so angespornt, daß es noch schneller ging, als in der schönen Ebene. Triefend von Schweiß, zitternd und athemlos kamen die armen Thiere auf jeder Station an. Mich dauerten sie so sehr, daß mir dadurch ein Theil des Genusses der Reise verloren ging. Ich wollte es nicht leiden; allein man versicherte mich, daß das so sein müsse, daß die Pferde sonst mitten auf der Anhöhe stehen blieben. Die Javanischen Pferde sind nämlich sehr stützig (vielleicht in Folge der schlechten Abrichtung); wenn sie eingespannt werden, wollen sie oft nicht vom Platze, und nur mit vieler Mühe, d. h. durch unzählige Peitschenhiebe und großes Geschrei der Stallknechte und des Kutschers bringt man sie zum Laufen. Zuweilen bleiben sie in der Mitte der Fahrt stehen, worauf ihnen natürlich dieselbe Behandlung zu Theil wird. Hier wäre ein Verein gegen Thierquälerei an seinem Platze.

In der Ebene fährt man mit vier, in den bergigen Gegenden mit sechs Pferden, ohne Unterschied ob eine Person allein, oder ob mehrere im Wagen sitzen. Außer dem Kutscher ist jedem Paar Pferde ein Läufer beigegeben, der zwar nicht die ganze Station durchläuft, doch bei jeder Wendung des Weges, bei Brücken, bei Bergauf- und abfahren an der Seite seiner Thiere sein muß. Ueber Berge oder größere Hügel werden den vier oder sechs Pferden noch zwei oder vier Ochsen vorgespannt.

In keinem Lande vielleicht ist das Reisen mit der Post so theuer wie hier. Eine Station von sechs bis acht Paal kommt, die Trinkgelder nicht gerechnet, auf acht bis zwölf Rupien. An Trinkgelder hat man jedem Laufer 10 Deut, jedem Ochsentreiber bei jedesmaligem Vorspann (was auf einer Station zwei- bis dreimal geschehen kann) ebenfalls fünf bis zehn Deut, dem Kutscher zwanzig Deut zu geben. Man muß die Hand immerwährend in der Tasche haben, um jeden Augenblick die Deute auszutheilen. Würde es nicht viel bequemer sein, alle diese kleinen Summen zugleich mit dem Postgelde entrichten zu können? -- Freilich wissen die meisten Reisenden nichts von dieser Unbequemlichkeit; sie haben Diener mit sich, welchen das Geld zu derlei Sachen gegeben wird. Allein ich war stets Herr und Diener in einer Person.

In +Bandong+ (2200 Fuß hoch gelegen) ward ich von dem Assistent-Residenten Herrn +Vischer+ von +Gasbeck+ auf das beste aufgenommen. Ich blieb hier einige Tage, um eine Theepflanzung, eine Kaffeemühle und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

Auf dem Wege zur Theepflanzung machten wir einen Abstecher nach dem Wasserfalle Tjurung-Tjeca-pundung. Wir kamen an einen eingestürzten Krater, der sich gleich jenem auf dem Berge Meda-Mendongo in einen See verwandelt hat. Letzterer ist jedoch viel kleiner: seine Länge mißt 134 Fuß, seine Breite etwas weniger. In diesen See stürzt sich von einer 70 Fuß hohen Wand ein leider gar zu bescheidenes Flüßchen, bahnt sich einen Durchgang und schlängelt sich friedlich in dem schönen Thale fort. Die Wände des Kessels sind ebenfalls mit Pisang- und Laub-Bäumen, mit Schlingpflanzen und hohem Grase bewachsen.

Die Theepflanzung ist sehr ausgebreitet und erstreckt sich über viele Hügel und Abhänge. Man sagte mir, daß der gegenwärtige Pächter, Herr +Brumsteede+, über eine Million Sträuche besäße. Thee und Kaffee gedeihen am besten auf hügligem Grunde. Die Theestauden sind hier niedriger gehalten, als ich sie in der Gegend von Canton gesehen habe; sie mochten zwischen zwei und drei Fuß haben. Man rechnet zehn Stauden auf ein Pfund Thee. Die Bereitung des Thee’s ist sehr vereinfacht und wird mit viel weniger Menschenhänden verrichtet, als in den Chinesischen Fabriken. Anstatt, wie dort, jedes Blatt des grünen Thee’s[42] einzeln zu rollen, nimmt man eine ganze Menge Blätter zusammen, knetet sie leicht durcheinander und läßt sie auf Kupferplatten durch gelinde Feuerhitze trocknen, wodurch sie von selbst auseinanderfallen, aber freilich nicht so schön und gleichmäßig werden wie die gerollten.

Die Theepflanzungen sind auf Java, gleich den Zucker- und Kaffeepflanzungen, Eigenthum der Regierung und werden gewöhnlich auf fünfzehn bis zwanzig Jahre verpachtet. Die Regierung gibt den Pächtern Grund und Boden oder bereits angelegte Pflanzungen (eine Pflanzung erhält sich gegen achtzig Jahre) und sichert ihnen die gehörige Anzahl Arbeiter zu festgesetzten Preisen zu. Der Arbeitslohn ist in dieser, wie in allen von Batavia entfernter gelegenen Residentschaften außerordentlich billig: ein Taglöhner bekommt per Tag zehn Deut, nebst einem Pfund Reis. Letzteres hat hier den Werth von zwei Deut. Zum Pflücken des Thee’s, was die meiste Arbeit macht, werden gewöhnlich Weiber und Kinder verwendet, die natürlich noch billiger sind. Der Pächter erhält von der Regierung per Pfund 75 Deut; man rechnet seinen Gewinn auf hundert Prozent.

Der Javanische Thee soll seine Güte erst durch die Seereise nach Holland erhalten; die Theekenner geben aber jedenfalls dem Chinesischen Thee den Vorzug.

Sonderbar ist auf Java die Weise den Reis zu ernten. Man bedient sich hierzu kleiner Messer, mit welchen jeder Halm einzeln, ungefähr in der Mitte des Stängels, abgeschnitten wird. Die Halmen werden in kleine Büschelchen gebunden und von den Leuten mittelst Stangen auf der Achsel heimgetragen. Jeder, der Lust hat, an der Ernte Theil zu nehmen, kann helfen; sein Lohn besteht in dem fünften Theile von dem was er schneidet.

Mit dem Besuche der Kaffeemühle zu Lembang (8 Paal von Bandong) verband ich einen Ausflug nach dem Schwefelkrater Tangkerbon-prauh, der vier Paal weiter liegt. Da ich mit Regenwetter zu Lembang ankam, und die Parthie nach dem Krater nothwendiger Weise verschoben werden mußte, nahm ich mit großem Danke die Einladung des Herrn +Phlippeau+, des Inhabers der Kaffeemühle an, einen oder auch mehrere Tage in seinem Hause zu verweilen. Um den düstern Nachmittag nicht ganz unbenützt dahin gehen zu lassen, zeigte mir Herr Phlippeau die Behandlung des Kaffee’s von Anfang bis zu Ende. Ich fand, daß man hier damit bei weitem umständlicher zu Werke ging als in Brasilien. Der Kaffee wird, wie er vom Baume kommt, in Wasserbehältnisse geschüttet und so lange darinnen gelassen, bis die Schale oder Kapsel, in welcher die Bohnen sitzen, so weich ist, daß man sie leicht mit den Händen zerdrücken kann. In diesem Zustande schafft man ihn auf lange Bretterkisten, deren obere Theile mit kleinen Löchern versehen sind, durch welche die Bohnen gerade durchfallen können. Hier wird er so lange mit den Händen gedrückt, gewendet und verarbeitet, bis sich die Bohnen gänzlich aus den Kapseln gelöst haben. Die Bohnen kommen hierauf auf die Trockenplätze und von da in eine große Maschine (die Mühle), wo sie von den sie umgebenden feinen Häutchen befreit werden. Nun erst sondert man die guten Bohnen von den minder guten ab und verpackt sie endlich.

In Brasilien wird der Kaffee nicht in Wasser erweicht, sondern gleich wie er von den Bäumen kömmt, an der Sonne getrocknet, dann leicht gestampft, wodurch sich die Kapsel zu gleicher Zeit mit dem Häutchen von der Bohne löst, hierauf ausgesucht, auf Kupferplatten über leichter Feuerhitze getrocknet und verpackt.

Auf +Lembang+ macht das Kaffeetrocknen große Schwierigkeiten, da die Witterung das ganze Jahr hindurch mehr feucht als trocken ist. Und welch’ ununterbrochener, starker Hitze bedarf nicht der durch und durch geweichte Kaffee, um wieder trocken zu werden!

Die Kaffeemühle zu Lembang ist die größte auf Java; sie soll jährlich gegen 25,000 Pikul reinen Kaffee liefern.

Der Kaffee ist, wie bereits bemerkt, gleich dem Thee, Zucker u. s. w. Monopol der Regierung; nur die Residentschaft Batavia ist hievon ausgenommen: da kann jedermann nicht nur Kaffee, sondern alles bauen, was ihm beliebt, und verkaufen, an wen er will. In den übrigen Residentschaften bebaut die Regierung die ihr angehörigen Ländereien entweder selbst mit Zucker, Kaffee, Thee; oder sie verpachtet sie mit der Bedingung, diese Artikel zu kultiviren und zu festgesetzten Preisen an sie abzuliefern. Den Kaffeebaum bearbeitet sie jedoch vorzugsweise selbst. In Gegenden, die zum Kaffeebaue geeignet sind, muß von den im Umkreise wohnenden Hüttenbesitzern oder Bauern jeder 300 Bäume pflanzen und stets in voller Zahl erhalten. In den ersten drei Jahren bringt der Baum nichts, und der Bauer erhält auch keine Entschädigung für seine Arbeit. In den folgenden Jahren bekommt er per Pikul, wie er den Kaffee in der Kapsel nach der Mühle liefert, achtzig bis hundert Deut. Der Inhaber der Kaffeemühle wird für die Bearbeitung ebenfalls von der Regierung bezahlt; er erhält für jeden Pikul reinen Kaffee zwei Kupfergulden, wobei er, gleich dem Theepflanzer, hundert Prozent gewinnen soll. Man rechnet auf einem Pikul reinen Kaffee’s sechs Pikul in Kapseln. In Gegenden, wo es keine Kaffeemühlen gibt und der Bauer selbst den Kaffee reinigen muß, bezahlt ihm die Regierung per Pikul gereinigten Kaffee’s sechs bis sieben Kupfergulden. Drückend für die Bauern ist es, daß sie mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von den Kaffeegärten entfernt wohnen, und des Jahres hindurch drei- auch viermal auf einen Monat dahin zur Arbeit zu gehen haben. Sie finden wohl Hütten, wo sie schlafen können; aber verpflegen müssen sie sich selbst.

Die Residentschaft Preanger, überhaupt eine der fruchtbarsten Java’s, ist die reichste an Kaffee. Ihr hügeliger, hochgelegener Boden (sie besteht aus einer ausgedehnten Hochebene, 2,200 Fuß über der Meeresfläche) ist dieser Cultur besonders günstig. Man rechnet auf sie sechzig Millionen Kaffeebäume, von welchen fünfunddreißig Millionen unter der Aufsicht des Assistent-Residenten von +Bandong+ stehen. Drei Bäume geben zwei Pfund reinen Kaffee. Nirgends sah ich die Kaffeegärten so rein, schön gehalten und geordnet wie hier.

Am folgenden Morgen ritt ich nach dem Schwefelkrater. Herr +Phlippeau+ war so gütig, mich mit Pferden und Führern zu versehen. Mein Zug vergrößerte sich auf jedem Paal mit Reitern und Fußgängern so, daß ich am Ende gewiß über dreißig Leute in meinem Gefolge hatte. Es herrscht nämlich in vielen Gegenden Java’s die Sitte, daß, wenn eine Person, die man auszeichnen will, durch ein Dorf kommt, der Richter nebst mehreren Inwohnern sie eine große Strecke weit begleiten. Mir erzeigte man diese Ehre aus Rücksicht für Herrn +Phlippeau+ und für den Assistent-Residenten.

Komisch ist auch die Art, auf welche die Eingebornen im Gebiete Preanger den Vorgesetzten und den Europäern ihre Hochachtung bezeigen. Sie hocken sich auf die Erde und zwar in derselben Richtung, in der sie gerade sind, so daß man von dem Einen den Rücken, von einem Andern die Seite, von einem Dritten das Gesicht zu sehen bekommt. Sind sie zu Pferde, so steigen sie ab, führen das Pferd zur Seite und hocken sich daneben nieder. Auch in anderen Theilen Java’s bemerkte ich diese Sitte.

Ein ziemlich guter Weg führt zu dem Krater, und man kann bis an seinen Rand reiten. Er mag zweihundert bis zweihundertfünfzig Fuß tief sein, und ist unten beinah nicht schmaler als oben, drei- bis vierhundert Fuß im Durchmesser. Die Wände fallen sehr steil ab und nur auf einer Seite ist es möglich, über loses Steingerölle und lockeres Erdreich mit ziemlicher Gefahr hinab zu steigen. In der Tiefe wirbeln an mehreren Stellen kleine Rauchsäulen auf, reiner Schwefel liegt daneben. Ich kletterte mit vieler Mühe hinunter. Bei den aufgeworfenen Schwefelhügelchen vernahm ich ein starkes Brausen; die Rauchsäule stieg mit Gewalt empor und machte dasselbe Geräusch, wie der Dampf, wenn er aus einem Locomotive gelassen wird. Man kann sich diesen Rauch- oder besser gesagt Dampfsäulen mit einiger Vorsicht gänzlich nahen, man muß nur mit dem Winde dahin gehen und nicht gegen denselben, damit der erstickende Schwefeldampf nicht in das Gesicht schlägt.

Nicht nur die Eingebornen, sondern auch die Europäer hatten mir gesagt, der Boden in dem Krater sei so heiß, daß man stets mit verbrannten Schuhsohlen zurückkäme. Ich befühlte den Boden wohl an mehr als fünfzig Stellen, und ganz besonders in der Nähe der Rauchsäulen -- konnte indeß meine Hand eine Zeit lang darauf ruhen lassen, und brachte meine Schuhe unbeschädigt zurück.

Daß doch die Menschen bei jeder Gelegenheit übertreiben, und einer dem andern die Lügen nachsprechen muß! Oder sollte ich so unglücklich sein, alles anders zu sehen, zu beobachten, zu fühlen, als die übrigen Reisenden? --

Vor einigen Jahren hat dieser Krater eine solche Menge schwefeliger Asche ausgeworfen, daß die Waldungen ein Viertel Paal rings um den Kessel gänzlich abstarben. Die nackten, schwarzen, wie von einem Waldbrande verkohlten Stämme bildeten einen grellen Widerspruch zu der reichen, blühenden Natur, die sich ohne den geringsten Uebergang, gleich einem Kranze, um sie schloß.

Ich hatte nun schon einige Krater, lebende und verloschene, auf Java gesehen; aber in keinem kam mir die rein poröse Lava vor, die ich auf dem Vesuv, dem Aetna, und auf den zahllosen Kratern Islands gefunden habe. Es scheint, daß sich die Javanesischen Feuerspeier mit Asche, Sand, Wasser oder Steinen begnügen.

Nach Bandong zurückgekehrt, verschaffte mir Herr von Vischer eine recht hübsche Unterhaltung bei dem Regenten[43], der uns zu Ehren von seinen Tänzerinnen den Nationaltanz Bedogo aufführen ließ.

Die sechs Tänzerinnen waren reizend gekleidet. Sie trugen knapp anliegende Leibchen ohne Aermel, Gold-durchwirkte, seidene Sarongs, die kaum an die Knöchel reichten, darunter enge Beinkleider, die bis an den Fuß gingen; der Fuß selbst war unbekleidet. Um die Mitte des Leibes wand sich eine purpurne Schärpe, deren Enden bis an die Kniee fielen. Brust, Leibchen, Handgelenke und Oberarm waren mit breiten Goldblechen geziert. Auf dem Kopfe hatten sie Helme, die auf den Seiten durchbrochen waren und den Reichthum der üppig schwarzen Haare sehen ließen. Man konnte sich einbilden, Amazonen vor Augen zu haben. Schade, daß die Mädchen selbst nicht so reizend waren, als ihr Anzug; der Malaische Typus sprach zu sehr aus ihren Gesichtern.

Der Tanz bestand aus drei Abtheilungen. In der ersten ging es ziemlich ruhig her: da ward ganz einfach getanzt; in der zweiten brachten die Tänzerinnen Sträuße von Pfauenfedern, die sie gleich Schwertern wie im Kampfe schwenkten; in der dritten Abtheilung kamen sie mit Bogen und Pfeil bewaffnet und stellten ein ordentliches Gefecht dar, das mit der Niederlage der Hälfte der Kämpfenden endete. Die Getödteten blieben eine Zeit lang auf dem Wahlplatze liegen. Mit ihrer Niederlage zugleich ertönte in der Ferne eine klagende, sanfte Melodie. Die Musik dagegen, die den Tanz begleitete, war sehr lärmend und unharmonisch. Ich fand diese Vorstellung sehr zierlich und ausdrucksvoll und das Auge nicht beleidigend, eine Eigenschaft, die man nicht immer an unsern Balleten rühmen kann. Das Einzige was mir nicht gefiel war, daß die Tänzerinnen die Augen beständig zu Boden geschlagen hatten, eine Sitte, die ich bei den Tänzerinnen der meisten außereuropäischen Völker bemerkt habe, und welche Hochachtung für die Zuseher auszudrücken scheint.

Von Bandong kehrte ich direkt nach Buitenzorg zurück, wo ich der gütigen Einladung des Gouverneur-Generals zu Folge abermals in seinem Palaste einige Tage verweilte. Ich schulde diesem Herrn wirklich den größten Dank, nicht nur für die mehr als gewöhnlich freundliche Aufnahme, die ich in seinem Hause fand, sondern auch weil eben diese mir bewiesene Theilnahme hauptsächlich dazu beitrug, daß man mich in allen Holländischen Besitzungen so ausgezeichnet gut aufnahm und meine Reisepläne überall so viel wie möglich unterstützte[44].

In Batavia stieg ich wieder in dem Hause meiner liebenswürdigen Freunde, Herrn und Frau van Rees ab. Hier ward ich durch einen mir sehr werthen Besuch überrascht. Ich wurde in den Salon gerufen, und als ich kam, stand Herr +Steuerwald+ (Oberst in Holländischen Diensten) vor mir. Ich hatte diesen Herrn im Jahre 1845 auf der Reise von Gothenburg nach Stockholm kennen gelernt. Seine gediegenen Kenntnisse, ganz besonders aber sein freier, offener, rechtlicher Charakter flößten mir die höchste Achtung ein; ich war stolz von diesem Biedermanne schon damals mit mehr Auszeichnung behandelt worden zu sein, als dies gewöhnlich bei vorübergehenden Reisebekanntschaften der Fall ist. Er war im Dienste nach Indien gekommen, und diesem glücklichen Zufall verdankte ich es, eine Bekanntschaft fortsetzen zu können, die im hohen Norden Europa’s ihren Anfang genommen hatte.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr von Bandong fuhr ich nach +Tangerang+, fünfzehn Meilen von Batavia. Herrn van Rees rief ein kleines Geschäft dahin, das er besonders bis zu meiner Rückkehr verschoben hatte, um mich mitzunehmen. Er benützte diese Gelegenheit, mir verschiedene Volksbelustigungen vorstellen zu lassen: ich sah ein Hahnengefecht, einen Volkstanz, ein burleskes Lustspiel, und ein großes Kunststück eines sogenannten Herkules.

Der Hahnenkampf ist zu grausam, um unterhaltend zu sein. Dem armen Thiere werden an jeden Fuß kleine, spitzige, sehr scharfe Messerklingen gebunden. Die Eigenthümer nehmen hierauf ihre Thiere unter den Arm, stoßen sie mehrmals gegen einander und reizen sie durch Ziehen an dem Kamme und an den Federn zum Zorne. Wenn sie recht aufgeregt sind, läßt man sie los, und der Kampf beginnt sogleich, dauert aber nicht lange, denn die Hähne hauen sich so schnell und stark mit den Krallen und den daran gebundenen Messerklingen, daß nach kaum einer halben Minute einer, oft auch beide auf dem Kampfplatze bleiben.

Die Holländische Regierung hat die Hahnenkämpfe strenge verboten; sie waren das größte Vergnügen und zugleich Verderben des Volkes. Die Leute beschäftigten sich beinahe mit nichts anderem, und ruinirten sich mit Wetten. Ein leidenschaftlicher Spieler setzte nicht nur Haus und Gut auf’s Spiel, sondern sein Weib, sein Kind, ja am Ende sich selbst.

Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem engen Raume sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte Lieder herunter. Dagegen unterhielt mich das Lustspiel, obwohl ich vom Texte nichts verstand (wozu mir Herr van Rees Glück wünschte); ich bewunderte das natürliche Spiel, die Grimassen, die Beredsamkeit der Schauspieler, besonders des Hauptkomikers. Man muß wissen, daß die Leute keine einstudirten Stücke haben, sondern stets aus dem Stegreife spielen. Die Frauenrollen waren hier von Jünglingen dargestellt, wobei die Zuseher nichts verloren, da beide Geschlechter in diesem Lande gleich häßlich sind; ich wäre gar nie auf den Gedanken gekommen, daß verkleidete Männer vor mir sich produzirten, wenn man es mir nicht gesagt hätte.

Den Schluß der Unterhaltungen machte ein wirklich bewunderungswürdiges Kunststück des Herkules. Bloß mit einer kurzen Hose bekleidet, ließ er sich um den Hals einen Strick binden, und mit demselben auch die Arme und Hände auf dem Rücken so fest zusammenschnüren, daß er damit nicht die geringste Bewegung machen konnte. Er kam zu uns, um die Knoten und Verschlingungen des Strickes untersuchen zu lassen. Hierauf kroch er unter einen hohen Korb, der von allen Seiten überdeckt war, und in welchen man ein Hemd und einen Sarong gelegt hatte. Nach ungefähr sechs Minuten ward der Korb aufgehoben; der Herkules hatte den Strick wie zuvor um Hals, Arme und Hände gebunden, aber das Hemd angezogen, den Sarong um die Mitte geschlagen. Er kroch nochmals unter den Korb und erschien nach sechs Minuten wieder, ohne Hemd und Sarong, und den Strick mit allen seinen Knoten und Verschlingungen in der Hand haltend.

Auf einem Theater würde dieses Kunststück nichts bedeutet haben, da man dem Künstler unter dem Korbe zu Hilfe hätte kommen können; aber hier, mitten auf einem Wiesenplatze, war doch kein Beistand möglich.

Ein Herr aus unserer Gesellschaft bot ihm für das Geheimniß seines Kunststückes 25 Rupien; der Mann nahm aber diesen Vorschlag nicht an.

Am folgenden Morgen den +7. Juli+ sollten wir, vor der Rückkehr nach Batavia, noch eine Zuckermühle besuchen; sie war jedoch leider noch nicht im Gange, obwohl das Zuckerrohr rings umher schon in voller Reife stand. Nirgends sah ich größere und üppigere Zuckerfelder als in dieser Ebene.

Die Zuckermühlen tragen auf Java einen Gewinn von zwei- bis dreihundert Procent.

Gegen Mittag trafen wir wieder in Batavia ein.

[35] Java hat, sammt der dazu gehörigen kleinen Insel Madura 2444 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 9½ Millionen Seelen.

[36] Chef der Chinesen auf Batavia.

[37] Wenn man auf Java mit Postpferden reist, müssen Laufzettel vorausgesandt werden.

[38] Ich werde von nun an immer nach Paal rechnen. Ein Paal ist gleich einer Englischen Meile.

[39] Der Nopal gehört zum Cactus-Geschlechte.