Part 10
Der Pangerong empfing mich im Divan. Hier sah es so Europäisch aus, daß ich mir schmeichelte, recht gut aufgehoben zu sein. Nach einer stundenlangen Unterhaltung äußerte ich den Wunsch, nach meinem Zimmer zu gehen. Man frug mich, was ich zu essen wünsche. Ich bat ganz bescheiden um zwei weichgesottene Eier. Auf meinem Zimmer angekommen, wartete ich die längste Zeit auf dieses große Mahl. Endlich erschien ein Diener, in einer Hand ein Bündelchen, in der andern ein Päckchen haltend; er legte beides auf den Tisch und kramte aus -- das Bündelchen enthielt sechs Eier, das Päckchen ein Pfund Wachskerzen. Ich mußte über die höchst einfache Art der Bedienung um so mehr lächeln, als man mir einige Diener nebst einer Dienerin gegeben hatte, die mich auf jedem Schritte wie Schatten verfolgten, von welchen mir aber keiner weder Messer noch Teller noch Brot oder Salz brachte. Ich hatte nicht mehr den Muth, etwas zu verlangen; ich dachte, es könnte so rasch kommen als die Eier, und ich sehnte mich schon sehr nach Ruhe. Ich langte daher nach einem Ei, um es in Eile auszuschlürfen; aber -- es war kalt und ungekocht. Ohne Imbiß mußte ich nach einer ganzen Tagereise mein Lager aufsuchen.
Meine Wohnung bestand aus einer großen Halle, zu welcher drei Stufen aufwärts führten. Ein kleiner Raum, durch Blätterwände getrennt, bildete das Schlafgemach, das weder Thüre noch Fenster hatte; vor dem Eingang war bloß ein kleiner Schirm gestellt. Als ich Morgens aufstand, konnte ich natürlich in dem finsteren Gemache nicht bleiben und ging in die Halle. Diese aber hatte ein halb Dutzend Thüren, die immerwährend offen standen und allen Leuten zugänglich waren. An müßigem Volke fehlt es in den tropischen Ländern nirgends, am wenigsten an einem fürstlichen Hofe, und da ich noch dazu den Leuten eine merkwürdige Erscheinung war (außer Frau Willer hatten sie noch keine Europäerin gesehen), so befand sich meine Halle stets voll Menschen, und jede meiner Bewegungen wurde beobachtet; ich kam mir wahrlich wie eine stumme Schauspielerin vor.
Zum Frühstücke, auf das ich mit einem wahren Heißhunger wartete, brachte man mir Thee ohne Milch[31] und ohne Brot. Ich fing schon an, etwas böse zu werden, mich an ein Haus gewiesen zu sehen, in welchem ich mit niemandem sprechen konnte und mir daher alles gefallen lassen mußte. Da kamen endlich zwei Herren, Kapitän van der +Kapellen+ und Dr. +Enthoffer+, mich zu besuchen und im Namen der gesammten Offiziere einzuladen, eines ihrer Häuschen zu beziehen. Welche Freude mir diese unverhoffte Einladung machte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Die Herren versprachen, mich gegen Abend abzuholen.
Indessen rückte Mittag heran, und als niemand erschien, meinen leeren Tisch zu decken, begehrte ich zu essen. Ich hatte nun schon über 24 Stunden gefastet. Trotz meines guten Appetites war es mir aber unmöglich, viel von dem Mahle zu genießen, das man mir vorsetzte. Es bestand aus Reis, in Wasser gekocht, aus dem halben Flügelchen eines Huhnes in so starker Kuri-Brühe, daß ich mir den Mund verbrannte, und aus zwei dünnen Spalten getrockneten Fleisches (Den-den genannt), welches in ranzigem Kokos-Oele zu Kohlen verbrannt war.
Um 4 Uhr brachte man mir einen großen Korb voll Früchte, von welchen ich jedoch wenig aß, da sich der Europäer in diesen Ländern vor Früchten sehr in Acht nehmen muß; sie bekommen ihm selten gut.
Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren. Kapitän van der Kapellen führte mich in sein eigenes Häuschen, welches er sammt seinen Dienern gänzlich zu meiner Verfügung stellte; er selbst quartirte sich für die Zeit meines Hierbleibens bei einem andern Offiziere ein. Man glaube aber nicht, daß ich, weil ich ein ganzes Häuschen besaß, deshalb über viele Gemächer zu verfügen hatte. Mein Palast, eine bescheidene Laubhütte mit zwei kleinen Kämmerchen, war nebst andern ähnlichen Palästen in der Eile aufgeschlagen worden, um die Offiziere zu beherbergen, die der Chinesischen Unruhen wegen mit ihren Truppen die Besatzung von Sambas vermehrt hatten. In Friedenszeit besteht die ganze hiesige Gesellschaft aus dem Assistent-Residenten, einigen Beamten und Offizieren, im Ganzen 11 Personen, die Soldaten nicht gerechnet.
Sambas zählt einige Tausend Einwohner und gleicht allen übrigen Malaischen Städtchen, mit der Ausnahme, daß die Chinesen meistens ihre Häuser auf Flößen gebaut haben, wodurch der Fluß ein sehr belebtes Ansehen erhält. Gleich Pontianak liegt Sambas in einer großen Ebene, die aber nicht so versumpft ist, und in deren Hintergrund sich einige Gebirge zeigen. Vor dem Hause des Assistent-Residenten ist sogar ein großer Wiesenplatz mit Baum-Alleen.
Außer einem Fort besitzt Sambas auch ein Hospital mit geräumigen Sälen, sehr reinlichen, guten Betten und reichen Vorräthen an Wäsche, Arzeneien und Lebensmitteln, unter letzteren viele hermetisch verschlossene Blechbüchsen (Conserve), feine Gemüse, Kalbfleisch u. s. w. enthaltend, und feine Weine, wie Bordeaux, Rheinwein. In dieses Hospital werden auch Eingeborne aufgenommen; doch machen sie selten Gebrauch davon. Sie haben einen großen Abscheu vor Hospitälern -- sie sahen Leute darinnen sterben, halten sie eher für Sterbehäuser als für Heilanstalten und ziehen es daher vor, selbst an sich zu quacksalbern.
Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Holländer auf Borneo[32] mit den eingebornen Mädchen in denselben freien Verhältnissen leben, wie die Franzosen auf +Otahaiti+. Ich könnte hier Wort für Wort wiederholen, was ich bei Gelegenheit meiner früheren Reise über Otahaiti geschrieben habe. Mir fiel dies um so mehr auf, da ich weder auf Singapore, noch auf Sarawak, noch auf irgend einer Englisch-überseeischen Besitzung Aehnliches bemerkt habe.
Obwohl es in Sambas nicht viel Interessantes zu sehen gab, verging mir die Zeit doch schnell und angenehm. Herr van Prehn sandte mir jeden Morgen sein Boot, und der Fürst Rato vier Malaien. Ich fuhr bis an die Waldungen und strich mit meinen Begleitern den ganzen Vormittag umher. An die tropische Hitze war ich bereits gewöhnt, eben so an die Sümpfe und Moräste, und an Schlangenbisse oder dergleichen Unfälle dachte ich gar nicht. Wir brachten Tod und Verderben über alles, was uns vorkam; kein Insekt, kein Reptil, kein Schmetterling fand Gnade vor unsern Augen. Nachmittags hatte ich meine armen Opfer in Ordnung zu bringen, und Abends erhielt ich stets Besuche. Mit Dank und Vergnügen werde ich stets der Europäer in Sambas gedenken, besonders der Herren van der Kapellen, Enthoffer und van Prehn. Sie beschrieben mir ihre Landsleute auf Batavia ungleich günstiger, als man es zu Pontianak gethan hatte, und versahen mich reichlich mit Empfehlungsbriefen, so daß ich meiner Reise etwas muthiger entgegen sah.
Am +26. April+ verließ ich Sambas, und zwar um abermals nach Pontianak zu gehen, wo das Schiff eine Ladung Kokosnüsse (50,000 Stück, das Hundert ~à~ 2 Rupien) und Rotang für Batavia einnehmen sollte.
An der Mündung des Flusses hatte ich das Vergnügen, Herrn und Frau Willer zu begegnen und mit ihnen zu frühstücken. Herr Willer kam der Chinesischen Angelegenheiten wegen nach Sambas.
Auf Fort +Sorg+, bei Kapitän +van Houten+, fand ich dieselbe herzliche Aufnahme wie früher. Er überraschte mich mit einer kleinen Sammlung Insekten und mit einer ausgezeichnet schönen und seltenen Schlange.
Am +1. Mai+ ging ich wieder an Bord. Wir hatten vier Tage zu thun, um über die die Rhede umgebenden Sandbänke zu gelangen. Am ersten Tage harpunirten die Matrosen eine Boa. Sie war vermuthlich durch die Fluth vom Lande mitgenommen worden und mochte unser Schiff als Zufluchtsort betrachten, indem sie darauf lossteuerte und an Bord zu kommen suchte. Sie kam auch an Bord, aber -- als Leiche. Sie maß 18 Fuß in der Länge und 8 Zoll im Durchmesser. Die Matrosen zogen ihr die Haut ab und wollten den Körper in die See werfen. Ich rieth ihnen, letzteres zu unterlassen und die Schlange lieber zu verspeisen. Sie lachten mich weidlich aus und meinten, wenn das Schlangenfleisch so köstlich schmecke, möge ich es nur selbst verzehren, ihr Antheil stehe zu meiner Verfügung. Ich ließ ein Stück braten und fing in ihrer Gegenwart davon zu essen an[33]. Als sie dies sahen, trat doch einer der herzhaftesten hervor und ersuchte mich, ihn davon kosten zu lassen. Ich gab ihm ein Stückchen, und da er es, gleich mir, äußerst schmackhaft fand, folgten die andern alsbald seinem Beispiele und kosteten so viel, daß am Ende das Zusehen an mich kam. Es wurde einmüthig beschlossen, die Schlange zu verspeisen, und Matrosen und Soldaten dankten mir für den guten Rath.
Wir hatten 30 Soldaten nebst einigen Weibern und Kindern an Bord. Unter den Soldaten gab es mehrere Kranke, die zur Luftveränderung nach Batavia gesandt wurden, und von welchen einer, ein Javanese, während der Reise starb. Sein Körper wurde unmittelbar nach dem Verscheiden an den Mittelmast gelegt. Nach sechs Stunden nähte man ihn in eine Matte, befestigte an den Füßen zwei große Steine, legte dann den Körper auf ein Brett, und ließ ihn in die See gleiten. Keiner der Landsleute und Waffengenossen des Verstorbenen war von dieser Scene ergriffen, nicht einmal sein Weib. Ihr Auge blieb trocken, ihre Gesichtszüge drückten Gleichgültigkeit aus. Nach zwei Tagen sagte man mir, daß sie schon mit einem andern versprochen sei.
Ich hatte bemerkt, daß die Landsleute des Verstorbenen, als er in die Matte genäht wurde, einige Münzen beilegten. Auf mein Befragen, warum dieß geschähe, sagte man mir, daß die Leute glauben, wenn man einer Leiche, die in die See geworfen werde, einige Münzen beilege, sie nicht auftauche.
Am +8. Mai+ erst warfen wir Anker auf der Rhede von Pontianak, und am +22. Mai+ nahm ich zum letzten Male Abschied von diesem Orte. Da ich damit zu gleicher Zeit auch gänzlichen Abschied von Borneo nahm, will ich mit einigen Worten noch die verschiedenen Völker erwähnen, die ich kennen gelernt habe.
Die Dayaker, die bei weitem den größten Theil der Bevölkerung ausmachen, gefielen mir, wie bereits gesagt, am besten, nicht nur unter den Völkern Borneo’s, sondern untern allen wilden Völkern der Erde, mit welchen ich bisher in Berührung gekommen war. Sie haben, besonders die freien Stämme, einen wirklich edlen, unverdorbenen Charakter. Sehr mißfielen mir dagegen die Malaien; ich kann nur bestätigen, was die meisten Reisenden sagen: daß die Malaien Borneo’s unter allen Malaien die schlechtesten sind. Sie lügen, stehlen, betrügen, behandeln die ihnen unterworfenen Dayaker sehr hart und haben wenig Liebe für ihre Weiber und Kinder. Sie wechseln sehr leicht die ehelichen Bande: ich sah Männer wie Weiber, die sechs bis acht Mal getraut waren und kaum 30 Jahre zählten. Oft kehren sie, nachdem sie mit anderen getraut waren, zu ihren früheren Gatten wieder zurück. Daß ein Mann mehrere Frauen zugleich hat, ist gesetzlich erlaubt, denn die Malaien sind alle Mahomedaner. Nebst diesen schönen Eigenschaften besitzen sie eine unbeschreibliche Trägheit, Theilnahmslosigkeit und eine Unreinlichkeit sonder gleichen. Sie baden oder überschütten sich wohl zwei bis dreimal des Tages mit Wasser, wie es ihre Religion verlangt; allein sie waschen den Schmutz nicht vom Körper, trocknen sich nicht ab; sie lassen das Wasser über den Körper laufen und damit ist es abgethan. Ihre Nahrung ist schlecht, weil sie zu träge sind, mehr zu bauen oder zu pflanzen als Reis. In jeder Hütte, in der ich auf meinen Reisen einsprach, fand ich einen Schwarm von Männern und Weibern, die halbe, ja ganze Tage nichts thaten als: schwatzen, Siri kauen, schlafen, mit den Kindern spielen oder mich stundenlange sinnlos begaffen.
Was die Chinesen betrifft, so sind diese schon von ihrem Vaterlande aus als falsch, grausam, hinterlistig und verschmitzt bekannt, und so wenig sie in fremden Ländern ihre Sitten, Gebräuche und Kleidung ablegen, eben so wenig legen sie ihren Charakter ab. Doch haben sie auch viele gute Eigenschaften: sie sind betriebsam, fleißig, ausdauernd und sparsam, lieben ihre Kinder und wechseln deßhalb auch viel seltener ihre Frauen.
Die Chinesen spielen in Borneo die Rolle der Juden in Polen oder Ungarn. Groß- und Klein-Handel, alle Handwerke sind in ihren Händen; sie sind Pächter oder Bearbeiter aller Minen und bauen das Land ungleich sorgfältiger als die Dayaker oder Malaien. Auch ihre Nahrung ist bei weitem besser: sie halten viel Schweine und Geflügel, pflanzen Gemüse und Früchte. Thee vertritt die Stelle des Wassers, und bei den Mahlzeiten trinken sie häufig eine Art sehr leichten Rums, aus Reis gezogen und mit Zucker versüßt.
Man könnte den Chinesen als Herrn und Bürger des Landes, den Malaien als Bauer, den abhängigen Dayaker als Sklaven betrachten.
Durchaus unwahr und übertrieben finde ich die Schilderungen, die man von dem harten Lose der Borneischen Weiber, besonders jenem der Dayakerinnen macht. Leute, die solches behaupten, haben nicht gesehen, was ein armes Weib in den meisten Europäischen Ländern zu leisten hat. Sie haben nicht gesehen, wie eine Europäische Bäuerin schwer beladen mit Lebensmitteln schon lange vor Sonnenaufgang nach einer fernen Stadt eilt, um dort ihren Kram zu veräußern, wie sie halb erschöpft nach Hause kommend, statt zu ruhen, die Küche, die Kinder beschickt, im Stall das Vieh besorgt, und oft noch auf die Felder geht und den Männern arbeiten hilft. Sie haben nicht gesehen, wie eine arme Taglöhnerin in den Städten von Morgens drei bis Abends sieben und acht Uhr am Waschtroge steht und wäscht, bis ihr die Haut von den Fingern geht -- wie andere die größten Lasten Holz, Wasser in die vierten und fünften Stockwerke der Häuser hinaufschleppen. Sie haben an die Handarbeiterinnen nicht gedacht, die oft in dumpfen, düstern Löchern täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, die kaum an einem Sonntage die liebe Sonne zu sehen bekommen. Wahrlich, es kann kein härteres Loos geben, als das eines armen Europäischen Weibes!
Was sind dagegen die Leistungen der Borneischen Weiber? Sie arbeiten höchst selten auf dem Felde, flechten Matten und Laubwände zur Erbauung der Hütten, besorgen die Kinder, den Haushalt. Sie gehen zur Zeit der Reisernte (und das nur die Dayakischen Weiber) für einige Stunden auf’s Feld, schneiden da ein Körbchen voll mit Reisähren[34] und tragen es heim. Was für Matten und Laubwände nöthig ist, schafft der Mann nach Hause; die Weiber sitzen im schattigen, luftigen Vorplatze und arbeiten nach Belieben; kein Mensch treibt sie an. Wird die Sache nicht heute fertig, so wird sie es morgen oder übermorgen. Die Kinder machen ihnen nichts zu schaffen: die laufen nackt umher, und thun was sie wollen; hat ein Weib einen Säugling, so bleibt es ganz zu Hause. Was die Küche betrifft, so wird sie bei den Chinesen von den Männern beschickt, und bei den Dayakern und Malaien sieht das Feuer selten etwas anderes als Reis. Um das Vieh brauchen sie sich nicht zu bekümmern: die Schweine und Hühner müssen sich ihr Futter größtentheils selbst suchen, und Kühe halten sie nicht. Sie haben ferner kein Hausgeräth zu scheuern, keine Stuben zu reinigen (aller Unrath wird durch den Bambusboden geworfen), und das Waschen und Flicken der Wäsche und Kleider raubt ihnen auch nur wenig Zeit, da sie nichts weiter tragen, als einen einfachen Sarong.
Diesen angestrengten Arbeiten wollen die mitunter so gefühlvollen Europäer das frühe Altern der Weiber zuschreiben. Ich möchte es mehr als Folge des frühen Heirathens betrachten, das bei Mädchen oft schon im elften oder zwölften Jahre stattfindet.
[28] In den holländischen Besitzungen gibt es Papiergeld (Recepisse), Kupfer (Deut), Silber (Rupie). Ein Recepisse hat den Werth einer Rupie und enthält 120 Deut. Zwölf Recepisse machen ein Livre Sterling. -- Man rechnet auch nach Kupfer-Gulden ~à~ 100 Deut; es ist dieß aber eine imaginäre Münze.
[29] Madura, eine Insel, gehört zur Regentschaft von Java.
[30] Pangerong ist gleich Panam-Baham mehr als Rajah und weniger als Sultan.
[31] Kühe findet man nur bei den Europäern, höchst selten bei den Eingebornen. Letztere halten mitunter Ziegen.
[32] Später bemerkte ich dasselbe im ganzen Archipel.
[33] Wer meine erste Reise um die Welt gelesen hat, wird sich vielleicht erinnern, daß ich zu Singapore auf einer Tigerjagd war, auf welcher, statt eines Tigers, eine Boa getödtet wurde. Wir brachten sie zu Chinesen auf eine Pfefferpflanzung. Die Leute zogen ihr die Haut ab, kochten und aßen sie. Ich kostete von diesem seltsamen Gerichte und fand es wirklich höchst schmackhaft.
[34] Auf Borneo werden die Aehren ganz oben an dem Ende der Stängel abgeschnitten, das Stroh wird auf dem Felde verbrannt.
Sechstes Kapitel.
Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel. -- Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. -- Besteigung des Pangerangs. -- Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die Kaffeemühle. -- Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. -- Ausflug nach Tangerang. -- Volksbelustigungen.
Am +29. Mai+, nach einer Reise von 7 Tagen traf ich glücklich zu Batavia ein (400 Meilen von Pontianak).
Von der Rhede aus sieht man wenig von der Stadt, nichts von den Wohnhäusern der Europäer; es zeigt sich blos eine ungemein große, fruchtbare Ebene, von schönen Gebirgen umgeben.
Die Fahrt von der Rhede nach der Stadt (drei Meilen) muß man in der Regierung gehörigen Booten machen und dafür 3 Rupien bezahlen. Ein Schiffskapitän kann zwar sein eigenes Boot gebrauchen, muß aber für dieses Recht dieselbe Taxe entrichten. Auch die Waaren können nur in Regierungsbooten befördert werden.
Für einen Wagen von dem Landungsplatze nach der Stadt hat man ebenfalls drei Rupien zu bezahlen, für jedes Stück Gepäck eine halbe Rupie, in allem, die Trinkgelder mitgerechnet, 9 bis 10 Rupien, -- eine Summe, für welche man in dem theuern Calcutta viermal an’s Land gehen kann.
Ich stieg im Hôtel Neederland bei Herrn +Hovesand+ ab. Doch schon am folgenden Morgen besuchte mich der Resident Herr +van Rees+, an welchen ich von +Sambas+ einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte, lud mich auf die herzlichste Weise in sein Haus ein und ließ mich noch denselben Tag abholen. Seine Gemahlin, eine der gebildetsten und liebenswürdigsten Frauen, empfing mich nicht minder freundlich als ihr Gemahl, und somit ging mein Eintritt in Batavia auf die leichteste und angenehmste Art vor sich.
Herr +Hovesand+ nahm durchaus keine Bezahlung von mir an, obwohl ich in seinen Wagen gefahren, seine Kully benützt hatte. Er bat mich, ihm die Freude, eine so große Reisende wie mich beherbergt zu haben, nicht durch eine Vergütung zu verderben.
Batavia hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, darunter 2000 Europäer und mehr als 20,000 Chinesen[35]. Die Stadt ist nicht hübsch, die Häuser sind klein und unansehnlich und besonders in dem Chinesischen Theile sehr nahe an einander gebaut. Die Europäer haben nur ihre Comptoirs in der Stadt; sie wohnen außerhalb derselben in Landhäusern. Die vornehmsten und nächstgelegenen der von den Europäern bewohnten Plätze heißen: Koningsplein, Waterlooplein, Cramat und Ryswick. Die beiden ersten besitzen große, schöne Wiesen von Baum-Alleen umgeben, unter welchen man Abends spazieren fährt und reitet. Die Waterloo-Wiese ist mit einer Säule geschmückt, „Waterloo-Säule“ genannt. Auf Waterlooplein wohnen die Offiziere. Es steht hier auch ein großes Regierungsgebäude, einen Sitzungssaal und Kanzleien enthaltend. Nahebei sind die öffentlichen Schulen und das Theater. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind noch bemerkenswerth: die protestantische und die katholische Kirche, die Polizei, das Museum, die Harmonie, das Militär- und das Chinesische Hospital. Das Posthaus war eben im Baue begriffen. Der Palast des Gouverneur-Generals ist unbedeutend. Der eigentliche Wohnsitz des Gouverneurs ist zu Buitenzorg (36 Meilen von der Stadt). Nach Batavia kommt letzterer jeden Monat nur auf einige Tage, um Audienzen zu ertheilen, Sitzungen zu halten, Diners und Bälle zu geben.
Die Häuser der Europäer haben meistens ein sehr bescheidenes Ansehen; die wenigsten besitzen ein Stockwerk. Die schönste Zierde der Häuser in tropischen Ländern, die terrassenförmige Bedachung, fehlt ihnen; sie haben im Gegenteile schwere Dächer mit großen Vorsprüngen, die Fenster und Thüren überschatten. Dagegen besteht das Innere aus großen, hohen Gemächern und Sälen. Die Böden sind mit Matten belegt. Das Freundlichste an diesen Häusern ist, daß sie beinahe alle in Wiesen oder niedlichen Blumengärten liegen, die nicht wie in Calcutta oder Bombay von dicken Mauern, sondern von lebendigen Hecken oder zierlichen Staketen umfaßt sind. Dies gibt einer Spazierfahrt einen unendlichen Reiz; man meint in einem großen wohlgeordneten Parke zu sein.
Ich hatte viel von dem außerordentlichen Luxus auf Batavia sprechen gehört. Ich würde ihn vielleicht auch groß gefunden haben, wäre ich nicht in Brittisch-Indien gewesen. Wer aber je den Luxus an Gebäuden, Equipagen, Dienerschaft u. s. w. in Calcutta gesehen hat, kann durch nichts ähnliches mehr überrascht werden.
Lächerlich fand ich in Batavia die Kleidung der Diener. Die Holländer scheinen die Europäische Tracht so überaus schön zu finden, daß sie ihre Dienerschaft (alles Malaien) damit beglücken. In einem der vornehmsten Häuser sah ich die Diener in reich betreßten Livrée-Röcken, in elegante Beinkleider gesteckt; dabei gingen sie aber mit bloßen Füßen und hatten um den Kopf das landesübliche Tuch gewickelt. Welch komisch-sonderbaren Anblick diese verkleideten Orangutangs gewährten, kann man sich kaum vorstellen, besonders wenn sie auf ihre dunkelbraunen, mit dem Tuche umwickelten Köpfe noch den geschmackvollen Europäischen Hut setzten.
Die Lebensweise der Europäer ist hier so ziemlich dieselbe, wie in Brittisch-Indien. Ueberall findet man einen Schwarm von Dienern, von welchen einer dem andern im Nichtsthun behilflich ist. Die Frauen tragen den Tag über den Sarong und die Cabay der Eingebornen. Abends erscheint alles in Europäischem Putze. In allen Häusern wird Nachmittags einige Stunden der Ruhe gepflegt.
Batavia soll in früheren Zeiten sehr ungesund gewesen sein; jetzt ist dies weniger der Fall, da viele der es umgebenden Sümpfe trocken gelegt wurden.
Die Holländer, besonders die Männer, vertragen das Indische Klima weit besser als die Engländer. Ich sah viele Herren, die 15 bis 20 Jahre unausgesetzt in Java lebten und so blühend aussahen, als hätten sie Europa nie verlassen. Weniger gut ertragen es die Frauen, was vermutlich auch von dem zu frühen Heirathen herrührt. Die Regierung sah sich deshalb veranlaßt das Gebot zu erlassen, daß Mädchen (natürlich nur die Europäischen) nicht unter 15 Jahren heirathen dürfen. -- Die Kinder werden nicht so häufig nach Europa gesandt, als dies in Brittisch-Indien der Fall ist. Die Mädchen erzieht man häufig ganz im Lande; die Jungen ist man gezwungen nach Europa zu senden, wenn man sie zu Beamten oder Offizieren bestimmt, da kein in Indien erzogener Jüngling ein höherer Beamter oder Offizier werden kann, besäße er auch im höchsten Grade alle hiezu nöthigen Kenntnisse.
Ob Java gesünder ist als Brittisch-Indien, oder ob die minder schwere Kost, die minder starken Getränke Ursache der besseren Gesundheit der Holländer sind, wage ich nicht zu unterscheiden; ich würde jedoch für letzteres stimmen.
Das Leben ist in Batavia wenigstens um einen Fünftheil, wo nicht um ein Vierttheil theurer als in Calcutta.