Part 9
Die Kleidung des Fürsten und der Minister war einfach. Einer der Minister trug eine feine Tuchjacke mit Gold-gestickten Aufschlägen; sie mußte aber schon viele Dienste geleistet haben, denn sie ließ die Ellbogen durchschimmern. Der Reichthum dieser Leute besteht in Diamanten, die sie aber höchst sorgfältig verbergen, und ganz besonders vor uns habgierigen Europäern (so viel ich glaube mit gutem Rechte). Sie trugen nur einige Ringe mit schönen Steinen. Wir schmeichelten uns, wir würden die Schätze des Prinzen sehen; allein daraus ward nichts. Man behauptet, daß er der Besitzer des größten, bisher in der Welt gefundenen Diamanten sei; dieser soll den Kohinore, den großen Diamanten der Königin von England bei weitem übertreffen. Der Diamant wird aber Niemandem gezeigt, ja man soll nicht einmal wissen, wo er verborgen ist, so sehr fürchtet der Fürst, desselben beraubt, oder wohl gar seinetwegen ermordet zu werden. Ein beneidenswerther Schatz!!
Die Unterhaltung bei Tische spann sich um meine Reisen, vorzüglich um die letzte auf Borneo. Am meisten wunderte es den Fürsten, daß ich so glücklich durch die unabhängigen Dayaker gekommen sei; er meinte, ich müsse eines besondern göttlichen Schutzes genießen, und eine mehr als gewöhnliche Person sein[27]. Auch über meine Fußreisen erstaunte er sehr, und gestand mir aufrichtig, daß er, obwohl so jung (21 Jahre), kaum zwei Stunden würde gehen können. Ich frug ihn, ob er denn gar nicht begierig sei, etwas außer Landak zu sehen. Er erwiederte mir ganz naiv, daß ihm die Ruhe lieber sei als alle Merkwürdigkeiten der Welt.
Dem Interesse, welches der Fürst und seine Minister an meiner Reise nahmen, hatten wir das Versprechen zu danken, am folgenden Morgen in eine der größten Diamanten-Gruben geführt zu werden. Diese Gunst wird selten oder nie einem Europäer zu Theil. Wenn man um Erlaubniß ansucht, erhält man stets zur Antwort: „Es wird gegenwärtig nicht gesucht; der Platz liefert nichts, u. s. w.“ Auch Hr. Sanders wäre abgereist, ohne die Minen gesehen zu haben.
Um 10 Uhr Abends entließ uns der Fürst. Sein erster Minister begleitete uns, führte uns aber nicht nach unserer, sondern nach seiner Wohnung. Als wir eintraten, langten gerade auch die Stühle und der Tisch an, die er von dem Fürsten entlehnt hatte. Ich war von der Reise natürlich ermüdet und wollte nur kurze Zeit verweilen; aber man ließ uns nicht fort, und zu meinem Schrecken ward der Tisch zum zweiten Male mit demselben Service gedeckt, welches einige Stunden früher in dem Divan des Prinzen seine Pracht entfaltet hatte. Wie es schien wollte uns der Minister den Nachtisch serviren, den sein Herrscher vielleicht vergessen hatte, denn statt der warmen Gerichte wurden Früchte, Backwerk und Scherbet gereicht. Erst um Mitternacht kamen wir nach Hause.
+18. Februar.+ Morgens fuhren wir in Gesellschaft des ersten Ministers zu Wasser nach den Minen von +Mongo+.
Die Diamanten kommen hier in sehr niedrigen Sand- und Erdhügeln vor, welche viele Kieselsteine enthalten. Am Fuße der Hügel sind Gruben von zwei Fuß Breite und 2½ Fuß Tiefe gezogen, in welchen sich das vom Regen abgeschwemmte Gestein und Erdreich sammelt. Dieses wird in Körben nach einem nahe gelegenen Wasserbehälter von 20 Fuß Länge und 15 Fuß Breite gebracht, in welchem die Wäscher stehen, die mit großen, sehr flachen, hölzernen Schüsseln versehen sind. Ein Theil des abgeschwemmten Erdreichs wird auf diese Schüsseln gelegt und so lange geschüttelt und mit Wasser überspült, bis sich die Steine von der Erde absondern. Die Wäscher fahren dann leicht mit der Hand darüber, raffen die Steine zusammen, besehen sie genau, ob kein Edelstein darunter ist und lassen sie in das Becken fallen. Sie setzen diese Arbeit so lange fort, bis am Ende bloß feiner, schwarzer Sand übrig bleibt, der dann ebenfalls in das Becken geworfen wird. Steine und Sand werden, bevor man sie aus dem Wasserbecken schafft, nochmals sehr genau durchsucht.
Nach einem Regen darf sich, außer den Arbeitern, Niemand den Gruben nähern. Die Arbeiter sind Chinesen.
Es wurden uns zu Ehren zwei Körbe Erdreich gewaschen und darin zwei Diamanten von der Größe kleiner Stecknadelköpfe gefunden; den einen erhielt Herr Sanders, den andern ich. Der Minister sagte mir auch, daß er Befehl habe, mir zu erlauben, selbst nach Diamanten zu suchen und die gefundenen zu behalten; ich erwiederte ihm aber, daß ich nicht gekommen sei, um Diamanten zu suchen, sondern nur um die Minen zu sehen. Ich suchte nicht.
Viele Diamanten werden auch an andern Orten gefunden. Jene, die über drei Karat haben, müssen an den Fürsten verkauft werden, der sie gewöhnlich gegen Waare umtauscht und bei diesem Handel seine guten Procente zu gewinnen weiß.
Die Diamanten haben selbst an den Fundorten einen sehr hohen Preis.
Den Abend waren wir wieder bei dem Panam-Baham geladen, den unsere Gesellschaft sehr zu unterhalten schien. Man machte uns Hoffnung, den Schatz des Fürsten zu sehen; allein so weit ging seine Gefälligkeit nicht.
Am +19. Februar+ verließen wir Landak, um auf dem Strome Landak die Rückreise nach Pontianak zu machen (200 Meilen).
Wir fuhren in dem großen Boote bis an die Mündung des Flüßchens +Karanyan+. Hier bestiegen wir ein kleines leichtes Boot, um einen Abstecher nach dem Oertchen Karanyan zu machen, in welchem sich vor mehreren Jahren einige Amerikanische Missionäre festgesetzt hatten. Ihre Absicht war gewesen, unter den Dayakern Proselyten zu machen. Wahrscheinlich versprachen sie sich bei diesen mehr Erfolg als bei den Mohamedanern, die zu fest an ihrem Glauben halten. Aber auch bei den Dayakern hatten sie kein Glück und mußten den Platz aufgeben, ohne eine einzige Seele erobert zu haben.
Die Fahrt auf dem Karanyan gehört zu den schönen, aber nicht zu den bequemsten. Der Fluß war schmal, sehr seicht und der Art mit gefallenen Baumstämmen angefüllt, daß man hätte glauben mögen, dieß sei absichtlich geschehen, um ihn gegen Eindringlinge zu verschanzen. Auch viele lebende Bäume neigten sich so tief über das Wasser, daß wir uns flach in das Boot legen mußten, um unter diesen natürlichen Thorwegen durchzugleiten. Obwohl die Fahrt vier Stunden währte, verging uns doch die Zeit sehr schnell. Man kann sich schwer einen Begriff machen von dieser großartigen Zusammenstellung der verschiedenartigsten Laubbäume, Palmen, Gesträuche, Schlingpflanzen und Orchideen. Es gab darunter solche Riesenstämme, daß ich mich in dem Boote zurücklegen mußte, um mit dem Blicke die Spitze zu erreichen.
Zu Karanyan fanden wir noch eines der Missionshäuschen; zwei andere nebst einer kleinen Kapelle waren schon spurlos verschwunden. Das eine Häuschen ward von einem Malaien unterhalten, der dafür von den Missionären eine kleine Entschädigung erhält. Die Herren hatten bei ihrem Abzuge versprochen, bald wieder zu kommen, erschienen aber bisher noch nicht, obwohl schon zwei Jahre verstrichen waren. Wir fanden noch einige ihrer Möbel und Bücher vor.
Hierauf gingen wir noch vier Meilen weiter zu Fuß nach +Tubong+ und +Sareton+, um die daselbst hausenden Dayaker zu besuchen. Aus ihrem wenigen Putze, so wie an den geringen Vorräthen von Reis, Geflügel, Schweinen u. s. w. sah man gleich, daß sie zu den Abhängigen gehörten; sie waren dem Panam-Baham untergeben. Auch in ihren Zügen, in ihrer Haltung vermißte man den offenen, ruhig freundlichen Charakter der freien Stämme. Sie empfingen uns finster und mißtrauisch; erst als Herr Sanders sie mit etwas Salz und Tabak beschenkte, thauten sie auf. Ich bewunderte bei dieser Gelegenheit abermals die bescheidene Gutmütigkeit dieser Menschen. Anstatt sich stürmisch an uns heranzudrängen und die erhaltenen Geschenke einander aus den Händen zu reißen, wie es häufig die Malaien thaten, empfingen sie bescheiden was man ihnen gab, und warteten ruhig, bis der Aelteste die Theilung gemacht hatte. Die Weiber bekommen hier so gut ihren Theil, wie die Männer.
Wir frugen sie, ob ihnen die Missionäre häufige Besuche gemacht hatten; man sagte uns, daß sie alle drei bis vier Tage gekommen seien. Sie hätten geprediget, etwas aus Büchern gelesen, sich ein wenig mit ihnen unterhalten und seien wieder gegangen.
Gegen Abend kehrten wir nach Karanyan zurück und nahmen für die Nacht das Häuschen der Missionäre in Besitz. Am folgenden Morgen fuhren wir das Flüßchen wieder hinab, bis zu unserm bequemen Boote und setzten die Reise auf dem Landak bis Pontianak fort, wo wir am 22. Februar glücklich anlangten.
[24] An Orten, wo nur einige Europäer leben, wie z. B. auf Borneo, gibt es keine Gasthäuser.
[25] Der Kapthay trieb bedeutenden Handel mit Schweinen und Schweinefleisch.
[26] Panam-Baham ist mehr als Rajah und weniger als Sultan.
[27] Diesen Glauben hatte man an den meisten Orten, sowohl unter Mohamedanern als unter wilden Völkern; man hielt mich für eine Art heiliger Person, und gewiß war dieß ein großer Schutz für mich. Manche meinten auch, ich suche den Geist eines mir verwandten Verstorbenen.
Fünftes Kapitel.
Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. -- Die Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. -- Der Pangerong-Rato. -- Zuvorkommenheit der holländischen Offiziere. -- Rückkehr nach Pontianak. -- Die Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s.
Nun erst nahm ich mir Zeit, mich in Pontianak ein wenig umzusehen. Die Lage der Stadt ist nichts weniger als reizend. Sie liegt 20 Meilen von der See, in einer Ebene, die, einige Reisfelder abgerechnet, mit dichten Waldungen bedeckt ist, und deren Einförmigkeit bloß der Strom und das durch den Zusammenfluß des Landaks und Kapuas gebildete schöne Delta unterbrechen. Die nahe Umgebung besteht aus Morästen und Sümpfen; kaum daß man einen trockenen Spaziergang von tausend Schritt findet. Nahe der Stadt ist ein hölzernes Fort errichtet, das von Erdwällen umgeben und mit einer Besatzung von 130 Mann versehen ist. Die ganze Europäische Gesellschaft besteht aus dem Residenten, fünf bis sechs Beamten, einigen Offizieren und einem Arzte. Die Einwohnerzahl wird auf 6000 angeschlagen.
An dem jenseitigen Ufer des Pontianak residirt ein Sultan, der gleich den selbstständigen Königen Indiens unter den Engländern, dem Namen nach unabhängig ist und frei über seine Völker herrscht, in Wirklichkeit aber von einem Holländischen Residenten überwacht wird, seine Grenzen ohne dessen Bewilligung nicht überschreiten darf und mit einem Worte nicht das Geringste eigenmächtig unternehmen kann. Der einzige Unterschied zwischen den Königen Hindostans und den Fürsten Borneo’s ist, daß letztere aus eigenem Antriebe die Hilfe der Holländer in Anspruch nehmen, während erstere wider Willen zur Theilung ihrer Herrschaft gezwungen wurden. Die Fürsten auf Borneo haben zu wenig Macht, einerseits den Streitigkeiten zwischen den Malaien, Chinesen und Dayakern, anderseits den Umtrieben und Verschwörungen in ihren eigenen Familien zu widerstehen. Sie unterwerfen sich daher gerne der Holländischen Regierung, die ihnen den größten Theil der Ländereien, die Abgaben der Unterthanen, die Goldwäschereien und Diamanten-Gruben läßt und sich nur den Opiumpacht, das Salzmonopol und andere minder bedeutende Einkünfte bedingt. Manche dieser Sultane und Fürsten beziehen sogar eine jährliche Pension als Entschädigung für die abgetretenen Rechte. So z. B. der Sultan von Pontianak, welchem jährlich 48000 Rupien[28] ausgezahlt werden.
Auf Borneo gibt es, wie ich bereits erwähnt habe Sklaven, die zum Theile aus den Kriegsgefangenen, zum Theile aus den Schuldnern bestehen, welche zur festgesetzten Zeit nicht zahlen können, und dem Pfandrechte (von den Holländern ~Pandelingschap~ genannt) verfallen. Diesem barbarischen Rechte zu Folge muß der Schuldner seinem Gläubiger so lange unentgeldlich dienen, bis die Schuld berichtiget ist. Stirbt er früher, so tritt sein Weib, sein Sohn, seine Tochter oder sein nächster Verwandter an die Stelle. Wer dem Sultane drei Jahre keine Abgaben zahlt, ist Sklave des Sultans.
Wie man mir sagte, arbeitet Resident Willer mit großem Eifer gegen diese schreiende Ungerechtigkeit und sucht ihr ein Ende zu machen.
Ein anderes Uebel, in seinen Folgen ungleich größer, da es nicht einzelne Stämme oder Personen, sondern ganze Völker betrifft, ist der Gebrauch des Opiums. Gegen diesen wird jedoch nicht gearbeitet; im Gegentheile die Regierung selbst wendet alle Mittel an, ihn zu verbreiten.
Es ist wirklich sonderbar, daß die Europäischen Regierungen einerseits Kolonien gründen, Länder unterjochen, um, wie sie sagen, die Civilisation, das Christenthum zu verbreiten, und andrerseits ihre neuen Unterthanen in Lastern, die den Grundsätzen der christlichen Religion, den Fortschritten der Civilisation gerade entgegenarbeiten, unterstützen.
Warum wirken sie nicht gegen den Gebrauch des Opiums, an dem sich Tausende, ja Millionen krank und sinnlos rauchen? -- Warum? -- Weil der Opium-Bau (in Indien) der Engländer größter Reichthum ist -- weil der Opium-Pacht den andern Regierungen die größten Einkünfte schafft.
Wie soll man den letzten Krieg nennen, den die Engländer dem Chinesischen Kaiser erklärten, der seine Unterthanen vor diesem Gifte bewahren und die Einfuhr des Opiums verbieten wollte?
Wie können wir von den unkultivirten Völkern Achtung verlangen für unsere Religion, für unsere Civilisation, wenn sie sehen, daß diese wie jene uns an den habgierigsten, schändlichsten Handlungen nicht verhindern?
Ich besuchte eines Abends im Chinesischen Kampon die sechs öffentlichen Häuschen, in welchen Opium geraucht wird. Die Raucher saßen oder lagen auf Matten, und hatten an ihrer Seite kleine Lämpchen stehen, um die Pfeife, in welcher sie das Opium rauchen, anzuzünden. Merkwürdig ist die Geschicklichkeit, mit welcher selbst der schon halb sinnlose Raucher das feinste Pünktchen Opium von dem Blatte zu lösen versteht, auf welches es gestrichen ist.
Daß man an diesen Vergiftungsorten gräßliche Bilder zu sehen bekommt, versteht sich leider von selbst. Hier rafft sich Einer lallend und betäubt auf und versucht sich nach Hause zu schleppen, sinkt aber kraftlos an der Schwelle nieder, -- ein Anderer liegt leblos auf der Matte hingestreckt; er hat nicht einmal das Bewußtsein mehr, an sein Haus zu denken; -- dort sitzt Einer mit blassen, eingefallenen Wangen, mit stieren Augen, mit zitterndem Körper -- es fehlt ihm an Geld, er kann sich nicht bis zur Sinnlosigkeit rauchen. Bei manchen erregt das Opium-Rauchen eine große Munterkeit: sie schwatzen und lachen, bis sie erschöpft auf das Lager zurücksinken und sich, ihrer Behauptung nach, himmlischer Träume erfreuen. Das Traurigste ist, daß derjenige, welcher sich einmal diesem Gifte hingegeben hat, ohne dasselbe nicht mehr leben kann. Sein Körper ist gebrochen, erschlafft, er kann nicht arbeiten, nicht denken, er ist zu allem unfähig, bis er nicht in einigen Zügen Opium neue Aufregung, neues Leben geschöpft hat.
Zu meinem Erstaunen fand ich in den Opium-Häusern sogar Weiber, die ebenso leidenschaftlich rauchten als die Männer.
Man sagte mir, daß der Pikul Opium in Singapore 1200 Spanische Thaler koste; die Regierung verpachtet aber das Recht des Verkaufs so hoch, daß sie daraus sechs- bis achthundert Prozent zieht.
Die Einkünfte der Holländischen Regierung auf Borneo kommen bisher hauptsächlich aus dieser Verpachtung, und mit +Freude+ erzählte man mir, daß sie alle Jahre mehr eintrüge. In Pontianak betrug sie im Jahre 1851 ungefähr 116,000, in Sambas 130,000 Rupien; auf Java soll sie die ungeheure Summe von 10 Millionen erreichen und allein mehr betragen, als alle übrigen Steuern und Abgaben zusammen.
Den Aufenthalt auf Pontianak benützte ich, unbekümmert um Hitze und Moräste, fleißig zu Spaziergängen und zur Insekten- und Reptilienjagd. Es machte mir bei dieser Gelegenheit kindisches Vergnügen, täglich zu Fuße den Aequator zu passiren, von welchem Pontianak kaum eine Meile entfernt liegt.
Eines Morgens hatten wir in Pontianak einen großen Schrecken. Wir saßen noch ganz gemüthlich beim Frühstücke, als wir plötzlich ein heftiges Geschrei und häufiges Hin- und Herlaufen vor dem Hause vernahmen. Als wir auf die Gallerie traten, sahen wir Gerichtsdiener mit blankem Säbel über die Straße laufen, und hörten vom fliehendem Volke den Schreckens-Ruf „Amok! Amok!“ -- Wir stürzten in die Wohnung zurück, und augenblicklich wurden alle Thüren und Fenster geschlossen und verwahrt.
Amok ist eine Art Raserei, die unter den Malaien, nicht nur auf Borneo, sondern im ganzen Indischen Archipel vorkommt. Sie ergreift die Menschen plötzlich und erregt in ihnen die heftigste, unwiderstehlichste Begierde nach Menschenblut. Der davon Befallene stürzt wie ein Wahnsinniger fort und tödtet alles, was ihm in den Weg kommt, -- sein Weib, seine Kinder nicht ausgenommen. Man ist gezwungen einen solchen Menschen niederzuhauen oder niederzuschießen wie einen wüthenden Hund. -- Diese Raserei soll meistens von Eifersucht herrühren und gewöhnlich nur bei Opium-Rauchern vorkommen.
Diesmal ging es mit dem leeren Schrecken ab; es zeigte sich, daß statt des Amoks drei schwere Verbrecher aus dem nah gelegenen Gefängnisse entsprungen waren. Sie wurden alsbald wieder eingebracht.
Von Pontianak wünschte ich mitten durch das Land an die Südküste nach +Benjermassing+, ebenfalls einer Holländischen Besitzung zu gehen. Es wäre dieß eine Reise von zwei bis drei Monaten gewesen, die ich jedoch ohne Kenntniß der Dayakischen Sprache allein nicht hätte unternehmen können. Ich suchte daher einen getreuen, verläßlichen Diener oder Führer; allein es fand sich Niemand, der die allerdings sehr gefährliche Reise wagen wollte. Ich mußte daher davon abstehen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als wider Willen nach Batavia zu gehen und mich dort nach einer Gelegenheit für Australien umzusehen. Ich sage „wider Willen,“ weil es mir bekannt war, wie theuer der Aufenthalt in Batavia, so wie das Reisen auf Java ist und ich in Folge dessen dieß schöne Land so schnell als möglich hätte verlassen müssen. Dazu machten mir noch die Holländer selbst von ihren dortigen Landsleuten keine sehr günstige Schilderung, und boten mir obwohl die einen Verwandte, die andern Jugendfreunde daselbst hatten, nicht einmal Briefe für diese an -- eine Sache, die mich um so mehr befremdete, als die Engländer mir stets ohne die geringste Aufforderung von meiner Seite alle Mittel an die Hand gaben, meine Reisen so angenehm als möglich zu machen. Doch es blieb mir keine Wahl, und nachdem ich in Pontianak länger geblieben war, als ich gewollt hatte, miethete ich einen Platz auf einer ärmlichen Barke, die nach Batavia segelte.
In einigen Tagen sollte ich abfahren. Da ward mir die Freude noch zu Theil, Herrn Residenten +Willer+ kennen zu lernen, der von Batavia zurückkam. Ich nahm an diesem Manne großes Interesse, nicht nur weil er ein sehr vollständiges Werk über die +Battaker+ auf +Sumatra+ und die +Alforen+ auf +Ceram+ geschrieben hat, sondern auch weil er sich die Abschaffung des Pfandrechtes so sehr angelegen sein ließ.
Auch an mir bewies Herr Willer sogleich sein treffliches Gemüth: er kannte den Kapitän der Arabischen Barke als einen schlechten Menschen und gab es nicht zu, daß ich mit ihm ginge. In der liebenswürdigsten Weise bot er mir den ferneren Aufenthalt in seinem Hause an, und versprach für meine Weiterreise zu sorgen. Zufälliger Weise kam bald darauf ein Holländisches Schiff an, auf welchem er mir die Ueberfahrt nach Batavia verschaffte. Ich hatte dabei Gelegenheit, noch etwas mehr von Borneo zu sehen, da das Schiff vorerst in +Sambas+ anlegen sollte.
Am +6. April+ Morgens verließ ich Pontianak auf einem Regierungsboote und um Mittag war ich an Bord des „+Christian Huigens+“ von 300 Tonnen, Kapitän +Ihlower+.
Auf dem Schiffe hatte ein reges Leben statt. Die Fracht bestand in einem Transporte Truppen aus 120 Soldaten, 46 Weibern und einem Dutzend Kinder. Unter den Soldaten gab es nur 30 Europäer; die übrigen, so wie alle Weiber waren von Java. Leider muß ich sagen, daß das Benehmen der Europäer bei weitem nicht so gesittet war wie jenes der Eingebornen. Unter die halb nackten, wilden Dayaker hätte ich ein Mädchen ohne Bedenken mitgenommen; hier dankte ich Gott, kein Töchterchen bei mir zu haben, -- ich hätte die Arme für die Zeit der ganzen Fahrt in die Kajüte sperren müssen. Muß ich doch überall den Christen, mag er Katholik, Protestant oder was immer sein, schlechter und ungesitteter finden, als den armen verachteten Heiden und Mohamedaner! -- Die Offiziere selbst gestanden mir, daß sie die eingebornen Soldaten den Europäischen vorzögen. Jene seien viel stiller und verträglicher, verrichteten den Dienst genau und betränken sich nicht. Wenigstens zwei Drittheile der Holländischen Truppen im Indischen Archipel bestehen aus Eingebornen, unter welchen sich besonders die +Maduresen+[29] durch ihre Tapferkeit auszeichnen.
Am +8. April+ lagen wir auf der Rhede vor der Mündung des Flusses +Sambas+ (80 Meilen). Wir hatten auf dieser kurzen Reise das Land nie aus dem Gesichte verloren: entweder sahen wir Borneo selbst, oder Inseln und Eilande, an denen es ringsumher nicht fehlte. Alles war gebirgig und mit dichter Waldung bedeckt.
An der Mündung des Sambas liegt auf einem 150 Fuß hohen Hügel ein kleines Fort, +Sorg+ genannt, zum Andenken an den Obersten +Sorg+, der hier an seinen Wunden starb, die er in dem Gefechte mit den Chinesen von Mandore erhalten hatte. Der Kommandant, Kapitän +van Houten+, nahm mich für die Zeit, bis ein Boot von Sambas käme, um mich abzuholen, gütigst bei sich auf -- eine Gefälligkeit, die um so höher zu schätzen war, als seine ganze Wohnung aus zwei kleinen Kämmerchen bestand.
Nie sah ich ein erbärmlicheres Fort als dieses: es enthielt nichts weiter als ein Paar niedrige Laubhütten, die den zwei Offizieren, dem Arzte und den Soldaten zum Obdache dienten. Man sagte mir, daß es in größter Eile errichtet worden sei, als sich die Chinesen von Mandore empörten, die Herrschaft der Holländer nicht mehr anerkennen, und besonders den Opiumpacht nicht mehr bezahlen wollten. Es fanden in der Ebene, die am Fuße des Hügels +Paniebungan+ liegt, auf welchem das Fort steht, drei Gefechte statt, in welchen 4000 Chinesen von 600 Holländischen Soldaten geschlagen wurden. Die Chinesen gelobten hierauf neuen Gehorsam; doch wie es scheint, ist ihrer Treue nicht recht zu trauen, und man sieht neuen Unruhen entgegen. Sobald dieser Streit vollständig beendiget ist, soll ein ordentliches Fort an einem passenden Orte errichtet werden.
Ich blieb zwei Tage Herrn +van Houten’s+ Gast und fuhr dann in einem Regierungsboote, welches der Assistent-Resident Herr van +Prehn+ um mich zu schicken so gütig war, nach Sambas (36 Meilen). Ich langte Abends an und wurde in das Haus des +Pangerong-Rato+[30] geführt. Herr van Prehn hatte das seinige mit Offizieren so überfüllt, daß er mich nicht aufnehmen konnte.