Mazedonien

Part 9

Chapter 93,303 wordsPublic domain

Noch am gleichen Nachmittag begannen wir die nähere Umgebung des Ortes zu erkunden. _Koinsko_ liegt am Berghang, so daß man eine Strecke steil zum Bach hinabsteigen muß. Wie genossen wir nach der Sommerglut des Wardartales die frische Luft, die hier die Nähe des Gebirges verkündete. Der wasserreiche Bach, der über Felsen und Steine dahinrauschte, war von dichtem Weidengebüsch umgeben. Dieses durchstreiften wir und fanden hier eine reiche Insektenwelt. Kleine Fliegen umschwirrten uns in Menge, das Goldauge (+Chrysopa+) kam häufig vor, zahllose Hymenopteren, vor allem Hummeln, besuchten die Blüten der Brombeersträucher, der Königskerzen, von allerhand Lippenblütlern, die hier einen reichen Flor bildeten.

Durch Erlengebüsch stieg ich am Bachufer hinauf, kam durch eine Fläche, die mit hohem Adlerfarn bedeckt war, dieser weltweit verbreiteten Pflanze, und gelangte nach kurzem Steigen in einen Hain stattlicher Bäume. Es waren große, hohe Buchen, deren silbergraue Stämme uns freundlich anheimelten. Welcher Gegensatz gegen die Gluthölle der Wardarebene.

Am Rande des Buchenhains standen wieder Erlen und Weiden, weichblätterige Eichenbüsche und prachtvolle, alte Nußbäume. Daneben erstreckte sich eine frische grüne Wiese mit vielen blühenden Pflanzen, salbeiähnlichen Lippenblütlern, einem Tausendgüldenkraut (+Erythraea centaureum+ Pers.), Hornkräutern (+Stellaria holostea+ L.) u. dgl. Von Riedgräsern eingefaßt breitete sich am Rand des Gebüsches ein kleiner Sumpf aus. Der Frosch, den wir dort fanden, war +Rana agilis+ Thom. Hier oben flogen viele Libellen, Hummeln und bunte Fliegen, Syrphiden und Stratiomyiden (+Rhynchomyia impavida+ Rossi und +R. speciosa+ Lw.); von Schmetterlingen schöne Vertreter der Gattung +Coenonympha+ (+C. arcania+ H. S.).

An dem trockneren Hang standen hohe Disteln mit roten Blüten, Königskerzen mit ihren duftenden gelben Blütenständen ragten hoch empor; der Sanddorn war in mächtigen, baumähnlichen Sträuchern reichlich vertreten.

Vor allem schön und malerisch stellten sich aber mächtige Buchen dar, welche von Reben umschlungen und überwachsen waren. Wie wunderbar umrahmten ihre Ranken und die grauen Stämme der Buchen die Ausblicke auf die im Glanz der Nachmittagssonne liegenden Berge.

Der Bach kam durch eine tiefeingeschnittene Talschlucht von den Bergen herab. Seine felsigen Ufer trugen ebenfalls prachtvolle Buchen, die hier schon einen schattigen Wald bildeten. Am Bachufer mündete eine Mineralquelle aus, wie sie in Mazedonien so häufig sind. Das Wasser, welches Kohlensäure und Eisen und etwas Schwefel enthält, schmeckt recht erfrischend. Im Wald tummelte sich eine reiche Vogelwelt. Mit Vergnügen begrüßten wir unsere einheimischen Formen _Buchfink_ und _Amsel, Kleiber, Meisen_ und den stattlichen _Pirol_.

Ein erfrischendes Bad im kühlen Wasser des Bachs schloß den Nachmittagsspaziergang ab. Den Abend verbrachten wir im Kreise der deutschen Offiziere; nachts teilte ich das Quartier mit Prof. _Schultze-Jena_. Obwohl der Abmarsch auf 4 Uhr früh angesetzt war, verplauderten wir in alten Erinnerungen bei einer guten Flasche Burgunder, die sein Vater, der altberühmte Jenenser Gynäkologe ihm ins Feld gesandt hatte, fast die ganze Nacht und lauschten auf das beständige leise Rauschen, welches von den vielen tausenden von Holzwürmern (Käferlarven) erzeugt wurde, die ihre Gänge durch das Holzwerk des Hauses fraßen. Ein solches Massenvorkommen von Holzwürmern in einem bewohnten Hause war mir noch nie begegnet und man mußte sich wirklich fragen, wie lange Dach und Fußböden dieses Hauses noch halten könnten, wenn die Tiere unablässig an seinen Stützen nagten.

Nach kurzem, tiefem Schlaf fuhr uns im Dunkeln das Auto zum geeignetsten Anstieg, den wir noch in der Dämmerung begannen. Als die Sonne aufging, waren wir schon in schönem Buchenwald. Wir stiegen einen Kamm entlang, an Batterien vorbei, passierten einen Sumpf, in welchem schöne rote Orchideen blühten. Der Buchenwald war hier noch licht, von Waldwiesen unterbrochen, welche mit Salvien, Königskerzen, Brombeersträuchern und Disteln bestanden waren. An den Blüten fingen wir Lepturen und andere Bockkäfer, Hummeln, Bienen und Schmetterlinge. Weiter oben wurde der Wald so dicht, daß es sich köstlich in seinem kühlen Schatten wanderte. Zudem war der Waldboden mit unzähligen reifen süßen Walderdbeeren bedeckt. Diese fand ich noch oft in den mazedonischen Bergwäldern. Indem man sie schmauste, fühlte man sich in die Heimatswälder versetzt, von denen sich der von uns durchwanderte Forst in nichts unterschied.

In etwa 1000 m Meereshöhe gelangten wir an eine offene feuchte Stelle, wo sich ein schöner Birkenbestand befand. Wie schön hoben sich die zierlichen weißen Stämme und die zarten hellgrünen Blätter der Birken (+Betula pubescens+ L.) von dem blauen Himmel ab, an dem große weiße Wolken dahinzogen. Welch köstliche Durchblicke eröffneten sich zwischen den Zweigen auf die schroffen Felsen, denen wir jetzt immer näher kamen. Die weißen Bänder, welche die Matten durchzogen, bestanden aus Kalk, der oft Formen annahm, die an Jura erinnerten. Vielfach war er geschichtet und in Platten gebrochen. Doch stießen wir im Gebirge auch auf Gneis und Granit.

Weiter oben, zwischen 1000 und 1500 m wird der Buchenwald immer dichter und hochstämmiger: oft glich er einem großen Saal voller Säulen, in seinem Schatten flimmerten allerorts die Sonnenflecken. Hier beginnen zwischen dem Wald sich Wiesenflächen einzuschalten, auf denen einzelne Buckel ganz von einem zarten, niederliegenden, bläulich schimmernden _Wachholder_ bedeckt sind, der von dem feinen, grünen Gras dunkel sich abhebt (+Juniperus nana+ Willd.).

In dieser Region fand sich in Massen eine kleine _Schnarrheuschrecke_, deren Musik die Luft erfüllte. Die kleine, etwa 5 cm lange Heuschrecke (+Stenobothrus miniatus+ Charp.) zeigte eine merkwürdige Gewohnheit, die man sonst bei Heuschrecken nicht beobachtet. Das Tierchen hat schwarze Flügeldecken, rote Beine und roten Leib. Diese traten leuchtend hervor, wenn das Tier mit ausgebreiteten Flügeldecken sich etwa 1 m hoch laut schnurrend in die Luft erhob, da anders als andere Heuschrecken einige Sekunden schwirrend schwebte, um dann langsam auf den Boden zu sinken und zu schweigen. Es ist eine Art von _Balzflug_, welchen das Tierchen ausführt. Ich habe die Art auch sonst in den mazedonischen Gebirgen beobachtet, stets aber nur in größeren Höhen, von 1200-1800 m.

Noch etwas weiter oben breitet sich auf den Wiesenflächen, die in ihrer reichen, äußerst mannigfaltigen Pflanzenwelt einen heideartigen Charakter annehmen, eine zarte, sehr reizende Erika aus. Mit ihren rosenroten Blüten und ihrem feinen Duft war sie ein köstlicher Schmuck dieser Halden (+Bruckenthalia spiculifolia+ Salisb).

Je höher ich kam, desto schöner wurden die Buchenwälder, die hohen Bäume bildeten ein dichtes Blätterdach, das tiefen Schatten auf den in dieser Region unbewachsenen, von braunen Blättern bedeckten Waldboden warf. Um so reicher war die Vegetation an den Waldrändern, die entzückende Blicke auf die Felsgipfel der Berge gewährten. Hier gingen die Buchen in Buschwerk über, zwischen denen einzelne Birken und stattliche Edeltannen sich erhoben. Der Tannenduft rief Heimatserinnerungen wach. Zwischen dem niederen Wachholder blühten hier die Gräser und standen stolz und steif die dunkelroten Blüten einer Form des _Türkenbunds_ (+Lilium martagon+ L.).

Im Buchenwald fanden wir auf der Rinde der Stämme stattliche graue _Bockkäfer_. Ein kurzer Anstieg durch den Wald brachte uns in etwa 1700 m Höhe zu einer kleinen Hütte, der Bergstation der Vermessungsabteilung 7. Wir fanden hier gastliche Aufnahme und Nachtquartier. Die Abteilung hatte hier wichtige Aufgaben zu erfüllen. Zunächst wurde die kartographische Aufnahme dieses wichtigen Frontgebietes durchgeführt.

Die Männer, die hier oben in primitivster Weise hausten, leisteten eine auch für die Wissenschaft wichtige Arbeit. Die Kartenaufnahme erfolgte mit den von dem Jenenser _Pulfrich_ erfundenen photogrammetrischen Methoden. Die Arbeit wurde in der Hauptsache ausgeführt von einem Dr. _Burmester_, einem Assistenten Prof. _Finsterwalders_ in München, in dem ich einen Münchner Bekannten fand. Ihm stand dabei zur Seite ein junger Mann, namens _Pulfrich_, ein Sohn jenes Gelehrten, der hier mit den Methoden seines Vaters als Soldat dem Vaterland diente.

Außerdem traf ich dort oben zwei Marinesoldaten, welche mit einem riesigen Zeiss'schen Doppelfernrohr den Hafen von Saloniki überwachten. Sie konnten den wachsenden oder ruhenden Verkehr in diesem für unsere Feinde so wichtigen Hafen kontrollieren. Eine 4 m lange photographische Kamera mit sehr lichtstarkem Objektiv diente dazu, genaue Fernaufnahmen des Hafens mit den ankernden Schiffen zu machen. Besondere Listen der englischen Kriegs- und Handelsschiffe ermöglichten, deren Art und Namen festzustellen und so wichtige Schlüsse auf die Vorgänge in der Hafenstadt und an der feindlichen Front zu ziehen.

Selten allerdings lag Saloniki und das Meer so klar in der Ferne, daß gute Aufnahmen gelingen konnten. Auch während unseres kurzen Aufenthaltes hier oben bekamen wir die Stadt und den Hafen nicht klar zu sehen. Immerhin wurde uns ein Blick auf das blaue Ägäische Meer zuteil und am nächsten Morgen kam auch der Olymp auf kurze Zeit aus dem Dunst der Ferne heraus.

Wir waren ja hier ganz nahe der Grenze Griechenlands. Jenseits des Berges, von oben nicht zu sehen, lag die kleine griechische Stadt _Nonte_. Klar und deutlich erkannte man aber von unserem Aussichtspunkt die weißen großen Gebäude in der Stadt _Gewgeli_. Die Stadt sah ganz wohlerhalten aus; aber tatsächlich war sie sehr zerstört und von ihren Bewohnern verlassen, wie ich bei einem späteren Besuch beobachten konnte.

War auch die Ferne nicht so klar, als ich es erhofft hatte, der schöne Blick in die näher gelegenen Täler und Berge entschädigte mich in vollkommenster Weise. Es war eine Landschaft von großer Schönheit, die sich um das Gebirge ausbreitete.

Rückwärts lag unten im Tal _Koinsko_, im Grün so verborgen, daß es schwer war, die Häuser und Dächer mit dem Fernglas aufzufinden. Zum Ort hin zog sich ein Taleinschnitt, aus dem die in vielen Windungen verlaufende Straße nach _Huma_ hervorkam, die man als helles Band weithin verfolgen konnte. Unter uns lag ein schmales tiefes Tal, durch welches man deutlich die Schützengräben unserer und der feindlichen Front in kurzem Abstand voneinander hinziehen sah. Sie stiegen vom Südhang unseres Berges hinunter ins Tal, durchquerten dieses, um jenseits sich wieder an ein Gebirge anzulehnen, das ostwärts gegen den Wardar verlief. Diese niedrigen Berge waren kahl und vegetationslos, ganz anders als die üppige Natur, aus der ich hinunterblickte. Sie glichen mehr den Bergzügen, die wir auf dem Weg nach Koinsko durchfahren hatten.

Direkt unter uns lag, noch in unseren Linien, ein kleines, wohlerhaltenes Städtchen, _Borislaw_. Davor in der Ebene sah man mehr der feindlichen Front genähert, die Gebäude eines Klosters, Sv. _Archangeli_. Von diesem erzählten unsere Soldaten eine nette Geschichte. Der Abt dieses Klosters, dessen Lage ja dazu herausforderte, spionierte für den Feind. Man war ihm auf die Spur gekommen und so ritten eines schönen Morgens einige von unseren Ulanen hinüber und „holten ihn ab‟. Sie sollen ihn ohne allzugroße Sanftheit aus dem Bett geholt haben.

Während wir die Gegend überblickten, begannen die feindlichen Batterien unsere Gräben tief unten im Tal zu beschießen. Man sah die Einschläge der Granaten, die hohen Rauch- und Staubwolken in der stillen Luft senkrecht aufsteigen. Deutlich sahen wir die bulgarischen Soldaten rückwärts sich verziehen. Sie verließen die Gräben und zogen sich in die Unterstände zurück.

Wir sahen bald, daß die Beschießung keinen großen Erfolg hatte und so wandten wir uns beruhigt unserer Arbeit zu. Wir waren rasch gestiegen, so daß wir noch einige Vormittagsstunden zum Sammeln und zu Beobachtungen vor uns hatten. Diese konnten wir gut ausnützen. In leichter Steigung führte uns ein Pfad durch den stattlichen Buchenwald, der etwa die obere Waldgrenze darstellte. Wir durchwanderten einige Schluchten, in denen Bäche abwärts flossen. In einer dieser Schluchten wurde später der _gefleckte Salamander_ (+Salamandra maculosa+ L.) beobachtet, der scheinbar in Mazedonien meist in Höhen von über 1000 m vorkommt.

Über dem Wald zogen sich weiße Kalkfelsen hin, jenseits von denen grüne Matten begannen. Es war ein herrliches, farbenprächtiges Bild, das wir durch die grauen Stämme der Buchen und ihr helles Laub eingerahmt vor uns sahen, wenn wir die Blicke bergauf richteten. Und über all dieser irdischen Pracht wölbte sich ein leuchtend blauer Himmel in dem Glanz und der Tiefe des Hochgebirgshimmels. Große weiße Wolken, sich ballend, aufblähend und verschwimmend schwebten am Gewölbe des Himmels, als seien es zarte Wollflocken, die langsam und majestätisch von Osten nach Westen wanderten.

Vom Waldrand erstreckte sich eine Schlucht bergab, die ein Bach durchfloß; unten, einige hundert Meter unter mir, zog sich ein weißes Band von Schotter und Gesteinstrümmern durch eine reiche Pflanzenwelt. Kurz oberhalb des Waldes weitete sich die Schlucht zu einer breiten Mulde aus. Dort war eine üppige Vegetation aufgewachsen, so hoch, daß sie mir unter die Schultern reichte. Es standen hier zahlreiche Brennesseln, Disteln in Blüte, weiße Umbelliferen, stattliche Königskerzen, dazwischen Wachholder- und Brombeersträucher.

Die Mulde war nach oben abgeschlossen durch ein weißes Felsenband, das aus würfel- und plattenförmigen Kalkmassen gebildet war. Hier, in den Spalten zwischen den Steinen und auf all den kleinen Balustraden, die sie bildeten, leuchtete und duftete es von einer Menge von Pflanzen von Hochgebirgscharakter. Es war fast, als wäre da künstlich ein Alpengarten angelegt; die ganze Farbenpracht alpiner Blumen war hier auf engem Raum zusammengedrängt. Dunkelblaue Glockenblumen bildeten dichte Polster neben roten und weißen Nelken (+Dianthus silvestris+ Walb.) und Lichtnelken, Steinbrech in mehreren Arten, Fettkraut, +Sempervivum batens+ Gris., farbige Stiefmütterchen (+Viola orphanites+ Boas), Vergißmeinnicht, alles war da dicht beieinander gewachsen und bildete Rasen und Polster zwischen den Steinen.

Über den Blüten summte und bewegte sich eine reiche Insektenwelt. Hummeln brummten von Blume zu Blume, Bienen der verschiedensten Arten wetteiferten mit ihnen und über allem zogen edle Falter ihre Kreise. Ich hatte sicher erwartet in diesem Gebiet und in dieser Jahreszeit einen Schmetterling aus der schönen Gruppe der _Apollofalter_ anzutreffen. Wir waren gespannt, ihn hier zu finden und kaum waren wir eine Viertelstunde im Gebiet, so erscholl der triumphierende Ruf von Prof. _Müller_: „Da ist er schon!‟

In stolzem Flug über allen anderen Insekten zog der große, weiße Schmetterling seine Kreise. Bald waren einige Exemplare gefangen und voll Freude betrachteten wir die schönen Tiere mit den schwarz-roten Augenflecken. Es war nicht leicht in dem gefährlichen Gelände die raschen Falter zu erhaschen. Kaum gesehen, schwangen sie sich in hohem Bogen über die Felswand empor und entflatterten über den grünen Matten. Außerdem waren es ihrer nicht viele; die Flugzeit hatte offenbar erst gerade begonnen, was sich auch darin aussprach, daß die Männchen weit über die Weibchen überwogen. Bald hatten wir sechs Männchen, aber nur ein Weibchen gefangen. Das hatte aber alle Geschicklichkeit und Gewandtheit erfordert, in dem steinigen Gebiet mit der dichten Vegetation und den vielen tiefen Löchern, die sie verdeckte, nicht Arm und Bein zu brechen. In Beachtung der Flugart großer Schmetterlinge, die gewöhnlich in großen Kreisen ein ziemlich umgrenztes Gebiet abfliegen, verteilten wir drei Männer uns auf Felsenband, Mulde und Waldrand, und so gelang es nach einiger Zeit, vor allem durch die Anstrengungen des gewandten _Rangnow_, eine befriedigende Ausbeute zu erzielen. Über den _Apollos_ vergaßen wir aber die anderen Insekten nicht, die hier in der warmen Sonne sich tummelten. Von Schmetterlingen gab es zahlreiche _Bläulinge_, _Perlmutterfalter_, unter diesen +Argynnis pales balcanica+ Rbl., und vor allem dunkle _Erebien_ mit schönen blauen Augenflecken auf den Flügeln. In der Schlucht, die wir die „Apolloschlucht‟ benannten, fanden sich, vor allem auf den Doldenpflanzen, viele schöne Käfer. Wie Edelsteine blinkten Chrysomeliden, bunt gefleckte Trichia (+T. fasciata+ L.) und Bockkäferarten wimmelten auf den Dolden mit vielen Bienen, Hummeln, auffallend gefärbten Fliegen, eigenartigen Spinnen usw. Die prachtvollen Chrysomeliden waren die schön metallisch rot-grün-blaugestreiften +Orina variabilis+ Wsc. var. +balcanica+, +Cryptococcus aureolus ab. coerulescens+ Schil und +Cryptocephalus aureolus+ Suffr.

Am Waldrand fanden sich unter Steinen Skorpione und seltsame Tausendfüßler. Wir hatten schon reiche Beute eingeheimst, als wir zur Hütte zurückkehrten, um dort im Schatten die heißesten Stunden zu verbringen.

Wir lebten aus unseren Rucksäcken, denn hier an der Front waren Offiziere und Soldaten meist so knapp verpflegt, daß Gäste nicht allzuwillkommen waren. Das machte einen eigenartigen Eindruck, daß die wichtigsten Bestandteile des Heeres, die Front, so viel weniger gut versorgt wurden, als die fette Etappe. Mit gutem Hunger verzehrten wir das Stück Speck zu unserem Kommißbrot, das wir mitgebracht hatten und stillten unseren gewaltigen Durst an dem köstlichen Wasser der Bergquelle.

Zum Ausruhen gab es mittags nicht viel Zeit; wir mußten die kurze Frist, die uns gewährt war, nach Möglichkeit ausnützen. So begaben wir uns bald an den Aufstieg zur Gipfelregion des Mala Rupa-Gebirges. Zwischen Felsen und über blumenreiche Matten ging der Weg steil aufwärts. Die Matten bedeckte ein hohes, sehr feines, dunkelgrünes Gras, das vielfach von den Truppen gemäht wurde und ein zartes, blaugrünes Heu lieferte.

Zwischen dem Gras gab es eine Menge verschiedenartiger blühender Pflanzen. Sehr häufig war ein kleinblütiger weißer Klee; dazwischen standen grellrote Nelken und eine rotblühende Lichtnelke mit weißlichen Blättern. Blaue Flecken wurden von zahlreichen Glockenblumen gebildet, Thymian erfüllte die Luft mit seinem starken Dufte. Zwischen den Steinen war ein kleines Hornkraut mit zarten weißen Blüten sehr häufig. Sauerampfer und viele Doldenpflanzen standen an den feuchteren Stellen.

Über den Matten gaukelten _Schmetterlinge_, vor allem glänzend gefärbte Bläulinge und eine tiefschwarze _Erebia_ mit leuchtend blauen Augenflecken. Es war dies +Erebia melas herzegowinensis+ Schar. Eine zweite Erebia der Höhenzone bilde ich nebenan ab; es ist dies +Erebia tyndarus balcanicus+ Rbl.

Im allgemeinen war die Fauna der Gipfelregion nicht sehr reich. Das hing wohl auch mit der Tageszeit zusammen. Es war schon später Nachmittag; am Morgen hätten wir nach den späteren Erfahrungen an Berggipfeln reichere Beute gemacht. Über die grünen Matten kamen wir in 1860 m zu einem ersten Gipfel, der als Mala Rupa-Ball bezeichnet war (Abb. 58). Von da kletterten wir noch einige hundert Meter aufwärts und erreichten wohl auf der nächsten Kuppe eine Höhe von etwa 2100 m.

Von oben hatten wir einen weiten Überblick über das Gebirge mit seinen zahlreichen steilen Gipfeln und seinen weißschimmernden Berghalden. Vor allen Dingen schön war der Blick auf die mittleren Höhen, wo die dunklen Laubwälder einen wundervollen Kontrast zu den hell aufleuchtenden Felsen bildeten. Im Glanze der Nachmittagssonne waren die Gipfel alle klar und deutlich zu übersehen. Der stattliche höchste Gipfel wurde als _Porta_, ein zweiter _Kičikaia_ benannt. Ein spitzer Kegelberg führte den Namen _Drena_, daneben der Gipfel _Asančasma_. Von der _Iberiza_ zog sich ein langer Kamm talwärts, der einen scharfen Schatten auf die Matten warf. Nach Norden sahen wir ins Tal hinab und zu den Bergen, die ich immer von Kaluckova bewundert hatte und die ich jetzt von der anderen Seite vor mir sah. Gegen Sermenli zu erstreckte sich als langer Rücken der _Zweiohrenberg_ (Abb. 62) und hinter ihm, von hier aus klein und unscheinbar, die _Marianska Planina_.

Wundervoll und eindrucksreich war der Blick in die weite Ebene nördlich von _Saloniki_, über welche hinaus das Meer aufblinkte. In der Ebene erhob sich der _Gandač_, eine steile Bergmasse mit feindlichen Stellungen. Vor uns fielen die steilen Halden in tiefe Schluchten ab, Matten dehnten sich weit bis zu den großen Wäldern hin. Hier und da stieg in der Ferne der Rauch von Lagerfeuern auf.

Wir durften nicht lange oben verweilen, wollten wir vor der Nacht im unbekannten Gelände die Hütte erreichen. Beim Abstieg konnte ich der reichen Flora der unteren Matten noch etwas Aufmerksamkeit schenken; deren Pflanzenreichtum war noch viel größer als der der höheren Zone. Hier war sehr auffallend ein leuchtend gelber _Goldklee_; neben dem gleichen _Thymus_, der oben häufig war, stand hier eine zweite, auffallend großblütige Form mit dem gleichen starken Geruch. Ein _Stiefmütterchen_, ähnlich +Viola tricolor+ (+Viola orphanites+ Boas), bildete große Rasen, ebenso die unten schon beobachtete Erika; an geschützten Orten standen höher wachsende Pflanzen, welche stark an Frühlingsblumen der Heimat erinnerten. Da glaubte ich den kriechenden _Günsel_ (+Ajuga genevensis+ L.) und den _Gundermann_ (+Glechoma hirsuta+ Uk.) zu erkennen, ein weißes _Galium_ (+Galium mollugo+ L.) blühte in großen Garben, eine _Schafgarbe_, vollkommen der unserigen gleich in den Blüten und den feinverteilten Blättern und die tatsächlich die gleiche war. Dazwischen merkte ich mir von auffallenden Pflanzen _Taubenkropf_ (+Silene venosa+ Asch.), eine _weiße Kornblume_ (+Cyanea mollugo+ L.), eine Pflanze, die genau wie roter _Bienensaug_ (+Lamium striatum+ L. S.) aussah. Büsche von blühendem _Ginster_ (+Cytisus+) zauberten goldene Flecke in die Landschaft. Viele gelbblühende _Kompositen_ mit Wollblättern standen zwischen den Steinen, vor allem fiel mir ein großblütiges Habichtskraut auf, dessen Blattrosetten aussahen, als beständen sie aus weißem Samt (+Hieracium pannosum+ Gris.). Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir kleine Sträucher einer süßduftenden, dunkelroten Wildrose (+Rosa orientalis+).

Ich hatte vollkommen den Eindruck einer Bergmatte in den bayerischen Alpen, wie sie im Frühsommer ihre volle Pracht, ihren überquellenden Reichtum entfaltet. Beim Abstieg mischten sich immer mehr die mächtigen Stauden von Disteln und Königskerzen in die Alpenflora.

Im Abendschein langte ich in der Nähe der Hütte an. Ein kurzes Gewitter hatte heftigen Blitz und Donner losgelassen, aber nur wenige Regentropfen bis zur Erde hinabgesandt, wo sie auf Steinen und Pflanzen sofort verdunsteten. Wunderbare große Wolken segelten über die Berge der Ebene entgegen. Sie fingen auf ihren gewaltigen Wölbungen die roten und gelben Strahlen der scheidenden Sonne auf, die auch die Felsen rot aufleuchten ließen.